Let’s talk about: weniger Kaffee – besserer Schlaf?

Uuuhhh, dieser Artikel fällt mir schwer. Weil ich damit etwas ausspreche, was niemand hören will. Auch und vor allem bei mir im Freundeskreis. Denn Kaffee ist ja ein bisschen eine heilige Kuh. Die Volksdroge, auf die sich wirklich fast ALLE einigen können. Die gepriesen und gefeiert wird. Täglich.

Auch wir posten regelmäßig Kaffee-Memes auf Instagram, es gibt unzählige Quotes dazu, die ständig Mantra-mäßig von allen wiederholt werden. “But first, Coffee”, “Sprich mich nicht vor meinem ersten Kaffee an”. Man trifft sich “auf einen Kaffee”, holt sich schnell einen überteuerten “Coffee to go” (kostet in Berlin mittlerweile gerne mal fünf Euro) und eilt damit durch die Innenstadt, um sich ein bisschen wie in New York zu fühlen. Nach dem Essen eine Tasse für die Verdauung, am Nachmittag einer, um das Nachmittags-Tief zu bekämpfen. Und nicht zuletzt ist Kaffee ja auch die perfekte Prokrastinations-Hilfe. Lieber erstmal in die Kaffeeküche schlurfen, oder die Mühle anschmeißen, danach kann es weiter gehen mit ungeliebten Aufgaben.
Kaffee ist Lebensgefühl. Gehört dazu. Für Eltern gleich doppelt, denn die sind meistens doppelt müde.

Und es ist ja auch toll. Kaffee macht irgendwie wach, regt das Gehirn an. Riecht gut, mir schmeckt er auch sehr, vor allem mit einem Schuss warmer, schaumiger Hafermilch, mhhhhh. Das ist für mich eine Belohnung, fast ein Dessert. Warm, dampfend, macht gute Gefühle.

Ob Kaffee nun gesund ist, oder nicht – sei dahingestellt. Es gibt manche Studien, die besagen, dass Kaffee in Maßen sogar vor Herz-Kreislauferkrankungen und vielen anderen Krankheiten schützt. Sehr ungesund ist er also sicher nicht. Er macht auch nicht richtig abhängig. Aber ein bisschen eben schon. “Kaffee ist eine psychoaktive Substanz”, erklärt die Lebensmittelchemikerin Sara Marquart hier. Wir seien aber eher “nach dem Ritual süchtig.” Dennoch macht Kaffee abhängig. Wer viel Kaffee trinkt, bekommt Entzugserscheinungen: Kopfschmerzen, Schwindel, Müdigkeit. Ich fand den Bericht von Theresa Bäuerlein, die auf Kaffee-Einzug ging, dazu sehr spannend. Auch Sara Marquart (selbst eine starke Kaffee-Trinkerin) gibt zu: “Für starke Kaffeetrinker ist der erste Kaffee morgens nicht der Wachmacher, sondern vielmehr der Milderer der über Nacht entstandenen Entzugserscheinungen.”

Vielleicht sind also viele von euch morgens gar nicht nur müde – sondern haben auch Koffein-Entzug?

Ich will aber heute auf was anderes heraus. Auf Kaffee und seine Wirkung auf den Schlaf nämlich. Ich weiß, Unpopular Opinion. Aber ich sage es jetzt mal frei raus: Ich glaube, mehr Menschen würden besser schlafen, wenn sie einfach weniger Kaffee trinken würden. Ja ja, ihr sagt jetzt: “Quatsch, ich merke das gar nicht. Kaffee macht bei mir gar nichts.”

Aber seid ihr euch sicher? Weil, Koffein macht natürlich was im Körper. Hier könnt ihr genau nachlesen, wo der Kaffee überall im Körper wirkt. Der Autor und Journalist Prof. Dr. Michael Pollan hat sich ausgiebig damit befasst. Er sagt in diesem Interview, das ich sowas von erhellend fand (leider ein Plus-Artikel), ganz klar: “Koffein stört den Schlaf”.

Allerdings gilt, wie fast immer: Das ist nicht bei jedem Menschen so. Und sicher entwickelt man auch eine Toleranz gegen Kaffee. Mir erzählen sicher 90% meiner Freund*innen, dass Kaffee bei ihnen keinen Einfluss auf den Schlaf hat. “Ich schlafe super ein”, sagen sie. Michael Pollan sagt dazu: “Wenn Sie es gewohnt sind, können Sie vielleicht trotz viel Kaffee einschlafen, aber die Qualität Ihres Schlafes wird durch Koffein im Blutkreislauf beeinträchtigt, insbesondere die Tiefschlafphase, die besonders wichtig ist für unsere körperliche Regeneration.”

Und es gibt auch viele Studien, die genau das zeigen. Dass Koffein dafür sorgen kann, dass die Tiefschlafphase stark verkürzt und die Leichter-Schlaf-Phase länger wird. Und, wie Pollan ganz richtig sagt: Es ist die Tiefschlafphase, die unser Immunsystem stärkt und die dazu führt, dass wir uns am nächsten Morgen erholt und gut fühlen.

Es gibt sicher Ausnahmen, aber…

Ich bin mir sicher, dass weniger Menschen Ein- und Durchschlaf-Probleme hätten, wenn sie einfach ihren Kaffeekonsum einschränken würden.

Und ich denke, das gilt auch und vielleicht sogar gerade für Eltern von kleinen Kindern. So viele Neu-Eltern berichten mir, dass die Kinder sie nachts wecken – und dass das total nervig sei. Aber am Schlimmsten sei es, dass sie danach nicht mehr in den Schlaf fänden. Zudem: Viele schlafen neben ihren Kindern. Kaffee macht den Schlaf unruhiger. Ist es nicht logisch, dass Kinder dann auch unruhiger schlafen? Ich stelle das bei mir oft bei der Einschlafbegleitung fest: Wenn ich unruhig bin, schlafen die Kinder neben mir nicht ein. Es macht für mich Sinn, dass sie auch schlechter durchschlafen, wenn ein unruhig schlafender Mensch neben ihnen liegt… Das ist jetzt aber wirklich meine Hypothese.

Jedoch: Koffein arbeitet sehr lange im Körper. Ich zitiere wieder Pollan: “Wenn Sie um die Mittagszeit eine Tasse Kaffee trinken, sind zwölf Stunden später noch 25 Prozent des Koffeins in Ihrem Körper aktiv.  Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass viele von euch, die nicht das Gefühl haben, dass sie weniger oder schlechter schlafen, dennoch die Auswirkungen des Koffeins im Körper merken. Gerade, was die Qualität des Schlafes anbetrifft. Die ja umso wichtiger ist, wenn der Schlaf nachts durch ein Kind oder ein Baby gestört wird.

Ironischerweise führt vielleicht genau das dazu, dass wir dann morgens das Gefühl haben, extra viel Kaffee zu brauchen…

Ich will euch euren Kaffee nicht schlecht reden, wirklich nicht.

Ich trinke ihn ja selbst so gerne. Behaltet ihn unbedingt – er ist ja oft auch eine Art Belohnung. Aber manche von euch haben ja vielleicht nach der Lektüre dieses Artikels Lust, mal auszuprobieren, was mit dem eigenen Schlaf passiert, wenn man den Kaffeekonsum etwas einschränkt. “Als ich im Rahmen meines Experiments aufhörte, Koffein zu trinken, habe ich wunderbar geschlafen. Ich habe geschlafen wie ein Jugendlicher”, behauptet Michel Pollan… Man muss es ja auch nicht gleich ganz lassen- aber was wäre, wenn man zum Beispiel nur morgens eine Tasse Kaffee trinken würde? Das fällt vielen sicher nicht leicht, denn die meisten Deutschen trinken den ganzen Tag über Kaffee – und sind daran natürlich gewöhnt. Aber vielleicht lohnt es sich?

Ich muss sagen, dass ich auch leicht reden habe. Ich reagiere extrem sensibel auf Koffein. Wenn ich morgens zwei Tassen trinke, habe ich den Vormittag über Herzrasen. Wenn ich nachmittags noch Kaffee trinke (Passiert natürlich. Meist aus Gruppenzwang), dann schlafe ich abends schlechter ein. Ich trinke also immer nur eine Tasse Kaffee mit Hafermilch pro Tag. Die liebe ich. Mehr tut mir nicht gut.

Ich bin übrigens auch eine sehr gute Schläferin. Ich schlafe immer durch (wenn mich kein Kind stört), und wenn mich ein Kind stört, schlafe ich meist sofort wieder tief ein – und ich kann auch richtig lange schlafen (wenn man mich nicht aufweckt). Mein Partner ist oft neidisch auf meine Schlafqualität. Er hat aber auch keine Lust, seinen Kaffeekonsum einzuschränken.

Aber vielleicht ihr ja. Probiert es doch mal aus. Wer weiß?