Die Angst vor der eigenen Angst – über postpartale Angststörungen

30. April 2021 | in Familie

ANGST – kennen wir alle. Doch für ganz viele Frauen bekommt dieses Gefühl eine ganz andere Ebene, sobald sie ein Kind kriegen. Manchmal auch schon in der Schwangerschaft. So ging es auch unserer Autorin Anna. Ihren Weg und Umgang mit ihrer postpartalen Angststörung (die sehr viele Frauen betrifft!), mit grauenvollen Gedanken und Bildern im Kopf, beschreibt sie uns heute. Danke, Anna!

Es stand für mich außer Frage, dass ich einmal Mama werden möchte. Ich habe mich danach gesehnt und es mir als das Natürlichste und Schönste auf der Welt vorgestellt. Als ich dann jedoch das erste Mal schwanger bin, tauchen Ängste und Vorstellungen auf, die mich nachts um den Schlaf bringen. Dies ist ein Text über meine Erfahrungen mit einem Gefühl, dessen Intensität völlig unerwartet kam.

Nach Monaten der Wohnungssuche stehe ich im 4. Stock dieser Wohnung, die bald unsere sein wird. Was für ein Glück! Eine schöne Altbauwohnung in einem ruhigen Kiez. Ich bin im 7. Monat schwanger. Hier werden wir also zusammen eine Familie gründen. Ich schaue aus dem Fenster nach unten, vor mir große Bäume, gegenüber ein fünfstöckiger Altbau. Es könnte alles perfekt sein. Wenn in diesem Moment nicht der Gedanken auftauchen würde, wie ich mein neugeborenes Kind aus dem Fenster halte und fallen lasse.

Diese eine Sekunde, die alles zerstört. Einmal gedacht, beginnt der Gedanke, mich zu verfolgen. Immer und immer wieder stelle ich mir vor, wie ich das, was ich mir so sehr gewünscht habe, in den Händen halte und loslasse. Stelle mir das dumpfe Geräusch des Aufpralls vor. Ob es jemand mitbekommen würde. Stelle mir vor, was für ein Entsetzen diese Tat auslösen würde. Wie mein Freund und zukünftiger Vater des Babys nach Hause kommen würde und plötzlich wäre unser Kind nicht mehr da. Wie er reagieren würde. Alle würde mich hassen. Ich würde alles verlieren. Mein Leben wäre vorbei. Es schaudert mich. Ich halte den Gedanken nicht aus und kann ihn zugleich nicht abstellen. Er lässt mich nicht los. Nicht immer vordergründig, aber er taucht immer wieder auf, hält mich wach in der Nacht.

Dieses grauenhafte Bild

Dieses Bild scheint auch wie automatisch da zu sein, wenn ich über hohe Brücken gehe, von denen es einige in unserer Umgebung gibt. Könnte ich so etwas wirklich tun? Könnte ich mein eigenes Kind töten? Bei diesem Gedanken zieht sich alles in mir zusammen. Nein, weiß ich tief in mir drin. Es wäre das denkbar Schlimmste, das Schrecklichste. Aber was ist dann los mit mir? Diese Vorstellungen sind so einnehmend, so furchteinflößend, dass sie eine Macht über mich gewinnen, die mich zunehmend beunruhigt. Ich habe Angst vor mir selbst, vor dem was ich tun könnte. Manchmal so sehr, dass noch in der Schwangerschaft die Sorge aufkommt, mit dem Baby alleine zu sein. „Beruhige Dich, es sind nur Gedanken. Du hast Angst vor der Verantwortung, du wirst dich daran gewöhnen.“, sage ich mir immer wieder. Aber diese rationale Stimme hat gerade leider wenig Einfluss. Vielmehr fühlt es sich manchmal so an, als wäre ich nicht mehr ich selbst.

Ich rede mit niemandem darüber, traue mich in dieser Zeit kaum, es aufzuschreiben, so unvereinbar erscheint es mir mit meinem Selbstbild. Mit dem Bild, das ich von mir als Mutter hatte. Ich habe enge Freundinnen, einen sehr offenen Umgang mit meinem Partner, spreche oft mit meiner Mutter, aber zum erstem Mal in meinem Leben habe ich das Gefühl, ich kann das, was in meinem Kopf passiert, niemandem erzählen. Alle freuen sich mit mir. Nach außen bin ich vermutlich diese junge, sanftmütige Frau mit großem Bauch, die die Hoffnung und Freude werdenden Lebens ausstrahlt. Wie kann ich da jemandem sagen, dass ich mir vorstelle, mein Kind aus dem 4. Stock fallen zu lassen?

Dann kommt das Baby

Kurz nach der Geburt bin ich zunächst vollständig davon eingenommen, meinen Sohn zu versorgen. Unfassbar glücklich, unfassbar erschöpft. Aber nach wenigen Wochen kommen die düsteren Gedanken wieder, fast immer in der Nacht, wenn ich sowieso kaum schlafen kann, weil mein Kind stündlich aufwacht. Ich stelle mit alles Mögliche vor, auch wie andere uns oder ihm Schaden zufügen könnten. Als mein Freund ihn eines Nachts durch die Wohnung in den Schlaf trägt und ich ein lautes Geräusch höre, muss ich direkt nachsehen, ob er noch da ist. Wenn ich mit ihm auf dem Arm am Fenster stehe, muss ich einen Schritt zurück gehen, ihn ganz fest an mich drücken und mein Herz rast. Ich mache mir Vorwürfe, dass diese Gedanken da sind. Auf einer langen Autofahrt sitze ich ein einziges Mal am Steuer, um meinem Freund eine Pause zu gönnen. Doch sobald ich fahre, bricht der Angstschweiß aus. Ich habe das Gefühl, kaum atmen oder sprechen zu können, zittere leicht und merke sofort, dass ich bei der nächsten Ausfahrt wieder raus muss. Ich habe so furchtbare Panik, es könnte etwas passieren, ich könnte die Kontrolle verlieren und uns alle, meinen vier Monate alten Sohn, in Gefahr bringen.

Mein Vertrauen in mich und die Welt ist völlig erschüttert. Wo ist die ausgeglichene Person hin, die ich vorher war? Die dafür bekannt ist, dass sie nichts aus der Ruhe bringen kann?

Trotz dieser inneren Unruhe versuche ich, den Alltag so gut es geht zu bewältigen und mit den Ängsten zu leben. Ich gewöhne mich etwas mehr an die überwältigende Abhängigkeit dieses kleinen Wesens von mir. Erlebe Momente voller Wärme und Glück. Manchmal scheinen die Ängste fast verschwunden. Aber dann kommen sie doch wieder – oft in den schönsten Momenten. Es fühlt sich manchmal an, als säße ein kleines Monster in meinem Kopf, das das größte Glück, das Schönste in meinem Leben zerstören will. An einem Tag fühle mich plötzlich so alleine und schwer damit, dass mir wird klar, dass ich etwas tun möchte. Dass ich mich trauen muss, darüber zu sprechen, um mich weniger gefangen zu fühlen in meinem Kopf. Zuerst erzähle meinem Freund davon. Oft habe ich mich gefragt, wie er reagieren würde. Ob er Angst bekommen würde um unser Baby und mich verurteilen würde? Aber er reagiert ganz ruhig und verständnisvoll, scheint es gar nicht schlimm zu finden, was ich ihm da erzähle – was ich kaum fassen kann, aber mich unglaublich erleichtert. Darüber hinaus gehe ich für einige Sitzungen zu einer Therapeutin, die sich auf junge Mütter spezialisiert hat. Die Gespräche helfen mir sehr. Ich sei nicht die erste, die ihr von solchen Vorstellungen erzähle. Sie hilft mir zu erkennen, dass man nicht natürlicherweise von heute auf Morgen zur Mutter wird, sondern Mensch bleibt. Ein Mensch mit Höhen und Tiefen und dass alle Gefühle erlaubt sind, auch als Mutter. Dass es keinen Grund gibt, Scham zu empfinden, wenn man Gefühle hat, die in dieser neuen Situation unerwartet sind.

Höhen und Tiefen

„Mutter werden ist eine Identitätsexplosion.“, sagt sie. Wie recht sie hat. Ich habe so viel gelesen, so viele Bücher zuhause, über das, was während der Schwangerschaft passiert, über das Wochenbett, den richtigen Umgang mit dem Baby, wie sich das Baby entwickelt, welche Übungen sich zur Rückbildung eignen. Ich dachte, ich wäre gut vorbereitet. Aber in Wahrheit hat mich nichts darauf vorbereitet, wie einen dieses Ereignis aus der Bahn werfen kann. In den Beschreibungen über Wochenbettdepression habe ich mich nicht wirklich wiederfinden können, da ich nie das Gefühl hatte, mein Kind nicht lieben zu können oder keine Verbindung zu ihm zu spüren. Im Gegenteil, ich habe den Eindruck, noch nie so eine starke Verbindung gefühlt zu haben, noch nie so sehr mit einem anderen Menschen mitfühlen zu können.

Erst Monate später stoße ich auf den Begriff der postpartalen Angststörung. Als ich anfange, darüber zu lesen bin erstaunt, wie sehr die Beschreibung mit mir resoniert und frage mich, warum ich noch nie davon gehört habe. In dem englischsprachigen Artikel wird die postpartale Angststörung als „Cousine“ der postpartalen Depression beschrieben, über die jedoch sehr viel weniger gesprochen wird und die oft unentdeckt bleibe, obwohl sie laut Studien ca. 10 Prozent der jungen Mütter betrifft. Im Gegensatz zur postpartalen Depression, die sich in Form von Traurigkeit oder Desinteresse am Baby bemerkbar mache, sei die postpartale Angststörung von übertriebener Sorge und Angst gekennzeichnet. Diese seien zu einem gewissen Grad normal, wenn man gerade ein Baby bekommen hat, aber bei manchen Menschen so stark, dass sie sich nicht abstellen ließen, was zu einem Verlust von innerem Gleichgewicht und Ruhe führe und den Alltag stark beeinflussen könne. Ich lese, dass sie bei dem Großteil der Frauen zwischen der Geburt und dem ersten Geburtstag ihres Kindes auftritt, bei 25 bis 35 Prozent schon während der Schwangerschaft. Als Ursachen werden Hormone genannt, der massive Schlafentzug, der plötzliche Lebenswandel, die Verantwortung aber auch Erfahrungen in der Familiengeschichte mit Angststörungen oder Depressionen.

Ich finde mich in all dem wieder und es gibt mir eine gewisse Erleichterung, darüber zu lesen. Vor allem aber steigt der Wunsch in mir auf, dass über diesen Teil des Mutterwerdens mehr und offener gesprochen würde. Vielleicht hätte ich mich dann früher getraut, mit meinem Freund oder Freundinnen zu sprechen, hätte weniger Angst vor meinen eigenen Ängsten gehabt?

Die Vorstellung der jungen, frischen Familie, der glücklichen, strahlenden Mutter hält sich so hartnäckig in unseren Köpfen, dass es keine Abgründe, keine dunklen Gedanken, keine Ängste, keine Überforderung geben darf. „Man muss erst einmal an den Ort kommen, an dem man sich zugesteht, Hilfe zu holen. Viele Frauen sind, wenn sie ein Kind bekommen, mit ihren widersprüchlichen Gefühlen alleine. Es gibt die Vorstellung der glücklichen jungen Mutter, bei der alles natürlich ist, der alles gelingt. Bei den Frauen, bei denen das nicht so ist, wird schnell pathologisiert, ihnen wird eine Krankheit attestiert“ , sagt meine Therapeutin, als ich mit ihr über ihre Arbeit spreche.

Und heute?

Inzwischen ist mein Sohn über ein Jahr alt. Ich habe das Gefühl, wieder ich selbst zu sein und mir vertrauen zu können. Ich weiß jetzt, dass ich Mutter sein kann. Es überwältigt mich nicht mehr in dieser Form. Wenn heute noch solche Bilder auftauchen, haben sie keine Macht mehr über mich. Ich nehme sie kurz wahr, akzeptiere sie und dann gehen sie wieder, weil ich sie nicht mehr verurteile. Ich versuche, in der Angst etwas zu sehen, das mir hilft, aufmerksam und wachsam zu sein.
Mit etwas Abstand erzähle ich auch mehr und mehr Freundinnen davon. Niemand verurteilt mich. Im Gegenteil, gerade die Freundinnen, die auch Mütter sind, kennen häufig solche Ängste – auch wenn sie nicht das Ausmaß kennen, welches sie bei mir hatten. Es fällt mir noch immer nicht ganz leicht, darüber zu sprechen, aber ich tue es aus dem gleichen Grund, warum ich diesen Text schreibe. Weil ich mir wünsche, dass wir offener und ehrlicher über mentale Gesundheit sprechen – in welcher Lebenslage auch immer. Angst, genau wie Wut oder Traurigkeit, sind menschlich und Teil eines Spektrums, auf dessen anderer Seite eine überwältigende Liebe, Sensibilität und Empathie stehen können.

Ich habe mich immer ganz selbstverständlich und natürlich in der Mutterrolle gesehen. Aber diese neue Situation hat mich viel mehr verunsichert, als ich es erwartet habe. Und noch immer und vermutlich für den Rest meines Lebens fordert es mich, ermüdet mich, bringt mich zuweilen an Grenzen, erschreckt und beängstigt es mich, Mutter zu sein – aber vor allem lässt es mich, über mich selbst hinaus wachsen weil ich meinen Ängsten begegne und erfahre, was für eine ungeheuere Kraft in mir steckt. All das ist intensiver, aber auch schöner, als ich es erwartet habe.

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