Verhandeln, Erpressen, bis Drei zählen – und so weiter

10. January 2018 | in Familie | Parenting

“Zeit ins Bett zu gehen, kommst du?” “Nein!” “Warum nicht?” “Weil ich keine Lust habe.” Aber du weißt doch: du musst irgendwann ins Bett, sonst bist du morgen wieder so müde.” “Ich habe aber trotzdem keine Lust. Und müde bin ich auch nicht. Zähneputzen hasse ich auch, Schlafi sowieso.” “Xaver…” “Nein, lass mich. Kack Zähneputzen. Jeden Tag ins Bett gehen.” “Xaver. Ich zähle bis drei!”

Auch wenn bei drei nichts passiert, kommt er dann meistens. Und so geht das bei uns oft. Man soll nicht drohen, man soll nicht erpressen und ich tue es trotzdem. Nicht weil es toll finde, sondern weil mir oft genug nichts anderes (mehr) einfällt. Und weil ich auch gaaanz oft einfach zu müde bin, um den Konflikt bis zum Ende ruhig auszudiskutieren. Und ja, auch manchmal, um klar zu machen, dass ich immer noch der Boss bin.

Eine Versagerin, immer wieder

Trotzdem fühle ich mich jedes Mal wie eine Versagerin. Weil man macht das ja nicht, wenn man “modern” erzieht. Und immer öfter bekomme ich auch mit, dass es bei meinem Sohn wirklich nichts bringt, das Drohen, das Bestrafen, das Druck machen. Es gibt Kinder, bei denen das “wirkt”, die sich nach ein paar Mal “konsequent sein” fügen, die sich fast ein bisschen “dressieren” lassen. Nicht so bei uns. Mein Sohn setzt das “Wenn – Dann” mittlerweile oft genug gegen mich ein: “Wenn du mir jetzt nicht noch eine Geschichte vorliest, dann gehe ich nichts ins Bett!” sagt er zum Beispiel. Außerdem protestiert er maßlos, wenn er sich ungerecht behandelt fühlt – und gerecht ist es ja nun selten, wenn die Eltern drohen. Außerdem sagt er ständig: Immer bestimmt ihr, ich will auch bestimmen! Und bockt dann noch mehr. Aus Prinzip. Und er übernimmt nicht nur das “wenn-dann”, er übernimmt auch meine Endlos-Diplomatie. Macht Vorschläge, die seinem Wunsch entsprechen. Mit meinem Sohn kann man wirklich lange diskutieren!

Lieber konsequent als Drohung ohne Folgen?

Aber es ist nicht nur, dass es nicht “wirkt”. Es fühlt sich auch einfach nicht gut an. Es gab zwei, drei Situationen letztes Jahr, in denen ich konsequent war. Überhöhte Strafen verteilt habe nach Extremsituationen. Oder angedroht habe. Und dann wirklich durchgezogen. Das Blödste ist doch, wenn man etwas androht, es dann aber nicht macht! Es waren aber auch wirklich KRASSE Grenzüberschreitungen und es war wirklich nur zwei, drei Mal.

Ein Beispiel: Einmal hat Xaver wie wahnsinnig mit seinem kleinen Regenschirm gespielt, auf und zu und auf und zu und das obwohl zwei Spitzen ab waren und der Regenschirm entsprechend gefährlich. Ich ermahnte ihn: Hör auf! Das ist gefährlich! Er hörte nicht auf. “Noch ein Mal und ich schmeiße den Regenschirm weg!” Er hörte nicht auf. Unter großem Protest wanderte der kleine Regenschirm in den Müll.

Obwohl mir diese “Strafe” hart vorkam: sie hat gewirkt. Denn mein Sohn hat sich diese Situationen gemerkt und das, was vorfiel, kam nie wieder vor. Ist drohen also doch okay, wenn es nur selten passiert und dann aber auch durchgezogen wird?

Nein. Ich muss sagen: auch wenn man sich an diese Regeln hält, gut anfühlen tut es sich eigentlich nie, das Kind zu erpressen und zu bestrafen. Bei großen Dingen nicht. Ich habe diese Aktionen allesamt negativ in Erinnerung,möchte, dass es nicht nochmal passiert. Ist es auch nicht mehr! Aber es geht vor allem um ganz alltägliche Dinge. Wenn du dir die Zähne nicht putzt, gibt es kein Sandmännchen. Wenn du nicht am Tisch sitzen bleibst, gibt es kein Dessert. Alles was das tut, ist ja eine Droh-Szenario aufbauen. Und will ich, dass mein Kind alltägliche Dinge nur tut, weil es sonst eine Strafe fürchten muss, oder eine Belohnung bekommt? Dass er lernt, dass man Dinge nur bekommt, wenn man andere Dinge tut? Eben nicht. Ich will, dass er es selbst will, weil es wichtig ist, alltäglich und (zum Beispiel im Falle des täglichen Zusammensitzens beim Essen) auch manchmal schön.

Was also tun?

Ich kann nicht unterschreiben, dass mein Kind eigentlich immer kooperieren will, so wie das ja die meisten Ratgeber sagen. Nein, Herr Juul, sorry. Mein Kind will einfach sehr oft etwas ganz anderes als ich und das will er sehr und bleibt hartnäckig. Er will dann nicht kooperieren, zumindest nicht so, wie ich Kooperation verstehe. Man muss ihn geschickt in die richtige Richtung leiten. Was aber stimmt: ganz oft spielen andere Bedürfnisse eine Rolle, als der Wunsch, der vordergründig geäußert wird. Wenn das Kind nicht ins Bett will, will es vielleicht einfach noch Mama-Zeit haben. Nachdem ich das Bettgeh-Ritual auch irgendwann genossen habe, war Einschlafen bei uns plötzlich kein Problem mehr. Ja, mein Kind schläft mittlerweile tatsächlich meist eigenständig und alleine ein. Er schickt mich sogar manchmal raus! (Ich muss allerdings erst mal die Hürde des Schlafanzug-Zähneputz-Rituals schaffen, siehe oben). Oft geht es auch um Hunger, Müdigkeit, Überreiztheit und es ist an uns Eltern, das dann zu erkennen, denn die Kinder können es wirklich noch nicht. Wenn Xaver also zum Beispiel nach einem langen Tag nicht mehr laufen möchte – dann diskutiere ich nicht lange. Ich nehme ihn Huckepack, eine Straße er, eine ich. Und so weiter. Weil ich verstehe, dass er wirklich erschöpft ist und mich nicht etwa ärgern will.

Was auch völlig legitim ist: Machtkämpfe vermeiden und ihnen geschickt ausweichen, Marie hat hier mal eine Liste gemacht.

Und dann habe ich in den letzten Monaten noch einige Dinge festgestellt, die mir dabei helfen, aus dem Machtkampf-Wenn-Dann-Wahnsinn herauszukommen:

Selbstbestimmung!

Xaver will mehr selbst bestimmen, das ist sein Hauptproblem mit unseren Regeln. Er will sich nichts vorschreiben lassen, ein bisschen wie ein Teenager. Und ich kann das verstehen! Also kommuniziere ich das so. Ich sage, dass ich das verstehe, dass ich meine Eltern auch immer doof fand früher, wenn ich etwas machen musste. Aber dass es eben auch oft nicht anders geht. Zähne putzen, Pipi machen, einen Schal anziehen. Es geht halt nicht anders.

Aber ich lasse ihn, wenn es geht, selbst entscheiden. Er darf sich selbst anziehen (Tipp: wir haben nur und ausschließlich nur Sachen im Schrank, die ihm passen und die zur Jahreszeit passen, alles andere verstaue ich woanders. So geht man schon mal vielen Konflikten aus dem Weg, weil die Sommerhosen und Sandalen einfach gar nicht da sind). Er darf selbst und eigenständig ins Bett gehen. Er entscheidet beim Tagesprogramm mit und beim Essen. Wann immer es eine Wahl gibt, gebe ich sie ihm: grüne oder blaue Mütze? Apfel oder Banane ins Müsli? Wenn er sagt: “Ich spiele das hier noch fertig, dann komme ich”, dann sage ich: “okay”.

Auch vor anderen

Eine weitere Sache ist, dass ich versuche, mich nicht von anderen beeinflussen zu lassen. Denn ganz oft war es so, dass Xaver irgendwo anders nicht mitspielte und ich war dann extra streng und in der Folge extra inkonsequent, weil ich nicht wie die Luschi-Mama dastehen wollte. Klassischer Satz: “Wenn das noch ein Mal passiert, dann gehen wir”. Da ich aber eben festgestellt habe, dass das Drohen nicht viel bringt, mache ich das jetzt auch nicht mehr vor anderen. Übrigens kam hier auch schon ein Mal: “Wir gehen doch sowieso nicht” zurück – da kam Mama sich ganz schön blöd vor….

Spielerisch an die Sache rangehen

Was auch ganz oft klappt, ist “ein Spiel draus machen”. Wenn er also nicht mehr laufen will, spielen wir “Ein Hut, ein Stock, ein Damenunterrock”. Eine Weile habe ich ihm beim Aufräumen immer gedroht, dass alles Lego, was nicht aufgeräumt ist, eingesaugt wird. Völliger Quatsch. Das hätte ich nie übers Herz gebracht. Mittlerweile machen wir auch hier ein Spiel draus. Alle roten Teile! Alle grünen! Wer mehr schafft! Und es geht. Genauso mit dem Anziehen. Auch all die Zahnputz-Apps, etc. zielen natürlich genau darauf ab.

Klare Regeln

Für Dinge, um die bei uns viel gestritten wird, gibt es mittlerweile klare Regeln. Also: Fernsehen nur am Wochenende und ganz selten vor dem Abendessen. Und er muss selbst ausmachen, ohne Drama. Hier darf es aber keine Ausnahmen geben, sonst werden die täglich eingefordert. Weitere Regeln: Süßigkeiten nach Weihnachten jetzt erst mal nicht mehr. Klappt überraschend gut. Und mein Handy bekommt er im Restaurant nur, wenn wir schon fertig gegessen haben.

Essen…..

Apropos Essen. Ein ewiger Kampf bei uns. Ich will nicht essen, ich habe keinen Hunger, ich will nicht sitzen bleiben. Und ich dachte wieder oft an Jesper Juul, der sagt: der Familientisch soll so schön sein, dass man dabei sitzen will. Machte mir also Gedanken darüber, ob wir zu oft diskutieren am Tisch, ob ich nicht schön genug dekoriere. Haha. Nein. Letztendlich sind es nur zwei Dinge, die meinen Sohn dazu bewegen, am Tisch zu sitzen:

  1. Er muss Hunger haben. Das heißt aber auch, dass er keine Snacks mehr bekommt nach vier Uhr. Wenn ich das einhalte, klappt das mit dem Hunger eigentlich meistens.
  2. Es muss etwas zu Essen geben, was er mag. Und da ist er leider mittlerweile leider ziemlich picky. Aber es ist machbar. Er ist leider auch keiner, der Reis oder Nudeln pur ist, wenn er die Soße nicht mag. Aber ein Brot geht immer und das bekommt er auch oft.

 

Und wenn es doch passiert!?

Ich akzeptiere jetzt an mir selbst, dass ich hier und da mal drohe. Das ist nicht supertoll, ich bekomme keinen Orden für die gerechteste Mutter der Welt, aber ich denke, mein Kind kann das wegstecken, dass ich manchmal Dinge sage, die nicht ganz okay sind. Dass ich ihn mal bis drei zähle, sage: “Jetzt reicht’s, gleich werde ich sauer” Oder ihn – wie letztens passiert – ohne Abendessen ins Bett bringe, weil es so ausgemacht war. (Anmerkung: ich lasse mein Kind nicht hungern, danke der Nachfrage. Es war seine Wahl, er wollte nicht mit uns essen. Und es gab lediglich im Bett ein Nachfragen: kann ich jetzt noch was essen? Und als ich verneinte, wurde ohne Widerrede ins Bett gegangen. Hätte er klar gemacht, dass er wirklich noch sehr viel Hunger hat, hätte ich ihm sicher noch ein Brot gemacht. Ich war aber froh, dass nichts kam und finde es auch prinzipiell überhaupt nicht toll, solche Drohungen auszusprechen). Ich überlege mir jedes Wenn-Dann gut, aber ab und zu rutscht es mir immer noch raus. Nicht bei gravierenden Dingen, aber zum Beispiel: “Wenn du jetzt nicht kommst, dann muss ich wirklich ohne dich gehen und das will ich nicht.” Ich kann unfair sein und ganz oft hat das auch eher mit meinem Stresslevel zu tun, als mit dem, was das Kind in der Sekunde gemacht hat. Das ist nicht cool, ich versuche, es jeden Tag besser zu machen, aber ich bin eben kein wandelnder Erziehungsratgeber, Xaver ist mein erstes Kind, ich habe keine Ahnung, was ich da tue. Das stimmt natürlich nicht ganz, ich habe Unmengen von Büchern gelesen, in der Theorie weiß ich genau, wie es geht. Aber im Alltag scheitere ich manchmal an den Theorien.

Ich mache täglich Fehler. Für diese entschuldige ich mich regelmäßig und ich glaube, im Großen und Ganzen ist das alles okay. Er wird deshalb später nicht beim Psychologen landen. Weil es ja sehr selten passiert. Weil es hier so viel Liebe, Verständnis, Augenhöhe und Wertschätzung gibt. Weil er eben nicht in einem Droh-Szenario aufwächst, sondern sich niemals von seinen Eltern “bedroht” wird. Weil ich glaube, dass er das mittlerweile einordnen kann, wenn Mama oder Papa mal was Doofes sagen..

Und weil er ruhig sehen darf, dass ich auch nur ein Mensch bin.

 

Anmerkung: ich habe viel Kritik zu diesem Text bekommen und möchte noch mal klarstellen: ich bin selbst überhaupt kein Fan von Drohen und Bestrafen. Ich finde es sogar richtig schlimm und veraltet und ich versuche, es ständig zu vermeiden. Aber es passiert mir dennoch. Damit wollte ich nie sagen: Passt schon, könnt ihr auch machen. Sondern: ich arbeite jeden Tag an mir, aber ich mache mich nicht fertig, wenn es doch mal passiert. Und das sollt ihr eben auch nicht!

 

Foto: Ciprian Boiciuc

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