Wie geht noch mal erwachsen sein?

28. January 2022 | in Alltag | Familie

Wart ihr über die Feiertage oder gar noch bis ins neue Jahr hinein zu Hause bei euren Eltern? Bei mir führt dieser Bescuch Jedes Jahr zur gleichen Erkenntnis: 350 Tage im Jahr bin ich (fast) erwachsen und sechs Tage im Jahr bin wie per Zeitmaschine, die Daniela aus der Vergangenheit. Bleibt man am Ende doch immer Kind, ganz egal, wie alt man ist?

Mit 16 konnte ich es kaum erwarten, endlich 18 zu werden. Erwachsen! Dieser Gedanke kommt mit heute so absurd vor. Denn zum Einen wissen wir alle, dass eine Zahl absolut gar nichts mit Erwachsen sein zu tun hat. Zum anderen warte ich heute immer noch darauf, morgens wach zu werden und mich wie eine vollständig erwachsene Person zu fühlen. Von außen betrachtet sieht es ja eigentlich ganz gut aus: ich bin 38 Jahre alt, seit elf Jahren in einer Beziehung, habe einen 3-jährigen Sohn, zahle meine Rechnungen selber, habe vor kurzem ein Umzugsunternehmen unseren Umzug in eine größere Wohnung machen lassen, schaffe es mehr als ein mal die Woche, Gemüse zu essen, verstehe mittlerweile sogar den Reiz an dunkler Schokolade und gehe zeitig ins Bett. Nicht weil ich es möchte, sondern weil die Vernunft siegt. Klingt für mich auf dem Papier schon ziemlich erwachsen. Und meistens fühle ich mich auch so.

Endlich erwachsen – oder doch nicht?

Doch rund um die Feiertage passiert etwas sehr, sehr Seltsames mit mir. Fast so, als würde ich noch mal die alte Zahnspange raus kramen, Poster an die Wand kleben und mein Tamagotchi um den Hals tragen. Wenn ich zu Besuch bei meinen Eltern bin, werde ich zu einer faulen, verantwortungslosen Version meiner selbst. Fast so wie damals, als Teenager. Na ja, fast…

Dinge die in meinen eigenen vier Wänden, völlig selbstverständlich sind, fallen mir bei Mutti regelrecht schwer. Nach dem Duschen die Duschwand mit einem Abzieher von Wasserresten befreien? Suuuuuper nervig! (Mache ich zu Hause jeden Morgen!), beim Tisch decken und Abräumen helfen? Puh, na wenn es sein muss, dann helfe ich halt. (Da hilft mit zu Hause schon der 3jährige…). Versuchen, nicht in der ganzen Wohnung meiner Eltern unser Zeug zu verteilen? Ganz ehrlich, so richtig Mühe gebe ich mir dabei nicht. (Zuhause bin ich sehr ordentlich und wenn Besuch da ist, erst recht!)

Verantwortung wird an der Garderobe abgegeben

Wie nervig kann man als fast 40-jährige Tochter also sein? Es ist beinahe so, als würde ich jegliche Verantwortung ablegen, sobald ich die Türschwelle zu Hause betrete. Aber immer in dem festen Glauben, dass ich es diesmal anders mache. Mithelfen möchte, mich von meiner erwachsenen Seite zeige, meine Eltern auch mal entlaste. Aber ich komme einfach nicht dagegen an. Als wäre ich in einer Zeitmaschine – ich steige als scheinbar Erwachsene in den Zug und betrete die Wohnung meiner Eltern als 17-jährige Daniela, die mit den Augen rollt, faul ist und am Liebsten morgens bis 10 Uhr schlafen würde, obwohl das Frühstücksei schon auf dem Tisch steht.

Ich kann also leider nicht behaupten, dass ich mich zu Hause von meiner besten Seite zeige. Erinnert mich irgendwie an meinen Sohn… Wird er in der Kita doch ständig dafür gelobt, dass er sich so toll an alle Regeln hält, aufräumt, sich die Hände wäscht und was sonst noch von einem Kleinkind erwartet wird. Zu Hause bricht bei uns dann oft das Gegenteil aus: Wutanfälle, keine Kompromisse und ein „NEIN“ zu eigentlich allem. Also alles völlig normal. Denn wir alle haben mehr als einmal in Erziehungsratgebern gelesen, dass Kleinkinder sich immer dort, wo sie sich am Wohlsten fühlen und einen geschützten Raum betreten, von ihrer wahren Seite zeigen. Sie wissen, dass sie zu Hause ohne Kompromiss geliebt werden und können sich dementsprechend auch „daneben“ benehmen und werden uneingeschränkt geliebt. Es fällt mir also plötzlich wie Schuppen von den Augen: flüchte ich zu Hause vorm Erwachsen sein und suhle mich in der faulsten und ehrlichsten Version meiner selbst?

Das Kleinkind in mir

Klar, ich schreie nicht übertrieben rum, nur weil meine Mutter den falschen Aufschnitt gekauft hat, aber in abgeschwächter Version kommt es schon hin. Denn einige Tage später sind wir bei den Eltern meines Freundes und da schaffe ich es dann auch plötzlich wieder, mich zusammen zu reißen. Zwar auch mit den Jahren immer weniger, denn auch hier tritt mittlerweile eine gewissen Gemütlichkeit ein. Aber immerhin decke ich den Tisch und biete an, zu kochen. Bei meinem Freund allerdings beobachte ich ein ähnliches Verhalten, wie ich bei mir bei meinem Eltern: Er liegt stundenlang in der Badewanne und lässt sich derweil von seiner Mutter Kaffee bringen. Er lässt alles stehen und liegen und hängt gerne mal, wie ein Jugendlicher, viel zu lange am Handy. 

Beim nächsten Besuch wird alles anders!

Ich könnte das ganze Verhalten jetzt gezielt auf Weihnachten schieben, darauf dass wir zum Ende des Jahres einfach müde und ausgelaugt sind und es genießen, uns von vorne bis hinten bedienen zu lassen. Aber wenn ich ganz ehrlich bin, fallen wir in die gleichen Muster, wenn der Familienbesuch zu Ostern oder einfach so im Sommer stattfindet. Die Verantwortung wird zur Begrüßung an der Tür abgegeben. „Hallöchen, wir sind da! Wo kann ich meinen Gameboy aufladen und in Ruhe mit meiner besten Freundin telefonieren?“ Ganz so schlimm ist es natürlich nicht, aber trotzdem wäre ich gerne beim nächsten Mal die, die ich auch sonst im Alltag bin. Zum Glück kommen meine Eltern für den nächsten Besuch zu uns nach Berlin. Da zaubere ich dann leckere Gerichte für die ganze Familie, plane für uns schöne Ausflüge und freu mich, wenn meine Eltern mal die Beine hochlegen. Aber wehe sie lassen wieder ihre benutzen Kaffeetassen rumstehen, wenn sie gehen… man kann sich ja wohl ein bisschen zusammenreißen!

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