Hinreichend gute Mütter. Ziemlich gut. Gut genug!

22. April 2015 | in Familie | Gesellschaft | Muttergefühle

Gestern stieß ich auf einen Whatsapp-Chat mit einer Freundin, die fast gleichzeitig Mutter geworden ist wie ich und scrollte mal nach oben. Was ich da laß, amüsierte mich. Und überraschte mich auch!

Was war ich unsicher in den ersten Monaten als Mutter. So viele Fragen! Wie oft stillst du? Manchmal lässt er sich kaum beruhigen, ist das normal? Ich bin so fertig. Schläft deiner im eigenen Bett? Meiner hasst den Kinderwagen. Meiner die Trage!

Ich wollte alles richtig machen und natürlich wollte ich eine gute Mutter sein. Ich laß Bücher, ich diskutierte jede kleine Frage durch. Ich bildete mir Meinungen und überwarf sie wieder. Ich dachte: so läufts! So mach ich das! Und am nächsten Tag machte ich das Gegenteil.

Heute bin ich immer noch oft unsicher. Manchmal liege ich nachts wach, weil ich an meinem Mutterdasein zweifle. Aber ich weiß mittlerweile immerhin, dass man gar nicht alles richtig machen kann und das auch nicht muss. Dass man ohnehin immer sein bestes gibt und dass man beim ersten Kind auch einfach „Anfänger“ ist.

Der Begriff “gute Mutter” macht mich aber immer noch fix und fertig. Dabei kenne ich keine einzige “nicht gute” Mutter. Jede Frau die ich kenne, die ein Kind bekommen hat, macht das auf ihre Art und Weise total toll. Manche übertreibens ein bisschen, wenn ihr mich fragt, andere machen ganz stark ihr eigenes Ding, viel mehr als ich das je könnte. Aber niemals würde ich in Frage stellen, dass all diese Frauen gute Mütter sind. Wie käme ich dazu? Die einzigen, die das bewerten dürfen sind doch die eigenen Kinder, oder? Irgendwann, wenn sie alt genug sind, zu reflektieren. Und auch dann bleibt dieses „Bin ich eine gute Mutter“ Ding eine Sache zwischen eben dieser Mutter und ihrem Kind oder ihren Kindern.

Der deutsche Gute Mutter Mythos

Für wen versuchen wir eigentlich, eine gute Mutter zu sein? Doch hoffentlich für unseren Kinder, oder? Nur werde ich das Gefühl nicht los, dass wir es auch und eigentlich jemand anderem beweisen wollen…. “DIE GUTE DEUTSCHE MUTTER”. Dieser Begriff lässt mich immer noch nachdenken. Der Mythos und vor allem die Tatsache, dass wir ihn noch lange nicht los sind. Der Kampf zwischen arbeitenden Müttern und solchen, die zuhause bleiben. DU vernachlässigst dein Kind und DU bist eine Glucke. Dabei wissen beide doch sicher am besten, was für die eigenen Kinder das Richtige ist. Und dieses schlechte Gewissen, das wir Mamas immer noch haben, wenn wir mal etwas nur für uns tun. Wir haben das alle in uns!

Was macht also eine gute Mutter aus? Ich glaube, Mutter sein und ein einigermaßen guter (und mental gesunder) Mensch sein, das reicht vermutlich. Oder wisst ihr was, vielleicht müssen wir auch keine guten Mütter sein. Vielleicht sind mittelmäßige Mütter das, was unseren Kindern am besten tut!

Es sind aber vor allem drei Kriterien, von denen ich immer dachte (BEVOR ich selbst ein Kind bekommen habe, wohlgemerkt!), sie machen eine Frau zu einer guten Mutter. Es schockt mich selbst, dass ich das so empfunden habe. Aber der Gute-Mutter-Mythos hängt eben auch in mir nach. Und er zerbröselt erst ganz langsam und mit jedem Jahr, in dem ich selbst Mutter bin, mehr. Weil ich leider kein Kriterium erfülle.

  1. Völlige Selbstaufgabe

Ich tue alles für mein Kind, auch wenn es mir selbst nicht gut tut oder ich es selbst nicht will. Das finde ich heute völligen Quatsch. Denn nur eine glückliche, gesunde, ausgeglichene Mutter kann ihrem Kind gerecht werden. Ich glaube, bis zu einem gewissen Grad ist Aufopferung gut und das bringt das Kinderkriegen wohl so mit sich. Man kommt nicht drum rum, sich in den ersten Monaten komplett auf das kleine Wesen zu fokussieren, zu stillen, zu füttern, zu kuscheln, zu tragen, zu beruhigen, zu trösten. Später wird das eigentlich nur langsam weniger. Und der Abstand von mir selbst hat mir persönlich sogar gut getan! Trotzdem plädiere ich immer für eine gute Portion Egoismus bei Müttern. Die ist einfach gesund!

Wir alle tun sowieso die ganze Zeit Dinge ausschließlich für die Kinder, wir tun sie ja sogar gerne… Und oft haben wir keine Wahl! Abends lese ich beispielsweise im Moment im Schnitt fünf Mal den Bieber oder Bienchen Bär, obwohl ich so viel lieber Nachrichten sehen würde. Oft schlafe ich dann mit Xaver ein, was mich nervt, den Abend hätte ich viel lieber mal mit meinem Mann verbracht! Ich putze seine Haferflocken morgens weg, eine klebrige Angelegenheit, obwohl ich putzen hasse. Ich wickele ihn, obwohl, naja sagen wir mal: es macht mir einfach wirklich überhaupt keinen Spaß mehr. Zeit für mich ist rar, der kleine Mann hat schon ziemlich mein Leben eingenommen, machen wir uns nichts vor!

Solche kleinen Dinge meine ich aber eben nicht, ich meine die Fälle, wo gewisse Dinge eine Mutter wirklich stören, sie sie als Belastung empfindet, seelisch oder körperlich. Und sie sich trotzdem durchquält, weil sie meint, es sei das vermeintlich Beste für das Kind. Wir müssen alle aufpassen, uns nicht zu übernehmen. Burnout bei Müttern steht auf der Tagesordnung und das auch, weil wir alle ein bisschen diese Prämisse der Selbstaufopferung im Kopf haben. Wir müssen uns alle immer wieder gegenseitig ermahnen, das nicht zu tun und nicht etwa umgekehrt!

Wenn ich also auf Instagram das Bild einer Mutter sehe, die ihren 2-jährigen Sohn in der Trage trägt und schreibt: “mein Rücken tut soooo weh aber ich trage dich weiter!” Dann möchte ich darunter lesen: Spinnst du? Geh zum Arzt, lass dich massieren! Anstatt (und so stand es leider drunter): Ach du bist so eine tolle Mama. Ich bewundere deine Stärke.

Das ist jetzt nur ein Beispiel. Aber irgendwie bestärken wir Frauen uns doch wirklich immer noch gegenseitig in unserer Aufopferung. Ich kenne das von mir selbst und wenn ich eine ganz besonders anstrengende Xaver-Aktion hinter mir habe, wünsche ich mir auch immer jemanden, der mir auf den Rücken klopft und sagt: Du machst das toll. Aber eigentlich ist das doch Bullshit. Sobald man regelmäßig Dinge für sein Kind tut, die einem selbst schaden, oder die man nicht will, die einem zu viel sind – muss Schluss sein.

  1. Hausfrauliche Qualitäten

Aus irgendeinem Grund hatte ich “Mutter” immer in einen Topf mit “Hausfrau” geworfen. Ist das nicht komisch? Ich, die mit einer alleinerziehenden, immer arbeitenden Mutter aufgewachsen ist, und nie eine Hausfrau als Vorbild hatte? Vielleicht habe ich mir heimlich gewünscht, an meinen hausfraulichen Qualitäten würde sich mit der Geburt von Xaver etwas verbessern. Ich weiß schon immer, dass mich hierfür nie ein Mann heiraten wird.

Nun, dem ist leider nicht so. Und es muss ja auch nicht so sein. Ich bin nach wie vor eine grottige Hausfrau. Stattdessen bin ich Meisterin der Organisation geworden. Ich habe eine Putzhilfe, die bei uns den Laden schmeißt (ein Luxus, den ich mir übrigens leiste, seit ich ein regelmäßiges Gehalt habe und auf den ich niemals wieder verzichten möchte…) und der Mann wird auch schön eingespannt. Die Wäscheberge bewältige ich jetzt im Akkord, weil mich der Wäscheständer so stört, wasche ich nur noch an 2 Tagen in der Woche, dafür permanent. Wäsche zusammenfalten mache ich flink wie keine andere. Ich bin Meisterin der schnellen, leckeren Gerichte geworden, ich kann gleichzeitig Tee kochen, Essen machen, die Spülmaschine ausräumen und eine Grundordnung schaffen. Kochen tut aber meistens der Mann, ich bin dafür supergut im Rezepte und spezielle Ingredienzien raussuchen. Ist doch auch was, oder? Und ich kaufe andauernd frische Blumen. Wenn schon der Boden klebt, dann soll es wenigstens auf dem Tisch blühen.

Bei uns sieht es meistens aus wie bei Hempels und ich komme nie hinterher. Aber Xaver stört das nicht, im Gegenteil.

  1. Basteln und sowas

Mir macht das einfach dooferweise echt nicht so viel Spaß! Vielleicht kommt das noch, aber ich bin einfach nicht sonderlich begabt und kreativ, was DIY angeht. Dabei finde ich es toll, aber im Prinzip bin ich sehr froh, dass in der Kita so viel und so geduldig mit Xaver gebastelt und gemalt wird. Jede Woche habe ich neue Kunstwerke im Fach und letztens habe ich ihm sogar ein “Dein Bild ist mit Abstand das Schönste” ins Ohr gehaucht, mich dafür sofort geschämt (Himmel, er ist ZWEI! und so sieht das Bild auch aus!) Aber ich habe es wirklich empfunden. Soviel Mutterliebe und DIY-Empfinden habe ich immerhin!

Marie und ich haben vor kurzem leicht entsetzt festgestellt, dass 90% der Mama-Blogs aus den USA, denen wir folgen – vor allem die richtig guten, mit richtig vielen tollen crafty Ideen und Rezepten – von mormonischen Hausfrauen geführt werden. Nicht dass wir uns hier als Religionskritiker hervortun wollen, aber der mormonische Glaube vertritt ein SEHR traditionelles Frauenbild (wobei ich diesen Begriff nicht mag, den eigentlich hat die Moderne diesen Frauentyp geschaffen…), diese Frauen machen also wohl wirklich nichts anderes den ganzen Tag über als kochen, backen, basteln, werkeln und dekorieren und das aus einer tiefen Überzeugung heraus. Das muss man sich mal vor Augen halten, wenn man denkt: warum hab ich denn nur keine Lust auf Basteln. Also. Ich sags euch ganz ehrlich, ich finde all diese Dinge toll, wirklich! Ich wünschte, ich würde gerne stricken, häkeln und basteln. Aber mir fehlen die Muse, das Talent und vor allem die Zeit…

 

Ach und wisst ihr was? Ich halte mich mittlerweile für hinreichend gute Mutter. Ziemlich gut zumindest. So einigermaßen. Gut genug! Oder eben mittelmäßig genug. Das Prinzip der „good enough mother” von Donald Winnicott ist wohl genau meines. Ich bin immer noch Anfänger, aber ich glaube, bei uns läuft alles schon ganz okay.

  • Obwohl ich mich selten aufopfere.
  • Obwohl ich nicht gerne koche und putze.
  • Obwohl ich nicht gerne bastle.
  • Obwohl ich meinem Sohn niemals so eine superfantasievolle Snack-Box zubereiten werde (glaube ich jedenfalls).
  • Obwohl ich ihm Pulvermilch gegeben habe (aber nur die gute Holle natürlich!).
  • Und auch manchmal ein Fertig-Gläschen.
  • Obwohl es bei uns manchmal Fertig-Pizza vor dem Fernseher gibt (wirklich GANZ selten!).
  • Obwohl ich die Zeit ohne ihn SO genieße.
  • Obwohl er nur eine Sprache lernt und ich freies Spiel wichtiger finde als Frühförderung (ob ich ihm jetzt schon Zukunftschancen verbaue?).
  • Obwohl ich wirklich oft genervt von ihm bin und das auch nicht vor ihm verstecke.
  • Diese Liste ist Endlos. Die Liste der „Rabenmutter“- Kriterien, die ich alle gemacht habe und immer noch mache!

 

Aber: Sein Befinden und sein Glück sind mir das Wichtigste auf der Welt! (Gleich danach komme aber ich). Ich scheitere täglich am Gute Mutter Bild – an all den schönen Bildern! Und habe mich damit abgefunden. Dafür gebe ich mir immer noch Mühe. Ich versuche, meinem Kind die stabile Familie zu bieten, die ich selbst nie hatte. Ich versuche authentisch, aber nicht unfair zu sein. Versuche, ihm Wurzeln und Flügel mitzugeben. Wenn Xaver und ich im Clinch sind, oder ich merke, dass es ihm nicht gut geht, mache ich mir unendlich Gedanken über meine Fehler, versuche, daraus zu lernen. Trotzdem werde ich nie alles richtig machen können. Irgendeinen kleinen Knacks wird er sicher davon tragen…

Irgendwann werden wir darüber sprechen. Er wird mich bewerten, wird mir sagen, was er richtig doof fand und findet. Wird mir sagen, ob ich meinen Mama-Job gut gemacht habe. Es wird noch ewig dauern, bis es zu diesem Gespräch kommt, aber ich hoffe jetzt schon, ich komme einigermaßen gut davon! Er darf das aber eben auch. Er darf mich irgendwann bewerten.

Alle anderen nicht.

lovefunny

 

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