Auszeiten vom Kind: Das schlechte Gewissen kann mich mal

Unter Alleinerziehenden scheint es zwei Kategorien zu geben: Die, die so “richtig alleinerziehend” unterwegs sind, dafür dann häufig beklommenes Schweigen von ihrem Gegenüber ernten, und jene zweite Version Eltern, die ihr Kind “nur” Teilzeit betreuen und deshalb im allgemeinen Vernehmen unfassbar viel freie Zeit zur Verfügung haben müssen. Die quasi alle zwei Wochen in den Eltern-Urlaub und ihr altes Leben abdriften.

Und klar, ein bisschen ist das so: Das Kind hin und wieder zum anderen Elternteil zu überführen, gestattet einem Spielräume, die mit Kind nicht denkbar sind – und Isabel hier zum Beispiel schon einmal beschrieben hat. Da gehen dann auf einmal wieder Abende, die im Morgengrauen enden und nach kurzer Schlafpause unmittelbar am See, in der Ausstellung, auf einem Konzert fortgesetzt werden. Oder und als Selbstständige manchmal auch gar nicht so unerheblich: Nächte und Tage, die durchgearbeitet werden können, um Projekte durchzubekommen.

Als Julius’ Papa noch in Berlin lebte und ich dementsprechend jene Zeitfenster regelmäßig zur Verfügung hatte, geriet ich wiederum mitunter regelrecht in Freizeitstress, weil ich immer den Eindruck hatte, so viel Zeug wie nur möglich machen zu müssen, sobald das Kind die Wohnungstür hinter sich zugezogen hatte. Letztlich war ich ja auch einfach noch sehr jung und wieder Single, als wir Eltern getrennte Wege gingen.

Akklimatisierung und Kompensation, wenn das Kind zum anderen Elternteil wechselt

Zunächst waren und sind jene Übergangssituationen aber vor allem immer: richtig blöde. Der erste Tag bedeutet hier immer Akklimatisierung und Kompensation. Weil es zunächst natürlich doch blöd ist, wenn das Kind so bereitwillig aus der Tür marschiert, einem noch ein “Tschöö” hinterher trötet und dann für ein paar Tage nicht mehr gesehen wird. Da geht ja jedes Mal auch ein kleiner Teil des eigenen Lebens durch die Tür. Ich falle also regelmäßig erst mal einen Tag aus, wenn ich absehbar für ein paar Tage und nicht nur 24 Stunden alleine bin. Weil ich dann einfach nicht mehr funktionieren muss und mein Körper recht brachial und sehr deutlich auf die Bremse tritt.

Aber wenn dann nach 12 bis 24 Stunden alle Lebensgeister zurückkehren – ja, dann ist es natürlich toll, auch mal alleine sein zu dürfen. Und dann ist es auch nicht so, dass ich mein Kind jede einzelne Minute vermissen würde, ich per se ein schlechtes Gewissen hätte oder dächte, wie viel besser es wäre, wenn wir doch nur Zeit miteinander verbrächten. Ganz im Gegenteil: Ich habe oft den Eindruck, dass es für beide Seiten ganz gut ist, hin und wieder voneinander zu pausieren. So wie in anderen Familien die Großeltern, Geschwister oder Patentanten einspringen und für eine gewisse Dauer eine Art gut gelauntes Korrektiv zu den ansonsten mitunter dauernörgelnden Eltern darstellen. Zwischendurch ist die Stimmung hier einfach auch mal im Keller und da kommt dann ein relativ “erholtes” zweites Elternteil oder ein Babysitter genau richtig.

Ich glaube im Übrigen auch, dass das gute alte Modell, viele Menschen in die Erziehung und Betreuung eines Kindes zu involvieren, nicht nur ein veritables für Alleinerziehende darstellt. Für alle anderen Formen des Zusammenlebens und Kinderhabens gilt das doch ebenso. Die Kleinfamilie, wie sie dieser Tage so scheinbar Standard ist, ist letztlich gar nicht so weit vom ganz-allein-um-die-Kinder-kümmern-müssen-Pflicht einiger Alleinerziehender entfernt. Gut, es gibt gewisse Unterschiede (hier schon einmal beschrieben). Aber dass mir so viele Frauen in klassischen Beziehungskonzepten begegnen, die meinen, unter der Woche seien sie ja auch alleinerziehend, will auch gehört und verstanden werden.

Nämlich zum Beispiel so, wie es jüngst und mit seinem wohl letzten Buch der Kinderarzt Remo Largo formuliert hat, bzw. wie er glaubt, dass sich die Gesellschaft entwickeln müsste:

Wir Menschen haben während 200 000 Jahren in Lebensgemeinschaften gelebt, in denen man sich gut kannte und aufgehoben fühlte. Wir sind nicht dafür gemacht, in einer anonymen Massengesellschaft zu leben. Wir brauchen eine stabile, tragfähige Lebensgemeinschaft um uns. Die Kleinfamilie genügt dafür nicht.

Und weiter entgegen dem Vorwurf, er verkläre die vorindustriellen Verhältnisse:

Eine Lebensgemeinschaft, wie sie mir vorschwebt, ist kein Vergnügungspark. Die Menschen haben Pflichten, etwa sich gemeinsam um die Kinder und die Alten zu kümmern. Sich um einander zu sorgen, schafft tragfähige Beziehungen.

Also: Wann immer es geht abgeben und entspannen?

Gut, ich will es auch nicht übertreiben mit dem andauernden Auslagern meines Sohnes. Wenn er wie vor kurzem von einer Woche Schweiz und seinem Papa zurückkehrt, ist deutlich spürbar, dass wir uns auch erstmal wieder aneinander gewöhnen müssen, er mich auch immer ganz klar vermisst hat und ich ihn auch. Die Ankunft bedeutet insofern mindestens ebenso Kompensation wie der Abschied.

Wahrscheinlich wäre insofern ein flexibleres Modell, in dem Stunden- oder Tageweise hin und wieder Ruhe wäre, ein günstigeres. Hatten wir irgendwann auch einmal so. Ist jetzt eben nicht mehr so. Ich versuche das beste daraus zu machen.

Zumal: So unglücklich die Distanz Deutschland – Schweiz hier zuweilen auch ist. Das Kind verbringt regelmäßig Wochen in zu Berlin als Großstadt doch recht alternierenden Strukturen: In Bergketten und Seen, die in grün leuchtende Postkarten-Landschaften eingebunden sind. Es trinkt Milch in Almhütten und kann morgens Früh Zicklein bei den Nachbarn füttern.

 

*Das Foto ist übrigens im italienischen Bergamo entstanden, wo wir dieser Tage mit dem Bulli unterwegs sind.

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