Let’s talk about: Graue Haare und gemischte Gefühle

Ich kann mich noch genau an den Tag erinnern, an dem ich mein erstes graues Haar entdeckte. Ich war Mitte zwanzig und brütete in der Bibliothek über meiner Magisterarbeit. Zack! Da lag es. Vor mir auf dem Tisch. Ausgefallen. Es war unten dunkel, oben weiß. Ich erschrak und war gleichzeitig sehr fasziniert von diesem Haar. Die Struktur! Es war so fest, so borstig und dieses glänzende silberweiß. Es hatte sich dazu entschieden, mich zu verlassen – immerhin war es nicht mehr auf meinem Kopf. Was für ein Erlebnis. Fast hätte ich meinen fremden Sitznachbarn angestupst, um das Erlebnis mit ihm zu teilen.

Meine Mutter hatte schon sehr früh – also eben mit Mitte zwanzig – viele graue Haare gehabt und deshalb begleitete mich von diesem Tag an echte Panik, dass mir das jetzt auch blühen würde. Einige Monate später verdonnerte ich meinen Friseur (der ein Freund war) dazu, auf meinem Kopf einzelne graue Haare zu suchen und sie einzufärben. Es waren drei an der Zahl. Und ich riss nie, nie, niemals eines aus. Aberglaube und so. Tatsächlich blieb es die nächsten zehn Jahre bei diesen wenigen, einzelnen grauen Haaren. Es kamen gefühlt keine dazu.

Machen Kinder alt?

Gealtert bin ich trotzdem. Irgendwann sah die Augenpartie nicht mehr so frisch aus, die Zornesfalte war auch im entspannten Zustand deutlich zwischen meinen Augebrauen zu sehen. Eines Tages stellte ich fest, dass ich nach einer durchzechten Nacht richtig fertig aussah, dass man mir meinen (damals noch recht ungesunden) Lebenswandel ansah. Der Schlafentzug bei Kind 1 tat sein übriges, davor hatte ich ja gerne mal 12 Stunden am Stück geschlafen. Kind 2 spregte dann alle Grenzen des Älterwerdens, der Stress und der noch mal viel heftigere Schlafentzug wurden so immens, dass ich nun nicht mehr bestreiten kann, Mitte 30 zu sein.

So war das nämlich bei mir. Bis 30 sah ich noch richtig knackig aus, ich bin mit einem Babyface und sehr guter Haut gesegnet. Danach ging es langsam bergab. Seit 35 so richtig. Auch der Rest des Körpers sieht jetzt nicht mehr aus wie mit zwanzig. Klar: ich habe zwei Kinder ausgetragen und gestillt. Gestört hat mich das eigentlich nie. Ich fragte mich manchmal, ob ich wohl ohne Kinder auch so rapide gealtert wäre und kam zu dem Schluss: wahrscheinlich schon. Schließlich beschwerten sich auch meine kinderlosen Freundinnen über Stress, Falten und graue Haare. Das ist eben das Leben.

Älter werden ist doch sogar schön!

Ich finde ja sogar: alt werden macht auf eine Art und Weise schön. Wenn die Falten in die richtige Richtung zeigen (viel lachen!!) dann sieht das wundervoll aus. Außerdem finde ich alle Frauen und Männer in meinem Bekanntenkreis sehen besser aus mit dem Alter. Man sieht ihnen die Lebenserfahrung an, sie wirken interessanter. Junge Gesichter – fast langweilig! Junge Körper: och ja. Aber auch ein Busen, ein Bauch und ein Po dürfen doch einfach mit den Jahren so aussehen, wie sie eben aussehen. Ich finde es fast sogar entspannend, wenn man das so akzeptieren darf, und sich nicht mehr über ein frisches Gesicht oder eine gute Figur definiert.

Obwohl ich also wirklich kein großes Problem mit dem Älterwerden habe, erwische ich mich immer wieder bei gewissen Gedanken: Sollte ich mir mal die Zornesfalte spritzen lassen, vielleicht würde das auch gegen die elendigen Kopfschmerzen helfen? Außerdem kaufe ich wirklich teure Cremes: Anti-Ageing, Skin Renewal, Super Boosting – bin ich dabei. Sind Schlagworte, die bei mir wirken. Und wegen der Botox-Spritze: Ich finde ja, ein kleiner Piekser, was soll sein. Auf der anderen Seite schockiert es mich immens, dass ich das so normal finde. Und dass immer mehr Frauen – auch schon die ganz jungen – zum Botoxen gehen, sich die Wangenknochen aufplustern lassen oder die Lippen. Erstens sieht man das und es sieht scheiße aus und zweitens: Was ist das für eine Welt?

Diese grauen Haare…

Und dann die Sache mit den grauen Haaren. Ich habe einige Freundinnen, die sie selbstbewusst rauswachsen lassen. Das bewundere ich sehr. Eine erzählte mir jüngst, sie fände graue Haare sogar richtig schön. Ich frage mich seitdem, warum ich so sozialisiert bin, dass mir graue Haare bei Männern gefallen – bei Frauen aber meistens nicht. Das ist doch doof, oder? Ist aber leider so. Ich denke bei den grauen Schläfen meines Mannes: sexy. Bei einer Frau denke ich oft: auweia. Es kommt natürlich auch darauf an, WIE man grau wird. Meine paar weißen Haare auf dem dunkelbraunen Schopf sehen komisch aus, verlottert fast. Eine Freundin von mir mit ähnlich dunklen Haaren hat aber so eine Cruella da Vil Strähne vorne, das wirkt irgendwie sogar cool. Sie sagt aber auch: seitdem muss sie sich immer föhnen und schminken. Wenn sie das nicht tut, sähe sie alt und ungepflegt aus.

Viele meiner Freundinnen haben auch helleres Haar, bei denen wirken die Grauen fast wie helle Strähnen, es sieht okay aus. Und generell finde ich es wundervoll, dass wir uns nicht mehr alle die Haare färben, sondern einfach zu unserem Alter stehen. Meinen blond gefärbten Freundinnen, die seit Jahren ständig beim Friseur sitzen und die tatsächlich zum größten Teil behaupten: “Also ich habe irgendwie gar keine grauen Haare” verbiete ich übrigens den Mund, haha! Auch meine Mutter hat vor einer Weile beschlossen: ich muss nicht mehr jünger aussehen, als ich bin. Sie trägt seitdem ein leuchtendes silbergrau, es sieht sehr schön aus. Ich finde das also bei vielen anderen toll, bei mir selbst nicht.

Ich rupfe sie jetzt doch aus. Bisher sind es immer noch nicht wirklich so viele, als dass man sich daran stören müsste. Vor kurzem fand ich einige vorne: zack, weg damit. Und beim letzten Friseurtermin bat ich erneut meine Friseurin (sie ist auch eine Freundin), meine paar grauen Haare am Hinterkopf zu finden und sie – eben auch – herauszureißen. Sie tat mir den Gefallen, es waren fünf an der Zahl und wieder saß ich vor diesen fünf weißen, langen, glänzenden, borstigen Haaren und war völlig fasziniert. Ich habe sie noch nicht als Teil von mir akzeptiert, bin aber wild entschlossen, das irgendwann zu tun. Eigentlich ist es sogar ein ganz schönes silberweiß. Dicker sind die Haare auch, und ich beschwere mich immer über mein dünnes Haar. Insofern.

Oder aber, ich entscheide mich doch für die Tönung…

 

Wie haltet ihr es mit dem Älterwerden? Steht ihr dazu oder bereitet es euch Bauchschmerzen? Und wer färbt hier seine Grauen weg, wer lässt sie stehen?

 

Foto: Niklas Hamann

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