Wer kommt gut durch die Krise – und wer nicht…?

16. April 2021 | in Alltag

Die Pandemie trifft uns alle, aber manche noch mehr als andere. Und auch ich habe den Eindruck, dass es Familien ganz generell besonders hart trifft. Dabei habe ich persönlich meine Kinder auch als sehr “heilsam” empfunden im letzten Jahr. Weil sie trotz allem weiter Kinder sind, und das tun, was Kinder tun. Lachen, schreien, weinen, sich freuen, spielen, kuscheln. Weil sie einfach so weiter wachsen, Dinge lernen und ihren kindlichen Blick auf die Dinge mit uns teilen. Und weil sie uns so auf Trab halten, dass wir keine Zeit haben, uns zu viele Sorgen zu machen. Letzteres ist aber natürlich Fluch und Segen. Denn die Pausen sind rar. Die Belastung ist hoch.

Eltern sind am Anschlag, das liest man überall und natürlich sind damit vor allem Mütter gemeint, denn sie sind es immer noch überwiegend, die das ganze “Mehr” und “Gleichzeitig” und “Homeeverything”, das im letzten Jahr zum ohnehin schon anstrengenden Alltag dazu kam, schaukeln. Dazu passt, dass bei einer DIW-Auswertung (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung) zur Veränderung der Lebenszufriedenheit in Deutschland herauskam, dass Personen mit jungen Kindern im Haushalt, also unter sechs Jahren, in der Zufriedenheit am meisten eingebüßt haben. So steht es im letzten Newsletter von Teresa Bücker, den ich sehr empfehlen kann und in dem es gerade oft um den seltsamen Familienalltag geht, an den wir uns schon fast gewöhnt haben, der uns aber auch sooooo viel abverlangt.

Auf Instagram haben wir euch gefragt, ob ihr eher gut oder eher schlecht durch die Krise kommt und was ihr überhaupt so berichten könnt. Über 4000 haben abgestimmt und knapp 70% stimmten für “eher gut” – wobei uns auch direkt viele PMs erreichten, dass es zwar “eher gut” lief und läuft, aber die Stimmung dennoch auf dem Nullpunkt ist. Dennoch: Überraschend viele bewerten ihre Situation als “eher gut”. Über 500 Antworten haben wir dann auch bekommen und bei vielen haben wir sogar noch mal nachgehakt, was genau dazu geführt hat, dass es eigentlich ganz gut läuft. Oder eben nicht.

Eigentlich waren es insbesondere vier Punkte, die immer wieder genannt wurden:

1. Platz. Insbesondere: ein Garten!
Das macht ja auch so viel Sinn. Denn wer sich auch mal gut aus dem Weg gehen kann, dem fällt es leichter, viel zusammen zu sein. Und dass ein Garten zum “Kinder lüften” Gold wert ist, das muss man wohl nicht weiter erläutern. “Wald, Garten, viel Platz” waren also die mit Abstand am häufigsten Antworten auf die Frage: Warum läuft es gut bei euch?
Entsprechend schrieben uns auch viele Familien, die in der Innenstadt leben, dass es unglaublich schwer ist zu viert oder fünft auf zum Beispiel 70 Quadratmetern. Dass die Rückzugsorte fehlen, dass man sich nach Konflikten nicht mal kurz aus dem Weg gehen kann. Und dass man natürlich mit den Kindern in den Park gehen kann, aber das eben auch immer mit Wegen, Kinder anziehen, etc. verbunden ist. “Meine Kinder bekommen die Krise, wenn ich sage, wir gehen spazieren. Wir gehen ja jetzt seit einem Jahr spazieren!” schrieb uns unsere Leserin Jessica. Und Meral meinte: “Wer in der Stadt wohnt, hat es einfach schwerer.” Es waren auch viele Stimmen dabei, die genau deshalb im letzten Jahr umgezogen sind. An den Stadtrand, oder gleich aufs Land, mehrere sind sogar in die Nähe der Großeltern gezogen. “Wir hatten das schon länger vor, aber nach dem letzten Frühjahr wurde uns die Entscheidung quasi abgenommen” erzählt zum Beispiel Amalia. “Wir sind dann im Herbst von Berlin zurück nach NRW in die Nähe meiner Eltern gezogen und haben es noch keine einzige Sekunde bereut!” Das ist eine Entwicklung, die bundesweit beobachtet wird. Es gibt eine regelrechte “Stadtflucht” und die Vororte sind wieder sehr begehrt. Genauso wie Kleingartenanlagen!

2. Keine finanziellen Sorgen.
Bei vielen ist das Einkommen noch gesichert und/oder die Lebenshaltungskosten sind niedrig. Auch wenn Vermögen da ist, und man weiß, dass man abgesichert ist, kann man die Krise natürlich besser meistern, als wenn zu allen anderen Sorgen auch noch Geldsorgen dazukommen.

Entsprechend viel schwerer ist es für alle, die jetzt existentielle Sorgen haben. Je mehr Kinder man hat, je größer ist die Verantwortung, je größer die Sorgen – auch das macht total Sinn und das spiegelt sich auch in euren Antworten wider. “Mein Mann ist in Kurzarbeit, ich bin in Elternzeit” erzählte uns Becca. “Wir genießen die viele Zeit zusammen, aber abends rechnen wir oft. Mir war klar, dass wir in diesen Jahren keine großen Sprünge machen werden, aber nun müssen wir das Geld wirklich zusammenhalten. Zum Glück fallen Ausgaben wie Urlaub oder Restaurantbesuche ja aus und wir wohnen sehr günstig und haben kein Auto. Also wir kommen klar. Insgesamt würde ich sogar sagen, dass das Positive überwiegt, aber zwischendurch haben mir die Geldsorgen schlaflose Nächte beschert.”
Lamia erzählt: “Wir hatten nach vielen mageren Jahren mit kleinen Kindern gerade gehofft, mal etwas Vermögen anzusammeln. Nun müssen wir jeden Monat an unsere Reserven gehen. Ich verstehe alle Maßnahmen, aber es macht mich dennoch wütend. Zusätzlich zu allem anderen. Ich bin täglich so unglaublich erschöpft wie noch nie in meinem Leben.”
Und Felicitas schreibt: “Ich bin alleinerziehend und musste letztes Jahr meine Arbeitszeit verkürzen, sonst hätte ich das alles nicht geschafft. Nun können die Kinder in die Notbetreuung, aber ich konnte und wollte nicht wieder aufstocken. Diese Zeit verlangt mir so viel ab und nun haben wir auch noch viel weniger Geld als vorher zur Verfügung. Ich hoffe einfach nur, dass wir das alles gut meistern, an die weitere Zukunft kann ich gerade nicht denken.”

3. Mentale Gesundheit
Immer noch positiv denken zu können, das schafft nicht jede(r). Und wer ohnehin schon öfter mal mit Ängsten zutun hatte oder gar Depressionen hatte, für den ist diese Zeit natürlich besonders schwer. Zudem sind die Belastungsgrenzen auch unterschiedlich. Wir haben so viele, herzzerreissende Nachrichten bekommen von Frauen, die weinend auf dem Küchenboden liegen, sobald alle mal kurz beschäftigt sind. Von Nervenzusammenbrüchen beim Homeschooling, vom Burn-Out, von all den Belastungen und dem Schlafmangel, weil bis nachts gearbeitet wurde. “Ich hatte auch noch Druck vom Arbeitgeber” erzählt uns Lena. “Den ganzen Tag Zoom Meetings, nebenbei ein Kind beschulen und eines beschäftigen, dazu der Haushalt und drei Mal am Tag essen heranschaffen. Oft habe ich bis in die Nacht gearbeitet weil ich natürlich nie mein Pensum geschafft habe. Im Januar kam die Quittung. Alles wurde taub, ich habe Sehfeldstörung bekommen und konnte nur noch weinen und schlafen, ein klassisches Burn-Out, wie mir der Arzt erklärte. Meine Eltern sind dann gekommen und mein Partner hat auch endlich mal reduziert. Nun bin ich langsam wieder auf der Höhe, aber das alles nagt immer noch sehr an mir. Und die Kinder sind ja immer noch nicht wieder betreut.”

Mehrere Leserinnen erzählten von Erschöpfungsdepressionen, manche sind krank geschrieben. Oft ist mindestens ein Partner betroffen, manchmal sogar beide. Und es muss auch nicht so schlimm sein, um schlimm genug zu sein. Alleine schon, wie viele von “Keine Pause”, “Kein Urlaub, keine Möglichkeit, mal zu verarbeiten und zu erholen”, “Dieses Andauernd” und “Das Home-Schooling macht mich wahnsinnig. Wenn ich nur daran denke, zieht sich alles zusammen” berichten, hat uns schockiert. Im Gegenzug wurde auch klar, dass alle, die stabil sind, die gute Partnerschaften haben und ein harmonisches Miteinander, vielleicht sogar noch viele Freunde, mit denen man zumindest oft sprechen kann, relativ gut durch das letzte Jahr gekommen sind. Unser Eindruck ist aber, dass das immer weniger werden. Selbst die, die sehr positiv waren, bauen langsam ab.

Was hier auch immer wieder genannt wurde: Wenn Kindern die Situation offensichtlich zusetzt, dann ist das natürlich auch eine große Belastung. Viele berichteten von verängstigten Kindern, die immer in sich gekehrter wurden oder auch aggressiver. Eltern von Einzelkindern berichteten von Verhaltensauffälligkeiten, Eltern von mehreren Kindern von sehr heftigen Konflikten zwischen den Geschwistern. Eltern von größeren Kindern von Essstörungen, Vereinsamung, depressiven Verstimmungen.

Denn zu alledem kommt ja noch die Angst vor der Infektion und die ist bei vielen stärker geworden in den letzten Monaten. Rea schreibt uns: “Ich hatte bisher keine Angst, mich zu infizieren. Meine Sorge war es, andere anzustecken, aber ich war mir sicher, dass es bei mir glimpflich laufen würde. Mittlerweile habe ich Angst vor einer möglichen Quarantäne. Meine Jungs schlagen sich die Köpfe ein, wir haben keinen Garten. Ich weiß nicht, wie wir zwei Wochen zuhause überleben würden. Und dann habe ich mittlerweile auch wirklich Sorge, dass es uns schlimm erwischen könnte. Die Mutation macht eine Ansteckung viel wahrscheinlicher, auch wenn man die Kontakte krass reduziert. Und es liegen immer mehr 30-50-jährige auf der Intensiv. Allein der Gedanke daran lässt mich schaudern. Wer würde sich um die Kinder kümmern? Was, wenn einer von uns es nicht schafft? Ich will einfach nur noch diese Impfung.”

4. Unterstützung

Notbetreuung, Eltern in der Nähe, ein gespanntes Netzwerk, das sich gegenseitig auffangen kann, einen Partner, mit dem man gerecht die Care-Arbeit teilt. Das sind alles Faktoren, die natürlich dazu beitragen, dass man einigermaßen unbeschadet eine solche Krise bewältigen kann. Denn Kinder den ganzen Tag beschulen, beschäftigen, bekochen, betreuen, begleiten. Das ist eine Wahnsinns Arbeit. Eine, die anstrengend ist und emotional fordernd. Und eine, die, wenn man sie über Wochen jeden Tag alleine machen muss, sehr belastend werden kann. Insbesondere haben viele von euch über das “Zuhause Beschulen” geschimpft. Es gab auch Stimmen von Eltern mit älteren Kindern, wo es problemlos läuft und von solchen, wo das digitale Lernen gut geht. Aber die überwiegende Mehrheit fand es sehr anstrengend, neben allem anderen auch noch LehrerIn sein zu müssen. Alle, die sich die Kinderbetreuung und auch das Home-Schooling aufteilen konnten, wirken deutlich weniger belastet. Genau wie all jene, die von Anfang an Anspruch auf Notbetreuung hatten und diese auch wahrgenommen haben.

Natürlich sind es noch viele, viele weitere Faktoren, die eine Rolle dabei spielen, wie gut oder schlecht man zurecht kam im letzten Jahr. Wie alt die Kinder sind zum Beispiel, wir haben viele verzweifelte Nachrichten von Eltern mit mehreren kleinen Kindern bekommen, die einfach nicht mehr können. Eine Schwangerschaft fanden auch viele sehr sehr zusätzlich belastend. Welche weiteren Probleme gibt es, sind die eigene Eltern zum Beispiel nich fit oder nicht. Einige schrieben uns, dass ihre Beziehung im letzten Jahr zerbrach und sie also mitten in der Trennung stecken. Das zusätzlich zu einer Pandemie durchzumachen ist natürlich sehr sehr anstrengend. Und dann gibt es ja auch noch so viele Alleinerziehende. Hier haben wir den Eindruck, dass viele sich früh ein Netzwerk gesucht haben und auch die Notbetreuung in Anspruch nehmen. Aber dass Alleinerziehende gerade noch mehr doppelt und dreifach belastet sind, muss man wohl kaum erklären. Hier kommt natürlich auch die Angst vor der Erkrankung dazu. Was, wenn man selbst erkrankt und sich nicht mehr um das Kind (das ja in Quarantäne muss), kümmern kann? eine völlig berechtigte Sorge, nicht nur für Alleinerziehende. Anscheinend werden Kinder mittlerweile oft stationär mit aufgenommen, wenn die Eltern ins Krankenhause müssen. Und in Wien wurde sogar ein eigenes Krisenzentrum für Kinder eingerichtet, deren Eltern zu krank sind, um sich um sie zu kümmern. Furchtbare Vorstellungen.

Was aus diesen ganzen Berichten von euch folgt, ist auch, dass es nicht nur in Sachen Belastungsgrad große Unterschiede gibt. Entsprechend gehen die Meinungen auch auseinander. Ist ja auch klar. Jemand, den die Krise im Alltag kaum betrifft, für den sind die Regelungen okay. Wer aber seit einem Jahr kein Einkommen mehr hat und kurz vor dem Burn-Out steht, wünscht sich vielleicht einfach nur einen harten Lockdown, damit die Inzidenzen endlich mal richtig nach unten gehen. Die einen wünschen sich Schnelltests, um sich und ihre Kinder zum schützen und sie trotz allem Schule und Betreuung zu ermöglichen, die anderen finden Schnelltests unnötig. In manchen Bundesländern gibt es eine Präsenzpflicht im Unterricht, in anderen nicht. Junge ärgern sich über Alte, weil wir das alles gefühlt sehr lange nur für sie gemacht haben und jetzt werden sie auch noch als erstes geimpft und bekommen Freiheiten wieder. Das Impfen geht zu langsam, das Virus mutiert fröhlich weiter. Je länger das alles dauert, je mehr verhärten sich die Fronten.

Es ist – gelinde gesagt – eine ziemlich blöde Situation. Aber wir sollten alle versuchen, den jeweils anderen zu verstehen. Psychische Belastungen können lebensbestimmend sein. Ängste kann man in der Regel nicht steuern. Privilegien kann man aber sehen und anerkennen und dabei immer im Auge haben, dass es anderen ganz anders geht. Kräfte sind nicht gleich verteilt, die Menschen sind unterschiedlich robust. “Was mich am meisten nervt, ist dieses: Durchhalten, atmen, meditieren, Yoga machen, Bananenbrot backen, stricken, dann wird das schon”, schreibt uns eine Leserin. “Das suggeriert uns allen, dass wir das Problem seien und uns mal nicht so anstellen sollen. Aber so ist es nicht! Eltern haben einfach wirklich die Arschkarte in dieser Pandemie, seine eigenen Kinder leiden zu sehen, macht niemandem Spaß. Wir haben alle noch nie eine Krise dieser Art erlebt, es ist eine ganz besonders beschissene Situation, an deren Lösung scheinbar niemand interessiert ist. Das macht mich so wütend, aber ich bin viel zu erschöpft, um auf die Barrikaden zu gehen.”

Wir können das alles nachvollziehen. Vor allem weil wirklich gerade kein Ende in Sicht ist.

Wenn es so weit ist, was machen wir dann? Wir haben euch auch gefragt, was euch helfen würde, um wieder auf die Beine zu kommen. “Urlaub!” war die häufigste Antwort. Einfach eine Auszeit. “Urlaub ohne Kinder oder im Club mit ganz viel Kinderbetreuung” kam auch oft. Viele brauchen aber auch wirklich mehr. Eine Therapie. Eine richtige Auszeit, also nicht nur Urlaub, sondern eher ein Sabbatical wünschen sich viele. Einige schrieben auch: Geld. Einfach eine wirkliche Ausgleichszahlung, die einem zumindest die finanziellen Nöte für eine Zeit nimmt. “Und bitte keine 150 Euro, die die Wohlhabenden nicht brauchen und die den Armen nicht helfen”, schrieb uns Pamela, “Sondern mehr. Für die, die es brauchen. Und ohne bürokratische Hürden wie beim Kinderkrankengeld, das ja am Ende so wenigen etwas gebracht hat.”

Einen sehr nachvollziehbaren Wunsch hat uns Clarissa geschickt “Ich wünsche mir einfach nur “Normal”. Ich will mit meinen Kindern ins Freibad fahren, Eis essen, Freunde treffen, danach noch grillen. Ich will, dass sie auf volle, bunte Kindergeburtstage gehen können, dass sie mit hunderten Kindern auf einem Schulfest feiern können. Ich wünsche mir Unbeschwertheit. Für mich, aber vor allem für sie.”

Das wünschen wir uns auch <3

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