Talk to me: Warum wir offener mit unseren Kindern reden sollten

30. April 2019 | in Familie | Muttergefühle | Parenting

Wir verteilen hier ja ungern Erziehungsratschläge. Erstens, weil wir keine Expertinnen sind und zweitens, weil wir es möglichst undogmatisch mögen. Trotzdem gibt es ab und zu mal Gedanken, die wir mit euch teilen möchten, weil wir sie für wichtig halten und weil sie uns beschäftigen (und wir dann in aller Hybris davon ausgehen, dass es anderen wohl ähnlich geht). Ein Thema, das mich in der Beziehung zu meinem Sohn immer wieder beschäftigt, ist, wie viel ich von mir preisgebe. Was kann man dem eigenen Kind zumuten, ja sollte man ihm zumuten?

 

Die Welt als ein großes Rätsel – aus Kinderaugen ist so Vieles noch unerklärlich, überwältigend und mysteriös. Vor allem die Eltern. Ich erinnere mich gut daran, dass ein Großteil meiner Kindheit darin bestand, meine Eltern zu verstehen. Wer sind diese Menschen? Warum verhalten sie sich so oder so? Was bedeutet dieser oder jener Gesichtsausdruck? Mit zunehmenden Alter wurde ich immer besser darin, ihre Gesichtsausdrücke und Stimmungen besser deuten zu können. Irgendwann wurde ich richtig zur Expertin, konnte vorbeugende Maßnahmen ergreifen, wenn ich sah, dass es eventuell bald Streit gab (“Wir haben was gebastelt!”).

Die perfekte Kindheit?

Eltern sind nicht fehlerfrei. Irgendwann meinte mal jemand: Wir machen einfach so lange weiter Fehler, aus denen unsere Kinder lernen, die es dann mit den eigenen Kinder besser machen, bis irgendwann irgendwo mal jemand die perfekte Kindheit hat. Ganz so linear verläuft es wohl nicht, aber klar, auch ich erliege der Illusion, es besser als meine Eltern machen zu können (die es wahrscheinlich ihrerseits auch “besser” als ihre Eltern gemacht haben). Etwas, was ich definitiv anders machen möchte: Offener sein, authentischer sein. Mein Kind weniger rätseln lassen. Mich erklären, von mir erzählen, von meiner eigenen Kindheit, meinen Wünschen, meinen Befürchtungen.

Klar, das Kind ist ein Kind und nicht meine beste Freundin, oder gar Therapeut. Man möchte das Kind nicht mit zu viel beladen und sicherlich ist auch nicht ratsam, das Kind in alle Sorgen und Stimmungen miteinzubeziehen, die man manchmal so hat. Und doch möchte ich es wagen hier zu behaupten: Unsere Kinder sehen und verstehen schon sehr viel mehr, als wir ihnen zumuten. Sie bekommen Stimmungen mit, so meinte mein Sohn letztens zu mir: “Mama, heute bist du eine nervige Mama.” Und recht hatte er, ich war gereizt. Sein Kommentar lockerte die Situation auf, ich erzählte ein wenig was mich beschäftigt und es war in Ordnung für uns beide. Lustig auch, dass er ganz wie man es beim Kommunikationscoaching lernt, nicht das in die Ecke drängende “Du bist immer so”, sondern einschränkend sagte, “heute”.

Auf Augenhöhe

Ist die Stimmung nicht gut, denken Kinder leider oft, sie seien die Schuldigen. Eine fast automatische Reaktion. Umso wichtiger ist es, Kindern zu erklären, was los ist. Es gibt nichts Schlimmeres als Verschwiegenheit. Als das unter den Teppich kehren, und keiner redetet drüber. Es gibt sicherlich Familien, da wird viel geredet, ich kenne eine Freundin, die es hasste, dass bei ihnen zuhause immer alles ausdiskutiert wurde. Ich kenne das eher andersherum, und ich weiß, wie schrecklich ich es fand, wenn der Haus Segen schief hing und keiner sprach. Wie erdrückend das Gefühl, nicht zu wissen was genau los ist und die Angst und Sorge, die damit verbunden ist. Vielleicht ist es auch eine Generationsfrage – Kinder waren noch vor zwei Generationen eben keine Menschen auf Augenhöhe. Kinder galten als unfertige Menschlein, die man als solche auch behandeln sollte und mit denen man eben nicht auf Augenhöhe kommunizieren könne und sollte. Und dann spielten Traumata eine große Rolle: Eine traumatisierte Nachkriegsgeneration, Erfahrungen über die nicht gesprochen wurden, vor allem nicht zu DDR-Zeiten. Katharina hat hier schon einmal transgenerative Traumata geschrieben und auch schon einmal darüber, wie wichtig authentische Elternschaft ist.

Alle machen Fehler

Nun scheint eine offene Erziehung, ein offener Umgang ganz logisch zu sein, wenn man mit seinen Kindern auf Augenhöhe kommuniziert, nur fordert es eben auch eine ordentliche Portion Selbstreflexion – und die hat ihre Grenzen. Aber es hilft mal innezuhalten, zu überlegen, warum man jetzt eigentlich lauter geworden ist – und ob das überhaupt etwas mit dem Verhalten des Kindes zutun hat. Kinder müssen uns nicht für Übermenschen halten, Kinder können und sollten ruhig wissen, dass auch wir Fehler machen. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich diese Einsicht hatte, da war ich schon in der zweiten Klasse und bemerkte zum ersten Mal: Auch Erwachsene machten nicht immer alles richtig. Ich bin froh, dass mein Sohn, das jetzt schon weiß. Ich bin froh, dass ich ohne Probleme zu ihm sagen kann: Es tut mir leid. Ich hab das nicht richtig gemacht. Und dazu gehört auch: Sich erklären, zumindest wenn man weiß, woher die Stimmung rührt oder was einen gerade getriggert hat. “Ich habe gerade so reagiert, weil…” ist ein Satz, den ich ich in meiner Kindheit nie gehört habe – und den mein Sohn noch öfter hören wird.

Die Message, dass das Lauter werden oder Meckern nichts mit dem vermeintlichen “Fehlverhalten” des Kindes zutun hat, wird nie alt werden (Abgesehen davon, dass es manchmal eben doch die Kids sind, die einen auf die Palme bringen, und das ist auch ok so). Gelegentlich erwische ich mich dabei, wie ich versuche ein bestimmtes Bild abzugeben – von der Person, die ich gern sein will. Nie genervt, immer liebevoll, ja gerade zu perfekt, ausgeglichen, witzig. Fast so, wie wenn man einen neuen Menschen kennenlernt, sich verliebt und bei den ersten Dates noch mal gefühlt die Freiheit hat, sich selbst neu zu erfinden. Auch wenn ich glaube, dass geliebte Menschen sicherlich die schönsten Seiten von mir zum Vorschein bringen können, so sind die anderen Seiten genauso da. Die möchte ich nicht verstecken. Ich will nicht, dass mein Sohn erst mit 30 feststellt, wer seine Mama eigentlich ist und warum Mama manchmal so oder so ist. Er soll mich kennen, genauso wie ich ihn kennen lerne. Kinder versuchen herauszufinden wer ihre Eltern sind, helfen wir ihnen dabei.

 

Foto: Sharon McCutcheon

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