Melanie Kharad mit Jamilah, Vienna und Helena

Patchwork? Es fühlt sich einfach ganz normal an!
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Geradlinig lief es bei Melanie nie, das hat sie aber nie gestört. Bereits mit Anfang zwanzig wurde sie Mutter, ihr Ziel war immer ein Architekturstudium, statt Architektur wurde es dann aber Wirtschaftsinformatik. Irgendwann nahm Melanie ihren ganzen Mut zusammen und gründete Roomoon, eine Firma für schöne und hochwertige Rausfallschutze – der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. In all den Jahren erlebte sie eine Trennung, war alleinerziehend, wagte eine neue Beziehung und musste einen großen Schicksalsschlag verkraften – doch nichts davon hat Melanie wirklich aus der Ruhe gebracht. Sie lebt mit ihrem Mann Parwis und den drei Töchtern in Charlottenburg, ist inzwischen auch auf Instagram erfolgreich und genießt es sehr, dass die beiden Großen schon so selbstständig sind. Rückblickend sagt sie: “Ich war immer bei mir, egal wie trubelig es manchmal war”. Toll, oder?

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Hallo Melanie! Du hast deine beiden Töchter schon früh bekommen, hast du dich damals als sehr junge Mutter gesehen?

Ich war 20 bei der ersten Geburt und 22 bei der zweiten. Und nein, ich fand mich eigentlich nicht so jung, obwohl ich das rückblickend natürlich war. Ich kam gerade von der Baufachschule, als ich zum ersten Mal schwanger wurde. Durch meinen Partner war ich zunächst finanziell abgesichert, meinen Wunsch, Architektur zu studieren schob ich erst mal nach hinten. Wir bauten ein Haus und ich kam im Zuge dessen zum ersten Mal in den Genuss, alles individuell und nach unseren Wünschen anzufertigen. Als die Mädchen noch klein waren, habe ich dann angefangen, auch viele unserer (Kinderzimmer)-Möbel selbst zu entwerfen und umzusetzen. Alles, was es fertig zu kaufen gab, hat mir einfach nicht gefallen. Dann kam eins zum anderen: Eltern aus dem Kindergarten baten mich immer häufiger um individuelle Möbel und Lösungen für die Kinderzimmer ihrer Kinder. Damals gab es noch Dawanda und ich eröffnete einen Shop für Bettverkleidungen, Garderoben, Kinderküchen, usw… Es lief super! Das hatte ich gar nicht erwartet. Trotzdem hatte ich das Architektur-Studium nie aus den Augen verloren und begann 2010 damit. Als die Mädchen 5 und 7 waren haben mein heutiger Ex-Mann und ich uns dann getrennt, von 2011-2013 war ich alleinerziehend.

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Wie hast du die Zeit als Alleinerziehende im Nachhinein in Erinnerung?

Es war absolut in Ordnung. Meine Töchter und ich haben eine ganz besondere Bindung und die Zeit hat uns noch näher zusammengebracht. Wirklich richtig schwierig war es trotz Arbeit und Studium nie. Ich war frei und glücklich. Viel schlimmer ist eine unglückliche Partnerschaft! Das Architekturstudium konnte ich alleinerziehend allerdings nicht fortführen und habe dann 2012 ein zweites Studium begonnen. Lieber wäre mir ein ganz klassisches BWL-Studium gewesen, um ein professionelles Unternehmen mit meinen Produkten zu gründen. Auf BWL hätte ich aber lange warten müssen, also habe ich Wirtschaftsinformatik studiert. Und es war viel weniger technisch, als man denken würde, ich habe wirklich gerne studiert. Hier war es auch alleinerziehend absolut machbar, denn ich konnte, anders als in der Architektur, meine Module weitestgehend so legen, wie es zeitlich passte. Ob morgens um 6 oder am Abend um 22h. Die Mädels waren sogar ab und zu mit in den Vorlesungen und haben dann gemalt oder gebastelt.Mein Ex-Mann hat damals schon jedes zweite Wochenende mit den Mädchen verbracht. So ist es übrigens bis heute, plus noch ein Mittwoch unter der Woche. Was hart war, war die Logistik mit den Kindern. Das Hin- und Hergefahre ohne Auto zwischen Kladow, Schöneberg und Alexanderplatz. Ich bin dann einen großen Schritt gegangen: habe das gemeinsame Haus in Kladow verkauft und bin nach Steglitz gezogen, allein schon der Wege wegen.

Viel schlimmer ist eine unglückliche Partnerschaft!
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Aber das Studium hast du durchgezogen?

Ja, natürlich und ich hatte wirklich viel Support, auch beim dritten Kind. Unsere jüngste Tochter Helena hatte ihren ersten Uni-Auftritt im Alter von ein paar Monaten. Ich war bis zum Ende des Semesters hochschwanger in der Uni und durfte einige Prüfungen kurz vor der Geburt sogar zuhause schreiben. Die Dozenten und Profs waren total verständnisvoll. Helena wurde dann am Anfang der Semesterferien geboren – Wahnsinns Timing. Die Uni hat mir im Anschluss sogar eine persönliche Nanny zur Verfügung gestellt, das war damals eine Kooperation mit Studenten aus Potsdam mit pädagogischem Hintergrund. Es gab in der Uni mehrere Familienzimmer und Helena war immer in meiner Nähe. Ich konnte sie zwischendurch stillen oder eine Runde mit ihr Spielen.

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Das klingt ja perfekt! Und wie hast du deinen jetzigen Mann Parwis kennengelernt?

Wir kennen uns schon, seitdem ich 14 bin. Ende 2011 fingen wir dann an, uns zu treffen. Es ging aber noch eine Weile hin und her, ihm war das erst zu viel Commitment, mit den beiden Kindern, die ich mitbrachte. Daraufhin war ein paar Monate Funkstille, Anfang 2012 haben wir uns auf einer Feier wiedergetroffen und er war so beleidigt, dass wir nicht miteinander gesprochen hatten, dass mir klar war: der kommt wieder. Und das war dann auch so. Eine Woche später meldete er sich und dieses Mal kaufte er quasi das ganze Paket: Mich und die Kinder. 2014 wurde dann unsere gemeinsame Tochter Helena geboren und noch als ich schwanger war, zogen alle zusammen in die jetzige Wohnung. Später haben wir dann auch geheiratet.

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Ich kann mir vorstellen, dass es für die Mädchen ein großer Schritt ist, wenn Mama einen neuen Mann heiratet?

Ich habe es ganz langsam angehen lassen… Erst nach Monaten habe ich sie aufeinander losgelassen. Die Mädchen kannten Parwis vom Sehen, aber noch nicht als meinen neuen Partner. Sie haben ihn dann total liebevoll und herzlich aufgenommen. Er wurde mit offenen Armen empfangen und das hat ihm Mut gemacht. Und andersrum genauso. Wir leben gemeinsam wie eine ganz “normale” Familie. Es gibt tatsächlich keinen Unterschied unter den Kindern. Außer, dass die Großen jedes zweite Wochenende und jeden Mittwoch bei Ihrem Vater sind.

Wir leben gemeinsam wie eine ganz “normale” Familie.
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Irgendwann hast du dich mit Roomoon selbstständig gemacht, wie kam es dazu?

Nachdem ich Ende 2015 abgeschlossen hatte, war ich ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe tätig und hatte dann eine Anstellung in einem Werbeprojekt. Dabei hatte ich aber immer meine eigenen Produkte im Hinterkopf. Irgendwann habe ich dann doch all meinen Mut zusammengenommen und Roomoon gegründet, bzw. wieder gegründet. Es gab noch immer Kinder, die aus dem Bett fielen und es gab noch immer nur unansehnliche Plastikgestelle, die dies zu verhindern versuchten. Die Designs und Befestigungsmechanismen hatten sich verändert und es kam vor Allem der Blick auf die Nachhaltigkeit und die Qualität der Materialien und ökologischen Lacke hinzu. Und ich hatte nun auch das Know-How, wie ich ein Produkt auch ohne Dawanda und Co. auf den Markt bringe.
Es ging sehr schnell bergauf. Nach 3 Monaten nahm ich an einem Gründerslam teil und kam unter die 5 Finalisten – bei knapp 3500 Bewerbern. Ich musste das Marketing runterfahren, weil die Aufträge explodierten. Und nach einem halben Jahr wurde ich plötzlich wieder schwanger. Zuerst ein kleiner Schock, Helena war noch so klein, die Firma hatte einen tollen Start. Parwis freute sich sofort, bei mir brauchte es 1-2 Tage, um einen Plan zu machen. Und dann haben wir uns alle gemeinsam sehr gefreut. Sie wäre unsere vierte Tochter geworden, aber es kam anders…

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Was ist passiert?

Ich habe von Anfang an gemerkt, dass etwas nicht stimmte in dieser Schwangerschaft. Nach der Nackenfaltenmessung war klar, dass das Kind wahrscheinlich einen Gendefekt hat, aber welchen, das war noch nicht klar. Die Ansage war: Mindestens Trisomie 21.
Ich konnte vorher gar nicht sagen, ob ich mir ein Kind mit Behinderung zugetraut hätte, aber nach der Diagnose war für mich direkt klar: Trisomie 21 – das bekommen wir hin. Ich wollte dieses Kind haben und das Down-Syndrom wäre plötzlich absolut gar kein Ausschlusskriterium gewesen. Aber wie gesagt: das konnte ich auch erst nach der Untersuchung sagen, davor war ich nicht sicher und ich würde auch nie jemanden verurteilen, der sich gegen ein Kind mit dieser Diagnose entscheidet.
In der 16. Woche hatte ich dann eine weitere Untersuchung und da kam raus, dass das Kind Trisomie 18 hat. Sie wäre nach der Geburt, wenn es denn überhaupt so weit gekommen wäre, nicht lebensfähig gewesen. Wir haben entschieden, sie im 5. Monat gehen zu lassen. Und man kann es sich nicht vorstellen, aber ich dachte: “Wäre es doch bitte -nur- das Down-Syndrom gewesen”.

Ich habe von Anfang an gemerkt, dass etwas nicht stimmte in dieser Schwangerschaft.
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Das tut mir schrecklich leid. Wie hast du es damals geschafft, weiterzumachen?

Es war die schlimmste Zeit meines Lebens, aber es ging weiter. Es musste ja. Ich habe immer sehr offen mit allen darüber gesprochen. Nicht nur mit Parwis und den Kindern, auch mit meinen Freunden und Freundinnen und allen, die halt wussten, dass ich schwanger war. Alle waren so eine große Unterstützung. Ich weiß noch, als ich ins Krankenhaus musste und schon diese schrecklichen Wehen hatte, ich dachte ich kippe um. Ich kann nur jeder Frau empfehlen, über solche Erfahrungen zu sprechen, auch wenn es so eine intime Sache ist. Mir hat das sehr geholfen. Dennoch war natürlich viel Trauer da in den Monaten danach. Ich habe viel und heftig getrauert. Aber das Leben geht irgendwann weiter, der Schmerz verblasst, wenn er auch nie ganz vergeht.
Jetzt steht natürlich im Raum, ob wir es noch mal wagen sollen, ich bin 35, es ist noch alles möglich. Aber im Moment kann ich dazu gar nicht mehr sagen. Wir werden sehen!

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Wie sieht ein normaler Tag bei euch aus?

Ich arbeite viel, habe aber den Vorteil, dass ich nicht bis 18 Uhr auswärts im Büro sitze, sondern auch von zuhause arbeiten kann. Morgens ist immer viel Trubel, die großen Mädchen machen sich erst fertig, gehen in die Schule dann sind alle anderen dran. Wir haben nur ein Bad, deshalb müssen wir uns da immer absprechen. Dann bringt Parwis Helena meist in den Kindergarten und ich beginne zu arbeiten. Es ist immer viel Büro-Arbeit zu erledigen, ich habe aber auch ein Studio und muss oft zu den Produktionsstätten. Manchmal bastle ich auch zuhause an neuen Ideen herum, das macht mir einfach so viel Spaß. Nachmittags hole ich meist Helena, Parwis hat einen klassischen 9-5 Job. Wir gehen auf den Spielplatz oder treffen Freunde und ich arbeite am Abend noch weiter. Aber auch auf dem Spielplatz bediene ich das Klischee der handysüchtigen Mutter. Nicht, wenn Helena bei mir buddelt, aber wenn sie mit ihren Freundinnen klettert: dann arbeite ich halt. Unterm Strich spielt es für mich keine Rolle, ob ich auf dem Spielplatz lese, stricke, mich angeregt mit einer Freundin unterhalte oder aufs Handy starre.

Mittlerweile bin ich “privat” auch zu einer kleinen Influencerin im Interiorbereich geworden und habe hier zusätzliche Aufträge, die riesigen Spaß machen. Ausgangspunkt war eigentlich meine Firma und ein bisschen etwas Hinter den Kulissen zu zeigen. Geplant war das nicht. Aber Interior und Architektur sind mein absolutes Steckenpferd, insofern freut mich das sehr! Und es ist genial, das Influencer-Marketing von beiden Seiten zu beleuchten: Als Firma und als Influencer.

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Eure Wohnung ist so detailverliebt und schön, wie habt ihr sie gefunden?

Klassisch im Netz. Damals und sie war in einem GANZ anderen Zustand. Wir haben fast alles komplett renoviert und saniert, die Böden selbst abgezogen, gestrichen, die Küche eingebaut, den Badezimmerboden neu gefliest. Aber ja, jetzt ist sie unser Rückzugsort und auch wenn Parwis und ich gerade überlegen, wie es weitergehen soll, wenn die Mädchen ausziehen, werden wir diese Wohnung auf jeden Fall behalten.

isabel

Du hast ja schon erwähnt, dass Interior deine große Leidenschaft ist, war das schon immer so?

JA! Ich muss 12 oder 13 gewesen sein, als ich mein eigenes Zimmer das erste Mal selbst renoviert habe. Meine Eltern hatten überhaupt keinen guten Einrichtungsgeschmack, Holzvertäfelungen, dicke Teppiche, dunkle Wände, schwere Vorhänge. Und ich merkte schon als junges Mädchen, dass mir das gar nicht gefällt. Also habe ich früh begonnen, selbst zu werkeln, zu streichen, zu basteln und zu bauen. Das ist bis heute so. Helenas Kinderzimmer ist zum Beispiel komplett DIY, das Bett mit dem auf-und zuklappbaren Kaufmannsladen habe ich maßgefertigt, den Schrank und das Bücherregal selbst gebaut. Auch das Puppenregal und der Verkleidungskoffer stammen von mir.

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Bei den Teenagern darfst du aber vermutlich nicht mehr viel entscheiden, oder?

Nein – und das ist auch schon eine ganze Weile so. Ich würde so gerne, aber sie haben natürlich ihren eigenen Geschmack und das muss ich respektieren.

isabel

Wie fühlt es sich an, jetzt so große Kinder zu haben?

Es ist toll. Die beiden sind großartige Mädels. Man kann sich auf sie verlassen, sie sind witzig und klug. Was will man mehr. Es gibt tatsächlich nur einen einzigen Streitpunkt und das ist die Ordnung im Zimmer. Mir fällt zum Teil die Kinnlade runter, wenn ich reinschaue, aber ich versuche, mich zu entspannen und führe mir immer wieder vor Augen, dass das “Teenagersein” nicht einfach ist. Die Hormone spielen einfach verrückt. Aktuelles Hindernis ist vielleicht das Essen. Wir kaufen und kochen immer mit hochwertigen Lebensmittel. Und wenn Du für 5 Leute planst und 1-2 dann am Abend nach Hause kommen und keinen Hunger mehr haben, dann tut mir das echt leid. Ansonsten sind die beiden schon viel unterwegs, übernachten bei Freunden, gehen zum Sport.
Was auch genial ist: Wenn Parwis und ich uns am Nachmittag schreiben, dass wir viel Arbeit auf dem Tisch haben und erschöpft sind, dann können wir trotz kleiner Helena ganz spontan sagen: Lass uns nach der Arbeit alleine etwas Essen oder einen Wein trinken gehen. Dann sind wir einfach mal spontan zu zweit bei uns im Kiez und Helena bleibt bei den großen Schwestern und darf ausnahmsweise fernsehen, bis die Augen eckig sind. Kommt nicht häufig vor, aber die Freiheit ist da.

isabel

Und wie ist es für Helena mit den großen Schwestern?

Helena ist quasi der Chef unter den Dreien. Für die Großen ist das manchmal ziemlich anstrengend. Und doch finden sie sie so süß, geben ihr das zu spüren und dann fühlt sie sich noch mehr wie die Prinzessin auf der Erbse. Sie liebt ihre Schwestern sehr. Immer, wenn sie nicht da sind, fragt sie, wann sie endlich wiederkommen und sagt, dass sie “die Schwestern” so vermisst. Und sie flippt aus, wenn es heißt “Schwestern-Abend”. Ich glaube, sie selbst fühlt sich genauso alt wie die Großen. Sie sieht gar keinen Altersunterschied.

isabel

Haha, das klingt wunderbar! Danke, Melanie!

Melanie Jharad mit Jamilah (15), Vienna (12) und Helena (4), Mai 2019

Fotos: Lina Grün

Interview: Isabel Robles Salgado