Vier Monate zu viert

27. September 2016 | in Alltag | Familie

Was hatten wir nicht alles gehört darüber, wie das so sein wird, mit dem zweiten Kind. “Es ist so schön, einfach noch mehr Liebe!”, “Der Schritt von eins auf zwei ist krasser als der von null auf eins”, “Die zweiten sind IMMER total entspannt!”, “Die ersten Monate sind die Hölle”, “Einfach wunderbar, endlich komplett!”, “Mit zwei Kindern geht dann wirklich gar nichts mehr”.

Und jetzt, nach vier Monaten zu viert? Kann ich euch sagen:

Stimmt alles, irgendwie. Ist aber auch doch ganz anders als erwartet.

Wir hatten es uns schön geredet, klar. Sonst hätten wir nie ein Zweites bekommen! Wir dachten: bekommen wir hin, Xaver war schon so ein lautes Baby, das zweite wird nur süß. Wir dachten: wenn Xaver erst mal einen Spielgefährten hat, wird es für alle einfacher. Wir dachten: die ersten Monate werden knackig, danach wird es super. Wenn Quinn im Kleinkindalter ist, wird es vielleicht noch mal schwierig. Danach wird alles fluffig.

Dass Quinn uns die Bude zusammengebrüllt hat und alles eine Katastrophe war hier, am Anfang, das habe ich ja bereits geschrieben. Es war schrecklich. Ich merke immer wieder, dass ich sogar wirklich ein kleines Trauma mitgenommen habe, dass ich durchdrehe, wenn sie immer noch ab und zu schreit. Dass ich so sehr trauere um diese ersten Wochen, die so schwer waren… Es versetzt mir jedes Mal einen Stich, wenn ich daran denke. Nein, unser Start war nicht gut. Aber seitdem geht es steil bergauf.

Irgendwann, nach etwa 5-6 Wochen wurde es besser, das Stillen lief, Quinn wurde ruhiger und ich merkte, dass ich endlich richtige Glücks- und Liebesgefühle für sie haben konnte, davor hatte ich einfach nur funktioniert. Jetzt wird auch langsam die Sorge um sie weniger, und mein Mädchen entwickelt sich ganz toll. Mittlerweile ist sie meistens tatsächlich das ausgeglichene, ruhige, genügsame Baby, das wir uns so gewünscht hatten und oft denke ich: nur so funktioniert es auch! Denn Dreijährige haben Issues, Xaver ganz besonders und wenn er knatscht und sie schreit, dann laufen bei uns Eltern alle Leitungen heiß und es geht gar nichts mehr. Es gibt Tage, da habe ich das Gefühl, beide Kinder sind tickende Zeitbomben, im einen Moment ist noch alles ganz harmonisch und plötzlich: Wird Quinn müde und quengelt, braucht Hilfe. Xaver riecht den Braten, brüllt, nervt, lässt keine Ruhe zu. Quinns Gequengel wird dann manchmal immer noch gellendes Schreien. Da muss man als Mutter dann cool bleiben, gelingt mir aber selten oder erst nach einigen Anläufen. Und das ist kräftezehrend, boah.

Aber das Schöne überwiegt!

Manchmal platzten aber auch beide Bomben nicht. Und es ist einfach nur schön. Wir hatten viele solche Tage mittlerweile. An denen Quinnchen ein ausgeglichener Sonnenschein war und Xaver einfach nur ein zauberhafter großer, wilder Bruder. Wo ich sogar dachte: ich will noch ein drittes, ein Haus voller Kinder will ich! Aber ich war auch oft ziemlich ernüchtert, was das Mama-sein betrifft. Wenn abends beide endlich schliefen und ich zwischen ihnen lag und dachte: “Und ich? Wo bin ich?” Immer wieder habe ich das Gefühl, beiden nicht gerecht zu werden. Unfair und zu hart zu Xaver zu sein, nicht genug auf ihn einzugehen. Quinn zu wenig Aufmerksamkeit zu geben, zu wenig auf sie einzugehen. Manchmal ist es aber auch umgekehrt, ich habe es alleine mit beiden gerockt, und wenn sie im Bett sind denke ich: Ist das schön! Und: bin ich cool, wie ich das hinbekomme!

Und es ist auch schön, ja. Die schönen Zeiten überwiegen. So schwer der Anfang auch war, Quinn gibt mir jetzt schon sooo viel zurück. Sie ist so eine entzückende kleine Seele, sie lacht so schabernackig, sie schaut so tief und ihre Augen glänzen wie Edelsteine. Oft liege ich neben ihr und möchte zerplatzen vor Glück über diesen kleinen wunderbaren Menschen. Vor Kurzem habe ich gelesen:

“Mütter (und auch Väter) haben immer wieder limbische Glücksmomente mit ihren Babies. Diese Glückshormone sind einer der Hauptgründe dafür, dass man sich immer wieder auf ein neues Kind einlassen kann, obwohl man weiß, dass die Herausforderungen eher größer werden”.

Das kann ich unterschreiben. Die Herausforderungen mit einem Dreijährigen sind manchmal wirklich hardcore. Fights, Diskussionen, Wutanfälle, Erziehung, Nerven, Kompromisse, Tränen. Puh! Aber eben auch zuckersüße selbstgemalte Bilder, FÜR MAMA! Sprüche wie: “Wir haben schon ein schönes Leben, nicht wahr?” oder “Mama, deine Haare sind soooo schön!” Umarmungen, ein warmer Händedruck und mit einem feuchten Kuss geweckt werden. Das Seufzen, wenn er schlecht geträumt hat, ich zu ihm eile und er in meinem Arm wieder einschläft. Freudenstrahlen, endlos, wenn er ins Wasser springt, mit Schwimmflügeln planscht (Xaver im Wasser, eine Wonne!) oder sein stolzes Jubeln, wenn er sich selbst angezogen hat. Komischerweise machen diese Momente all die Plackereien wieder wett. Ich kann es auch nicht erklären.

Es ist also mal so, mal so. Aber im Großen und ganzen ist es toll.

Und die Sprüche? Was stimmt denn nun? Gehen wir mal durch:

  • Es ist wirklich einfach nur mehr Liebe. So viel Liebe für dieses Mini-Menschlein und das andere mittelgroße, aber immer noch kleine. Die Liebe halbiert sich nicht, sie verdoppelt sich einfach. Ich hätte nie gedacht, dass ich überhaupt so viel Liebe in mir habe, aber ja, es geht tatsächlich.
  • Dennoch: der Schritt von eins auf zwei war tatsächlich bei uns noch krasser als von null auf eins. Das lag an den extremen ersten Wochen, das liegt aber auch daran, dass ein Baby gebündelt mit einem großen Kind einfach Wahnsinn ist. Und dass man mit einem ersten Baby so langsam in die neue Situation reinwächst, während das zweite einen eiskalt ins kalte Wasser und in das Leben zu viert schmeißt. Den schrecklichen Satz: “Ein Kind ist kein Kind” sagen wir jetzt natürlich auch oft. Er ist leider wahr. Ein Kind erscheint einem so unfassbar wenig Aufwand plötzlich! Auch wenn dieses Baby einen auch ganz schön auf Trab halten kann, klar.
  • Die zweiten sind natürlich nicht immer total entspannt, sie laufen auch überhaupt nicht nebenher. Kinder sind unterschiedlich, Menschen sind es, Babies auch. Quinn hat in den ersten Wochen hier alles bestimmt! Aber mittlerweile merke ich: sie bekommt automatisch weniger Aufmerksamkeit, als Xaver es in diesem Alter bekommen hat. Sie muss superoft einfach danebenliegen und sich ihre eigenen Gedanken machen. Und ich denke, das schadet ihr auch überhaupt nicht!
  • Die ersten Monate sind die Hölle. Kann passieren, muss aber nicht. Bei uns waren es die ersten Wochen, aber das war auch einfach viel Pech. Auf jeden Fall gibt es HÖLLENTAGE, das ist klar. Tage an denen alle heulen, schreien, am Boden liegen und einfach rausrennen wollen (Eltern und Kinder). Die muss man dann streichen und weitermachen.
  • Einfach wunderbar, endlich komplett. Das “Einfach” würde ich streichen, aber komplett fühlt es sich an. Obwohl, wie gesagt, ein Haus voller Kinder….
  • Mit zwei Kindern geht gar nichts mehr – kann auch passieren. Als Xaver und Quinn zwischenzeitlich beide jeden Abend erst um 22 Uhr im Bett waren (es ist im Sommer in Berlin extrem lange hell, das nächste Baby würde ich gerne im Winter bekommen!), war das wirklich so. Da ging nichts mehr, da sind wir direkt mit den Kindern ins Bett gegangen, an Ausgehen, Beziehung oder sonstwas war nicht zu denken. Aber wenn es gut läuft und das tut es eben auch manchmal, dann geht schon noch was! Wenn der Große bei Oma ist und der Mann Quinn die Flasche gibt (die sie so mittel findet, aber das ist ein anderes Thema), kann sogar Mama mal abends raus. Ja, ich hatte sogar schon einen ersten richtigen Ausgeh-Abend, inklusive Rausch! Wenn beide um acht schlafen, geht der Mann manchmal noch auf ein Bier, oder wir prosten uns auf dem Sofa zu. Demnächst steht das erste Pärchen-Date an, Xaver wird beim Nachbarsjungen schlafen und die Oma auf Quinn aufpassen. Die Organisation ist definitiv viel mehr geworden. Wer muss wann essen und schlafen, wer braucht wann Aufmerksamkeit. Das bei vier Personen immer genau richtig abzustimmen, ist manchmal wirklich nicht einfach. Dafür haben wir viele logistische Herausforderungen auch schon unheimlich gut gemeistert, sind schon zu viert verreist und werden das demnächst wieder tun. Im Winter ist gar ein richtig langer und weiter Trip geplant.

Also: das Chaos ist mehr, die Liebe auch. Wir sind jetzt eine “richtige” Familie und die Kinder bestimmen viel, wir müssen extrem darauf achten, dass wir nicht zu kurz kommen. Aber das wird nicht für immer so sein und wir werden vermutlich ziemlich alt werden, ist es nicht völlig okay, wenn man mal ein paar Jahre hauptsächlich Kinder macht? Meistens bin ich sehr glücklich, vollkommen, ausgelastet, komplett. Auch erschöpft, genervt, klar. Ich war auch verzweifelt zwischendurch. Am Ende, habe alles in Frage gestellt. Aber ich bin so gerne Mama, und ich empfinde es als Riesen-Glück, dass ich jetzt noch mal einen so kleinen Menschen aufwachsen sehen darf. Zwei Kinder, ein Junge, ein Mädchen –  so habe ich es mir immer gewünscht. Was sind ein paar schwere Wochen oder Monate gegen dieses Lebensglück?

Wenn ich sie abends beide im Bett liegen sehe, klopft mein Herz bis zum Hals. Ich bin so dankbar. Ja, es fühlt sich wirklich irre komplett an, auch wenn ich – ja tatsächlich, auch wenn es verrückt ist – nicht ausschließe, dass wir irgendwann noch ein drittes bekommen. Es ist einfach am Ende doch so schön, das Kinderhaben!

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