Weniger Stress – mehr Leben

11. December 2015 | in Alltag | Familie | Gesellschaft | Karriere

Ich dachte, ich kannte Stress, bis ich ein Kind bekam. Am Anfang machte ich nämlich den großen Fehler alles sein zu wollen: Tip-Top-Mama, Karrierefrau und informierte Bürgerin. Der pure Stress. Irgendwann heulte ich nur noch. Warum? Weil ich das Gefühl hatte, in allem zu versagen. Natürlich ist das Quatsch. Man kann nicht auf einmal alles sein. Und man kann nicht alles auf einmal haben. Wer immer uns einbläuen will, dass das aber so geht und das auch so sein sollte im Leben, spinnt. Seitdem ich meinen Sohn habe, weiß ich was es heißt Kompromisse zu machen. Ich habe gelernt, mich vom ständigen Stress-haben zu emanzipieren.

Positiver, negativer Stress

Es gibt positiven Stress, diesen subtilen Druck, der uns motiviert, der uns etwas schaffen lässt. Und der ist wichtig, keine Frage. Aber es gibt eben auch jenen Stress, der an mir nagt, der mich nur noch funktionieren lässt, bei dem ich mich ständig unzureichend fühle, immer an der Grenze zu „versagen“. Dieser Stress ist ungesund, er macht uns krank. Vor allem aber macht er mich zur Maschine. Nach einer Weile fühle ich mich nur noch ausgelaugt und leer. Bin ich dann noch am Leben? Ich stehe morgens auf, bringe das Kind zur Kita, hechte ins Büro, schaffe nicht mein Pensum, renne zur Kita, fühle mich schlecht auf dem Spielplatz, weil da doch noch so dringende Arbeits-E-Mails waren, fühle mich schlecht, weil ich nicht mit meinem Sohn bin – diese Spirale aufzubrechen ist gar nicht so einfach. Ich habe gelernt (und das gelingt mir zugegebenermaßen nicht immer, aber immer öfter) im Moment zu sein, Dinge auch mal liegen zu lassen und das nicht zuletzt, weil mein Sohn es auch einfordert: Das im Hier und Jetzt und hundertprozentig da sein.

Wenn ich dann manche Artikel lese (z.B. vor Kurzem auf Edition F: “Wieso man nicht arbeiten sollte, wenn man krank ist und es oft trotzdem macht”) und dann damit argumentiert wird, man solle nicht krank arbeiten, weil das im Nachhinein eh unwirtschaftlich sei (man steckt andere Kollegen an, macht Fehler oder verschleppt Krankheiten, bis man sich längere Zeit krankschreiben lassen muss) , fehlt mir eine Komponente: Was ist denn mit der eigenen Lebensqualität? Dem eigenen Wohlergehen? Ist es irgendein Job der Welt wert, sich dieses kleine bisschen Ruhe nicht zu gönnen? Ich habe einige Jahre für ein Start-up gearbeitet, das war spannend, hektisch, dynamisch – es war eine gute und wichtige Zeit. Aber seitdem ich das Kind habe, bin ich ein großer Fan von Entschleunigung. Mein Sohn braucht noch viel Mama und ist eben noch klein. Und ich brauche meinen Sohn. Das wird nicht lange so sein, und wenn ich dann wieder Lust habe 50 oder 60 Stunden in der Woche zu arbeiten, dann habe ich noch viel Zeit im meinem Leben dafür.

Definition über Leistung

Natürlich wünsche auch ich mir finanzielle Sicherheit. Aber will ich mir am Ende meines Lebens sagen können, ich sei immer fleißig gewesen und habe nie meinen Arbeitgeber/ meine Eltern/ meine Kollegen enttäuscht? Nein. Ich will mir sagen können, ich hatte eine erfüllte und gute Zeit. Dazu gehört Arbeit, aber eben auch eine ordentliche Menge Leben.

In meiner Hochstressphase habe ich oft, nachdem der Sohn im Bett war, noch gearbeitet. Das mache ich heute nur noch in absoluten Notfällen, und auch die können meist bis zum nächsten Morgen warten. Ich habe mich davon verabschiedet alles richtig gut machen zu wollen. Hinreichend gut muss bei den meisten Dingen reichen. Aber der Leistungsdruck unserer Gesellschaft liegt auch auf mir. Versteht mich nicht falsch, ich leiste gerne, ich mag es ehrgeizig zu sein, ich habe einen Antrieb. Aber ich kämpfe eben jeden Tag darum, mich nicht über meine Leistung zu definieren und: zu bewerten. Bin ich als Mensch mehr Wert, weil ich mehr geleistet habe? Nein. Und warum hat man eigentlich diesen Druck bis 40 seine Karriere geschafft haben zu müssen? Die Berufswelt ändert sich so stark, besonders für Selbstständige kann manche Karriere mit 40 erst so richtig anfangen. Ich habe bei guter Gesundheit also noch gute 30 bis 40 Jahre Berufsleben vor mir – warum setzte ich mich so unter Druck?

Der Ausweg

Was ich mir geschaffen habe, ist eine gewisse Grundgelassenheit und Vertrauen ins Leben und in mich. Das mag albern klingen, aber wenn ich anfange furchtbar gestresst zu sein, versuche ich die Perspektive zu wechseln: raus aus dem Mittendrin und hin zu meinem schwebenden Alter Ego. Von oben betrachtet sieht mein Leben nämlich meist viel weniger kompliziert aus. Ich versuche zu evaluieren: Ist das gerade wirklich wichtig? Stimmen die essenziellen Dinge: Ist mein Kind gesund? Haben wir ein gutes Leben? Bedroht irgendetwas mich oder unser Leben? Wenn ich mir diese Fragen im Guten beantworten kann, und das ist ja meistens der Fall, zoome ich zurück in mein Alltagsleben und siehe da, ein Lächeln huscht über mein Gesicht, ich erfreue mich am Leben, an meinem Sohn und den anderen tollen Menschen in meinem Leben – die Gelassenheit ist wieder da. Was nicht heißt, dass ich mich nicht trotzdem beeile pünktlich zum Termin zu kommen. Aber dieses innere Stress-Knoten-Gefühl, bei mir befindet sich der so oberhalb der Bauchgegend, ist plötzlich weg. Und wenn Dinge nicht so laufen wie geplant, nun, das ist dann halt das Leben. Davon geht meine Welt nicht unter.

Viel davon habe ich von Junio gelernt. Er hat mir beigebracht, dass die Welt da draußen Kopf stehen kann und alles, was zählt ist nur, dass wir uns haben. Er ist nur einmal so klein. Vielleicht ist er mein letztes Kind. Stress kann ein Antrieb sein, aber vor allem ist er eines: Zeitverschwendung.

 

 

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