Vergrabt euer schlechtes Gewissen!

Das Wichtigste zuerst: ich hatte nie ein schlechtes Gewissen.

Bereits als Xaver ein paar Monate alt war, begann ich wieder zu arbeiten, diese Seite habe ich ohnehin immer gepflegt. Er sah mich als Baby oft am Rechner sitzen, ich schrieb beim Stillen Emails und ich war auch relativ früh stundenweise weg, arbeiten. “Mama eibeitet” konnte er schon mit etwas mehr als einem Jahr sagen und ich fand das gut! Ich wollte immer, dass mein Kind mich als arbeitende Mutter wahrnimmt, ich arbeite seit ich 15 Jahre alt bin, arbeiten gehört zu mir, zu meiner Identität, ob Mutter oder nicht.

Ich wollte immer arbeitende Mutter sein

Als Xaver in der Kita angekommen war, wurde es noch einfacher. Arbeit und Kind waren jetzt klar getrennt, irgendwann schaffte ich es auch, die Emails am Nachmittag Emails sein zu lassen, wirklich nur vormittags und abends zu arbeiten und die Zwischenzeit intensiv mit Xaver zu verbringen. Ich will nicht sagen, dass mir der Spagat immer stressfrei gelang, es war oft superanstrengend. Aber ich stellte unser System nie in Frage.

Ich bin der Meinung, dass es meinem Kind gut tut, wenn möglichst viele Erwachsene an seiner Erziehung beteiligt sind, seine Erzieher sind mittlerweile Vertraute, sie unterstützen uns Eltern in allen Lebenslagen. Ich glaube auch, dass ihm das tägliche Zusammensein mit anderen Kindern in der Kita gut tut, seit Neuestem gibt es mit seinen besten Freunden dort auch regelmäßig handfeste Streitereien, und ja: ich glaube, auch das ist wichtig für ihn und seine Entwicklung.

Ich hatte also kein schlechtes Gewissen, ich hatte auch kein schlechtes Gewissen, weil ich kein schlechtes Gewissen habe, wie die Edition F-Autorin letzte Woche schrieb. So ein Quatsch, wer macht denn sowas?

Kein schlechtes Gewissen, aber gekränkte Muttergefühle

Was ich aber oft hatte und habe ist ein blödes Gefühl. Das eigene Kind lange nicht zu sehen, wo man es doch 9 Monate lang im Bauch und danach noch monatelang in der Tragehilfe eng am Körper getragen hat, das fühlt sich komisch an. Ich habe Xaver in den ersten Tagen im Büro so sehr vermisst, dass ich regelmäßig früher nach hause ging, um wieder bei ihm zu sein. Natürlich spielte da auch immer die Angst mit, dass er vielleicht gar nicht klar kommt ohne mich. Das tat er aber immer, selbstverständlich! Er war nie ein Mama-Kind, immer ein Mama-Papa-Oma-Kind und das ist gut so!

Letzten Sommer habe ich unfassbar viel gearbeitet, es gab Wochen, da ging ich fast täglich bevor Xaver aufwachte aus dem Haus und kam erst wieder, als er schon im Bett war. Auch am Wochenende. Es war hart! Für mich, nicht für Xaver. Denn natürlich war es insbesondere meine gekränkte Mutterseele, die aufjaulte, wenn mein Sohn mich an einem gemeinsam verbrachten Nachmittag kaum beachtetete, meine übertriebene Zuwendung abwieß und vor allem keine Körperlichkeiten wollte. Irgendwie konnte ich ihn sogar verstehen. Was will die denn jetzt hier, ist doch seit Tagen weg, warum soll ich die jetzt abknutschen? Xaver bevorzugt immer die Person, die sich gerade am meisten und am intensivsten mit ihm beschäftigt. Damals war das definitiv nicht ich.
Gut möglich auch, dass er mich hier und da gebraucht hätte in dieser Zeit. Aber ich bin Gott sei Dank ersetzbar, Oma, Papa, seine Erzieher sind für ihn da. Und ist das nicht ein gutes Gefühl?

Kein Dauerzustand

In diesen Zeiten kam Xaver übrigens dann oft nachts zu mir ins Bett und holte sich die Kuscheleinheiten zurück – außerdem haben wir den Sommer, in dem wir uns so selten gesehen haben, mit viel intensiver gemeinsamer Zeit wieder reingeholt. Das ist mir dann schon immer wichtig, als Dauerzustand möchte ich mein Kind nicht so wenig sehen! Und ich war unfassbar happy, dass ich alle Projekte geschaukelt und erfolgreich zu Ende gebracht habe. Ich hätte sie absagen können, wegen des Kindes. Wie dumm wäre das von mir gewesen, wie unzufrieden hätte es mich gemacht!

Lange Rede, kurzer Sinn: Mütter, vergrabt euer schlechtes Gewissen, Väter, tut das bitte auch. Es ist kontraproduktiv, es bringt niemandem etwas, weder den Kindern, noch euch selbst. Und wäre ich der Arbeitgeber von Eltern, die sich andauernd grämen, weil sie nicht bei ihren Kindern sein können, würde ich auch mahnend den Zeigefinger erheben. Genießt die Zeit mit euren Kindern, ob das nun morgens ist, oder am Wochenende. Wenn es zu wenig ist – versucht, etwas zu ändern. Aber habt bitte kein schlechtes Gewissen!

In der Familienbande in der Süddeutschen Zeitung stellte jüngst ein Vater folgende Frage:

Wenn ich in die Arbeit gehe, habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich nicht bei meinen Kindern bin. Wenn ich bei meinen Kindern bin, habe ich ein schlechtes Gewissen, dass ich nicht arbeite. Die Folge ist: Ich habe andauernd ein schlechtes Gewissen. Wie kann ich mich aus diesem unguten Dilemma zwischen Job und Familie lösen? 

Die Familien-Expertin Kirsten Boie gibt folgende Antwort:

Ihre Kinder brauchen Sie nicht jede Minute des Tages

Da stecken Sie in haargenau dem Dilemma, das bisher nur berufstätige Mütter kannten. Und es zeigt, wie sehr sich das Selbstverständnis der Väter geändert hat, wenn es Ihnen jetzt genauso geht und wenn Sie sich jetzt genauso verantwortlich für die Kinder fühlen wie früher nur die Mütter. Das ist doch großartig! (Natürlich in der Konsequenz nicht für Sie …) Aber wie für Mütter gilt auch für Sie: Ihre Kinder brauchen Sie nicht jede Minute des Tages, wohl aber brauchen sie dann eine gute Betreuung.

Viele Untersuchungen zeigen, dass die Kinder von den Anregungen in der Kita enorm profitieren, sowohl was die kognitive als auch was die Entwicklung des Sozialverhaltens betrifft. Wenn also gewährleistet ist, dass Ihre Kinder während Ihrer Abwesenheit gut betreut sind, dann sind sie sicher auch sehr glücklich über einen Vater, der sich in der Zeit, in der er bei ihnen sein kann, wirklich mit ihnen beschäftigt. Das ist für Ihre Kinder viel wichtiger als Ihre permanente Anwesenheit zu Hause. Vielleicht wüssten Sie die Zeit mit den Kindern dann auch gar nicht so zu schätzen und würden sich nicht halb so intensiv auf sie einlassen, wie Sie das jetzt tun können.

Dem habe ich eigentlich nichts hinzuzufügen. Doch, vielleicht noch die Antwort unseres geliebten Jesper Juul:

Gehen Sie in einen Wald, buddeln Sie dort ein großes Loch und vergraben Sie darin Ihr schlechtes Gewissen. Für immer. Denn das schlechte Gewissen ist weder gerechtfertigt noch tut es irgendjemandem gut – ganz im Gegenteil: Es beschmutzt Ihr Vatersein und den Wert, den Ihr Vatersein hat, ebenso wie den Ihres Jobs. Außerdem hindert es Sie daran, Ihr Leben und Ihre Kinder zu genießen.

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