Wir schreiben das Jahr 2020 – aber ganz oft könnte man auch denken, es sei 1950

08. December 2020 | in Gesellschaft | Vereinbarkeit

“Beim Elternabend sollten wir einen Kontakt für Notfälle eintragen – und zwar explizit den der Mutter. Auf Nachfrage hieß es, die Papas wolle man tagsüber nicht bei der Arbeit stören.”

“Mein Mann geht immer mit unserer Tochter zum Friseur. Als ich das nach einigen Jahren mal gemacht habe, sagte die Friseurin: “Ich dachte, sie wären tot.””

Man sollte ja denken, so etwas gäbe heutzutage nicht mehr. Dem ist aber überhaupt nicht so. Dass Väter sich um ihre Kinder kümmern? Wow. Dass Mütter berufstätig sind? Also, wenn dann nur Teilzeit. Unter dem Hashtag #MeanwhileimJahr2020 sammelt Alexandra Zykunov, Head of Content Innovation bei der BRIGITTE-Gruppe Absurditäten aus dem immer noch so wenig gleichberechtigten deutschen Alltagswahnsinn. Wir haben sie mal gefragt, wie es dazu eigentlich kam. Und ein paar “Fälle” gesammelt!

Liebe Alex, was ist eigentlich die Story hinter #meanwhileimjahr2020 ?

Ehrlich gesagt, erinnere ich mich gar nicht mehr daran, wie es damit los ging. Ich weiß nur, dass es schon viele #meanwhileimjahr2019 gab, denn da fing ich damit an, diese absurden Geschichten, die mir andere Eltern (meist Mütter) zugeschickt haben, zu sammeln. Es sind kleine Anekdoten, Dialoge und Situationen, die Eltern heute im Jahr 2019 oder eben 2020 und bald auch 2021 passieren, die einfach absurd nach 1950 klingen – aber eben leider offenbar immer noch überall im Land passieren und für normal gehalten werden. Ich begann also, die Geschichten zu screenshotten und anonym in meinen Storys zu veröffentlichen. Dadurch fühlten sich gerade viele Mütter offenbar abgeholt, sie erkannten sich in vielen Situationen wider und schickten mir daraufhin ihre Geschichten und so langsam ging das Ding viral. Irgendwann habe ich sie in der BRIGITTE veröffentlicht, für das Heft arbeite ich auch als Redakteurin, auch daraufhin bekam ich Zusendungen von ähnlichen Fällen. Je breiter ich über die Meanwhiles berichte, desto mehr kriege ich zugeschickt. Es ist schon auch absurd, wie konservativ und teilweise altbacken die Mutter- und Vaterbilder und allgemein Rollenbilder von Eltern heute in Deutschland immer noch sind. Bestätigte erst letzte Woche wieder eine Studie: Deutschland steckt, was die Rollenbilder von Hetero-Partnerschaften mit Kind angeht, noch ganz tief in den 1950er fest.

Gibt es bei dir auch noch Situationen, wo du denkst: Was mache ich da eigentlich?

Du meinst, wenn ich in alte Rollenmuster verfalle? Natürlich! Wir müssen verstehen, dass das nicht einfach so weggeht. Die Rollen- und vor allem Mutterbilder, die immer noch unser Verständnis “wie eine Mutter zu sein hat” und wie “ein Vater zu sein hat” prägen, sind ca. 5000 Jahre alt. Diese Sozialisation ging an uns nicht spurlos vorüber, natürlich auch an mir nicht. Erst jetzt erwischte ich mich dabei, wie der Mann und ich uns zwar grob alles mehr oder weniger 50/50 aufteilen, was die tägliche Care-Arbeit angeht, was aber Adventskalenderbastelei oder auch Geschenkebesorgungen, Wunschlisten an den Weihnachtmann schreiben, Geschenke einpacken, Wohnung dekorieren “ganz automatisch” von mir erledigt wurde. Warum? Weil man das halt so macht. Unsere Elternzeit beim ersten Kind teilten wir uns z.B. auch klassisch auf, ich 12 Monate, er 2 Monate. Warum? Auch weil man das halt so macht, außerdem war ich die erste in meinem Freund*innenkreis, die Kinder bekam, also orientierten wir uns an anderen Paaren, die allesamt das klassische Modell lebten. Oder als wir uns während der Elternzeit unseres zweiten Kindes eine kleine Wohnung gemeinsam als Kapitalanlage und Altersvorsorge angeschafft haben, entschieden wir uns dafür, dass wir auch die zweite Elternzeit klassisch aufteilen – schließlich verdiente der Mann mehr und wir mussten den Kredit abbezahlen. Nur war das im Nachhinein auch Quatsch – den Kredit bezahlen wir ja noch die nächsten 20 Jahre, 7 Monate mehr oder weniger, machten da fürs Abbezahlen null Unterschied. Aber meine Weichen als Frau im Beruf stelle ich damit eklatant schon in eine gewisse Richtung auf. Es griff eben auch da schon wieder dieses “Der Mann verdient mehr, also sollte die Frau in Elternzeit gehen”. Ich kriege dieses Argument oft zu hören, und tatsächlich ist die Ausgangssituation, von der aus ich argumentiere, sehr privilegiert. Meist ist 50/50 tatsächlich leichter, wenn beide Partner (falls vorhanden) ungefähr gleich viel verdienen. Nur gibt es Untersuchungen, die zeigen, dass gerade privilegierte Paare, die oft ähnlich viel verdienen, besonders in diese alten Rollenmuster fallen – das ist ein Problem, weil sie eigentlich voran gehen und die alten Strukturen aufbrechen müssten, auch für die, die diese Privilegien nicht haben, aber sie tun es nicht. Geld, Mutterbild, Erziehung – das sind leider auch alles hoch emotionale und teilweise sehr tabuisierte Themen. Da kriege ich oft auch Gegenwind in den Kommentarspalten. Ich habe eine Soziologin in einem Interview mal gefragt, warum das so ist. Sie meinte, niemand möchte gern darauf hingewiesen werden, dass er oder sie doch nicht so modern und gleichberechtigt leben, wie sie eigentlich dachten. Das ist sicherlich ein Punkt. Ich finde nur, wir sollten den überwinden und lieber endlich mal nach den Gründen fragen, warum wir plötzlich einen konservativen Weg einschlagen, sobald Kinder ins Haus kommen. Was mich auch ärgert, ist wenn argumentiert wird: “Na ja, die Frauen wollen es ja so, selbst Schuld.” Aber das Problem sind nicht die Frauen, das System ist kaputt! Dinge wie Ehegattensplitting, systematische Diskriminierung von Müttern aufm Arbeitsmarkt, unerreichbare Mutterideale und Erwartungen von außen. Darüber müssen wir reden.

Es sind ja oft LehrerInnen und ErzieherInnen, die Sprüche machen. Was kann man denn dagegen tun?

Einfach freundlich drauf ansprechen. Aber ohne erhobenen Zeigefinger oder vorwurfsvoll, so will sicher niemand überzeugt werden. Ich “verbrüdere” mich (allein dieses Wort schon, warum gibt es kein “verschwestern”?) jedenfalls verbrüdere ich mich dann mit ihnen und sage so etwas wie: “Sagen Sie doch gern auch dem Papa, dass das Kind neue Windeln braucht. Er darf sich auch gern verantwortlich fühlen, oder? Sonst kommen wir ja nie aus den alten Rollenmustern raus” und lächele dann. Damit fahre ich immer sehr gut und blöd nahm mir das bisher niemand, weil am Ende wollen die Lehrer*innen und Erzieher*innen doch hoffentlich auch, dass wir gleichberechtigter sind und leben. Das Einzige, was man falsch machen kann, ist: es nicht anzusprechen und sich hinterher darüber zu ärgern. Wie gesagt: Die Sozialisation sitzt seit 5000 Jahren tief in uns, man muss uns und andere immer und immer und immer wieder drauf aufmerksam machen.

Dein liebstes Beispiel sind Elternabende. Ich merke immer, dass ich es schon super fortschrittlich finde, wenn wenigstens ein paar Väter da sind….

Ja, das ist leider sehr traurig, dass man sich darüber schon freuen muss und es steht für so vieles. Mamas haben sich offenbar mehr für die Schulbelange ihrer Kinder zu interessieren als Väter. Warum? Mamas sind wohl besser darin, sich Sachen besser zu merken, aufzuschreiben. Warum? Und vor allem: was für ein Quatsch und welch bequeme Einstellung für die besagten Väter: “Schatz, ich kann mir das nicht so gut merken, geh du lieber hin.” Dabei hängt an den Elternabenden ein gigantischer Rattenschwanz an Mental Load. Es ist ja nicht nur der eine Abend. Dort werden Termine festgelegt, Verantwortlichkeiten verteilt, Vertreter*innen gewählt und plötzlich steckt man in mehreren Whatsapp-Gruppen, muss den Überblick behalten, wann die nächsten Ausflüge, Feste und Kuchenbasare sind, wer was wann mitzubringen und zu machen hat und und und. Und wer kümmert sich jetzt zusätzlich auch noch da drum? Natürlich gibt es genug Mütter, die da einfach Lust drauf haben, das ist klar und auch wunderbar! Nur: Väter haben da vielleicht auch Bock drauf? Beziehungsweise sollten wir doch einfach anstreben, dass es einigermaßen 50/50 ist bei dieser Aufteilung, weil eine gerechte und sichtbare Aufteilung, auch andere Paare dazu bringt, ihre Verantwortlichkeiten wirklich frei zu wählen, weil sie sehen, dass es so und so gehen kann und man keine schrägen Blicke mehr erntet, weil man das anders macht als der Mainstream.

Und Chefs bzw. Chefinnen? Gerade im Arbeitsumfeld trauen sich echt wenige, was zu sagen. Wie könnte man das elegant lösen?

Ehrlich gesagt – und ich spreche auch hier aus einer privilegierten Situation heraus und es mag radikal klingen, aber – die Zeit für “elegante” Lösungen ist definitiv vorbei! Wir sehen es jetzt auch an der Quote: Seit mehr als 10 Jahren wurde elegant versucht, dass die Chefetagen (und ja, ich gendere hier absichtlich nicht), freiwillig dafür sorgen wollten, mehr Frauen in die Vorstände, Chefetagen und Co zu bringen und freiwillig ihre Macht ein Stück weit abzugeben, ja. Aber freiwillig passiert da nichts. Und in der Berufswelt ist es genau so. Meiner Meinung nach sind es hier vor allem die Männer, also die Väter, die gefragt sind. Leider Gottes haben Männer pauschal gesehen einen höheren Wert auf dem besserverdienenden Arbeitsmarkt: Frauen, die Kinder erwarten, werden oft ausselektiert, ihnen werde Projekte gestrichen, Leitungen unter Vorwand anderer Gründe aberkannt – nach dem Motto: Oh nein, eine werdende Mutter ist eine Schwachstelle für unsere Firme, bloß weg mit ihr. Väter in spe werden hingegen geradezu gefeiert und befördert. Nach dem Motto: oh nein, nicht, dass der in Elternzeit geht oder länger aussetzen will, oder noch schlimmer – sich nach einem anderen Unternehmen umschaut – schnell eine Beförderung anbieten, den müssen wir unbedingt halten. Dass es so ist, ist traurig genug. Hier gilt es das System mit seinen eigenen Waffen zu schlagen: Wenn Väter als wertvoller gelten, müssen auch gerade sie jetzt Ansagen machen: “Hey Firma, werdet familienfreundlicher, sonst gehe ich! Macht keine Besprechungen nach 16 Uhr, sonst gehe ich! Unterbindet Sprüche wie “Warum hütest du das kranke Kind zu Hause? Du hast doch eine Frau zu Hause!”, sonst gehe ich! Und auch: “Ich finde es schwierig, wie ihr die schwangere Kollegin behandelt, das trage ich nicht mehr mit!” Auch hier spreche ich gezielt die privilegierten Familien und Eltern an, die es sich leisten könnten, ihren Job zur Not auch aufzugeben und zu wechseln, und nicht die, die eh schon am Existenzminimum leben oder gar alleinerziehend sind. Es sind definitiv die Eltern mit Privilegien, die hier vorangehen sollten und die alten Rollenmuster aufbrechen sollten, die es aber wie gesagt, erwiesenermaßen leider noch viel zu wenig tun.
Wie fändest du eine Pflicht-Elternzeit für Väter?

Genial! Der erste Schritt war es ja, dass man länger Elterngeld nur dann bekommt, wenn auch die Väter in Elternzeit gehen. Nur reichen zwei Monate hier nicht mehr aus. Ich fände es gut, wenn man hier die Vätermonate auf z.B. 6 Monate hinaufsetzen würde. Ich denke, das wäre ein gigantischer Anreiz.

Und wie familienfreundliche Pflicht-Aufgaben für Unternehmen?

Ich denke, dass sich 5000 Jahre Strukturen niemals durch private Entscheidungen einiger weniger aufbrechen lassen. Das sollte auch nicht ihre Aufgabe sein, so wälzt man die Verantwortung für eine gleichberechtigte Gesellschaft an das Individuum ab. Es mag radikal klingen, aber ich denke, dass tatsächlich nur in Zusammenarbeit mit Pflichten, Quoten oder ähnlichen verpflichtenden Instrumenten in und aus Wirtschaft und Politik hier wirkliche Veränderungen hervorgebracht werden können.

Hast du sonst noch Ideen, wie wir in Sachen Rollenbilder weiterkommen?

Die großen Insta-Accounts ab zehntausend Follower*innen (meist Frauen*) aufwärts müssen sich ihrer Vorbildfunktion klar werden und sollten darauf achten, bei ihren Inhalten nicht nur solo “weibliche” Themen wie Putzen, Dekorieren, Schminken, Anziehen und ja eben auch Kindergeburtstage, Geschenke verpacken und Co. zu zeigen. Sondern auch thematisieren, was davon die Partner übernehmen (wenn es welche gibt) oder warum sie nicht mehr übernehmen etc. Selbiges gilt für Medien und Werbung. Was wir sehen, schafft Realitäten. Und was wir folglich nicht sehen, findet nicht statt oder ist uns fremd, wirkt nicht “normal”. Ich kann es wirklich nicht mehr ertragen, dass wir im Jahr 2020 auf Werbeplakaten für Erkältungsmittel nur Mamas sehen, die ihre Kinder pflegen, unterm Weihnachtsbaum nur Mamas die besten Geschenke machen und zum Muttertag von eben diesen Werbeplakaten völlig idiotisch dargestellte und verballerte Väter dümmlich mit den Schultern zucken, weil sie eben nicht wickeln, kochen oder das Bett richtig beziehen können. Wir müssen wirklich aufhören, diese urveralteten Rollenbilder immer und immer wieder zu reproduzieren.

Und: Hast du dieses Jahr eigentlich einen Adventskalender gebastelt?

Jein. Ich beschäftige mich mit den Rollenbildern und den Fallen, in die wir hier immer wieder tappen erst seit der Geburt meiner Kinder, also so richtig erst seit so 5/6 Jahren. In genau dieser Zeit habe ich auch einen Adventkalender zum immer wieder Befüllen gekauft, weil ich ihn bei einer anderen Mutter gesehen habe. Ich fand ihn hübsch und habe die folgenden 5 Jahre damit verbracht, mich um das Befüllen zu kümmern. Warum? Dieses Jahr saß der Mann am 30.11. abends daneben, ein bisschen wie vor einem Fremdkörper, weil er mit dem Ding noch nie was zu tun hatte. Wir gingen durch, wie viel Türchen wir schon haben und was noch fehlt. Die fehlenden Sachen sollte er besorgen. Es war ein bisschen wie mit der Einkaufsliste: der Mental Load der Planung lag immer noch bei mir, das Besorgen der Dinge auf der Liste bei ihm. Wo Geschenkpapier und Co. lag, musste ich ihm auch erst zeigen. Gleichzeitig raunzte er mich an, dass er doch schon so viel anderes im Haushalt und in der Care-Arbeit mache, und man 50/50 jetzt nicht überall auf Krampf durchziehen müsse. Ich weiß noch nicht, was ich von dieser Antwort halten soll. Es stimmt, er hat irgendwie Recht. Aber gleichzeitig sehe ich nicht ein, warum ich den ganzen November und Dezember für die ganze Geschenke-Schmück-Advents-Back-Verpackungs-Kerzen-Kranz-Weihnachtsbaum-Arie alleine verantwortlich sein soll. Ich denke, nächstes Mal werde ich den ganz simplen Tipp einer Followerin befolgen: einfach die Türchen aufteilen – 12 besorge ich, 12 er – und zwar (ganz wichtig) ohne Tipps oder Verbesserungswünsche des jeweils anderen 😉 Ich sprach hier viel darüber, was Väter jetzt leisten müssten. Loslassen – das ist immer noch etwas, was wir Mütter lernen müssen. Nicht leicht, wenn uns das “loslassen” aber seit 5000 Jahren quasi verboten wurde. Es ist noch viel zu tun. Aber es wird viel mehr darüber geredet, ich hoffe und denke, wir sind auf einem guten Weg.

Das denken wir auch! Danke für dein Engagement, Alexandra!!

Foto: Andreas Sibler für BRIGITTE

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