Warum mein Kind gegen HPV geimpft wird

25. June 2021 | in Letstalkabout

Wenn man so will, würde es meinen ersten Sohn gar nicht geben, gäbe es HP-Viren nicht. Humane Papillom-Viren können nämlich unter anderem Zellveränderungen am Gebärmutterhals auslösen, aus denen Krebs entstehen kann. Bei mir ist das so in meinen Zwanzigern passiert und ich hatte gleich mehrere Operationen deshalb – inklusive der Angst, vielleicht keine Kinder mehr bekommen zu können. Nach der OP war mir also klar, ich will nicht lange warten, bis ich Mutter werde. Und ein Jahr später kam mein Sohn auf die Welt…

Ich habe mir damals oft gewünscht, eine Generation später geboren worden zu sein – die Impfung gegen HPV hätte mir vielleicht eine Menge Leid ersparen können. Wie bei so vielen Menschen auf der Welt. Dabei hatte ich ja noch wahnsinniges Glück: Die Zellveränderungen waren fortgeschritten, aber es war eben noch kein Krebs.

Damals war leider zeitgleich jemand innerhalb meiner Familie an Gebärmutterhalskrebs erkrankt – es war keine leichte Zeit. Dabei ist die Versorgungslage hierzulande sehr gut, vor allem wenn Frauen mit Gebärmutter regelmäßig zum Abstrich gehen. Ich habe mich also schon vor zehn Jahren viel mit dem Thema beschäftigt, und damals erfahren, dass der Forscher Harald zur Hausen schon Anfang der 1980er herausgefunden hatte, dass es einen Zusammenhang zwischen bestimmten Humanen Papillom Viren und Gebärmutterhalskrebs gibt. Eine ziemlich sensationelle Entdeckung, dass bestimmte Krebsarten von Viren ausgelöst werden können!

Bis zur Entwicklung eines Impfstoffes sollte es aber noch circa zwei Jahrzehnte dauern. Generell ist das Thema gar nicht so unkompliziert, wenn man sich das erste Mal damit auseinandersetzt: Es gibt zum Beispiel nicht den einen HP-Virus, sondern viele verschiedene Arten! Manche davon können im Intimbereich Genitalwarzen auslösen (auch nicht so angenehm), andere wiederum leider bestimmte Krebsarten. Wer jetzt denkt, das sei ein “Frauenproblem”, der liegt falsch: Auch Männer können an bestimmten Krebsarten erkranken, welche von HP-Viren verursacht werden. Das kann zum Beispiel Analkrebs sein, oder auch ein Krebs im Hals-Rachen-Raum.

Es geht mich nichts an?

Ihr merkt vielleicht schon, dass mir das Thema sehr am Herzen liegt. Und es erschreckt mich immer wieder, wenn ich mich mit Bekannten unterhalte und ich merke, dass viele sich noch gar nicht damit befasst haben. Auf der anderen Seite kann ich das auch verstehen: Bei so vielen Erkrankungen denkt man: Hab ich nicht. Geht mich nichts an. Es sind eben meist die “Anderen”. Angenehm ist das Thema auch nicht, denn HP-Viren werden überwiegend durch Intimkontakt übertragen, also schiebt man es weg. Dabei stecken sich über 80% der Menschen im Laufe ihres Lebens mit HPV an, man muss mitnichten ein ausgiebiges Sexualleben haben, um mit den Viren in Berührung zu kommen. Oft schafft es das Immunsystem, selbst damit klarzukommen, solche Infektionen können wieder abheilen. Aber manchmal tun sie das eben nicht – deshalb auch hier nochmal der friendly reminder: Geht unbedingt regelmäßig zum Abstrich, also zu Krebsfrüherkennungsuntersuchung, bei eurer Frauenärztin oder eurem Frauenarzt, denn hier können zum Beispiel Krebsvorstufen am Gebärmutterhals erkannt werden. Aufgrund dieser Krebsvorstufen am Gebärmutterhals müssen sich in Deutschland nämlich jährlich fast 140.000 Frauen einem operativer Eingriff (Konisation) zur Entfernung unterziehen.

Die Angst keine Kinder bekommen zu können

Bei mir hieß es also plötzlich mit Mitte 20: Höchste Eisenbahn! Die Abstrichwerte waren nicht gut und ich hatte eine OP, genannt Konisation. Eigentlich ein kleiner Eingriff, der unter Vollnarkose ambulant gemacht wird und bei dem verändertes Gewebe am Gebärmutterhals entfernt wird. Die meisten ÄrztInnen tun dies sehr vorsichtig (früher war das nicht so, da wurde ordentlich etwas weggenommen), damit es später keine Probleme in der Schwangerschaft gibt und der Gebärmutterhals nicht zu kurz wird. Solche Operationen können nämlich auch ein Grund für Früh- oder Fehlgeburten sein. Leider hat bei mir eine OP nicht ausgereicht – die Werte waren immer wieder schlecht. Vorsichtig sprach meine Ärztin damals schon eine Hysterektomie an – also die Entfernung der ganzen Gebärmutter. Das war für mich eine ziemlich schlimme Vorstellung und mit vielen Ängsten verbunden. Eine Zeitlang hatte ich tatsächlich das Gefühl, dass dies dann vielleicht mein Schicksal sei: Keine eigenen Kinder bekommen zu können. So ein wenig wirkt die Angst immer noch in mir – vielleicht ist das auch der Grund, warum ich jetzt noch relativ schnell Kind Nummer drei bekam: Einfach, weil ich weiß, wie fragil die eigene Gesundheit sein kann. Und weil ich mir eine Großfamilie gewünscht habe und vielleicht auch weil dieses “Jetzt erst recht!”-Gefühl immer noch in mir wirkt.

Seitdem es nun eine Impfung gegen bestimmten HPV-Typen gibt, erzähle ich immer allen davon. Einfach weil ich es für eine große Errungenschaft halte. Die Vorstellung, dass ich meine Kinder vor bestimmten HP-Viren schützen kann, macht mich sehr froh. Aber auch erwachsenen Freundinnen rate ich immer noch zur Impfung, denn es gibt durchaus Gründe, sich auch im fortgeschrittenen Alter noch impfen zu lassen. Ich selbst bin nach meinen OPs auch geimpft worden. Am besten besprecht ihr das mit eurem Arzt oder eurer Ärztin. Übrigens schützen die verwendeten Impfstoffe unterschiedlich: Es kann eine ganze Reihe an HPV-bedingten Erkrankungen vorgebeugt werden: Darunter natürlich der schon erwähnte Gebärmutterhalskrebs, aber auch Analkrebs, Vaginal- und Vulvakrebs, sowie deren Vorstufen und je nach verwendetem Impfstoff, Genitalwarzen.

Schon vor fast 15 Jahren kam nun die offizielle Empfehlung der STIKO, Mädchen ab einem Alter von 9 Jahren gegen HPV impfen zu lassen – das fand ich schon mal super, allerdings habe ich mich etwas gewundert, warum nur Mädchen geimpft werden sollen. Sind Jungs nicht auch Überträger? Und vor allem: Auch sie können ja erkranken! Wie oben schon mal erwähnt, können die HP-Viren bei ihnen verschiedene Krebsarten auslösen. Im Jahr 2018 kam dann auch die Empfehlung der STIKO zur Impfung gegen HPV für Jungen ab 9 Jahren. Wenn ich also meinen Sohn impfen lasse, dann schütze ich nicht nur seine potenziellen Freundinnen oder Freunde, sondern eben auch ihn selbst.

Warum denn Kinder impfen?

Vielleicht fragt ihr euch jetzt:  Huch, aber warum denn Kinder impfen, die sind doch noch gar nicht sexuell aktiv? Es gibt zwei wichtige Gründe, schon zwischen 9 und 14 Jahren zu impfen: Es ist wichtig VOR dem potenziellen Kontakt mit HPV geimpft zu werden, so kann die Impfung ihren Schutz besser entfalten. Und zweitens: Wenn man früh impft, reagiert das Immunsystem besser auf die Impfung und zudem sind nur 2 Impfungen notwendig. Lasst ihr ab einem Alter von 15 Jahren impfen, sind 3 Impfungen notwendig. Die generelle Empfehlung der ÄrztInnen und WissenschaftlerInnen der STIKO lautet zwischen 9 und 14 Jahren, spätestens bis zum Alter von 17 Jahren sollen versäumte Impfungen gegen HPV nachgeholt werden. Wenn ihr also eure Kinder im Rahmen dieser Empfehlungen impfen lasst, dann übernehmen die gesetzlichen und in der Regel auch die privaten Krankenkassen die Kosten.

Ich bin froh, dass ich meinen Sohn nächstes Jahr impfen lassen kann. Auch, weil ich es wichtig finde, dass er einen Teil dazu beizutragen kann, dass bestimmte HPV-bedingte Krebsarten weltweit weniger werden. Und weil ich meine Erfahrungen, auch wenn es nochmal glimpflich ausgegangen ist, einfach niemanden wünsche. Im Nachhinein – und das ist für viele werdenden Mamas sicherlich auch nicht ganz unwichtig – ist der Grund für meine Kaiserschnittgeburten übrigens ein vernarbter Gebärmutterhals, der sich einfach nicht öffnen wollte. Auch das ist etwas, was ich nicht wusste. Nach einer Konisation muss das nicht passieren, aber obwohl der Eingriff minimal ist, verändert er eben doch etwas.

Mit meinem großen Sohn, der spätestens seit Corona ziemlich genau weiß, was Viren sind, habe ich auch schon mal darüber gesprochen. Natürlich hat er mit seinen acht Jahren noch keine differenzierte Vorstellung davon, was genau Krebs ist. Aber ich glaube, das Grundprinzip versteht er. Behutsam sprechen wir über das Thema – natürlich immer so, dass er keine Angst bekommt. Aber ich bin felsenfest davon überzeugt, dass Kindern schon ein gewisser Wahrheitsgehalt zugemutet werden kann, vor allem Kindern der Pandemie.

Wichtig ist natürlich, dass wir selbst gut wissen, worüber wir sprechen. Genaue Infos zu HP-Viren findet ihr zum Beispiel bei Entschieden. Gegen Krebs. Bei der STIKO am Robert Koch Institut findet ihr Infos rund um die Impfung. Solltet ihr Fragen zum Thema haben, könnt ihr auch gern hier kommentieren oder mal bei Instagram vorbeischauen! Wir beantworten gern eure Fragen – nach Rücksprache mit ExpertInnen.

 
Dieser Beitrag entstand in Kooperation mit der Kampagne #entschiedengegenkrebs.

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