Who cares? Zur Krise der (Sorge)arbeit

13. June 2018 | in Gesellschaft | Karriere | Vereinbarkeit

In der Frage um Vereinbarkeit drängt eine ganze Armada an Eltern auf den Ausbau von Kitaplätzen. Auch bessere Arbeitsbedingungen für Erzieher werden in diesem Kontext immer wieder gefordert. Die eigenen Jobs scheinen darüber in den Hintergrund zu treten. Dabei steht und fällt mit deren Konditionen, ob und wie Eltern überhaupt darauf angewiesen sind, ihre Kinder fremd betreuen zu lassen.

In meinem Kitamütter-Bekanntenkreis gibt es den geflügelten Begriff der „Wohlfühlkita“. Er beschreibt die Kita unserer Kinder als einen Ort, an dem sie einen überschaubaren Teil des Tages verbringen – von halb zehn bis um 15 Uhr. Irgendwie so. Den Begriff geprägt hat eine Mutter, die – genau wie ihr Partner – als Juristin Vollzeit arbeitet und deren Sohn um 17:30 Uhr deshalb häufig eines der letzten Kinder in der Kita ist (und morgens häufig eines der ersten). Gelegentliche Zusammentreffen beim Post-Kita-Eis münden zwischen ihr und mir deshalb oft in der Frage: wie das eigentlich alle anderen so gut hinbekommen – diesen Wohlfühlmodus? Diesen Idealzustand, die Kinder ein paar Stunden in der Kita bespaßen zu lassen. Warum die Kita von den anderen Eltern eben nicht als Aufbewahrungsstelle bis an die harten Grenzen ihrer Kapazitäten ausgereizt wird? Ob nur wir häufig so paralysiert wie gestresst zwischen Job und Kita pendeln. Die Mehrzahl der anderen Eltern vielmehr um 15 Uhr geschmeidig gen Kita-Hinterhoftor segeln.

Wir wissen beide: diese, unsere Frage ist vor allem eine rhetorische.

Es ist ja so: Da, wo wir leben, sind Frauen, die Vollzeit arbeiten – ja, überhaupt unabdingbar zum Familieneinkommen beitragen – eher die Ausnahme als die Regel. In unserem Kiez lebt es sich recht privilegiert (im Unterschied zu vielen anderen Teilen dieser Stadt und einer Überzahl an Familien, die dieser Tage nicht mehr nur von einem Gehalt leben können – egal ob Mann oder Frau arbeiten geht). Wir – die Jura-Mama und ich – fallen als Vielarbeitende und trotzdem nicht Vermögende jedenfalls schlichtweg heraus aus dieser Filterbubble.

Nun soll das hier weder Privilegien-Bashing, noch ein Plädoyer für Vollzeit – ja, alle Zeit – arbeitende Eltern sein. Wenn schon Privilegien, dann für Alle, denke ich vielmehr oft und auch, dass letztlich jeder arbeiten kann, wie er bitte will. Aber auch: dass niemand so viel arbeiten sollte, dass es ihm nicht mehr erträglich ist. Und: dass niemand seine Kinder in Kitas geben müssen sollte, aber zu guten Bedingungen sollen könnte.

So oder so: Wir müssen reden! Es gibt gewisse Tendenzen in unserer Gesellschaft, über die es sich gilt, Gedanken zu machen. Und die haben für mein Befinden sehr viel damit zu tun, wie wir die Themen Arbeit und Kapitalakkumulation (sprich Eigentum) fetischisieren, dass wir Arbeit an den Begriff der ökonomischen Produktion koppeln, nicht aber an den der sozialen Reproduktion – und darüber zu kurz kommt, was eigentlich am allerwichtigsten sein sollte: nämlich uns abseits der Arbeit zu begreifen als Menschen, deren Wert nicht von ihrer „Leistung“ abhängt.

Wir leben im Arbeiten, anstatt von der Arbeit zu leben.

Wie kommen wir eigentlich in unserer Wohlstandgesellschaft dazu, anzunehmen, dass es wertvoller sei, zu arbeiten als Zeit mit unseren Kindern, mit der Familie, mit unseren Liebsten zu verbringen? Ja, steht denn alles, was keinen unmittelbaren Profit verspricht, unter dem Verdacht der Nutzlosigkeit?

Kann es sein, dass wir Emanzipation, Frau- und Muttersein inzwischen in Marktkategorien begreifen? Kann denn eine Frau mit dem Manne nur gleichziehen, wenn sie mindestens so hart in die Hände spuckt wie ihr männliches Gegenüber, und sich so schnell wie möglich nach der Geburt für den „Markt“ – diesem vulgären Ort – bereitstellt? Warum reden wir nicht darüber, wie sich ob der Emanzipation auch die Arbeitswelt radikal zu einer entwickeln müsste, in der alle weniger und zu besseren Konditionen arbeiten als immer mehr und immer prekärer? Ich kann dahingehend wirklich nur sehr laut „Haloooooo, Gewerkschaften? Reformen? Gegensteuern!“ in den Wald rufen, in dem wir alle stehen und vor lauter Bäumen das große Ganze nicht mehr zu sehen scheinen.

Frauen wie Männer, Männer wie Frauen.

Stattdessen überwiegt nach meinem Eindruck, und wie vor kurzem im Feuilleton der FAZ zu lesen war, eher die Tendenz, dass „nur“ Mutter (oder äquivalent „nur“ Vater) zu sein, offenbar einfach nicht mehr ausreicht. Stattdessen geht gefühlt eine Schar an Eltern bereits im ersten Babyjahr irgendwelchen „Projekten“ nebenbei nach, anstatt einfach mal anzunehmen, dass Windeln zu wechseln als Hauptbeschäftigung auch ok ist:

„Heute gilt es, sich mit beruflichen Meriten zu schmücken. […] Nach außen geben sich Frauen [Männer natürlich ebenso!] verzweifelt vielbeschäftigt; offenkundig ist es ihnen peinlich, keiner Vollzeittätigkeit nachzugehen, keine Arbeit zu haben oder keine, die ihren Qualifikationen angemessen wäre.“

Zumal, und wie die FAZ-Autorin am Beispiel Ursula von der Leyens illustriert, dass das viele Arbeiten eben nicht für Alle mit dem Privaten zu vereinbaren ist: Sie fragt:

„Was hat es für Folgen, wenn die einen, die viel erreicht haben, dies als bruchloses Fortkommen in Szene setzen, ohne zuzugeben, dass Zufall, Glück und ein einflussreiches Netzwerk die Hand im Spiel hatten? Und was bewirken die anderen, die es nicht ganz so gut traf, aber jetzt so tun, als wären sie ebenfalls glanzvoll und ganztägig tätig? […] Sie legen falsches Zeugnis ab vor ihren aufstrebenden Geschlechtsgenossinnen, die sich zwischen Kindern, Partnern und beruflichen Träumen zerreißen, den Blick fest auf die vermeintlichen Allrounderinnen gerichtet.“

Und damit sind ja nicht mal die Rückkopplungseffekte unseres Arbeits- und Kapitalfetischs benannt. Denn: Wenn wir das Thema Arbeit schon so hoch hängen, wie kann es dann wiederum sein, dass es (nicht nur) in Berlin eine regelrechte Krise ob viel zu geringe Erziehergehälter und fehlender Kitaplätze gibt? Warum akzeptieren wir, dass jene Menschen, die unsere Kinder betreuen, häufig so viel schlechter verdienen als wir selbst? Warum meinen wir überhaupt, dass die eine Ausbildung mehr „wert“ sei als die andere? Warum können wir nicht annehmen, dass eine jede, ein jeder, die oder der seine Lebenszeit darauf verwendet, für die Gemeinschaft zu arbeiten, dafür gleich entlohnt werden sollte? Sollten denn nicht eigentlich diejenigen Jobs die wertvollsten sein, die über die Betreuung unserer Kinder Zukunft gestalten?

Verdienen denn unsere Kinder etwa nicht, dass wir ihnen die besten Jahre unseres Lebens widmen?

Letztlich gilt es sich auch vor Augen zu führen, wie wir gerade nieder ringen, was im 20. Jahrhundert einmal als Antwort auf den liberalen Wettbewerbskapitalismus infolge der industriellen Revolutionen, Wirtschaftskrise, Hyperinflation und zwei Weltkriegen formuliert worden ist: der Sozialstaat.

Die Philosophin und Feministin Nancy Fraser schreibt zu dessen Entstehen:

„In einer Ära, in der Kapitalverhältnisse das soziale Leben dermaßen durchdrungen hatten, dass die arbeitenden Klassen sich nicht länger aus eigener Kraft reproduzieren konnten, erkannte man die Notwendigkeit öffentlicher Investitionen in das Gesundheits- und Schulwesen, in Kinderbetreuung und Altersversorgung, ergänzt durch entsprechende Maßnahmen der Unternehmerseite. In dieser Situation musste die soziale Reproduktion internalisiert, also in den amtlichen Verwaltungsbereich der kapitalistischen Ordnung integriert werden.“

Heute gälten, meint Fraser, hingegen andere „Gesetze“:

„Global ausgreifend und neoliberal geprägt betreibt dieses Regime des Kapitalismus den Rückzug von Staat und Privatwirtschaft aus den sozialen Sicherungssystemen, während es gleichzeitig Frauen für die Lohnarbeit rekrutiert – und so einerseits Sorgearbeit externalisiert, sie also Familien und Gemeinschaften aufbürdet, andererseits deren Vermögen schwächt, diese Leistungen zu erbringen.“

Mit diesem Ergebnis, wie sie schreibt:

„Das Resultat ist eine neuartige, dualisierte Organisation der sozialen Reproduktion; warenförmig für Zahlungskräftige und privat organisiert für alle, die sich das nicht leisten können. Dabei verrichten Angehörige der letzteren Kategorie Sorgearbeit für die Angehörigen der ersteren im Austausch gegen (geringe) Bezahlung.“

Weder Nancy Fraser, noch andere Gelehrte haben dieser Tage so etwas wie eine Universalantwort auf die Zeichen der Zeit. Aber vielleicht gilt es, endlich einen neuen politischen Diskurs darüber einzurichten. Einer, der nicht von Minderheiten formuliert wird, stattdessen eine kritische Masse erreicht. Und warum sollten ausgerechnet wir Eltern uns aus dieser Verantwortung zum Politischen stehlen? Sollte es nicht sogar vielmehr an uns sein, für das zu kämpfen, was unsere Kinder heute schon begleitet und in ärgerem Ausmaß vielleicht selbst erwartet?

Ich habe das hier schon einmal geschrieben: „Wer Vereinbarung will, muss auch den Arbeitskampf wollen“, und dabei bleibe ich.

Mein Kind hat vor kurzem beteuert, es wisse ja ganz genau, was ich am meisten an ihm möge und auf meine Nachfragen dann bekundet, „dass du neben mir immer so gut arbeiten kannst.“ Und mir wurde für einen Moment schlecht und dann noch einmal sehr deutlich, dass ich genau das nicht will. Mein Sohn soll nicht annehmen, dass es in dieser Welt wichtiger sei, zu arbeiten als mich ihm zu widmen, dass Geld wichtiger sei als er – ja, dass es wichtiger sei, eine „Karriere“ zu haben anstatt einfach nur zu sein – eine Person, die auch abseits ihres Leistungsvermögens einen Wert hat.

Um es mit den Franzosen und in Erinnerung an die Studentenrevolte der 68er zu sagen: „Tout es politique“ – Alles ist politisch. Oder wie es der Soziologe Geoffray de Lagasnerie in seinem Buch „Denken in einer schlechten Welt“ formuliert hat: „Seien wir realistisch, verlangen wir das Unmögliche“. Wie auch immer die Utopie aussehen mag. Es ist Zeit, das sich was dreht.

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