Alternative Familienkonstruktionen in Kinderbüchern

31. March 2017 | in Alleinerziehen | Familie | Gesellschaft | Medien

Manch andere Eltern kennen das vielleicht; Meist ist es doch so, dass in Filmen und Kinderbüchern das Modell Mama-Papa-Kind(er) Standard ist. Wie oft habe ich aber schon meinem Sohn ein solches Buch vorgelesen und gedacht, man, wie fühlt er sich jetzt dabei, wissend, dass es bei ihm anders aussieht? So langsam wird es eben ein Thema, dass Mama nicht mit Papa zusammenwohnt. Schlimm, ist das für ihn nicht. Er kennt es nicht anders und es gibt manch andere Kita-Freunde, bei denen das auch der Fall ist. Ich fände es aber dennoch schön, wenn auch ihm ab und zu mal eine Identifikationsfläche angeboten wird oder wenigstens klar wird, dass es ein großes Spektrum an Familienformen gibt und das die eben nicht immer (nur) aus Mama und Papa bestehen.

Natürlich gibt es, was alternative Familienkonstellationen angeht, auch die alten Märchen: Von Alleinerziehenden (z.B. in “Der Wolf und die sieben Geißlein”) zu Patchwork-Situationen (“Schneewittchen”). Aber moderne Kinderbücher, die etwas anderes bieten als das Kleinfamilienkonzept findet man nicht auf die Schnelle. Deshalb haben Katharina und ich uns mal umgeschaut und Bücher gesucht, die das ein wenig anders handhaben. Hier ist unsere Liste:

Oma, Emma, Mama

Kinderbuch Oma Emma Mama

Hier geht es gar nicht vordergründig um eine andere Familienkonstellation, sondern eher um Generationsunterschiede. Das Chamäleonkind Emma will mit der Oma Versteck spielen, die beiden verbünden sich gegen die Chamäleonmama und finden zum Schluss aber alle wieder zusammen. Die Illustrationen machen wirklich Spaß! Ein ausführliches Review findet ihr in der FAZ.

Lorenz Pauli, Kathrin Schärer: „Oma, Emma, Mama“, Atlantis Verlag

Lou Karibu

Kinderbücher Lou Karibu

Zu dem Lou Karibu habe ich schon einmal etwas geschrieben vor ca. 2 Jahren – wir lesen es aber immer noch! Lou lebt nämlich abwechselnd bei seiner Mama oder seinem Papa, die er beide sehr lieb hat. Kurz vor dem Wochenende packt er immer seinen Koffer und freut sich aufs Abenteuer bei Papa. Sehr liebevoll geschrieben und wunderhübsche Bilder.

Lou Karibu, Marie-Sabine Roger und Nathalie Choux , Gestalten Verlag

Alles Familie!

Kinderbücher Alles Familie

Die Zeiten, in denen sich Familien über einen Kamm scheren ließen, gar dem Kleinfamilienprinzip – Mama, Papa, zwei Kinder – des 20. Jahrhunderts entsprechen würden – klar, die sind vorbei. Und genau diese Annahme, dass Familie heute maximal diversen Konstellationen entsprechen kann, beschreibt “Alles Familie” sehr schön. Fast könnte man meinen, es sei als Überblickswerk über eben jene verschiedenen Sortierungen angelegt: Die Lebensrealität eines Kindes zwischen zwei getrennten Eltern wird hier ebenso gut aufgefangen, wie, was es bedeutet, Kind einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft zu sein. Kinderdorf-, Adoptiv-, wie Patchworkfamilie werden erklärt – und in der Summe als selbstverständlich ausgewiesen und eben auf das kommt es doch an: Dem eigenen Kind darzulegen, dass es kein Alien in seiner zuweilen vielleicht ungewöhnlich wahrgenommen Familienzusammenstellung ist. Für ganz kleine Kinder ist das Buch sicher zu komplex angelegt, wie schon der Untertitel „Das Kind der neuen Freundin vom Bruder von Papas früherer Frau und anderen Verwandten“ vermuten lässt. Für ältere Kinder ist das Buch ob seiner Illustrationen und Fließdiagramme aber sicher umso spannender. Der Verlag empfiehlt es ab 5 Jahren.

Alles Familie, Alexandra Maxeiner und Anke Kuhl, Klett Kinderbuch

Nick und der Wal

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Nick lebt mit seinem Papa und vielen Katzen am Meer. Eines Tages entdeckt er einen gestrandeten Baby-Wal und nimmt ihn mit nach Hause. Sein Papa schimpft aber nicht, sondern merkt dadurch, dass Nick ein wenig alleine ist. Die beiden bringen den Wal zusammen zurück ins Meer und machen danach ein Picknick mit ganz viel Papa-Sohn-Zeit! Sehr schöne Bilder und eine süße Geschichte!

Nick und der Wal, Benji Davis, Aladin Verlag

“Wann gehen die wieder?”

Kinderbücher Wann gehen die wieder

Auf diesen Titel bin ich erst über die FAZ-Rezension zu “Alles Familie” gestoßen. Ich konnte mir gleich vorstellen, wie Julius neuen Partnern begegnen würde – wenn wir uns als Eltern vielleicht etwas später getrennt hätten. So war er ja sehr klein und begegnet allem Neuen, allen Menschen sehr gelassen. Dass Papa und Mama mal ein Paar waren, findet in seiner Wahrnehmung gar nicht statt. Für alle anderen Kinder, denen es anders geht und ging, ist Ute Krauses Geschichte sicher ein guter Aufhänger. Zumal Krause ihre kleinen Leser insofern wahrscheinlich schon zu fesseln weiß, als dass ihr Buch um eine Räuberfamilie angelegt ist und zum Ende sogar ein Drache die glückliche Wende bringt.

Wann gehen wir wieder, Ute Krause, Bloomoon

Man wird doch mal wütend werden dürfen

Man wird doch mal wütend werden dürfen

Man könnte meinen, die FAZ hätte bereits alle relevanten Kinderbücher zu unserem Thema besprochen. Auch zu “Man wird doch mal wütend werden dürfen” gibt es eine Rezension und zwar hier. Nun ist dieses Buch gar nicht unbedingt in unsere Kategorie der Bücher zu alternativen Familienkonstrukten einzusortieren. Es geht eben vor allem um die Wut und dass Kinder sehr wohl auch ein Recht auf schlechte Gefühle haben. Dass auch der Klippschliefer zuweilen böse ist, das Erdferkel und die Spitzmaus nicht immer nur bestens aufgelegt sind. Ich glaube, Toon Tellegens und Marc Boutavants Buch ist insbesondere für Kinder wohltuend, deren Familien gewissen Turbulenzen standhalten müssen – und denen die Lektüre vermittelt, dass Erwachsene wie Kinder damit auch mal zu kämpfen haben dürfen. Ein schlechtes Gewissen über die eigenen Gefühle zu entwickeln, ist sicher nie ratsam.

Man wird doch wohl mal wütend werden dürfen, Toon Tellegens und Marc Boutavants, Hanser Verlag

Der Klassiker-Kanon: Pippi Langstrumpf, Das doppelte Lottchen, Willi Wiberg

Und dann gibt es sie ja doch: Die Klassiker unter den Kinderbüchern, die so ganz selbstverständlich und zuweilen nebensächlich von alternativen Familienmodellen berichten. Pippi etwa, deren Mutter gestorben ist, und die erst im Verlauf der Lindgren-Geschichten rund um die Villa Kunterbunt erfährt, dass ihr Seeräuber-Vater gar nicht auf hoher See ums Leben gekommen ist, er vielmehr irgendwann vor ihrer Tür steht, um sie gen Takka-Tukka-Land zu entführen. Oder das doppelte Lottchen von Erich Kästner – eines der Bücher, das ich als Kind gewiss 10 Mal gelesen habe, ohne selbst von irgendeiner Trennung betroffen zu sein. Beide Bücher, finde ich, schaffen es, ihre kleinen Leser versöhnlich zu hinterlassen – und zwar trotz der widrigen Lebensumstände ihrer Protagonisten. Dass wir hier viel Willi Wiberg lesen, habe ich ja bereits einmal angeführt. Und auch Willi ist eine der Kinderbuchklassiker-Figuren, die ganz nebenbei den offenbar alleinerziehenden Papa als selbstverständlich ausweisen. Julius hat jedenfalls noch nie nach Willis Mama gefragt.

Pippi Langstrumpf, Astrid Lindgren, Oetinger

Das doppelte Lottchen, Erich Kästner, Dressler Verlag

Willi Wiberg, Gunilla Bergström, Oetinger

 

Habt ihr noch Tipps? Es gibt bestimmt noch mehr Bücher da draußen, die wir hier nicht aufgezählt haben!

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