Melisa Erkurt über Chancengleichheit und ihr viel diskutiertes Buch “Generation Haram”

27. October 2020 | in Alltag | Gesellschaft

Wow, was für ein emotionales, wahres und wirklich lesenswertes Buch! Melisa Erkurt ist österreichische Journalistin und Autorin und hat mit “Generation Haram – Warum Schule lernen muss, allen eine Stimme zu geben” sehr präzise analysiert, was schief läuft in Sachen Chancengleichheit. Auf Twitter sang der Autor Saša Stanišić regelrechte Lobeshymnen auf das Buch, und ich muss sagen, dass ich als Migrantenkind beim Lesen ebenfalls oft den Tränen nahe war, weil das, was Erkurt schildert, so nah dran ist an der Erfahrung, die Kinder machen, die eben nicht aus bürgerlichen Familien stammen. Zwar beschreibt Erkurt die Zustände in Österreich, doch zahlreiche Pisa-Studien belegen, dass Deutschland was gleiche Bildungschancen für alle betrifft weiterhin besonders schlecht dasteht.  Die Unterschiede zwischen Deutschland und Österreich sind hier gut erklärt – die Problematik und die Herausforderungen sind dort, wie gesagt, den deutschen recht ähnlich. Grund genug also für ein langes Interview mit dieser tollen Frau.

Kannst Du kurz Deine eigene Geschichte und wie es zu diesem Buch kam für unsere Leserinnen umreißen?

“Gerne, ich bin in Sarajevo geboren und mit meiner Mutter vor den Jugoslawienkriegen nach Österreich geflüchtet. Wir kamen 1991 in eine kleine Gemeinde in der Nähe von Wein, mein Vater kam erst später dazu. In der Schule konnte ich nicht einfach Kind sein, denn ich wurde in Schubladen gesteckt, aufgrund meiner Herkunft, aber auch aufgrund meiner muslimischen Religion. Ich musste auch viel erwachsener sein als andere Kinder, denn zu Hause half ich meinen Eltern, übersetzte Amtsschreiben für sie und wollte ihnen auch keine Probleme machen, weil ich wusste, dass wir genug Sorgen haben. Auf diese besondere Lage wurde aber in der Schule nicht eingegangen und keine Rücksicht genommen. Ich hatte zufällig eine nette Lehrerin, die an mich glaubte, sonst wäre ich auf die Hauptschule oder Sonderschule gekommen. Ich habe dann aus diesem Grund auch Deutsch im Lehramt studiert, weil ich wusste, wie wichtig eine gute Lehrer*innenfigur für ein Kind sein kann.”

Du wurdest dann aber Journalistin – deine Mama hat Dich dazu ermutigt, richtig?

“Genau, ich musste schon während der Schulzeit arbeiten, damit das Geld reicht. Meine Mama schlug vor, dass ich mich neben dem Studium bei dem Migrant*innenmagazin Biber bewerben soll, weil ich doch schon immer so gut geschrieben habe. Ich hätte mir das gar nicht zugetraut, aber wie so oft hatte sie Recht. Durch meine Arbeit dort kam ich dann im Rahmen eines Projekts auch an Schulen mit vielen Migrant*innen, und sah dort ähnliche Mechanismen wie die, unter denen schon ich als Schülerin gelitten hatte. Das weckte in mir den Wusch, tiefer zu blicken, zu verstehen, was falsch läuft und ein Jahr selber zu unterrichten. Darüber schrieb ich eine Kolumne in der Wochenzeitung ’Falter’. Als dann der Verlag auf mich zukam und mich fragte, ob ich über diese Erfahrung ein Buch schreiben möchte, traute ich mir das zunächst gar nicht zu. Ich war auf einmal wieder das Migrantinnenmädchen mit dem geringen Selbstbewusstsein. Aber dann dachte ich: Die Schule hat mir kein Werkzeug, kein Selbstbewusstsein für diese Situation mitgegeben. Und es geht nicht nur mir so, viele Menschen mit Migrations- und Arbeiterhintegrund teilen dieses Schicksal und keiner hört uns zu, alleine deswegen MUSS ich also dieses Buch schreiben.”

Du beschreibst darin auch sehr treffend, wie Du Rassismus erlebt hast. Du erzieltest regelmäßig ein “sehr gut” in Deutsch, viele Mitschüler, die gebürtige Österreicher waren und schlechtere Noten in diesem Fach schafften, hat das gewundert.

“Ja, neben dem strukturellen Rassismus, dass man als Kind aus einer Familie mit Migrationshintergrund schneller in eine Haupt- oder Sonderschule kommt und diese Kinder deutlich seltener die Matura (Anmerkung: das österreichische Abitur) machen, weil das Schulsystem für Kinder aus der Mittelschicht gemacht ist, gab es eben diese individuellen Rassismen. Dass Eltern von Mitschüler*innen mich ausfragten, ob ich ein Kopftuch tragen muss oder ob meine Eltern Alkohol trinken. Eine Lehrerin sagte einmal zu mir, ich solle mich über eine Drei freuen, denn das sei für jemanden wie mich ohnehin gut. Eine andere Lehrkraft korrigierte sogar meinen Namen, weil sie meinte, Melisa schreibt man ‚bei uns’ eben MelisSa. Das war ein klarer Übergriff gegen meine Identität, das konnte ich damals natürlich nicht benennen, aber es zeigt, wie wenig sensibilisiert meine Lehrer*innen für andere Kulturen waren.”

Du schreibst unter anderem darüber, dass in Sachen Mehrsprachigkeit oft mit zweierlei Maß gemessen wird.

“Ja, denn dafür, dass Kinder neben Deutsch auch Englisch, Französisch oder Spanisch sprechen, sind Eltern bereit, unfassbar viel Geld auszugeben, wenn man sich mal zweisprachige Schulen wie die Vienna International School oder das Lycée Francais de Vienne ansieht. Und im Studium soll es dann bitteschön auch ins Ausland gehen, Erasmus etc., was ja auch Geld kostet. Kinder gelten dann als polyglott oder bilingual, da ist Sprache auch ein Statussymbol. Kinder, die mehrsprachig sind, aber eben als zweite Sprache Türkisch, Bosnisch oder Arabisch sprechen, genießen dieses Ansehen nicht, denn das sind keine Prestigesprachen. Ich habe mich als Kind geschämt, mit meinen Eltern Bosnisch zu sprechen, weil uns die Leute angestarrt haben. Dass heute ernsthaft laut eine Deutschpflicht auf dem Pausenhof diskutiert wird, finde ich beschämend. Damit würden Kinder, die eine andere Sprache sprechen, gezielt stigmatisiert. Als Lehrerin bemerkte ich außerdem, dass in den Legasthenie-Förderklassen sehr wenige Kinder mit Migrationshintergrund waren. Bei ihnen wird Lernschwäche seltener diagnostiziert, weil man bei ihnen oft davon ausgeht, dass sie einfach kein Deutsch können, anstatt genauer hinzublicken und diese Diagnose zu stellen. So fallen sie durch das Raster und bekommen nicht die Hilfe, die sie bräuchten.”

Warum ist Sprache für Kinder mit Migrationshintergrund so wichtig?

“Wenn man Deutsch kann, dann kann man sich artikulieren, sich beschweren, auf Missstände und schlechte Arbeitsverhältnisse hinweisen und besser einfordern, was einem zusteht. Sprache ist Macht. Gastarbeiter*innen blieben Deutschkurse verwehrt, weil sie hart arbeiten sollten und man nicht daran interessiert war, sie wirklich an der Gesellschaft teilhaben zu lassen. Heute, wo Migrant*innen perfektes Deutsch sprechen, begegnet man ihnen zwar immer noch nicht auf Augenhöhe. Aber diesen Zustand kann man nur anprangern, wenn man sich ausdrücken kann.”

Eine der zentralen Thesen deines Buchs ist ja, dass das Schulsystem auf Eltern ausgerichtet ist, die ihren Kindern helfen können. Warum ist das so fatal? Und wie hat Corona das nochmal deutlicher offengelegt?

“Wir setzen voraus, dass man die Art von Eltern hat, die Referate mit den Kindern macht, ihnen bei den Hausaufgaben hilft und Vokabeln abfragt. Die Schule orientiert sich an diesen Eltern. Im Zuge der Corona-Krise funktionierte das Homeschooling bei Familien, die zu Hause ganz selbstverständlich Computer hatten und hinterher waren, dass die Kinder ihre Aufgaben auch wirklich erledigen. Für Systemrelevante wurde auf den Balkonen geklatscht, aber ihre Kinder wurden nicht selten beschämt, weil sie nicht hinterherkamen. Aber wie soll ein Grundschulkind oder ein Teenager diese Fähigkeit zur Selbstorganisation haben – und wieso wird es dafür bestraft, dass die Mutter Supermarktkassiererin ist und keine Ressourcen hat, ihrem Kind zu helfen, wenn ihre Schicht erst um 21 Uhr oder später endet? Die soziale Schere ist noch weiter auseinandergegangen, aber wir dürfen nicht vergessen: Sie war auch davor schon offen.”

Wie gravierend ist das Zwei-Klassen-System im Bereich Bildung, und wie kann man das aufbrechen?

“Das beginnt ja schon beider Wahl der Schule, und der Tatsache, dass bessergestellte Eltern ihre Kinder auf Schulen in den sogenannten besseren Bezirken schicken, und besser bedeutet meist: weniger Migranten, weniger sozial schwache Kinder. Die zusätzlichen Förderangebote, die es an diesen guten Schulen gibt, wären aber genau das, was Kinder aus sozial schwachen Familien bräuchten. Es würde also unglaublich helfen, wenn Gutsituierte ihre Kinder eben in Schulen schicken würden, in denen es auch Migranten gibt, und sich die Schülerschaft so mehr durchmischen würden. Das ist eine Angelegenheit, in der sich Wohnpolitik, Sozialpolitik, Integrationspolitik und Bildungspolitik überschneiden. Aber so, wie es gegenwärtig ist, dass eben unter Mittelschichtseltern inoffiziell jeder und jede genau weiß, welche Schule als gut gilt und dann auch alles dafür tut, sein oder ihr Kind dahinzuschicken, wird gute Bildung weiterhin größtenteils vererbt. So wird ein Zwei-Klassen-System zementiert. Der Soziologe Aladin El-Mafaalani beschriebt sehr gut, wie die Unterschiede zwischen den Schüler*innen immer krasser werden und dass Lehrkräfte oft überhaupt nicht dafür ausgebildet werden, Kinder aus anderen sozialen Schichten zu unterrichten, als der, aus der sie selber stammen. Und der Großteil der Lehramtsstudenten kommt eben aus einem bürgerlichen Elternhaus und hat weder die Lebenserfahrung noch die Skills, um nachzuempfinden, was Kinder aus sozial schwachen Familien brauchen. Ich sage immer: Als Lehrerin wurde ich ausgebildet, um Annas und Pauls zu unterrichten, nicht Alis und Hülyas.”

Inwiefern können denn Eltern etwas tun?

“Ich glaube, diverse Literatur ist das Mindeste, damit man seinem Kind vermittelt, dass die Welt vielfältig ist und keine alten, rassistischen Narrative ungefragt einfach weitergibt. Natürlich wäre es enorm hilfreich, darauf zu achten, dass man sein Kind in einen möglichst durchmischten Kindergarten oder später dann eine solche Schule gibt, denn davon profitieren alle.”

Viele Eltern fürchten ja, ihre Kinder an eine “Brennpunktschule” zu schicken. Im Buch erklärst Du, warum dieser Begriff so problematisch ist.

“Einer meiner Schüler kam einmal auf mich zu und fragte mich: ‘Sind wir eine Brennpunktschule? Heißt das, dass wir dumm sind?’. Man muss sich vor Augen führen, was eine solche Sprache mit Kindern macht, sie verletzt sie und ihr Selbstbewusstsein. Außerdem ist es Blödsinn, in Deutschland und Österreich brennt es nicht, wir haben keine Ghettos. An der Schule, an der ich unterrichtet habe, hatten über 80 Prozent der Schüler*innen Migrationshintergrund, die meisten aus Arbeiterfamilien. Was viele nicht wissen: Das sind Kinder mit einer unglaublichen sozialen Kompetenz. Es gab unter ihnen kein Mobbing, sie waren unglaublich empathisch, hänselten einander nicht wegen fehlender Markenkleidung oder weil einer kleiner war oder kein Smartphone hatte. Wenn ich einen schlechten Tag hatte, fragten sie mich, ob ich traurig sei, und sie bescherten mir den schönsten Geburtstag meines Lebens, überraschten mich mit Torte und Luftballons. Von dieser Herzlichkeit können sich viele Kinder eine Scheibe abschneiden. Solche Geschichten kenne ich von Lehrer*innen an Privatschulen nicht.”

Du schreibst auch so schön und voller Liebe über Deine Familie, vor allem Deine Mama, die es geschafft hat, aus alles nichts zu machen?

“Ja, sie war nicht einmal dreißig, also so alt wie ich, als sie nach Österreich kam und sich hier ein komplett neues Leben aufbauen musste. Das muss man sich mal vorstellen, ich bin manchmal schon davon überfordert, wenn ich an einem Tag viele Mails beantworten muss. Ihre Ausbildung als Apothekerin war in Österreich zunächst nichts wert, deswegen arbeitete sie unter anderem als Putzfrau und war sich für nichts zu schade. Als ich klein war, habe ich nie gespürt, dass wir arm sind. Manchmal nahm sie mich mit zum Putzen und ich tat dann so, als würde ich ihr helfen und staunte über die Kinderzimmer der anderen Kinder. Sie sagte dann immer: Das wirst Du auch alles einmal haben, wenn Du brav zur Schule gehst. Sie hatte zwar nicht so viel Zeit, mir vorzulesen, aber sie meldete mich bei der Bücherei an, damit ich Zugang zu Büchern habe. Einmal hatte ich auch eine Art Abo, wo man jeden Monat ein neues Buch zugeschickt bekam, das war das Tollste, aber wir konnten uns das leider nur ein Jahr lang leisten. Heute kann ich mir jeden Monat ein neues Buch leisten, ohne, dass es mir finanziell weh tut. Das habe ich zu einem Großteil meiner Mama zu verdanken.”

Überhaupt waren die Frauen in Deiner Familie ja sehr starke Persönlichkeiten, Du schreibst, dass Deine Oma Analphabetin und gleichzeitig die klügste Frau war, die Du kanntest?

“Absolut, ich komme ja aus einer patriarchal geprägten Kultur, auf dem Balkan sind traditionelle Rollenbilder schon noch stärker verhaftet, und viele der Frauen in meiner Familie haben unter diesen Patriarchen gelitten. Meine Oma hat mir immer eingebläut, ich solle nie ein gemeinsames Konto mit einem Mann haben, weil es den gar nicht zu interessieren hat, wofür ich mein Geld ausgebe, und sie sagte, wenn ich mal einen Sohn kriege, dann soll der auf jeden Fall alles im Haushalt machen.“

Dein Vater spricht nicht gut Deutsch, eine Tatsache, für die Du Dich früher geschämt hast, aber Du hast Dich eben auch für diese Scham geschämt, eine sehr ambivalente Haltung, die viele Migrantenkinder kennen.

“Ja, heute denke ich, dass der Akzent unserer Eltern ein Zeichen von Mut ist. Aber früher sah ich meine Eltern durch die Augen der Mehrheitsgesellschaft, von oben herab. Ich war auch so gut in der Schule, weil ich nicht wollte, dass meine Eltern dort aufschlagen, weil ich nicht wollte, dass die Lehrer*innen mit ihnen reden, als seien sie Kleinkinder. Meine Eltern haben noch heute einen gebückten Gang und diese Haltung dass sie Rassismus in Kauf nehmen müssen, weicht nur schwer einem anderen Bewusstsein. Für mich ist das anders: Ich sehe mich als Österreicherin und ich prangere Rassismus ganz selbstverständlich an. Aber auch ich habe vieles verloren: Mein Bosnisch ist auf einem rudimentären Niveau, weil ich so bemüht war, mich anzupassen, dass die Sprache meiner Eltern auf der Strecke blieb. Ich werde nie einen Strampler aus meiner Kindheit für mein Kind haben, all diese Dinge wurden im Krieg verwüstet. Mein Vater kann mein Buch nicht lesen. Es ist ein großer Teil von mir, an dem keinen Anteil haben kann. Wo früher Scham war, ist heute eher Schmerz, darüber, was uns genommen wurde. Aber meine Eltern sind dafür superwitzige Menschen, Humor ist ja auch eine Bewältigungsstrategie, und ich bewundere sie dafür, was sie alles ertragen haben.”

Inwiefern haben es Jungs mit muslimischem Migrationshintergrund sogar schwerer als Mädchen?

“Sie werden anders bewertet: Ein Muhammed mit schwarzen Haaren und Bart wird als Mann gesehen, als Erwachsener, auch, wenn er gerade mal dreizehn ist, also ein pubertierender Junge, der jemanden bräuchte, der ihn an die Hand nimmt. Stattdessen traut man solchen Jungen nur Arbeitslosigkeit, Kriminalität oder gar eine fundamentalistische Radikalisierung zu, was fatal ist, weil das insbesondere bei Teenagern zu einer Trotzreaktion führt. Sie werden nie als Individuum gesehen, sondern bekommen einfach einen Stempel und leiden in der Schule, auf dem Arbeitsmarkt, aber sogar wenn sie eine Freundin suchen unter diesen Vorurteilen. Muslimische Mädchen werden hingegen oft eher bemitleidet, und viele sind eher bereit, ihnen den Erfolg zu gönnen, weil sie denken: ‘Die wird eh unterdrückt, gut, dass sie es geschafft hat, da auszubrechen’.”

Foto: Vedran Pilipovic

 

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