Was kann ich gegen sexuellen Missbrauch von Kindern tun?

19. November 2020 | in Familie | Gesellschaft

Julia von Weiler ist eine dieser Expertinnen, die man hört und denkt: Wow! Dabei ist ihr Lebensthema ein sehr schweres: Sie kämpft seit 30 Jahren gegen sexuellen Kindesmissbrauch und kennt dazu alle Zahlen und traurigen Fakten. Gerade jetzt, in der Corona-Krise und während des neuen Lockdowns, ist dieses Thema wichtiger denn je, schließlich hat bei dem Lockdown im März häusliche Gewalt zugenommen, in Berlin gab es im Juni einen Anstieg von 30 Prozent verglichen zum Vorjahreszeitraum. Experten gehen davon aus, dass diese Dynamik auch bei sexuellem Missbrauch zu beobachten ist.

Julia ist eher zufällig an dieses schwere Thema geraten – nachdem sie sich im Zuge ihres Studiums an der NYU zu spät um das Pflicht-Praktikum gekümmert hatte, kam sie zum “Children’s Safety Project”, wo sie missbrauchte Kinder begleitete. Aus drei Monaten wurde ein Jahr. Auf dem Rückflug nach Deutschland lernte sie dann einen Mann kennen, dessen Schwester eine Wohngruppe für missbrauchte Frauen im Münsterland leitete, die Mädchenvilla, damals die bundesweit erste Wohngruppe für missbrauchte Mädchen im Alter von vier bis 14 Jahren.  Darauf folgten drei Jahre in einer Kölner Beratungsstelle, und seit 2003 leitet sie den Verein “Innocence in Danger”, der gegen die Ausbreitung von Kinderpornographie im Netz kämpft. Ein wichtiges Thema – umso mehr freuen wir uns, dass Julia Zeit für uns gefunden hat.

Liebe Julia, wie verbreitet ist sexueller Kindesmissbrauch?
„Wenn man sich die Dunkelfeldstudien beispielsweise der WHO ansieht, dann kann man davon ausgehen, dass in jeder Kindergartengruppe, in jeder Grundschulklasse, in jedem Sportverein zwei bis vier betroffene Kinder sind. Das bedeutet, wir alle kennen Kinder, die sexualisierte Gewalt erleiden. Und wir alle kennen Täter*innen, denn sexuelle Gewalt findet im Nahfeld statt. Der Gedanke, dass wir Täter*innen in unserem Umfeld haben, ist aber für viele schwer zu ertragen – auch deswegen wir sexueller Missbrauch oft erst spät entdeckt.“

Viele scheinen zu glauben, dass sexueller Missbrauch vor allem in sozial prekären Milieus auftritt…
„Ja, es sind immer die anderen. Das aber stimmt nicht, sexuelle Gewalt an Kindern zieht sich durch alle sozialen Schichten, alle Religionen, alle Altersklassen und ist auf keinen Fall ein Phänomen, das nur im Prekariat auftritt. Im Gegenteil, wenn Familien vom Jugendamt oder Sozialamt betreut werden, ist oft zumindest die Wahrscheinlichkeit höher, dass sexuelle Gewalt entdeckt wird, als in bürgerlichen Kreisen.“

Gibt es Altersgruppen, die besonders fragil sind?
„Je jünger das Kind ist, desto vulnerabler. Kleinkinder bis zum Grundschulalter sind besonders gefährdet. Wir weisen schon lange darauf hin, dass die Tendenz zu jüngeren Kindern, denen massive Gewalt angetan wird, seit Jahren steigt. Das ist auch in dem gesicherten Material von Kinderpornographie-Ringen sichtbar. Das hat einen sehr zynischen, aus Täterperspektive jedoch strategisch klugen Grund: Die betroffenen Kinder können sich sprachlich nicht mitteilen – und die Wahrscheinlichkeit, dass man ihnen glaubt, ist geringer.“

Dass es gut organisierte Täterkomplexe wie Bergisch-Gladbach oder Lügde in Deutschland gibt, hat viele Menschen schockiert. Du beschäftigst dich seit drei Jahrzehnten mit dem Thema – wie geht es Dir, wenn solche Verbrechen aufgedeckt werden?
„Das erste Gefühl ist ein tiefes Entsetzen und Mitgefühl mit den Kindern sowie ein großer Zorn auf die Täterstruktur. Aber, so komisch das klingen mag, ich bin jedes Mal auch erleichtert, dass diese furchtbaren Verbrechen offenbar werden und dass die Menschen sehen, dass es sehr wohl gut organisierte Missbrauchsringe hier in Deutschland gibt – darauf weist Innocence in Danger e.V. seit Jahrzehnten oft vergeblich hin. Durch die Verbreitung der Missbrauchsdarstellungen haben wir nun Beweismittel an der Hand und werden nicht mehr als Phantasten abgetan. Eine erschütternde Erkenntnis für mich ist, dass es auch hier Zufallsfunde waren. Das macht mich wütend, denn diese Kinder leben nicht im luftleeren Raum. Sie gehen zur Schule, zum Musikkurs oder zum Sport, sie spielen mit anderen Kindern und treffen dabei auch auf andere Erwachsene. Wir ruhen uns viel zu sehr auf der Prävention aus, die ist auch wichtig, aber einzugreifen, wenn einem etwas komisch vorkommt, ist ebenfalls enorm wichtig, und da sind Lehrkräfte, Kindergärtner*innen, und Eltern anderer Kinder, denen etwas auffällt, genauso in der Pflicht.“

Wie kann ich denn erkennen, ob ein Kind sexuell missbraucht wird und wie verhalte ich mich richtig, wenn ich einen Verdacht oder auch nur ein komisches Gefühl habe?
„Es gibt keine eindeutigen Symptome, die auf sexualisierte Gewalt an Kindern hinweisen. Manchmal gibt es körperliche Spuren, also Hämatome, z.B. an den Oberschenkeln, Verletzungen im Genitalbereich oder auch sexuell übertragbare Krankheiten – dies ist aber eher ein Hinweis an Kinderärzte, denn beim Spielen zieht man die Kinder ja nicht aus. Kinder reagieren auf Missbrauch sehr unterschiedlich: Manche werden aggressiv, manche depressiv, die einen schlafen viel, die anderen entwickeln eine Schlafstörung. Die Psyche ist eine Wunderwaffe mit einer großen Bandbreite an Bewältigungsstrategien. Wenn wir merken, dass Kinder, die wir häufig sehen, sich plötzlich oder schleichend verändern, wenn wir uns Sorgen machen, dann gilt es, diese Sorge ernst zu nehmen. Man muss nicht gleich zur Polizei gehen. Aber man muss den ersten wichtigen Schritt tun und das Hilfetelefon Missbrauch anrufen. Dort können besorgte Eltern mit professionell geschulten Menschen ihre Sorge besprechen und sortieren, was sie beobachtet haben. Die Expertinnen und Experten, die dort arbeiten, beraten sie auch hinsichtlich des weiteren Vorgehens und verweisen gegebenenfalls an weitere Stellen. Ich kann nicht oft genug an Eltern appellieren, das zu tun! Es hat nichts mit Denunziation zu tun. Man macht das lieber einmal zu oft als zu wenig. Viele schieben das Thema von sich weg und verfallen in ein Wunschdenken – „In meinem Freundeskreis gibt es das nicht“ – aber die Zahlen sprechen eindeutig dafür, dass das nicht stimmt. Wenn ich mir Sorgen mache, dann bin ich dafür zuständig, diesen auch nachzugehen– nur so kann Missbrauch entdeckt werden.“


Das schiere Ausmaß des Missbrauchs macht fassungslos – alleine im Missbrauchsfall Münster fanden Ermittler 500 Terrabyte Material, die Auswertung kann Monate, sogar Jahre dauern. Nimmt Kindermissbrauch zu?
„Mich schockiert das Ausmaß nicht, denn der technologische Fortschritt ist gigantisch und treibt das Thema nach vorne. Im Jahr 1999 wurde mit der Operation Landslide eine Plattform ausgehoben, die 250 000 Nutzer*innen hatte, im Jahr 2017 gab es die Operation Elysium mit 110 000 Nutzer*innen weltweit. Die Verbreitung wird stärker und erreicht Dimensionen, die alleine durch menschliche Ermittlungen nicht mehr gestemmt werden können. Deswegen brauchen wir auch mehr Künstliche Intelligenz wie das Project Arachnid des Canadian Centers for Child Protection – die Experten haben einen Webcrawler entwickelt, der das Netz auf verdächtiges Material durchsucht. Allerdings ist es schwer zu sagen, ob der Missbrauch zugenommen hat. Ich glaube, er ist sichtbarer geworden, und es gibt einen bestimmten Tätertypus, der sich heute eher traut, Missbrauchsdarstellungen zu konsumieren und sich so desensibilisiert. Der früher in einer Videothek vielleicht nicht gewagt hätte, nach dem Material unter der Theke zu fragen. Es ist gut, dass der Missbrauch sichtbarer wird, denn sexueller Missbrauch gehört für Kinder in Deutschland zum Alltagsrisiko. Es passiert nicht alle paar Wochen einmal, sondern jeden Tag, zu jeder Stunde und überall. Die Täterkomplexe in Staufen, Lügde, Münster und Bergisch-Gladbach haben das noch einmal sehr deutlich gemacht. Die Täter und Täterinnen sind unter uns.“

Auch Cybergrooming bereitet vielen Eltern Sorge – wie kann ich mein Kind davor schützen?
„Die digitale Kommunikation ist für Täter und Täterinnen das ultimative Mittel: Sie sind damit vollkommen ungestört und unbeobachtet beim Kind, auch wenn es nach außen hin so wirkt, als sei das Kind behütet, mit Mama und Papa zu Hause. Über soziale Medien wie Instagram oder Online-Spiele mit Chatfunktion können Täter und Täterinnen zu Kindern Kontakt aufnehmen. Wichtig ist, die digitale Lebenswelt des Kindes zu verstehen. Ich empfehle z.B. die Seite Spieleratgeber-nrw.de und auch Let’s Plays auf Vimeo oder YouTube, da werden Computerspiele von erfahrenen Spielern demonstriert und so bekommt man schnell einen Eindruck, wie das Spiel aufgebaut ist. Auch wichtig: Das Kind ermutigen, ihm sagen: Wenn etwas komisch ist oder jemand gemein zu Dir wird, dann gehe zu mir oder zur Oma oder zur Lehrerin. Sich interessieren, immer mal wieder nachfragen. Wir haben eine Reihe von Materialien entwickelt, unter anderem ein Digitalabkommen für Eltern und Kinder.“

Welche Auswirkungen hatte die Corona-Krise?
„Interpol hat im Sommer vermeldet, dass es während des harten Lockdowns im März einen Anstieg in der Verbreitung von Missbrauchsdarstellungen von rund 30 Prozent gab. Zudem wurden weniger Fälle gemeldet, weil der Zugang zu Beratungsstellen und anderen Trägern schwieriger geworden ist. Kinder, die Gewalt ausgesetzt sind, haben es in solchen Phasen besonders schwer. Eltern, die sich um Freunde und Freundinnen ihrer Kinder sorgen, können zumindest mit ihrem Kind bei dem Spielkameraden anrufen und selber auch ein paar Sätze ins Telefon sprechen und so signalisieren: Ich bin da. Es gibt aber auch Hoffnung: Die Kollegen beim Hilfetelefon erzählten auch von Fällen, wo Kinder sich ihren Eltern anvertraut haben, weil sie nun besonders viel Zeit mit ihnen verbringen und sich so endlich getraut haben, ihre Erfahrung zu teilen. Auch diese Fälle gibt es.“

Danke, Julia!

Unter der Nummer 0800 22 55 530 ist das Hilfetelefon Sexueller Missbrauch montags, mittwochs und freitags von 9 bis 14 Uhr sowie dienstags und donnerstags von 15 bis 20 Uhr bundesweit, kostenfrei und anonym erreichbar. Das Hilfetelefon ist eine Anlaufstelle für Menschen, die Entlastung, Beratung und Unterstützung suchen, die sich um ein Kind sorgen, die einen Verdacht oder ein “komisches Gefühl” haben, die unsicher sind und Fragen zum Thema stellen möchten.

Porträt von Julia: privat
Preview Foto: Rostyslav Savchyn

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