Was Eltern mit einem Kind nicht wissen (können)

Was habe ich diesen Satz gehasst, als ich noch Mutter eines Kindes war: “Ein Kind ist kein Kind.” Und ja, auf vielen Ebenen ist er auch einfach saudoof. Ein Kind ist ein Kind. Und ein Kind ist schon lebensverändernd und intensiv genug! Nun habe ich aber drei Kinder. Zwei davon im Kleinkindalter… Und in letzter Zeit erwischen mein Partner und ich uns immer mal wieder dabei, dass wir uns ganz, ganz leise zuflüstern: “Ein Kind ist kein Kind”. Natürlich so, dass es nie irgendjemand hört, vor allem nicht die Eltern, die sich da drüben ganz rührend mit ihrem einen Kleinkind beschäftigen.

Dabei soll es in diesem Artikel ja gar nicht unbedingt darum gehen, welche Anzahl von Kindern denn nun am Anstrengendsten ist. Viel eher soll es darum gehen, was man mit einem Kind einfach nicht wissen kann, weil man eben nur dieses eine kleine Versuchskaninchen hat. Nein, Kinder sind natürlich keine Versuchskaninchen! Aber ich habe den Begriff bewusst gewählt. Denn das ist schon das erste Learning, das ich persönlich erst mit dem zweiten Kind hatte: Dass das Verhalten und die Entwicklung meines Kindes nur sehr begrenzt von mir beeinflusst werden können. Ein Beispiel? Ich erinnere mich noch gut, wie stolz ich war, dass mein erster Sohn immer so schön Rohkost aß. Gurke mit Schale! Karotten, Äpfel mit Schale. Für mich war damals klar, dass das eindeutig damit zutun hatte, dass ich ihm das so vorlebe und ihm immer wieder das Angebot von Gurke MIT Schale gemacht hab. Nun ist mein zweites Kind zwei Jahre alt und, wie soll ich’s sagen, er würde niemals Gurke mit Schale essen. Er ist irgendwie auch nicht so ein großer Fan von Rohkost. Dabei könnte ich schwören: Ich hab ihm das genauso angeboten, wie meinem ersten Kind.

Kinder sind einfach unterschiedlich. Und der elterliche Einfluss eher gering…

Letztens las ich in einem Buch, dass die Autorin ihrer Tochter niemals ein Smartphone während des Essens im Restaurant in die Hand drücken würde. Ich denke, dass sie vielleicht einfach ein Kind hat, das beim Essen im Restaurant ausmalt. Oder in einem Buch blättert. Oder aber sonst wie auf ihrem Stuhl oder Sitz sitzen bleibt. Solche Kinder gibt es. Bis jetzt ist keines meiner Kinder so. Klar, man kann sie ganz gut mit kleinen Spielzeugen ablenken. Aber über einen längeren Zeitraum auf dem Platz sitzen bleiben, ohne irgendwann wild durchs Restaurant zu laufen, das gibt es hier leider nicht (oder erst wieder, wenn die Kinder etwas älter sind). Was bei einem Kind noch okay zu handeln gewesen war, wo man eben schnell nur einen Hauptgang bestellt hat oder freundlich darum bat, einfach alles auf einmal und so schnell wie möglich zu bringen, steigert sich bei zwei (Klein-)Kindern ins Unmachbare. Zeitweise sind Restaurantbesuche eben keine Option mehr – es sei denn, es handelt sich um einen Biergarten mit großer Spielfläche im Sommer. Im Moment haben wir es ehrlich gesagt aufgegeben, essen zu gehen.

Ein weiteres Beispiel für unterschiedliche Charaktereigenschaften von Kindern: Ich habe früher Eltern, die für ihr Baby oder Kleinkind einen Laufstall angeschafft hatten, immer insgeheim verurteilt. Allein schon das Wort sagt es ja: Stall! Mein wunderbares Kind ist doch kein Tier (ja auch Tiere sollte man nicht einsperren). Beim ersten Kind hatte ich keinen Laufstall, klar, er räumte mal die Küchenschränke aus. Aber ja mei, dann räum ich die halt später wieder ein. Ich war ja eine entspannte Mutter, und wäre nie auf die Idee gekommen mein Kind einzusperren! Bis Jahre später sein Bruder auf die Welt kam. Sobald der krabbeln konnte war nichts mehr in unserer Wohnung sicher. Er kletterte mit Hilfe eines Stuhls auf unseren Tisch und zerrupfte die Blumen in der Vase. Er schnappte sich die Klobürste und erkundete jene mit seinem Mund. Er riss das Siphon unseres Badezimmerwaschbeckens ab (das seit circa zehn Jahren nicht mehr gereinigt wurde) und leckte den schwarzen Schleim ab. Er kletterte mit Hilfe eines Hockers auf den Fenstersims und schaffte es, den schweren Hebel zu betätigen, um dann am offenen Fenster runterzurufen (wir wohnen im ersten Stock und ich schnappte ihn schnell vom Fenster weg, seitdem gibt es Kinderschutz am Fenster). Seine Aktivitäten gipfelten dann darin, dass er einmal den Herd anstellte, ich das nicht mitbekam, der Feueralarm anschlug und ich in eine brennende Küche kam. Also schafften wir einen Laufstall an. Unser “Babygefängnis” war einige Wochen in Benutzung, bis er auch dort ausbrach. Kinder sind einfach unterschiedlich, sie sind kleine Überraschungspakete! Unser elterlicher Einfluss macht sehr viel weniger aus, als wir es uns weiß machen wollen (Ich sage nur: “Entspannte Eltern, entspannte Kinder”, dass ich nicht lache!)

Das Stress-Level ist höher

Ja, auch mit einem Kind war ich gestresst. Und Kinder sind ja auch unterschiedlich. Es gibt einfach entspanntere Kinder und weniger entspannte Kinder. Und dann gibt es ja auch Phasen, mal ist es unkomplizierter, mal ziemlich hart. Mal wird okay geschlafen, mal gar nicht. Und doch muss ich sagen, ist das Stress-Level einfach nochmal krasser mit zwei Kindern, beziehungsweise mit drei. An mehrere Bedürfnisse zu denken, unterschiedliche Launen aufzufangen – und man selbst ist ja auch noch ein Mensch mit Bedürfnissen und Launen. Bei uns passiert es oft nach der Kita, dass beide Kinder auftanken und sich auf den Schoß kuscheln wollen. Und dann gibt es Geschrei und Zank, und das jeden Nachmittag. Was bei einem Kind durchaus auch anstrengend war, das Quengelige nach der Kita, das Auffangen-müssen, multipliziert sich manchmal ins Unermessliche bei mehreren Kindern. Ich habe noch Isabels Kommentar über ihre Zeiten mit zwei kleinen Kindern im Kopf und kann es sehr gut nachfühlen: “Man denkt ja immer: jetzt stirbt gleich jemand!” Das beschreibt das Stresslevel ziemlich gut. Temporäre Todesangst. Mehrmals täglich.

Und dann gibt es eben noch Bedürfnisse, die entweder gleich sind, was problematisch sein kann (Eins zu Eins-Zeit mit Mama) oder die sich gut ergänzen können (Hunger) oder eben auch jene, die sich gegenseitig ausschließen (einer braucht Ruhe, der andere ist auf Action). Ist der Altersunterschied größer, sind die Bedürfnisse zuweilen sehr unterschiedlich. Mein Großer möchte mit mir einen coolen Film gucken, der Kleine ist aber eben gerade noch zwei. Die kleinen Kinder brauchen einen Mittagsschlaf – wie können wir den so einbauen, dass das große Kind sich nicht langweilt. Sowieso: die Schlaf-Gewohnheiten! Bei uns gehen alle drei Kinder zu unterschiedlichen Zeiten ins Bett… Und die Herausforderung, Aktivitäten zu finden, die für alle lustig sind, wird immer größer. Meine Güte – wie entspannt war das mit meinem einen Sohn damals: Wir haben einfach immer gemacht, worauf wir Lust hatten, und keiner nervte oder war unzufrieden.

Ab zwei Kindern beginnt der Ernst des Lebens… Ab drei sind sie dann sogar in der Überzahl

Zeit als Paar (und für sich selbst) geht mit jedem Kind weiter gegen Null. Will man sich mal ein wenig Paar-Zeit erkaufen, wird es mit mehreren Kindern nämlich schwerer. Einer Freundin gleich zwei Kids mitzugeben – das würde ich mich nie trauen. Auch ein Babysitter ist natürlich teurer und muss erfahren genug sein, das gut mit Zweien oder Dreien hinzubekommen. Die Kinder mal eben bei der Oma parken – ist auch bei vielen mit zwei Kindern vorbei und geht erst wieder, wenn sie etwas älter sind. Zeit allein wird natürlich ebenfalls schwieriger: Man hat ein viel größeres schlechtes Gewissen, den Partner abends mit zwei oder gar drei Kindern allein zu lassen. Alleine zu Hause sein? Fehlanzeige. Ein Kind ist nämlich fast immer zu Hause. Serien werdet ihr mit zwei Kindern wahrscheinlich auch eine Weile nicht mehr schauen, denn oft ist man den ganzen Abend mit Einschlafbegleitung(en) beschäftigt. Ich erwähnte bereits, dass bei uns alle Kinder zu unterschiedlichen Zeiten ins Bett gehen? Wenn das erste schläft, muss man das zweite ins Bett bringen, dann das dritte. Das alleine… Puh.

Was sehe ich nun auch anders? Krankheiten! Als ich ein Kind hatte, fand ich Bekannte, die sich lieber nicht treffen wollten, wenn man selbst oder das Kind ein wenig kränkelte, immer wahnsinnig unentspannt. Das ist halt das Lebensrisiko, man kann sich doch nicht so einschränken! Jetzt, wo ich drei Kinder zu Hause habe, verstehe ich es. Ein Infekt bedeutet nämlich nicht nur, dass ich krank werde und eventuell das Kind, sondern dass wir (im schlimmsten Fall) alle mehrere Wochen damit zutun haben. Ich krank, Partner krank, Kind 1 kann nicht in die Kita, dann Kind 2, dann Kind 3. Es passiert ja selten, dass alle gleichzeitig erkranken. Meistens liegen dazwischen schön ein paar Tage. Vor kurzem stand in der Kita ein bunter Zettel an der Tür: „Wir haben Magen-Darm!“. Mir drehte sich schon beim Lesen der Nachricht der Magen um. Das Resultat, welches ich schon erahnt hatte, war nämlich, dass wir sage und schreibe vier Wochen lang ALLE Magen-Darm krank waren. Viele Familien im Bekanntenkreis hat Corona so und noch schlimmer getroffen: Manche waren bis zu sechs Woche in Quarantäne, weil sich alle Personen im Haushalt nach und nach angesteckt haben. Uff.

Trotzdem ist es natürlich schön 😉 Egal in welcher Konstellation

Das hier soll kein Plädoyer gegen die Entscheidung so vieler Eltern (und meiner) sein, mehrere Kinder zu bekommen. Oft ist es mit den wunderbaren drei, die ich habe, auch total schön. Irgendwann lernen sie voneinander, sind so froh, dass sie sich haben. Es macht Spaß, eine große Familie zu sein. Aber wenn ich mich mit Freundinnen, die noch keine Kinder haben oder “nur” eines, unterhalte, sage ich oft: Wenn man Wert auf einen bestimmten Lebensstil legt, dann kann man jenen meist mit einem Kind (plus PartnerIn) durchaus noch halten. Ab zwei Kindern findet man selbst nur noch sehr wenig statt. Zumindest erstmal für ein paar Jahre. Das sind sehr schöne, aber auch intensive Jahre. Ich habe die Zeit alleine mit meinem Sohn damals als sehr anstrengend empfunden, aber man wächst mit seinen Aufgaben: Heute schmunzle ich manchmal darüber, dass ich damals dachte, das sei alles so anstrengend. Hätte mir das damals jemand sagen können? Nein. Denn etwas “anstrengend finden” ist doch sehr relativ. Und meine Stress-Empfindung mit “Warte mal, bis zu zwei hast”, abzuwerten, hätte mir damals nicht geholfen.

Gerade deshalb lächle ich jetzt manchmal in mich hinein und nicke verständnisvoll, wenn mir Elternteile mit einem Kind erzählen, wie anstrengend alles sei, und sage erstmal: Nichts.

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