Wie geht es Familien im Ausland gerade?

26. March 2020 | in Alltag

Die Corona-Krise ist ja weltweit ein Thema. In jedem Land ist sie unterschiedlich präsent – und überall gehen die Regierung und die Bevölkerung auch anders mit dem Thema um. Was ähnlich ist: Familien auf der ganzen Welt müssen nun damit zurecht kommen, dass Schulen und Kindergärten geschlossen sind, viele stehen vor finanziellen Herausforderungen, alle machen sich Sorgen, wo diese Pandemie hinführen wird. Wie geht es ihnen? Wie geht es den Kindern? In den nächsten Wochen werden wir immer wieder Expat-Familien im Ausland befragen, wie sich ihr Alltag gerade gestaltet und wie sie die Maßnahmen der Regierungen in ihrem jeweiligen Land einschätzen. Heute dabei: die USA, Italien, das ja sehr stark unter der Krise leidet und Hong Kong – dort sind sie uns gefühlt um mehrere Wochen voraus!

Den Anfang macht Elisabeth aus Washington DC. Kennt ihr ihren Instagram-Account? Dort berichtet sie regelmäßig sehr klug über die US-Politik und erzählt auch immer wieder aus ihrem Alltag. In ihren Stories hat sie auch ganz viele Menschen aus aller Welt zu Wort kommen lassen!

Hi! Ich bin Journalistin und dreifache Mama (5, 3 und 1 Jahr alt). Wir leben seit 2013 als Familie in DC. Momentan gibt es in den USA fast 54.000 bestätigte Fälle (laut John Hopkins University), doch die Dunkelziffer wird um einiges höher sein: Es gibt hierzulande immer noch viel zu wenig Tests.
Zwar sind landesweit öffentliche Schulen und Unis geschlossen, trotzdem gleichen die USA eher einem ordnungspolitischen Flickenteppich. Während ein paar Staaten bereits weitreichende Ausgangsperren und Versammlungsverbote verhängt haben, feierten am Wochenende an manchen Stränden Floridas immer noch Studenten feucht-fröhliche „Spring Break“-Parties. Es gibt also keine einheitlichen Anordnungen und die Vorkehrungen, die getroffen werden, variieren stark.

Der US-Präsident stand in der Kritik: Zu lange habe er den Virus nicht ernst genommen. Obwohl er schon Anfang Januar über den Ernst der Lage aufgeklärt wurde, spielte er die Gefahr des Virus lange herunter. Zwar hat er, was das angeht, seine Botschaft der Realität angepasst. Vergangene Woche bezeichnet er die Krise erstmals als Pandemie, verweist auf die Wichtigkeit des Social Distancing. Doch weiterhin verspricht er Dinge, die bei seinen Landsleuten falsche Hoffnungen schüren (etwa einen baldigen Impfstoff).

Die aktuelle Situation stürzt auch die amerikanische Wirtschaft in eine Krise: Die Aktienkurse befinden sich im Sinkflug, Hunderttausende wurden schon jetzt entlassen; Experten rechnen mit einem Anstieg der Arbeitslosigkeit von 30%. Der Präsident hat Panik, er brüstete sich bisher mit der florierenden Wirtschaft – sie war sein wichtigstes Argument für die Bewerbung zur Wiederwahl. Er fürchtet: Erholt sich diese nicht schnell, steht es um seine Wiederwahl schlecht.
Deshalb erklärte er nun, dass er ganz bald überprüfen werde, ob die jetzigen Empfehlungen des Social Distancing noch über 15 Tage hinausgehen. Er fände Ostern ein „schönes Datum“, um Amerika wieder aufzumachen. Gestern twitterte er, es könne nicht sein, dass der Heilprozess schlimmer ist, als das Problem (der Virus). Trump ist sich sicher, dass die USA beides schafft: die Wirtschaft im Gang halten – und das Virus bekämpfen.

Viele Amerikaner stehen jetzt schon finanziell mit dem Rücken zur Wand, denn sie haben wenig bis gar keine finanzielle Absicherung. Arbeitgeber müssen ihren Angestellten keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall zahlen (oder höchstens ein paar Tage im Jahr). Viele Arbeitnehmer haben unzureichende Krankenversicherung und 8 Prozent der Amerikaner sind sogar überhaupt nicht versichert.

So versucht das Land in der Krise durch Trillionenschwere Hilfspakete wenigstens etwas soziale Abfederung anzubieten. Für jeden US-Bürger sollen die Kosten eines Corona-Tests (wenn er denn vorrätig ist) von 1300 Dollar übernommen werden, ebenso der Besuch in der Notaufnahme. Außerdem kriegen viele Angestellte während der Krise 14 bezahlte Krankentage und einmalig 1200 Dollar ausgezahlt.

Wir als Familie leben im Herzen Washingtons, sind in der zweiten Woche ohne Vorschule und in freiwilliger Isolation. Seit Montag haben unsere Mädchen zwei Mal täglich Online-Unterricht (für jeweils ca. 40 Minuten). Ich spüre, wie es ihnen gut tut, ihre Freunde zu sehen, mit ihnen zu singen und zu basteln. Dass sie dieses Format von Anfang an so gut annehmen und eifrig mitmachen, hat mich positiv überrascht. Vor unserem lokalen Supermarkt bildet sich seit ein paar Tagen eine kleine Menschenschlange. Nur noch 10 Kunden auf einmal dürfen den Laden betreten, am Eingang steht ein Mitarbeiter mit Handdesinfektionsmittel. Morgens öffnet er eine Stunde früher, für die besonders gefährdeten Senioren.

Die Menschen warten geduldig, bis sie an der Reihe sind. Ein paar tragen Handschuhe oder Masken. Sie scheinen entspannt mit der neuen Situation umzugehen (manchmal etwas zu entspannt, denn nicht alle halten die empfohlenen zwei Meter Abstand ein). Durch die Regelung, nicht mehr als zwei Packungen pro Artikel zu nehmen, gibt es auch keine Hamsterkäufe mehr. Außerdem sind einige auf Lebensmittellieferungen umgestiegen. Doch viele nehmen das Social Distancing noch nicht allzu ernst. Am Wochenende nutzten viele Menschen das Frühlingswetter, um an der National Mall die weltberühmten Kirschblüten zu bestaunen. Es war so voll, dass die Polizei noch mal dazu aufrief, auf einen Besuch in diesem Jahr zu verzichten – doch dieser Empfehlung folgten eben nicht alle…

Auf uns hat das Einreiseverbot persönliche Auswirkungen: Oma wollte über Ostern kommen, daraus wird nun nichts. Das war vor allen für unsere 5-Jährige enttäuschend. „Aber, sind die Flugzeuge jetzt auch krank oder wieso dürfen die nicht fliegen?“ Wir erklären den Kindern, dass Schulen und Restaurants geschlossen sind, wir keine Play Dates machen können und so lange und gründlich Hände waschen, weil viele Menschen gerade den Corona-Virus haben (wir vergleichen es vor ihnen mit einer schweren Erkältung) – und wir Menschen alles dafür tun, dass sich nicht noch mehr Leute anstecken. Sie verstehen das, empfinden es nicht als belastend, für sie ist eher die Tatsache, dass sie ihre Freunde nicht sehen können und nicht in die Schule gehen können, eine Herausforderung.

Momentan fühlen wir uns hier noch sicher, schauen aber, wie sich die Lage entwickelt – und wie lang dieser Zustand anhält.
Was mir am meisten Sorge bereitet, sind eher die sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen – und wie in einigen Wochen die Menschen damit umgehen, wenn die Corona-Pandemie sie in eine existentielle Krise gestürzt hat…

Karolina aus Florenz:

Ich bin 33 Jahre alt und lebe seit 10 Jahren in Italien. Was ich wirklich sagen muss: Ich bin gerade sehr stolz auf dieses sonst so chaotische Land.
Meine große Tochter ist sechs Jahre alt, sie geht in die erste Klasse. Seit über zwei Wochen sind die Schulen zu und sie werden wahrscheinlich erst im Mai wieder öffnen, wenn überhaupt.
Es kann auch sein, dass der Rest dieses Schuljahres komplett ausfällt. Deswegen kümmert sich die Schule gerade um den Aufbau eines Online-Portals zum Homeschooling. Alle Eltern werden dann von den Lehrern beim Lernen zu Hause begleitet. Aber derzeit sind Materialkäufe wie Schulhefte oder Stifte (auch im Supermarkt) verboten, es dürfen nur Dinge für den Grundbedarf gekauft werden, was das Lernen zu Hause natürlich erschwert. Die Kids aus ihrer Schulklasse tauschen sich mit Sprachnachrichten aus, um sich im Kontakt zu fühlen. Die Lehrerinnen schicken Hausaufgaben und lesen Bücher per Sprachnachricht vor.

Die Situation hier liegt zwischen Faszination, Zukunftsangst und Romantik.

Alle Museen, Bars, Restaurants, Läden, alles außer Krankenhäuser, Apotheken und Supermärkte ist geschlossen. Das ganze Land befindet sich in Quarantäne.
In unserem Bekanntenkreis ist bis jetzt glücklicherweise niemand erkrankt. Ganz anders sieht es bei unseren Freunden im Norden aus, in der Roten Zone. Dort kennt jeder jemanden, der sehr krank wurde, oder sogar gestorben ist. Auch ist dort das Militär in den Straßen, sie kontrollieren, dass niemand aus den Wohnungen geht. Mittlerweile gibt es in Italien mehr Corona-Tote als in China – und es werden täglich mehr.
Auch hier bei uns in der Toskana hat sich die Zahl der positiv Getesteten innerhalb der letzten 24 Stunden verdoppelt. Und die Zahl steigt weiter und weiter.
Präsident Conte kündigt nun an, dass der nationale “Hausarrest” so lange anhalten soll, wie es braucht, bis die Roten Zonen sich stabilisieren.
Das dauert noch mindestens den ganzen April. Die News überstürzen sich – und es gibt keinen Radiosender, der nicht stündlich über das Virus berichtet. In den Werbeunterbrechungen spricht eine nette, ruhige Stimme, die die Richtlinien und Vorsichtsmaßnahmen simpel erklärt.

Heute ist Tag 14. Bei mir kommen langsam die Gedanken an die zukünftigen Probleme an. Es wird hart werden. Hilfe bekommen nur die großen Firmen, Selbstständige bekommen nichts. Wahrscheinlich werden nur eventuelle Kredite bis September gestoppt. Ob diese ausgefallenen Raten dann gezahlt werden müssen, weiß man noch nicht.
Künstler und Kulturschaffende bekommen einmalig 500€ – und das war’s.
Für uns heißt das: Finanziell stehen dunkle Zeiten an. Mein Mann hat vor zwei Jahren seine eigene Firma gegründet, einen Film-Equipment-Verleih in der Toskana. Alle Aufträge, die dieses Jahr anstanden, sind gecancelt. Ich bin Künstlerin und male und unterrichte Kunst privat. Auch da sind alle Workshops abgesagt.

In Italien gibt es kein Kindergeld, die Kinderkrippe kostet viel Geld und private Kinderbetreuung noch mehr. Wer einen Arbeitsvertrag hat und Glück hat mit den so genannten Sicherheitsmaßnahmen (Mindestabstand, täglich frische Schutzmasken, Handschuhe etc.) noch zur Arbeit gehen zu können, bekommt jetzt gerade Geldzuschüsse für Babysitter, denn alle Schulen und Kitas sind ja zu. Die Prognose ist bitter. Viele Selbstständige werden dicht machen müssen. Strom- und Gaskosten sollen für die nächsten Monate gestoppt werden, aber noch gibt es dazu keine Details.
Wir haben Glück. Wir zählen zu den Familien, die eine eigene Wohnung haben. Eine große Wohnung mit zwei Balkonen. Wir zahlen also keine Miete und das hilft gerade enorm. Morgens stehe ich mit den Kids (6 und 1) meist zuerst auf, der Papa schläft noch eine Runde.
Um 6 Uhr morgens ziehen wir uns fix an und ich gehe heimlich mit den Mädels vor die Haustür. Unsere Straße hier ist eine geschlossene kleine Straße an einem kleinen Fluss. Ich lasse die Kids zwischen den geparkten Autos hin- und her rennen, um sich auszuleben.
Dann gucken wir kurz die Enten und Kraniche am Fluss an – und gehen schnell wieder in die Wohnung hoch. Wir kochen viel, malen, spielen, räumen auf, spielen auf dem Balkon in der Sonne machen Picknick, bauen und basteln all die Dinge, für die bis jetzt keine Zeit war und das ist irgendwie auch wunderschön.

Irgendwie ist es auch wunderschön

Morgen ist der erste Frühlingstag und wir wollen ihn mit einem speziellen Kuchen feiern. Dazu muss ich heute noch einkaufen gehen. Wir haben kein Obst und Gemüse mehr. Das heißt für mich: raus. Einkaufen darf pro Haushalt nur eine Einzelperson. Alle anderen müssen zu Hause bleiben. Es gibt nirgends mehr Schutzmasken, also gehe ich ohne – auch wenn alle eine haben müssten. Vor dem Supermarkt ist 1,5 Stunden Schlange stehen garantiert. Alle halten mindestens 1 Meter Abstand. Unser Supermarkt ist klein und es dürfen nur 5 Menschen gleichzeitig rein. Zu größeren, weiter enfernten Supermärkten mit dem Auto fahren, darf man nicht.
An der Kasse sind die Kassiererinnen hinter Plexiglas-Wänden geschützt. Sie müssten täglich frische Schutzmasken bekommen, aber die gibt es ja nirgends mehr – geschweige denn Desinfektionsmittel. Man darf nur mit Karte zahlen, um den körperlichen Kontakt zu minimieren. Kein Bargeld mehr. Ich werde dann schnell nach Hause gehen und Menschen, die mir über den Weg laufen meiden – und sie mich. Zu Hause angekommen, lassen wir den Einkauf für einige Stunden draußen im Treppenhaus stehen, bevor er in die Wohnung kommt – damit eventuelle Viren sterben. Und Hände waschen, Hände waschen…

Von den Fenstern hängen überall auf Papier oder Bettlaken gemalte Regenbögen mit dem Satz: Andrà tutto bene.
Und ich habe Tränen in den Augen. Denn diese Ruhe und frische Luft, kaum Autos… diese Tage sind nicht das Ende einer Welt, sondern gefühlt auch der Anfang einer neuen. Mehr Ruhe, mehr lokal leben, mehr Natur, mehr Bewusstsein. Ich hoffe, dass diese Tage die Menschheit dazu bringen werden, ihre Verhaltensweisen zu hinterfragen, und zu ändern. Ich möchte eine freie und glückliche Zukunft für uns und unsere Kinder. Es bleibt uns ja nichts anderes übrig, als uns an den positiven Dingen festzuhalten, und Ruhe zu finden in den täglichen Dingen…

Sandra aus Hongkong

Seit November 2016 leben mein Mann Julian und ich mit unseren beiden Töchtern Mayla (3 Jahre) und Finja (1 Jahr) in Hongkong. Wir fühlen uns hier sehr wohl und genießen die vielen Vorzüge der Metropole. Hongkong war durch die Nähe zu China natürlich sehr früh von dem Coronavirus betroffen. Seit Mitte Januar wurde immer mehr über die Ausbreitung des neuen Virus in Wuhan/China berichtet und am 23. Januar gab es den ersten Fall in Hongkong. Es war ein Mann, der aus Wuhan nach Hongkong gereist war.
Es ist unglaublich, wie schnell sich gerade alles verändert. Was heute noch galt, kann morgen schon ganz anders sein. Seit ich gefragt wurde, meine Erfahrungen zu teilen, hat sich fast täglich die Situation geändert.

Beunruhigend ist, dass im Moment die aktiven Fälle stärker zunehmen als zuvor. Anfangs kamen die Infizierten ausschließlich aus China, mittlerweile sind sie eher aus Europa und dem Rest der Welt. Glücklicherweise sind auch schon viele wieder genesen.

Masken, Schulschließung und Hamsterkäufe

Hongkong hat sehr schnell und konsequent auf die ersten Krankheitsfälle reagiert und direkt nach Ende der Chinese New Year Ferien die Schulen und Kindergärten für 14 Tage geschlossen. Allerdings wurde die Schulschließung bereits mehrfach verlängert und es gibt kein neues Datum für die Wiederöffnung.
Zusätzlich wurden unter anderem Spielplätze gesperrt und Sportstätten geschlossen. In den Wohnkomplexen wurden alle Facilities, wie Fitnessstudio, Indoor Playroom, Pool usw. bis auf Weiteres geschlossen. Für die Freizeitaktivitäten der Kinder gab es somit keine Räume mehr, sodass auch diese ausfallen mussten. Auch Freizeitparks haben gleich zu Beginn ihren Betrieb eingestellt. Viele Firmen haben erst einmal Home Office angeordnet.

Dass die Menschen hier Masken tragen, wenn sie erkältet sind, ist nichts Ungewöhnliches. Seitdem das Coronavirus ausgebrochen ist, sieht man kaum noch Menschen ohne Masken. Hongkong wurde damals von SARS schwer getroffen. Aus diesem Grund sind die Menschen von Anfang an sehr vorsichtig gewesen, haben den Virus sehr ernst genommen und verhalten sich sehr gewissenhaft. Für uns war es befremdlich, eine Maske zu tragen, aber mittlerweile fühlt man sich eher unwohl, wenn man keine Maske trägt. Es ist hier auch ein Zeichen von Respekt und beruhigt die Mitmenschen. Außerdem schützt es davor, dass man sich mit den Händen ins Gesicht fasst. Selbst Mayla weiß ganz genau, dass sie draußen eine Maske tragen muss. Allerdings nur, wenn wir im Bus oder Taxi sind oder irgendwo wo viele Menschen sind. Dies versuchen wir natürlich so gut wie möglich zu vermeiden. Wenn wir Zeit haben, versuchen wir oft an den Strand oder in die Natur wandern zu gehen. Unsere Jüngste mit knapp 16 Monaten akzeptiert die Maske leider nicht. In öffentlichen Verkehrsmitteln nehmen wir sie dann in die Trage. So ist sie etwas abgeschottet und kann nichts anfassen.

Die Hamsterkäufe haben mit Bekanntgabe der Schließung von Schulen angefangen. Als es das Gerücht gab, dass es bald kein Toilettenpapier mehr geben wird, waren plötzlich die Regale leer gefegt und auch Reis, Nudeln, Seife, Reinigungsmittel oder alle Arten von Tüchern waren ausverkauft. Bei einer Online-Bestellung wurde mir gesagt, dass ich in der Warteschlange auf Platz 51.000 bin…. als ich es dann ganz früh am nächsten Morgen probiert habe, hat es zwar geklappt, aber es gab keine Liefermöglichkeiten und ich sollte die Einkäufe in einem Laden abholen, der etwas mehr als eineinhalb Stunden von uns entfernt ist. Da war ich zum ersten Mal an einem Punkt, wo mich die Situation verunsichert hat und am liebsten wäre ich nach Deutschland geflogen. Da es meinem Mann aufgrund seiner Arbeit nicht möglich war, mich zu begleiten, habe ich mich nach langem Hin und Her dagegen entschieden. Mein Mann ist Lehrer. Seit der Schulschließung arbeitet er von zu Hause. Er unterrichtet seine Schüler live online, erstellt Arbeitsaufträge, Erklärvideos, etc. Anfangs war der Arbeitsaufwand sogar höher als im normalen Alltag, da er sich auf die neuen Medien und Unterrichtsformen einstellen musste. Mittlerweile sind alle daran gewöhnt und der Arbeitsaufwand ist vergleichbar, da er sich die Pendelei spart. Unsere Töchter haben zum Glück mittlerweile auch begriffen, dass sie Papa in Ruhe lassen müssen, wenn er in seinem Büro ist. Als nun die Hamsterkäufe in Deutschland losgingen, war es wie ein Déjà Vu. Hier ist mittlerweile wieder alles erhältlich, sogar Masken und Desinfektionsmittel für die Hände, allerdings oft zu erhöhten Preisen.

Unser Alltag

Hier haben alle Restaurants, Geschäfte, Salons, etc. geöffnet und die meisten Leute gehen auch wieder ins Büro. Leider sieht man in der Stadt jedoch immer mehr Cafés, Geschäfte etc., die nun dauerhaft geschlossen haben, da die Menschen weniger raus gehen und die Touristen (vor allem aus Mainland China) wegfallen.
Wir haben nun 7 Wochen „Home Schooling“ hinter uns. Mayla ist ja erst drei Jahre alt und seit Sommer im deutschen Kindergarten in Hongkong. Die Kinder haben einen online classroom und bekommen darüber „Hausaufgaben“. Das kann was zum Ausmalen oder Basteln sein oder eine Schneideübung, die Erzieherinnen drehen Videos, in denen sie Geschichten vorlesen etc. Und einmal die Woche gibt es einen live classroom. Das ist wie eine Videokonferenz und sie machen eine Art Stuhlkreis und reden miteinander, singen und machen ein Experiment oder Ähnliches.

Außerdem treffen wir uns privat mit den Kindergartenfreunden, wobei dies auch in den letzten beiden Wochen abgenommen hat. Das tut den Kindern gut und so bleiben sie auch in Kontakt. Ich bin wirklich froh, dass Mayla erst im Kindergarten ist. Wenn sie keine Lust auf etwas hat (was nicht so selten vorkommt), ist das nicht so schlimm. Wenn sie in der Schule wäre, wäre das anders… für die Eltern und Kinder ist es echt harte Arbeit und einfach eine ungewohnte Situation, weil Kinder sich ja auch oft von den eigenen Eltern Dinge nicht so gut beibringen lassen. Ein Großteil der Familien in Hongkong hat eine Helferin zuhause. Sie kümmert sich um den Haushalt, hilft mit den Kindern und kocht. Dadurch wird den Eltern natürlich der Rücken frei gehalten. Vor allem berufstätige Eltern haben somit die Möglichkeit, weiterhin zur Arbeit zu gehen.

Die größte Herausforderung war für uns anfangs, eine Routine in unsere Tage zu bekommen. Die erste Woche haben wir immer in den Tag gelebt (außer Papa, da er arbeiten musste). Aber dann haben wir angefangen, uns morgens normal fertig zu machen und entweder „Hausaufgaben“ zu machen, einen Ausflug oder zu spielen. Die Kinder haben die neue Situation gut akzeptiert. Finja findet es super, dass die große Schwester so viel zu Hause ist, und die beiden Mädels spielen auch oft schön zusammen. Durch die neue Situation gibt es natürlich auch viel zusätzliche Quality time und Kuschelzeit, ein großer Vorteil. Mayla weiß, dass der Kindergarten wegen dem Virus zu ist. Ich habe sie neulich gefragt, worauf sie sich am meisten freut, wenn das Virus weg ist und sie meinte 1. Auf den Kindergarten 2. Dass der Oceanpark (Freizeitpark) wieder öffnet 3. Auf ihre Minnie Mouse Kappe, die seit der Schließung im Kindergarten liegt. Wir haben das Lied „Rain Rain go away“ in „Virus Virus go away, don’t come back any other day“ umgedichtet und das singt sie oft lauthals. Hoffen wir mal, dass es wirkt.

Die zweite Welle

Unsere Gefühlslage ändert sich täglich… Insgesamt würde ich sagen, dass wir die ganze Zeit recht entspannt waren, aber dabei vorsichtig und vernünftig. Einige Leute haben sich direkt in ihren Wohnungen verkrochen und sind nicht mehr raus.
Anfang März hatte sich die Situation hier gefühlt etwas entspannt und die Menschen sind wieder mehr raus gegangen. Die Zahlen stiegen nur langsam. Aber seitdem die Zahlen in Europa so extrem steigen, merkt man auch hier wieder eine Anspannung. Der Großteil der infizierten Personen der letzten Wochen war zuvor im Ausland unterwegs. Seit dieser Woche gibt es eine verpflichtende 14-tägige Quarantäne für alle, die nach Hongkong einreisen (Ausnahme Festland China, Macau und Taiwan). Das bedeutet, die Leute bekommen ein Armband und werden mithilfe einer App überwacht. Sie dürfen in den zwei Wochen das Haus nicht verlassen. Plötzlich hat sich die Lage etwas verändert und bei Facebook hat man immer mehr „Anfeindungen“ gelesen, dass die Leute die Anstrengungen der letzten Wochen nicht zunichte machen sollen. Auch gibt es immer mehr Unverständnis für Expats, die keine Masken tragen.

Bisher gibt es keinen Shutdown, aber wenn sich die Zahlen weiter so entwickeln, kann es gut sein, dass es auch dazu noch kommt. Und das ist dann auch sicher sehr sinnvoll.
Ich liebe meine Familie über alles, aber ich freue mich auch sehr darauf, wenn jeder von uns wieder seinen Alltag hat. Eine Angst ist derzeit die vor dem Ungewissen, wie lange dieser Zustand anhält. Nichts ist planbar und keiner weiß, wann es besser wird. Ich hoffe sehr, dass wir unsere Familien und Freunde im Sommer wie geplant besuchen können, aber gleichzeitig bezweifle ich es auch.
Die weltweite Entwicklung verfolgen wir mit großer Besorgnis, insbesondere natürlich die Entwicklungen in Europa. Es ist ein komisches Gefühl, zu wissen, dass man aktuell nicht in seine Heimat reisen kann, ohne als Konsequenz bei der Rückkehr in Quarantäne zu kommen.
Und dadurch, dass man in den Nachrichten und auf den sozialen Medien kaum noch etwas anderes außer Coronavirus hört, nimmt die Angst vor dem Virus und um unsere Lieben natürlich zu.

 

Fotos: Privat und Lilli Groccia

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