Warum wir viel mehr über Geburten sprechen sollten

25. November 2020 | in Geburt

Heute ist Roses Revolution Day. Frauen, die während der Geburt verbale oder körperliche Gewalt erfahren haben, können dort, wo das passiert ist, Rosen ablegen. Auch Briefe können natürlich dazu. Die Aktion kann dann gerne mit dem Hashtag #rosrev gepostet werden. Auch in Corona-Zeiten kann man die Rose mit Maske vor der Klinik ablegen und so bei der Aktion mitmachen. Das Ziel? Gewalt unter der Geburt sichtbarer machen.

Was wird dabei als Gewalt definiert? Bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bekommt man unter anderem folgende Erklärung: „Körperliche Misshandlung, tiefe Demütigung und verbale Beleidigung, aufgezwungene oder ohne ausdrückliche Einwilligung vorgenommene medizinische Eingriffe, Missachtung der Schweigepflicht, Nichteinhaltung der Einholung einer vollumfänglich informierten Einverständniserklärung, Verweigerung der Schmerzbehandlung, grobe Verletzung der Intimsphäre…“

Und ich muss sagen. Wenn ich mich so im Freundes- und Bekanntenkreis umhöre, dann hatten schon sehr viele Frauen zumindest eine unachtsame, aber oft auch eine übergriffige und gewaltvolle Begleitung bei der Geburt. Oder quasi gar keine. Aufgrund von Personalmangel wurden wirklich viele Paare, die ich kenne, über Stunden alleine im Kreissaal gelassen. Ich behaupte mal: Auch wenn gemeckert wird, unsensibel agiert und wenn Eingriffe vorgenommen werden, die nicht erklärt werden, passiert das oft aufgrund von Zeit- und Personalmangel.

Ich will das Personal hier also auch mal ein bisschen in Schutz nehmen. Ich möchte ja immer denken, dass niemand einer anderen Person wissentlich und vorsätzlich Schaden zufügt. Man ist so verletzlich, während man ein Kind bekommt. Man ist buchstäblich nackt. Bei der ersten Geburt hat man keine Ahnung, was für eine überdimensionale Erfahrung da auf einen zukommt. Sensible Behandlung ist also unfassbar wichtig – und zwar mental UND körperlich. So oft werden gebärende Frauen eben nicht nur grob angefasst, sondern auch grob angeredet. “Jetzt stellen sie sich mal nicht so an”, “Atmen sie lieber mal richtig, sonst gibt es einen Kaiserschnitt” – so etwas kann unglaublich belasten unter der Geburt. Und auch traumatisierend wirken. Denn man fühlt sich in einer solchen Extremsituation natürlich sehr schnell entwürdigt, herabgesetzt und gedemütigt.

Eine Geburt ist eine Extremsituation

Was ich besonders schlimm finde ist, dass Frauen sich oft für diese Erlebnisse schämen. Denken, das sei ihr Fehler, so sei eben eine Geburt und sie seien quasi zu zimperlich gewesen. Zudem ist eine Geburt eben auch ein intimes Erlebnis – eines, über das man nicht so gerne offen spricht. Vor kurzem erst hat eine Bekannte von mir ein Baby bekommen, es wurde ein Notkaiserschnitt, es war eine lange, anstrengende und – so sagt sie selbst – “brutale” Geburt. Aber mehr wollte sie mir nicht erzählen – und es klang so, als würde sie sich schämen.

Auch Marie hat hier die Geburt ihres ersten Kindes niedergeschrieben, auch ihr wurde erst spät klar, was da eigentlich passiert ist – und dass das nicht in Ordnung war.
Und genau hier will ich ansetzen. Denn obwohl Gewalt jeglicher Art unter der Geburt nie der Fehler der Frau ist, denke ich, dass vieles anders wäre, wenn wir offener über dieses Thema sprechen würden.

Geburt muss vielleicht aus der Tabuzone raus, damit Themen wie Würde und Wertschätzung unter der Geburt einen größeren Stellenwert bekommen. Ich für meinen Teil habe sehr offen über die erste Geburt gesprochen und auch geschrieben. Und ich weiß, dass Viele das furchtbar fanden. Dass ich so eklige, intime Dinge einfach mal ausgepackt und angesprochen habe. Ich habe das nie so gesehen. Ich finde nichts an einer Geburt eklig – und das allermeiste auch nicht zu intim, um es zu besprechen. So habe ich das auch schon vor meinem Geburtserlebnis gesehen. Ich habe alle Freundinnen, die schon Kinder hatten, mit Fragen bombardiert, ich habe jedes kleine Detail wissen wollen. Zum Glück sind die meisten auch sehr offen.
Ich wusste also, was alles passieren kann. Wie sich Wehen anfühlen, wie doll manche plötzlich schreien. Dass sich ein Schleimpfropf löst. Wie man einen Blasensprung merkt. Dass es sein kann, dass durch die Vagina mit einer Nadel Blut vom Kind abgenommen wird. Dass “Muttermund abtasten” höllisch weh tun kann. Ich wusste, was ein Kristeller-Handgriff ist, ich wusste, dass ich mich gegen einen Dammschnitt aussprechen kann. Wusste, wie eine PDA abläuft. Ich wusste, wie eine Saugglocke angewendet wird, wie Babies aussehen, wenn sie frisch geboren sind und dass man hinterher oft stark blutet. Ich wusste, wie die Plazenta aussieht und dass man ganz oft erst Mal gar nichts spürt nach so einer Geburt, also vor allem keine direkt einsetzende, überschäumende Mutterliebe. Dieses Wissen hat dazu geführt, dass ich mich nicht machtlos gefühlt habe, als die Wehen einsetzten.

Wissen ist eben wirklich Macht

Ich hatte dann auch noch eine ruhige und erfahrene Hebamme, die die Geburt meines ersten Kindes trotz wirklich vieler Komplikationen sehr, sehr einfühlsam begleitet hat. Und das Glück, dass ich trotz allem mental und physisch sehr fit war. Die Geburt war nicht einfach, aber ich fand sie schön. Habe mich umsorgt gefühlt, aufgeklärt und selbstbestimmt. Ich war so fit, dass wir drei Stunden nach der Geburt nach Hause gefahren sind!

Heute denke ich, dass ich für eine erste Geburt sehr aufgeklärt war. Ich hatte natürlich keine Ahnung, was auf mich zukommt, aber ich wusste dennoch eine Menge. Ich wusste, was ich nicht will (Dammschnitt!), was im Fall der Fälle ok wäre (PDA) und was ich unbedingt wollte (dass das Baby mir direkt auf die Brust gelegt wird, aber das machen sie in dem Krankenhaus, in dem ich war, sowieso). Ich denke schon, dass das sehr viel geholfen hat.

Natürlich muss das jeder so dosieren, wie er es möchte und es sich richtig anfühlt. Viele wollen keine Details wissen – und das ist auch ok. Aber ich denke, es ist nicht schlecht, sich über Eventualitäten zu informieren, damit man im Fall der Fälle auch immer noch mitentscheiden kann. Silvia Dürnberger sagt im Interview mit uns, außerdem, dass man sich auch unter der Geburt Zeit nehmen soll: “Außer in Notsituationen (die immer klar erkenntlich sind) ist genügend Zeit, um Fragen zu stellen, zu spüren, welche Richtung sich passender anfühlt und um mit dem Partner unter vier Augen zu sprechen. Auf diese Weise haben wir in all der Ungewissheit, die eine Geburt bereithält, die besten Chancen auf einen guten, individuellen Verlauf.” Ich weiß nicht, ob wirklich immer genug Zeit da ist. Aber ich würde unbedingt empfehlen, mitreden zu wollen. Schwangere und auch Gebärende sind in der Regel bei Sinnen. Sie können Entscheidungen fällen. Je besser sie aufgeklärt sind, je besser. Das gilt auch für Notkaiserschnitte, was da genau abläuft, darüber sollte mehr aufgeklärt werden, finde ich. Auch in Vorbereitungskursen! Ich habe so viele Freundinnen, die sich während der Wehen gut aufgehoben gefühlt haben und die aber dann die Erlebnisse, als ein Notkaiserschnitt gemacht werden musste, als sehr traumatisch empfunden haben.

Traut euch!

Also: traut euch. Traut euch, euch mal Geburten anzusehen, bevor es so weit ist. Das kann man mittlerweile sogar bei Instagram. Lest Geburtsberichte. Auch die, bei denen nicht alles eiapopeia lief. Überlege euch, was ihr euch wünscht – und was ihr wenn möglich nicht möchtet. Fragt eure Freundinnen aus! Und auch eure Freunde, denn es ist auch immer so interessant zu hören, was der männliche Part während einer Geburt empfunden hat. Lest Bücher, bereitet euch mental vor. Ich persönlich finde das auch viel wichtiger als Hypnobirthing Kurse und Yoga. Das ist auch toll und kann auch viel helfen, aber eine Ahnung zu haben, was da wirklich auf einen zukommen kann, macht doch am meisten Sinn.

Eine Geburt kann man nicht planen. Aber je mehr man weiß, je weniger machtlos ist man. Und je mehr Frauen ihre Stimme erheben im Kreissaal, sich aktiv wehren gegen Übergriffe, je weniger Rosen müssen hoffentlich irgendwann abgelegt werden. Ich weiß. Dann müssen sich auch noch die Strukturen ändern, wir brauchen mehr Personal, bessere Bezahlung und einen höheren Stellenwert der Geburtsbegleitung generell. In einem Gesundheitssystem, in dem Menschen nach Pauschalen abgerechnet werden und eine Geburt sich finanziell nur lohnt, wenn sie schnell geht, ist es natürlich nicht einfach, eine würdevolle Behandlung oben auf die Prioritätenliste zu setzen. Aber ein bisschen was können wir dennoch selbst tun. Sich informieren ist ein Teil davon. Lasst uns einfach mehr über Geburten reden! Gerne mit Details. Aufregend ist das ganz oft auch – viele Geburtsverläufe sind spannender als jede Netflix-Serie. Also sprecht doch beim Abendessen mit Freunden das nächste Mal über eure Geburten. Wenn ihr mögt.

Kommentare