Muschda Sherzada – Schaffst du es, genderneutral zu erziehen?

Wenn eure Kids den Tigerentenclub schauen, kennt ihr Muschda Sherzada vielleicht bereits: Die Fernsehmoderatorin macht seit letztem Jahr außerdem den Oh Boy!-Podcast, in dem es um geschlechtersensible Erziehung geht. Muschda wuchs in Ost-Berlin auf, wohnt mittlerweile in Hamburg und hat letztes Jahr ihr zweites Kind bekommen. Wie es bei ihr mit Gleichberechtigung und Gender-Stereotypen klappt, erzählt sie uns hier:

Liebe Muschda! Du hast letztes Jahr dein zweites Kind bekommen. Wie geht’s euch als Familie? Seid ihr gut in der neuen Situation angekommen?

Wir hatten einen ziemlich turbulenten Start, da wir wenige Tage vor der Geburt unserer Tochter noch umgezogen sind und anschließend mit sämtlichen Viren zu kämpfen hatten: RSV, Grippe, Corona – wir haben in den ersten Monaten alles mitgenommen. Erst jetzt kehrt langsam ein Gefühl von Alltag ein und ich habe wieder festgestellt, wie wertvoll der Support von Familie und Freunden ist. Und auch ganz wichtig: Humor. Damit lässt sich Vieles besser ertragen. Neulich standen mein Mann und ich uns um vier Uhr morgens im Bad gegenüber, beide Kinder hatten Magen-Darm und die Nacht war die absolute Hölle. Und während wir völlig übermüdet halbverdaute Essensreste wegwischten, mussten wir plötzlich laut loslachen und alles war nur noch halb so schlimm.

Eure beiden Kids haben einen Altersunterschied von knapp vier Jahren. War das Absicht?

So richtig planen kann man das ja nicht, aber wir beide hatten schon die Vorstellung, dass mindestens drei Jahre Altersabstand gut wären. Da ist das erste Kind schonmal ohne Windel und Kinderwagen unterwegs, was vieles erleichtert. Außerdem haben wir es sehr genossen, als wir nach dem ersten Kind unsere Freiheiten zumindest halbwegs zurück hatten – abends mit Freunden ausgehen, alleine verreisen und so weiter. Das war uns sehr wichtig und das wollten wir ehrlich gesagt nicht so schnell wieder aufgeben.

Du bist in Berlin Lichtenberg großgeworden. Wie war es, in Ost-Berlin aufzuwachsen?

Auf jeden Fall ein starker Kontrast zu meinem heutigen Leben: Ich bin in den 1990ern im Ostberliner Plattenbau aufgewachsen. Damals gab es in der Gegend nur wenige Menschen mit Migrationsgeschichte. Im Kindergarten war ich das einzige Kind mit „nicht-biodeutschem“ Aussehen und einem Namen, den niemand aussprechen konnte. Dennoch hatte ich eine schöne und unbeschwerte Kindheit, was ich meinen Eltern und einer sehr liebevollen Grundschullehrerin zu verdanken habe. Sie gaben mir das nötige Selbstvertrauen, um mich trotz des Kulturclashs zugehörig zu fühlen.

Spürst du diesen “Kulturclash” manchmal noch? Vielleicht jetzt eher zwischen Ost und West?

Nicht wirklich. Ich war drei Jahre alt, als die Mauer gefallen ist und habe kaum Erinnerungen an die DDR. Die einzigen Relikte, die ich noch mitbekommen habe waren der Russisch-Unterricht in der Schule sowie Anekdoten und Vorurteile von älteren Generationen. Ich war selbst einfach noch zu jung.

Momentan wohnst du in Hamburg. Vermisst du Berlin manchmal?

Ja, ich vermisse natürlich meine Freunde und Familie, die noch in Berlin leben. Und ich vermisse die unendliche Vielfalt an Kultur, Gastronomie und Menschen – in Berlin ist alles einfach noch bunter und lauter als in Hamburg. Dennoch würde ich nicht mehr zurück ziehen wollen. Als Teenager war es der perfekte Ort, um sich auszutoben, als zweifache Mutter bevorzuge ich heute ganz klar Hamburg. Es fühlt sich klein und gemütlich an, obwohl es die zweitgrößte Stadt ist. Und die Menschen hier sind alles andere als kühl, sondern aufgeschlossen und gut drauf. Da bin ich aus Berlin Anderes gewohnt ;)

Zusammen mit Turid Reinicke moderierst du den Oh Boy Podcast, in dem es um Gleichberechtigung und Geschlechterklischees geht. Schaffst du es, genderneutral zu erziehen?

Nein, das ist aber auch nicht unbedingt unser Ziel. Vielmehr geht es darum, unseren Jungs frühzeitig die richtigen Werte mit an die Hand zu geben, so dass später anständige Menschen aus ihnen werden. Wir ertappen uns selbst regelmäßig dabei, wie wir stereotype Schubladen bedienen – als wir vor einiger Zeit einen Jungen aufgrund seiner langen Haare fälschlicherweise für ein Mädchen hielten, war die Idee zum Podcast geboren. Mit „Oh Boy“ hinterfragen wir also unsere eigene Sozialisation, unser Verhalten als Mütter sowie die rosa-hellblau-Klischees unserer Gesellschaft. Uns geht es bei dem Podcast vor allem um den ehrlichen und offenen Austausch mit uns selbst sowie tollen ExpertInnen, von denen wir viel lernen – beispielsweise Ninia la Grande, Fabian Hart oder Alexandra Zykunov.

Wir alle sind in einem System aufgewachsen, das von Geschlechter-Stereotypen geprägt ist.

Was sind die größten Herausforderungen?

Wir alle sind in einem System aufgewachsen, das von Geschlechter-Stereotypen geprägt ist. Diese internalisierten Denkweisen zu reflektieren und abzulegen, ist sicherlich eine der größten Herausforderungen. Aber der Anfang ist bereits getan, wenn wir uns diese Muster bewusst machen und sie hinterfragen. Eine weiteres Problem: Wir selbst können noch so gleichberechtigt denken, am Ende des Tages gibt es leider zahlreiche strukturelle Hürden (Gender Pay Gap, Vereinbarkeit von Beruf und Familie, unbezahlte Care Arbeit, Nachteile für selbständige Mütter etc.), die es uns sehr schwer machen, wirklich gleichberechtigt zu leben.

Mein Sohn hat letztens sein geliebtes Einhorn in die Ecke geworfen, weil ein Kind in der Kita meinte, das sei nur für Mädchen. Es brach mir das Herz. Hast du mal etwas Ähnliches erlebt?

Klar! Mein mittlerweile 4-jähriger Sohn bringt solche Sätze ständig aus der Kita mit. Ich versuche dann mit ihm zu reden und erkläre, dass ich als „Mädchen“ beispielsweise Dinos auch toll finde und sein bester Freund Einhörner liebt. Auch wenn der Einfluss aus Kita bzw. Schule zunehmend größer wird, sollten wir als Eltern immer die Geduld aufbringen, bei Bedarf über solche Themen zu sprechen und natürlich auch im Alltag möglichst vorleben, was Gleichberechtigung bedeutet. Es sind schon die ganz kleinen Dinge, die viel bewirken können: Ob nun das rosa Sweatshirt von Papa oder der Werkzeugkoffer von Mama.

Apropos: Wie teilen sich dein Partner und du auf?

Was die Elternzeit angeht, waren wir das erste Mal klassisch unterwegs. Ich nahm zwölf Monate und mein Mann zwei Monate. Da ich freiberuflich arbeite und mein Mann als Agentur-Geschäftsführer auch nicht gerade wenig Verantwortung trägt, versuchen wir immer gute Lösungen für uns beide zu finden. Als unser erstes Kind zehn Monate alt war, hatte ich wieder Lust zu drehen und bin für den Tigerenten Club eine Woche nach Süddeutschland gereist. Die beiden sind dann einfach mitgekommen. Mir bedeutet die berufliche Selbstverwirklichung sehr viel und ich bin froh, dass mein Mann das respektiert und unterstützt.

Wie plant ihr es jetzt beim zweiten Kind?

Meine Mama hat jetzt mehr Zeit und wird uns zum Glück viel unterstützen. Ich fange im März wieder an zu moderieren und sie wird backstage auf die Kleine aufpassen, damit ich in den Pausen stillen kann. Natürlich weiß ich nicht, ob der Plan so aufgehen wird, vielleicht ist sie in der Fremdelphase und nichts klappt wie geplant. Aber wir probieren es einfach aus, denn sonst würde ich mich ärgern – manchmal muss man einfach raus aus der Comfortzone!

Du hast jahrelang den Tigerenten Club moderiert – wie geht es jetzt für dich weiter?

Aktuell gönne ich mir eine kleine Auszeit mit meiner 4-Monate alten Tochter und arbeite eigentlich nur an unserem Podcast, weil das ein absolutes Herzensprojekt ist. Im Frühjahr fange ich dann wieder an, zu moderieren – da stehen einige tolle Veranstaltungen in Berlin an und sobald die Kleine in die Kita geht, freue ich mich darauf, auch wieder vor der Kamera zu stehen. Für den SWR pendle ich ja seit mehr als zehn Jahren nach Baden-Württemberg, das hat mit einem Kind super geklappt. Wie ich das mit zwei Kindern unter einen Hut bekomme, wird sich hoffentlich bald zeigen – aktuell habe ich dafür noch keine perfekte Lösung (falls es die überhaupt gibt). Aber ich vertraue da auf mein Bauchgefühl und meinen Optimismus, das hat bisher immer gut geklappt.

Danke, Muschda! Und alles Gute weiterhin.

 

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