Sara & Edi Karayusuf mit Ava und Lia

Es ist nicht entweder Arbeit oder Kind
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Hier wird viel gelacht – das ist unser erster Eindruck, als wir zu Besuch in Mitte bei Sara, Edi, Ava und Lia sind. Als sich Edi während des Fotoshootings an das Klavier im Schlafzimmerzimmer setzt und die beiden Töchter mitspielen, sind wir ganz hingerissen. Mindestens genauso romantisch war das Kennenlernen: Sara und Edi haben in Rom gelebt  und sich eines Tages beim Ausgehen getroffen. Beide dachten, der jeweils andere sei Italiener. Bis sich herausstellte: Sowohl Sara als auch Edi kommen aus dem Ruhrgebiet, aus zwei Städten, die nahe beieinander liegen. Und beide haben eine internationale Familiengeschichte: Saras Familie stammt aus dem Iran, Edis aus der Türkei.

Nach der ersten Begegnung in Rom ging alles ganz rasant. Die beiden gründeten ein gemeinsames Unternehmen, heirateten und bekamen zwei Kinder. Seit fast zehn Jahren führen die beiden nun zusammen ihr Business.. Den Alltag meistern sie mit viel Humor, gut geplantem Outsourcing und möglichst viel Familienzeit ab 17 Uhr. Ein spannendes Modell, von dem sie uns mehr im Interview erzählen.

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Wie kommt es, dass bei euch ein Klavier im Schlafzimmer steht?

Sara: Wir haben lange überlegt, wo wir das Klavier hinstellen. Als wir uns kennengelernt haben, hat Edi mir oft direkt nach dem Aufstehen in seinem römischen Ein-Zimmer Apartment etwas am Klavier vorgespielt. So kitschig wie es klingt, war es auch – ich habe mich sofort in ihn verliebt. Aus diesen romantisch-nostalgischen aber auch praktischen Gründen, haben wir das Klavier kurzerhand im Schlafzimmer aufgestellt. Oft spielt Edi hier morgens oder am Wochenende, während wir langsam in den Tag starten.

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Als wir uns kennengelernt haben hast Du mir von einem Urlaub in Thailand erzählt:
Ihr seid zu einem Schnorchelausflug aufgebrochen, mit drei Monate altem Baby und Babysitter. Zum Stillen bist Du immer aufgetaucht, um dann wieder ins Meer zu springen. Das hat mich als Neumama total beeindruckt. Wie würdet ihr euch als Familie beschreiben?

Sara: Wir haben zwei Kinder, Ava und Lia. Ava ist vier Jahre alt und Lia fast zwei. Unser Familienmodell würde ich als möglichst flexibel beschreiben. Wir wollen unsere Kinder dabei haben, ob beim Schnorchelausflug oder auch im Büro, wenn wir abends mal länger bleiben wollen. Entweder Arbeit oder Kind, das gibt es für mich nicht. Es ist ganz klar beides.

Wir wollen unsere Kinder dabei haben
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Wie lebt ihr das im Alltag?

Sara: Nach der Geburt von Ava wollte ich ganz klassisch ein Jahr Elternzeit nehmen, also gar nicht arbeiten. Als ich allein zuhause war, habe ich gemerkt, dass ich das eigentlich gar nicht möchte. Ich bin dann, wenn Ava geschlafen hat, mit dem Kinderwagen ins Büro spaziert. Dort wurde ich natürlich nach meiner Meinung gefragt, wurde eingebunden, war mittendrin. Nach fünf Monaten haben wir entschieden, Ava voll in unser Arbeitsleben zu integrieren. Wir haben im Konferenzraum eine Babyecke mit Babydecke und Spielsachen eingerichtet und eine Nanny organisiert. Sie ist jeden Tag mit Ava ins Büro gekommen und hat sich um sie gekümmert, so dass ich arbeiten konnte. Ich habe natürlich viele Stillpausen eingelegt und mich zwischendurch mit Ava beschäftigt. Unsere Mitarbeiter haben das voll mitgetragen und unsere beiden Kinder quasi ein bisschen mit großgezogen. Beide Kinder habe ich ein Jahr lang gestillt.

Edi: Für mich als Papa war das natürlich auch super. Ich hatte meine Tochter den ganzen Tag in der Nähe. Die meisten Väter sehen ihre Kinder nur morgens und abends, während unser kleines Baby den ganzen Tag bei uns war.

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Sara, würdest Du das wieder so machen oder sagst Du im Nachhinein, eine längere arbeitsfreie Zeit hätte Dir gut getan?

Sara: Ich muss fairerweise sagen, dass ich manchmal ein schlechtes Gewissen hatte, Ava so früh der Nanny zu überlassen. Aber bei mir selbst war es auch nicht anders: Meine Mutter hat mich im Iran, wo ich die ersten Jahre meines Lebens verbracht habe, mit sieben Monaten in die Kita gegeben. Ich hatte nie das Gefühl, vernachlässigt worden zu sein, auch im Nachhinein nicht. Es ist ja auch nicht so, dass man sich permanent mit den Kindern beschäftigt, wenn man zu Hause bleibt und nicht arbeitet. Ich finde nicht, dass die Mama dafür da sein muss, den ganzen Tag mit ihren Kindern zu spielen. Man sollte präsent sein und Impulse geben, aber Kinder können sich sehr gut mit sich selbst beschäftigen.

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Es erfordert ja auch einiges an Vertrauen, sein Kind so früh einer Nanny zu überlassen. Nach welchen Kriterien habt ihr die Person ausgewählt?

Sara: Das Bauchgefühl hat eine große Rolle gespielt. Vieles wurde leichter dadurch, dass wir anfangs immer mit dabei waren. Die Nanny war also nie alleine mit dem Kind. So konnte sich das Vertrauen entwickeln.

Edi: Außerdem haben wir ein gutes Netzwerk an Familie und Freunden, auf das wir zugreifen können.

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Was war denn zuerst da, eure Company oder die Kinder?

Edi: Zuerst war die Company da. Wir haben zu zweit in unserem Wohnzimmer angefangen. Wir wussten schon immer, dass wir selbstständig sein und unser eigenes Business haben wollen. Das hat von Anfang an erstaunlich gut geklappt, obwohl wir 2008, also mitten in der großen Wirtschaftskrise angefangen haben.

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Ihr seid beide CEO eures Unternehmens, dem inpact Media Verlag. Was macht ihr genau?

Sara: Wir publizieren hochwertige Themenbeilagen für große Printmedien wie das Handelsblatt, die Wirtschaftswoche, die Zeit, die Welt und Capital. Ich wollte schon immer im Printbereich arbeiten. Als Fotografin und studierte Mediengestalterin interessiere ich mich für visuell ansprechende Medien, außerdem liegt mir die Kommunikation mit Kunden. Dazu kam Lust auf das Organisieren, auf das Zusammenspiel von Redaktion, Grafik, Layout und Illustration.

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Euer geheimes Erfolgsrezept, um alles gewuppt zu kriegen?

Sara: Wir haben uns dazu entschieden, wesentliche Teile unseres Alltags zu delegieren, also outzusourcen. Wir haben außer der Nanny, die sich auch um das Kochen kümmert,  noch eine Haushaltshilfe. Das funktioniert so: Ich mache einen Wochenplan, was es zum Abendessen geben soll. Dann kauft die Nanny ein und schnibbelt auch schon mal alles vor. Wenn wir dann nach Hause kommen, wird zusammen gespielt und gegessen.
Edi: Die beiden größten Streitpunkte in einer Beziehung sind ja oftmals die Themen Haushalt und Putzen. Deshalb macht es durchaus Sinn, das abzugeben.

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Das muss man sich natürlich erst einmal leisten können.

Edi: Richtig, so was kann funktionieren, wenn entweder beide Partner arbeiten und/oder das Unternehmen gut läuft. Bislang hat es zum Glück immer hingehauen, dass wir den Anteil, den wir in Nanny und Haushaltshilfe investiert, auch erwirtschaften konnten. Es gibt immer wieder auch Engpässe, aber dann läuft es wieder gut. Ein Auf und Ab. Aber so ist das eben mit der Selbstständigkeit, das war uns vorher schon klar.

Die beiden größten Streitpunkte in einer Beziehung sind ja oftmals die Themen Haushalt und Putzen
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Wie kann man sich euren Tagesablauf vorstellen?

Sara: Das ist das Beste daran, wenn beide Partner selbständig arbeiten: Wir können uns die Zeit einteilen. Morgens kuscheln wir alle noch mal zusammen im Bett und stehen dann gegen 8 Uhr auf. Entweder gehen wir zusammen zur Kita, oder einer bringt die Kinder, während der andere schon ins Büro fährt. Um 15 Uhr wird Lia von der Nanny abgeholt, um 16 Uhr Ava. Ich breche meistens um 17 Uhr vom Büro auf und gehe nach Hause zu den Kindern, Edi kommt ein bisschen später. Bis 21 Uhr ist dann reine Familienzeit: Spielen, Eis essen gehen, Bücher lesen, Abendessen. Außerdem hat jeder von uns Eltern ein bis zweimal pro Woche einen Abend frei. Wenn wir als Paar ausgehen, passen manchmal auch unsere Nachbarn auf.

Sara hat Stärken dort, wo ich Schwächen habe – und anders herum
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Wie geht ihr damit um, dass ihr gemeinsam arbeitet – könnt ihr auch mal abschalten?

Edi: Unsere Regel lautet: Im Schlafzimmer und am Wochenende wird nicht über das Business gesprochen. Ansonsten finde ich es schön, mit dem Menschen, den man liebt, viel Zeit zu verbringen. Wir unterstützen uns gegenseitig. Wenn Sara mal nicht kann, übernehme ich und andersrum. Wir haben auch früh gemerkt, dass wir uns sehr gut ergänzen: Sara hat Stärken dort, wo ich Schwächen habe – und anders herum genauso. Ganz wichtig ist es auch, sich Zeit für sich selbst und seine Freunde zu nehmen.

Sara: Natürlich haben wir auch mal Konflikte, aber an denen sind wir eher gewachsen. Als Lia, unser zweites Kind kam, zum Beispiel.

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Was war da los? Man sagt ja, mit dem zweiten Kind wird alles anders – wie war das bei euch?

Edi: Ava war immer sehr chillig und entspannt. Lia, unser zweites Kind, braucht mehr Aufmerksamkeit. Das hat die Natur aber ganz gut eingerichtet: Weil Sara ganz auf Lia konzentriert war, habe ich in dieser Zeit nochmal eine große Nähe zu Ava entwickelt.

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Viele Eltern sind hin- und hergerissen zwischen arbeiten und für das Kind da sein. Beispiel: Mit dem Handy auf dem Spielplatz sitzen. Wie seht ihr das?

Sara: Das kenne ich natürlich auch. Man muss erst einmal lernen, damit umzugehen. Das ist der Nachteil der Selbständigkeit: Man ist quasi nie „off“. Nach stressigen Zeiten versuche ich mir aber eine „off-time“ zu nehmen. Dann schalte ich das Handy auch mal aus.

Edi: Die Geburt von Ava, unserem ersten Kind, fiel ausgerechnet in eine Produktion. Am Ende muss ich das gesamte Magazin final freigeben, damit es gedruckt werden kann. Ausgerechnet als die Presswehen kamen, musste die Freigabe erteilt werden. Sara hat mich nur angefaucht: Weg mit dem Handy! Ich habe mich hinter sie gestellt, so dass sie mich nicht sehen konnte, und weitergearbeitet. Heute müssen wir beide darüber lachen – ich glaube das spiegelt unsere Art zu leben und zu arbeiten, ganz gut wieder.

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Vielen Dank!

Sara & Edi Karayusuf mit Ava (4) und Lia (22 Monate), Juli 2018
Fotos: Annelie Klein
Interview: Lisa Fuss