Von Rabenmüttern und Powerfrauen

29. September 2020 | in Gesellschaft | Muttergefühle | Parenting | Vereinbarkeit

Es gibt so Begriffe, die finde ich richtig, richtig, richtig schlimm. So schlimm, dass mir körperlich unwohl wird, wenn ich sie höre. Powerfrau zum Beispiel, weil es impliziert, dass Power in Kombination mit Frau eher ungewöhnlich ist und deswegen extra genannt werden muss. Überhaupt, erinnert mich diese Art zu sprechen an die frühen Nullerjahre und Filme, in denen Geschlechterklischees oberflächlich lustig aufgegriffen, aber dann doch auch zementiert werden. “Die Männer” vs. “die Frauen”, höhöhö. Das Wort Rabenmutter finde ich auch komplett daneben, wobei man ja wirklich nie ernsthaft so genannt wird, selbst von den biestigsten Zeitgenossen nicht.

Aber wir alle verwenden ihn scherzhaft, oder?! Zumindest höre ich oft im Freundeskreis andere Mütter sagen, dass sie den Kuchen für die Kita nur gekauft haben “weil ich halt eine Rabenmutter bin” oder öfter mal eine TK-Pizza servieren, wenn sie abgehetzt von Arbeit, Kind abholen und Spielplatz-Zeit nach Hause kommen, “Rabenmutter-Style”.

Und ja, auf der einen Seite verstehe ich es schon: Es ist ein ironischer Seitenhieb auf einen selber und die eigenen vermeintlichen Unzulänglichkeiten. Ich mache es ja auch, obwohl mein Sohn erst zehn Monate alt ist. Wenn man darüber aber mal genauer nachdenkt, ist diese scherzhafte Selbstbezeichnung total daneben, auch wenn sie mit einem Augenzwinkern geschieht. Denn sie zeigt doch, wie sehr wir die reaktionären Mutterbilder, gegen die viele von uns bewusst ankämpfen, unterbewusst doch noch verinnerlicht haben und uns ihnen einfach nicht ganz entziehen können. Ist auch menschlich, denn wir wurden so erzogen und bekommen es von außen die ganze Zeit gespiegelt und aufgedrückt. Mit jeder Werbung, in der eine klassische Familie zu sehen ist, ein Stückchen mehr.

Aber warum erwarten Frauen heute immer noch oft ernsthaft von sich, dass sie den Kita-Kuchen selber backen oder den Adventskalender basteln und nicht kaufen? Ist es nicht völlig gaga, neben dem Job, der Zeit mit den Kindern und dem Haushalt noch den Anspruch zu haben, Kuchen zu backen oder 24 kleine Tütchen herzustellen? Manchmal möchte ich schreien: “Alter, ich bin eine Mutter und keine Manufaktur!”, weil ich diesen Perfektionismus in Sachen Haushalt und Backwerk und Bastelkram so schwachsinnig finde und er mich wütend macht.

Glück bemisst sich nicht danach, ob die Wäsche gemacht ist

Diesen Anspruch an sich zu haben – oder mit ihm konfrontiert zu werden – ist ein typisch weibliches Problem. Oder kennt ihr einen Vater, der mit entschuldigender Geste und einem Witz die Tatsache kommentiert, dass er die Kekse für das Schulfest nur gekauft hat? Ich nicht. Ich kenne auch sehr wenige Männer, die denken, sie hätten versagt, wenn alle Shirts dreckig sind und das Kind dann eben eines mit Flecken anziehen muss. Lässt sich ja auch verschmerzen. Aber diese Selbstverständlichkeit haben wir noch nicht – und das ist auch kein Wunder, denn von klein auf werden Mädchen dazu erzogen, zu gefallen, ordentlich zu sein, Dinge hübsch zu machen. Was für ein grandioser Bullshit. Und auch eine Art, uns von den wirklich wichtigen Dingen – Gender Pay Gap, Impostor Syndrom, Motherhood Lifetime Penalty – abzulenken, denn wer damit beschäftigt ist, eine Geburtstagstorte herzustellen, mit der man sich für eine Konditorlehre bewerben könnte, nebenher aber auch arbeitet und ein Kind zu bespaßen hat, der hat eher wenig Zeit für Systemkritik. Aber: Mutter sein hat nichts, aber auch wirklich gar nichts, mit Haushaltsführung, Backkünsten oder Bastel-Spaß zu tun.

Elitäres Neo-Biedermeier

Was mich auch nervt bei dieser Rückbesinnung auf das Häusliche, das sich durch viele Mutti-Blogs zieht, und was ja auch zu dem Selberback-/Selbermach-/perfekte Interiors überall-Terror beiträgt, so gerne ich selber süße Rezepte lese und in fremde Wohnzimmer mit schöner Einrichtung linse: Es hat etwas von Neo-Biedermeier. Alle machen Marmelade, backen Brot, verzieren Torten, – als sei die industrielle Revolution nie geschehen. Wir leben doch in modernen Zeiten, wir haben doch dafür gekämpft, nicht das Heimchen am Herd zu sein, warum um alles in der Welt kehren wir jetzt freiwillig dorthin zurück, nur um die vermeintlich perfekte Mutter zu sein? Es ist übrigens auch ein reichlich elitäres Phänomen. Meine Mutter, die jahrzehntelang Krankenschwester in der Psychiatrie war und im Schichtdienst arbeitete, nannte Handarbeiten mit Kind schon in den achtziger Jahren “Bastelscheiß”. Das Bild von Müttern, das medial vermittelt wird, ist viel zu oft das einer Mittelschichtsfrau, die es sich leisten kann, nicht in Vollzeit zu arbeiten, die dann vielleicht wirklich noch Lust und Zeit hat, den Kuchen selber zu backen. Aber wenn man sich scherzhaft Rabenmutter nennt, weil man es mal nicht hinbekommen hat, selber zu backen, dann wertet man indirekt schon auch alle anderen Frauen ab, die es nicht, vielleicht sogar nie tun, aus welchen Gründen auch immer. Ich will niemanden verurteilen, der gerne bastelt, backt oder fermentiert – alles schöne Hobbys – aber mir fehlt einfach manchmal das Bewusstsein dafür, dass es gute Gründe für Life-Hacks aller Art gibt, gerade als Mutter. Warum machen wir uns das Leben so oft immer noch unnötig schwer?

Kauft die Convenience-Produkte, macht den Rührkuchen oder holt einen aus der Bäckerei, verdammt! Es ist keine Schande, wirklich nicht. Ich hätte gerne mal eine Bastelanleitung für Mutterschaft ohne schlechtes Gewissen wegen unwichtigem Bullshit und vermeintlichen Erwartungen. Und den Mut, eiskalt  einen gekauften Kuchen aufzutischen und die Wäsche zu vergessen und dabei kein einziges Mal einen Witz darüber zu machen, was für eine Rabenmutter ich doch bin. Denn erst, wenn man all das macht, ohne einen kleinen Scherz nachzuschieben, hat man sich wirklich von den absurden und reaktionären Erwartungen an uns Mütter befreit.

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