Wie viel Zeit braucht ihr für euch selbst?

19. September 2018 | in Alltag | Familie

Das ist etwas, was mir oft auffällt, wenn ich mit Müttern spreche, die (zumindest scheinbar) mehr auf die Reihe kriegen als ich. Sie sagen: “Ich brauche nicht so viel Zeit für mich. Ich bin gerne mit der Familie zusammen.”

Ergo: daran sparen sie. Und deshalb bleibt mehr Zeit für alles andere.
Auch Väter sagen das oft. Außerhalb der Arbeit seien sie sofort 100% bei der Familie. An den Wochenenden sowieso. Interessanterweise sind es bei näherem Hinsehen dann aber doch die Väter, die ein Mal pro Woche einen Jour Fixe haben, sei es um Sport zu machen, oder mit Freunden ein Bier trinken zu gehen. Aber das ist ein anderes Thema. Wobei?

Jedenfalls: Ich fühle mich immer ein wenig schlecht, wenn ich so etwas höre. Denn ICH brauche Zeit für mich. Und zwar sowas von. Das Bedürfnis danach steht auch ziemlich weit oben auf meiner Prioritäten-Liste muss ich sagen.

Ganz oben auf der Prio-Liste!

Dabei entscheidet natürlich jeder selbst, was er als “Zeit für sich” definiert und wieviel davon er benötigt. Ich brauche zum Beispiel den berühmten Kaffee in Ruhe am Morgen, auf den viele schwören nicht unbedingt. Meinen Kaffee trinke ich gerne im Kinder-Gewusel und manchmal sogar noch im Bett, mit mindestens einem Kind an mich rangekuschelt.

Aber ich brauche Zeit, um Sport zu machen, zu lesen, manchmal auch gerne, um einfach ein bisschen rumzudümpeln. Mal nicht reden, für niemanden da sein, nicht für meinen Partner, nicht für meine Kinder. Oder um mit Freundinnen zu lachen und zu quatschen und das eben nicht zwischen Sandkiste und Schaukel auf dem Spielplatz.

In der Praxis bedeutet das: Wenn der Mann abends nicht da ist, freue ich mich diebisch. Ich bringe die Kinder ins Bett, versuche ganz doll, nicht mit ihnen einzuschlafen. Dann mache ich mir Tee, verteile überall im Wohnzimmer meine Zeitung, schaue Dokus und Filme an. Herrlich.

Lange Arbeitstage – mein wöchentlicher Kurzurlaub

Plus: Momentan habe ich jede Woche einen oder sogar zwei Tage, an denen ich lange arbeiten kann. Ich genieße die Stunden im Büro ohne Stress, manchmal schaffe ich es mittags zum Yoga. So ein ganzer Arbeitstag ohne familiäre Verpflichtungen – herrlich. Wenn ich abends nach Hause fahre, im Feierabend-Verkehr, wohlwissend, dass meine Liebsten bereits zuhause sind, vielleicht schon bekocht werden, dass ich ganz ICH sein kann, ohne mich in erster Linie als Mutter zu fühlen – jeden Abend lässt das mein Herz hüpfen. Ich bilde mir auch ein, dass ich an diesen Tagen sehr entspannt nach hause komme und die Stunden mit den Kindern, bis sie ins Bett gehen,  sehr intensiv genießen kann.

So weit, so gut.

Denn das Problem ist: der Mann braucht auch Zeit für sich. Wir sind beide gute „Alleineseier“, schon immer gewesen. Naja und der Tag hat eben nur 24 Stunden. 8 davon schlafe ich gerne, auch mal 9. In die restlichen Stunden Familienzeit, Arbeit, Erledigungen, Haushalt, Paar-Zeit UND Allein-Zeit zu packen – das klappt nie. Meine Zeitaufteilung ist entsprechend nie ausgewogen, es kommt immer mehr als eine Komponente zu kurz – und das ist sicher auch einer der Gründe, warum ich selten das Gefühl habe, alles gebacken zu bekommen.

Aber irgendwie bekommen wir es gefühlt trotzdem hin. Weil wir um die Bedürfnisse des jeweils anderen wissen und das mit einplanen. Seit beide Kinder aus dem Allergröbsten raus sind versuchen wir, uns gegenseitig immer mehr zu gönnen. So war mein Mann jüngst alleine im Urlaub.

Und nicht lange danach war ich ein Wochenende alleine unterwegs. Habe Freunde getroffen, auch Freunde mit Kindern. War in Museen und in tollen Restaurants, dachte immer wieder: ich hätte den Großen mitnehmen können. Aber nein: das war mein Wochenende. Wieder zuhause war nichts schöner, als die Kinder wiederzusehen, sie mit Geschenken zu überhäufen und zu spüren, wie sehr sie mich vermisst haben (ich sie auch). Sie haben den ganzen Abend an mir drangeklebt und sich nachts sogar fast um mich gestritten. Aber das alles fühlte sich gesund an. Nicht nach schlechtem Gewissen, sondern nach einem Ausgleich, der allen gut tut.

Das ist es nämlich: Ich genieße es manchmal, meine Kinder zu vermissen. Nur wenn ich den Kontrast ab und zu habe – KEINE Kinder und KEINE Familie, dann kann ich mein schönes Familienleben so richtig wertschätzen. Die Zeit allein ist immer wunderbar ruhig, aber auf Dauer eben auch: ein bisschen leise, ein bisschen leer. Ja, wirklich, im Alltagstrott verfalle ich sonst viel zu oft in den Jammer-Modus, weil alles so anstrengend ist und ich zu wenig Pausen habe. Dabei wollte ich immer Familie haben und bin sehr sehr zufrieden mit meinem Lebensmodell. Wenn ich öfter raus kann: bin ich zufriedener.

No Way Back

Das Doofe ist ja: wenn man sich für Familie entscheidet, dann ist das ein großer Schritt in ein völlig anderes Leben. Und es gibt keinen Weg zurück. Man ist dann für immer Eltern. Und für kurze Zeit zurückzureisen, in das, was vorher war, auch wenn es natürlich nur gefühlt ist – das liebe ich. Manchmal erzähle ich dann auf einer Party kinderlosen Menschen von meiner Familie und alle so: du hast KINDER?! Manchmal spreche ich auch bewusst nicht darüber und alleine der Gedanke, dass jemand denkt, dass ich einen ganz anderen Lebensentwurf lebe – der gefällt mir irgendwie.

So ist das also bei mir. Ich brauche nicht nur viel Zeit für mich, ich nehme sie mir auch recht schamlos und genieße sie ohne schlechtes Gewissen. Und ich habe das Gefühl, dass meine Familie in einem viel gesünderen “Flow” ist, wenn alle ihre Auszeiten haben.

Das gute alte schlechte Gewissen

Dennoch – so ganz ohne Gewissen geht es nicht. Ich bin ja immer noch Frau und Mutter, das mit dem schlechten Gewissen muss bei den Schwangerschaftshormonen mit reingemischt sein. Ich frage mich also schon ab und zu: bin ich die Einzige, die das so genießt, sogar braucht? Die nicht 24 Stunden mit ihrer Familie sein möchte? Um meine Kinder sorge ich mich dagegen nie. Ich sehe, dass es ihnen gut geht. Dass sie sich dann auch ganz natürlich und selbstverständlich ihre Portion Mama zurückholen. Aber dass sie gut ohne mich klarkommen.

Jedoch: was ist mit all den anderen Frauen? Ich habe im Bekanntenkreis wirklich wenige, die sich das so rausnehmen, wie ich. Viele sagen: geht nicht, weil der Mann arbeitet so viel. Ich denke ja, es gäbe immer einen Weg, aber ich will mich nicht einmischen. Einige sind alleinerziehend und da gestaltet es sich dann wirklich schwierig. Aber ich denke oft: gerade ihr bräuchtet es so dringend. Gibt es nicht einen Weg? Und dann sagen eben auch viele: ach, ich brauche das gar nicht.

Ich will hier nicht sagen, dass die Frauen, die mir sagen, sie bräuchten das nicht, lügen. Ich glaube ihnen das. Jeder Mensch ist anders, einige brauchen mehr Freiraum, andere sind reine Herdentiere. Ich bin zum Beispiel auch nicht in einer großen Familie aufgewachsen, hatte nicht immer eine Beziehung, ich habe früh “gelernt” alleine zu sein, hatte aber auch die Möglichkeit dazu.

Vielleicht doch mehr Raum?

Aber ich habe eben auch festgestellt, das gerade Frauen oft eine Neigung dazu haben, sich die Zeit für sich, den Raum, nicht einzugestehen, ihn sich nicht zu nehmen. Weil sie irgendwie denken, sie hätten ihn nicht verdient, sie bräuchten ihn nicht, vielleicht sogar auch, weil sie im Hinterkopf haben, dass eine gute Mutter doch immer mit ihren Kindern und für ihre Familie zu sein hat?

Ich weiß es nicht. Aber ich appelliere hier mal für ein wenig mehr Selbstpflege. Daran, dass ihr euch alle mal fragt: wieviel Zeit brauche ich eigentlich für mich?

Was würde ich in dieser Zeit gerne machen und könnte ich sie mir eventuell einfach nehmen?

Ich denke auch in meinem Leben gab es Zeiten, in denen ich das zu wenig getan habe. Als die Kinder klein waren, wollte ich sie nicht gerne abgeben. Gerade in der ersten Zeit mit zwei Kindern habe ich zu wenig an mich selbst gedacht – ich hatte einfach keine Kapazitäten dafür. Seit sich alles gut eingeruckelt hat, entdecke ich meinen kleinen Egoismus gerade wieder. Und es geht mir so viel besser. Deshalb: seid da ruhig mal ehrlich mit euch – und egoistisch!

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