Was Männer nie gefragt werden…

28. May 2021 | in Gesellschaft

… da gibt es ja so Einiges, oder? “Wo sind die Kinder?” zum Beispiel…

Vor einer Weile, als es noch Dinnerparties gab, saß ich mal einen Abend lang neben Fränzi Kühne. Fränzi hat mit zwei Partnern TLGG gegründet, Deutschlands damals erste Social Media Agentur, sie hat mittlerweile zwei Kinder und sie wurde 2017 die jüngste Aufsichtsrätin Deutschlands. Ich war schon Fan, bevor ich sie kennenlernte, das könnt ihr euch denken. Und an diesem Abend habe ich auch tatsächlich viel von ihr mitgenommen. Sie war so klar und so bei sich – und hat mir, wahrscheinlich ohne es zu wissen, sogar ein paar sehr sinnvolle Lebensweisheiten mit auf den Weg gegeben.

Als Fränzi also 2017 Aufsichtsrätin wurde, hat sie natürlich viele Interviews gegeben. In diesen wurden ihr immer wieder die gleichen Fragen gestellt. „Frauenfragen, eben“, sagt sie. Es ging darum, was sie anhat. Wie sie ihr Outfit gewählt hat, wie sie das mit dem Muttersein wuppt. Ob sie sich als Vorbild sieht, wie sie es so weit nach oben geschafft hat, und ob das auch an ihrem Äußeren liegen könnte. Oder daran, dass sie eine Frau ist. Jetzt hat sie den Spieß umgedreht: Sie hat 22 ganz unterschiedlichen Männern genau diese Fragen gestellt. Und darüber ein Buch geschrieben: „Was Männer nie gefragt werden – ich frage trotzdem mal“.

Das Ergebnis ist erhellend und offenbart auf irre charmante und kluge Weise, wie stark Klischee- und Rollendenken auch im Jahr 2021 noch sowas von verwurzelt sind. Und dass wir kein bisschen gleichberechtigt sind, falls das immer noch jemand behauptet. Was mir besonders positiv aufgefallen ist: niemand wird bloßgestellt, alle Männer kommen durch die Bank ziemlich gut gut weg, obwohl (oder gerade weil?) sie teilweise so viele Schwächen und Fehler zugeben. Einige haben mich sogar immens überrascht, denn sie denken reflektierter und gleichberechtigter, als ich es erwartet hätte.

Als wir telefonieren, befindet Fränzi sich gerade auf der Autobahn, auf dem Weg nach Hause von einem Interview. Und ich hab einfach mal drauflos gefragt:

Liebe Fränzi! Du hast diese ganzen Fragen ja viele Jahre beantwortet und sie wahrscheinlich kaum hinterfragt, oder?

Ja, das stimmt. Ich hab diese Fragen wirklich nicht hinterfragt, ich fand das normal. Weil ich war ja als junge Frau im Aufsichtsrat auch eine Ausnahme, ich sehe aus, wie ich aussehe, und so weiter. Ich dachte: Das wird vorbeigehen. Aber es hat nicht aufgehört!
Am Ende war es Martina Merz, die heute Aufsichtsratsvorsitzende bei Thyssen Krupp ist, die mich irgendwann darauf hingewiesen hat, dass es in den Interviews nie um meine Kompetenz geht, sondern immer um Äußerlichkeiten oder Vereinbarkeit. Das war ein Schlüsselmoment. Da wurde mir erst klar, dass hier was nicht stimmt. Von da an wollte ich es anders machen. Ich habe so charmant wie möglich versucht, diesen Fragen aus dem Weg zu gehen. Hat leider nicht geklappt. Die Interviews wurden trotzdem so aufgebaut, dass es immer erstmal darum ging, wie ich aussehe und dass ich Mutter bin. Man hat mich dann zum Beispiel einleitend beschrieben: „Fränzi trägt Chucks und schwarze Lederjacke.“ Und auch die Fragen blieben teilweise anmaßend: „Werden sie ernst genommen im Aufsichtsrat?“ Ich konnte gar nicht glauben, dass meine Kompetenzen so wenig zählen sollten, ich hatte immerhin eine sehr solide Gründerinnenkarriere hingelegt und kann sehr viel Expertise in Sachen Digitalisierung vorweisen.
Das Schöne ist aber: Jetzt ändert es sich gerade. Durch das Buch. Ich habe den Spieß umgedreht und jetzt stellt man mir andere Fragen.

Viele Männer haben deine Fragen ja auch schon als fast übergriffig empfunden, oder?

Also es hat nie einer aufgelegt, dabei hatte ich damit gerechnet! Und ich kann es auch verstehen, dass manche Themen zu privat erscheinen, aber ich will einfach etwas über die persönliche Haltung wissen, da muss ich so etwas fragen. Bei Frauen sind private Dinge immer sofort ein Thema, weil die Verantwortung für Kinder ständig mithängt, als zusätzliches Projekt. Man geht einfach davon aus, dass sie das auch machen. Bei Männern sind Fragen nach der Familie eher die Kür, wenn es mal ein bisschen menschlich werden soll. Die Fragen nach den Äußerlichkeiten haben auch zu interessanten Reaktionen geführt. Niemand wird gerne auf sein Äußeres reduziert – auch Frauen nicht. Das sollte so egal sein, aber bei Frauen ist es das eben leider nicht.

Ich bin mittlerweile sehr sensibel, was das angeht. Wenn ich lese, dass einer Frau Fragen zu ihrer Familie gestellt werden, obwohl es nicht zum Kontext passt, werde ich sauer. Auch weil die Antworten immer die gleichen sind.

Das stimmt. Es läuft immer auf die gleiche Antwort heraus. Das sagen meine Interviewpartner ja auch: Eine Karriere geht immer einher mit Opfer bringen. Du kannst nicht beides 100% machen, Familie und Karriere. Warum es dennoch gefragt wird? Ich weiss es nicht. Vielleicht will man die Frauen so aus der Reserve locken. Der Unterschied ist nur, dass Männer sich den Opfern meist später bewusst werden, manchmal erst, wenn die Kindern schon aus dem Haus sind. Da kam es in einigen Interviews zu fast rührenden Szenen. Bei Frauen ist das Thema Familie immer präsent. Ich würde mir wünschen, dass zumindest kreativer gefragt wird, also auch mal konkret: wie läuft das. Wie teilen sich die Partner auf, wer steckt wo zurück. Was müsste passieren, damit es leichter wird. Und natürlich müsste man diese Fragen auch Männern stellen. Und sie sollten sie sich auch selbst stellen!

Deutsche Männer haben ganz stark die Prägung in sich, dass die der Versorger sein müssen, der Macher. Und immer verfügbar. Das ist so eine gewisse Haltung, die an den Tag gelegt wird. Und die durch die Strukturen ja auch noch mal befeuert wird. Deutschland ist da recht beratungsresistent, so richtige Reformen traut man sich nicht. Für viele ist der Bedarf, etwas zu verändern, vielleicht auch einfach nicht groß genug. Dabei wäre das so toll, wenn der Aufsichtsrat einfach mal sagt: „Nein, da kann ich nicht. Da ist Einschulung.“

Ich habe in deinem Buch schon auch herausgelesen, dass du findest, Männer stellen sich ihrer Verantwortung zu wenig. Sprich: wenn sich wirklich was ändern soll, dann brauchen wir die Männer.

Klar, wir schaffen das nur gemeinsam. Wir brauchen die Männer ganz dringend auf dem Weg. Wenn Gleichberechtigung immer nur ein Frauenthema ist, dann wird das nichts. Ich würde mir so sehr wünschen, dass Männer dieses Buch lesen, weil es sicher vielen einen neuen Horizont eröffnet. Aber der Verlag meinte schon: „Fränzi, mach die keine Illusionen, Männer lesen nur männliche Autoren.“ Wobei mir jetzt schon ein paar Männer, die das Buch gelesen haben, eben das bestätigt haben: dass es sehr erkenntnisreich ist. Ich möchte mit dem Buch ja nicht nur eine Diskussion darüber anstoßen, dass das ein Problem ist, wie über Frauen berichtet wird. Ich würde auch die Männer gerne dazu ermutigen, sich ein bisschen mehr In Position zu bringen. Man kann ja auch so gut mit dem Thema glänzen als Mann. Es wäre so einfach! Das war auch schon immer so. Als Mann wird man gefeiert, wenn man sich um die Kinder kümmert. Oder alleinerziehender Vater ist. Wenn man sich als Mann um seine Kinder kümmert, bekommt man dafür viel mehr Anerkennung, als eine Frau.

Du schreibst: „In einer durch männliche Prägungen und überwiegend männliche Vollzeitkräfte geprägten Arbeitswelt können Männer eher neue Aufgaben und Gelegenheiten wahrnehmen, weil sie Zeit haben und eher darauf vertrauen, dass es schon klappen wird. (…) Männern bietet diese Arbeitswelt einfach in ihrem grundsätzlichen Sein eine Fülle an Vorteilen.“ Ich dachte so: wow. Und: Damit sich im beruflichen Kontext was ändert, brauchen wir aber auch die Politik, oder?

Ja. Ich bin für eine Quote. War ich nicht immer, aber mittlerweile bin ich davon überzeugt, dass wir eine verbindliche Frauenquote brauchen. Denn es gibt keinen natürlichen Impuls, etwas zu ändern. Es wird nicht von alleine passieren. Einer meiner Interviewpartner sagte zu mir: „Es ist meine  Erfahrung, dass Typen eher Typen einstellen, die so ähnlich aussehen wie sie, an ähnlichen Stellen lachen und ansonsten auch so sind, wie sie selbst.“ So ist das wirklich. Deswegen passiert so etwas, dass mehr Thomas und Michaels als Frauen in den deutschen Aufsichtsräten sitzen. Für die Aufsichtsräte gilt nun seit 2016 eine verbindliche Geschlechterquote von 30 Prozent, aber bisher hat sich das nicht auf die Vorstände oder gar die Unternehmenskultur ausgewirkt. Jetzt wurde gerade ein Gesetzentwurf über eine Frauenquote für Vorstände in großen Unternehmen verabschiedet, das ist ein Schritt nach vorne, aber es reicht auch noch nicht. Ich bin übrigens dafür, dass die Quote nur temporär sein sollte. Auf Dauer sollte es anders gehen. Frauen brauchen ja keine Quote, um ganz oben mitzuspielen. Es gibt genug richtig gute Frauen da draußen.

Wobei ich dann aber immer denke: Solange Kinderbetreuung Frauensache ist und Kinderbetreuung nicht flächendeckender, dann steigen ja nur kinderlose Frauen auf, die vielleicht sogar eher wie Thomas und Michael ticken.

Total. Und hier finde ich es auch keine Option, auf die Politik zu warten. Unternehmen müssen da viel aktiver werden, zum Beispiel Anreize schaffen, damit mehr Väter Elternzeit nehmen, oder anderweitig versuchen, so familienfreundlich wie möglich zu sein. Die können das recht leicht und schnell lostreten! In Skandinavien ist das seit Jahrzehnten Standard – und man ist dort sehr viel weiter. Ich glaube außerdem, alle Frauen tun sehr gut daran, mit ihren Partnern klar über Aufteilung zu sprechen, bevor sie Kinder kriegen. Das ist übrigens auch eine spannende Passage im Buch. Die Frage, ob die Aufteilung und die Familienplanung mit den Partnerinnen abgesprochen wurde, haben ganz viele nicht mal verstanden. Das wurde nich besprochen. Da gab es eine stille Übereinkunft, dass sich für den Mann nichts ändert.

Worüber ich gestolpert bin, ist, dass sich keiner der Männer mit denen du gesprochen hast,
ein Vorbild nennen möchte…

Viele Männer brauchen keine Vorbilder. Deshalb scheuen sie sich, selbst eins zu sein. Sie brauchen keine Vorbilder, weil sie ja alles in die Wiege bekommen: wie ein Mann zu sein hat und wie es funktioniert. Eine Vorbildfunktion hat ja auch etwas mit sich hervorheben zu tun – und so wollen sie nicht sein. Ich kann das auch verstehen, ich gucke selbst recht wenig nach rechts und links. Aber es ist schon auffällig, dass jede erfolgreiche Frau ein Vorbild für die nächste Generation sein soll – und Männer sich nicht mal die Frage stellen, inwiefern sie Vorbild sein könnten. Dabei müssen sie es sein! Und mir haben ja auch alle Interviewpartner versichert, dass sie für Gleichberechtigung sind. Die Frage ist dann aber eben, wie sie sich letztendlich wirklich dafür einsetzen. Männer könnten so viel bewegen – und das würde direkt auf alle abfärben.

Dein Buch kommt ja genau zur richtigen Zeit, oder? Siehe die Diskussionen um die Kandidatur von Annalena Baerbock…

Das war natürlich eine Steilvorlage. Ich war erleichtert, dass das gleich so kritisch diskutiert wurde. Denn dass sie Robert Habeck so etwas nie gefragt hätten, zeigt genau, was wir für ein Problem haben. Ich freue mich sehr darüber, dass die Zeit scheinbar reif ist. Und auch, darüber zu sprechen und zu diskutieren, auf Augenhöhe. Der Ansatz des Buches war, mal einen anderen Blickwinkel zu zeigen, eine neue Perspektive, die das Thema auch nicht zu ernst angeht. Viele feministische Diskussionen sind so verhärtet – und das muss nicht sein! Wobei ich sagen muss, dass das Buch letztendlich nicht so lustig geworden ist, wie das gedacht war. Ich dachte so: haha, jetzt bin ich mal dran! Aber es waren allesamt sehr schöne, persönliche, vertraute und auch ernste Gespräche. Ich habe zum Teil viel gelernt. Und mir immer wieder gedacht: Die meisten Fragen haben ja durchaus ihre Berechtigung, aber dass sie nur Frauen gestellt werden, das ist schade.

Absolut. Auf viele, produktive Diskussionen!

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