Unsere Kinder, die Optimierungsmasse

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Ich erinnere mich noch sehr genau an jenen Tag, an dem mein Klassenlehrer vorschlug, mich auf die Gesamtschule zu schicken. Dieser, jener, mein Grundschullehrer, der keinen Wert darauf legte, uns Schüler nach Fächern zu unterrichten, uns stattdessen Müll am Flussufer einsammeln ließ – der im Sommer wie im Winter nur mit einem T-Shirt und einem gebatikten Halstuch bekleidet auf dem Schulhof stand und mir irgendwann einmal ein Zeugnis mit dem Kommentar überreichte, dass er mir ja schlecht nur Einsen hätte geben können. Ich ärgerte mich maßlos über diesen Menschen und dann eben noch einmal, als er nicht klar aussprach, wovon ich eigentlich dachte, dass es nicht klarer hätte sein können: nämlich, dass ich aufs Gymnasium gehöre.

Diese frühe und mein (mir inzwischen recht fremdes) Alter Ego, es hätte mit zweitem Namen auch Ehrgeiz heißen können. Ich war weite Teile meines Schülerdaseins regelrecht von Ambitionen zerfressen und habe eigentlich erst begonnen, das alles zu hinterfragen, als alle anderen wiederum nach den Wirren der Pubertät gen Abitur zur Vernunft zu kommen schienen. Ich glaube letztlich nicht, dass mein Alt-68er-Grundschullehrer ausschlaggebend dafür war, wie die Kritik an der herrschenden Ordnung in mein Leben einzog – aber ich finde vor allem im Nachgang sehr erstaunlich, dass er uns so behandelte, wie ich es mir dieser Tage für meinen Sohn wünsche: er begriff uns Kinder jenseits unserer Herkunft und solidarisierte sich mit uns gegen das, was wir wiederum dieser Tage als Erwachsene in zugespitzter Form erleben, und auch unsere Kinder betrifft: der Leistungsdruck.

Ich habe das ja schon einmal an anderer Stelle durchklingen lassen: Jenes Prinzip, nachdem jeder alles erreichen kann, wenn er nur will – das halte ich für großes Geschwätz. Ich finde es vielmehr sehr schwierig, wie sich der Sozialdarwinismus inzwischen so kollektiv in unser Bewusstsein eingepflanzt hat, während die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinanderklafft (ganz anschaulich im Vorlauf zu den Bundestagswahlen von der Monitor-Redaktion aufbereitet und hier online zu finden).

Die Angst vorm scheiternden Kind

Wahrscheinlich hat deshalb das nun folgende Thema eine besondere Bewandtnis für mich: nämlich mit welchem Anspruch wir unseren Kindern begegnen und warum wir meinen, dass der Nachwuchs unbedingt in das hineinpassen müsste, was wir dieser Tage als Leistungsgesellschaft deklinieren. Anstatt also diese Entwicklung einmal zu hinterfragen und dann auf die eigenen Kinder umzudeuten, beobachte ich bei den meisten Eltern doch eine gewisse Angst, ihr Nachwuchs könne vielleicht nicht mithalten, wenn man letztlich nicht doch in den Leistungskurs einlenkt.

Also jubeln wir unseren Kindern all diese Kurse unter, kaufen nur pädagogisch wertvolles Spielzeug, lesen dem Nachwuchs mindestens drei Bücher jeden Morgen, Mittag, Abend vor und freuen uns heimlich, wenn das Kind früher als alle anderen zwischen Ankylosaurus und Archaeopteryx unterscheiden, letzteres zudem einwandfrei aussprechen kann. Immer lustig sind – klar – diejenigen Eltern, die daraus unmittelbar eine Hochbegabung erkennen wollen. Und wer jetzt anmerkt: Ha, macht die doch genauso! Ja, tatsächlich. Erwischt. Also das mit dem Lesen. Die Grenze zwischen der Annahme, das Kind brauche doch Angebote, um sich zu entwickeln und dem totalen Ausverkauf des Nachwuchses an den Wettbewerb ist schmal. Manchmal denke ich sogar über ein Klavier in unserer Wohnung nach und vergesse am nächsten Morgen dann, ein Brot für die Kita zu schmieren. Tja.

Der Fötus als Subjekt unserer Hoffnung auf ein gelingendes Leben

Letztendlich beginnt jedenfalls das, was wir unseren Kindern dann spätestens als zu schweren Rucksack an Ansprüchen mit ihrer Einschulung aufladen bereits in unseren Bäuchen, meine ich. Allein, uns zu fragen, was wir tun müssten, damit aus unserem Handeln in diesem frühen Stadium ein gelingendes Leben entspringt, entweiht diesen heiligen und scheinbar letzten vollkommenen Zustand: die Schwangerschaft nämlich und ihr Zuhause, den Uterus. Das Ergebnis: eine kollektive Schar grundsätzlich verunsicherter Schwangerer und sich daraus entwickelnder vor allem kognitiv, aber kaum noch intuitiv motivierter Eltern.

Entweder Gymnasium oder Katastrophe

Nun bin ich dieser Tage insbesondere mit dem Thema befasst, weil es bald gilt, meinen Sohn für die Schule anzumelden und ich den Eindruck habe, dass wir uns damit so allmählich einer subversiven Schwelle nähern, hinter der das Kind – nachdem man es bis dahin noch mehr oder weniger hat sein lassen – funktionieren muss. So nach dem Prinzip “Bullerbü schön und gut, aber irgendwann, muss der Laden dann eben auch mal laufen”. Anstatt anzunehmen, dass genau der “laufende Laden” eher davon abhängt, inwieweit wir unseren Kindern ihre Wissbegierde lassen, anstatt sie mit fortschreitendem Alter darum zu berauben.

Was sich in den ersten Lebensjahren unseres Nachwuchses oftmals schon in Vergleichsmomenten und Ansprüchen an ihn andeutet – welches Kind nämlich zu erst krabbelt, steht, spricht, buchstabiert, zählt, eine App programmiert – wird spätestens zur Einschulung offenbar nicht mehr als Variable, bzw. Option behandelt – der Stoff muss nun sitzen. “Entweder Gymnasium oder Katastrophe”, wie am Wochenende (und hier auch digital) eine taz-Autorin die Übergangszeit ihres Sohnes von der Grund- zur weiterführenden Schule in Bayern beschrieben hat:

“Vor der Schule war ich immer begeistert von meinem Kind, sah in ihm vor allem Potenzial. Spätestens seit der vierten Klasse wurde es mir in regelmäßigen Abständen als Mangelware präsentiert, als Sorgenkind.”

Ich kann über all diese Ansprüche an unsere Kinder jedenfalls nur regelmäßig den Kopf schütteln und mich fragen, warum wir sie denn nicht einfach sein lassen. So wie sie sind. Jeder für sich. Warum wir nicht ertragen, wenn sie nicht genau so geraten, wie es scheinbar der Standard ist. Stattdessen gilt es doch, zu erkennen, welcher große Wert sich in ihnen als einzelnem Wesen ergründet. Insbesondere auch, weil das durch eifrige Eltern und Nachhilfeunterricht gepäppelte und dressierte Schulkind aus gutem Elternhaus schon wieder nur befördert, was es doch eigentlich aufzulösen gilt: die ewige Ungleichheit zwischen all jenen, die besitzen (und sei es nur Bildung anstatt Geld) und allen anderen, bei denen das eben nicht so ist.

Nächstenliebe kann mehr als Privatschule

Zumal das Konzept, wie es jetzt besteht, ja selbst unter den Privilegierten scheinbar kaum annehmbar ist, die Depressionsrate unter Schülern steigt und merklich allgemein der Leistungsanspruch an Kinder zunimmt, während man ihnen bereits auf der Grundschule Anti-Stress-Kurse anbietet, anstatt einmal zu hinterfragen, warum sie sich in der Schule überhaupt derart gegängelt fühlen. Und vor allem: was dabei heraus kommen soll und wie unser Nachwuchs ins Leben entlassen wird, welche Gesellschaftsform wir da eigentlich mit unseren Kindern heranziehen? Jeder gegen jeden oder wie. Bis aufs Blut? Oder alle der einen Lehre hörig? Das hatten wir ja schon Mal…

 

 

Titelbild: Vintage-Poster vom Etsy-Shop Vintage4Moms.

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