Ein Blick hinter die Kulissen: im SOS-Kinderdorf Berlin

19. December 2017 | in Gesellschaft | Kooperation

Eine Remise mitten in Moabit, Backstein, Graffiti (Fun Fact: Hier hat mal die Kommune 1 gewohnt!) und mittendrin eine fröhliche, bunte Familienwohnung mit angrenzendem Garten. Alles ist liebevoll weihnachtlich geschmückt und dann ist da auch noch Birgit Kramm, die strahlend die Tür öffnet. “Wie in einer ganz normalen Familie”, denken wir und ein bisschen ist es eben auch wirklich so. Nur, dass hier eine SOS-Kinderdorfmutter lebt, dass weitere Personen hier arbeiten und dass die Kinder nicht Birgits eigene sind. Sondern es sind Kinder, die aus verschiedenen Gründen nicht mehr bei ihren Eltern bleiben können. Eine Kinderdorffamilie, so nennt sich das und es ist ein Konzept, das uns begeistert, berührt und beeindruckt hat. Doch dazu gleich mehr!

Mal öfter über den Tellerrand schauen – das tut jedem gut, nicht nur zur Weihnachtszeit. Denn es gibt unheimlich viele Menschen da draußen, denen ergeht es weniger gut als uns. Es sind vor allem viele Kinder, die nicht so privilegiert aufwachsen, wie unsere. Deren Eltern nicht die Kapazitäten haben, sich adäquat zu kümmern, oder die gleich gar nicht mehr da sind. Hier setzt SOS-Kinderdorf an. Der Name dürfte den meisten von euch ein Begriff sein.

Aber was machen sie denn eigentlich hier in Deutschland? Einen kleinen Vorgeschmack, wie wichtig die Arbeit von SOS-Kinderdorf ist, habt ihr vielleicht schon im Interview mit Herrn Rebbe, Leiter des SOS-Familienzentrums in Hamburg, gelesen. Er hat mit uns über seine Arbeit aber auch zu Kinderarmut und Chancen(un-)gleichheit in Deutschland gesprochen. Denn ja, auch in einem reichen Land, wie dem unseren, gibt es viel zu viele Kinder, denen es nicht gut geht. Wie wundervoll, dass es Vereine wie SOS-Kinderdorf gibt, um wenigstens einige von ihnen aufzufangen.

Ganz viel Wärme – das SOS-Kinderdorf in Berlin

Das Konzept für das städtische SOS-Kinderdorf in Berlin gibt es erst seit 2003. Vorher konnte man die SOS-Kinderdörfer eher auf dem Land finden. Insgesamt leben hier in Berlin-Moabit vier Kinderdorffamilien.

Eine ist die von Birgit, die wir besucht haben. In der geräumigen Wohnung im Backsteingebäude haben wir uns gleich wohl gefühlt. Die Räume sind mit viel Liebe eingerichtet, die Kinder verleihen jedem Zimmer seinen eigenen Charakter. Überall Fotos, Dekoration, Spielsachen: hier wird gelebt! Birgit Kramm ist nun schon seit über 14 Jahren Kinderdorfmama. Ihre sechs Kinder, die zwischen drei und 18 Jahren alt sind, begleitet sie teilweise schon seit Tag eins in der Kinderdorffamilie. Birgit wohnt fünf Tage dort, an den anderen beiden Tagen übernehmen Kollegen für sie. Die Kinder, die zu Birgit kommen, werden vom Jugendamt untergebracht. Sie sind keine Waisen, wie wir erst angenommen hatten, sondern, wie Tatjana Beicht vom SOS-Familienzentrum in der Waldstraße es nennt, “Sozial-Waisen”. Das bedeutet, die Eltern konnten sich nicht kümmern, sind aber noch da, oft leben sie sogar im Kiez.

Wir fragen uns: “Was ist da passiert. Warum haben die Eltern es nicht geschafft?” Die Gründe sind ambivalent, erzählt Birgit: “Über die Jahre haben psychische Erkrankungen wie Borderline-Persönlichkeitsstörungen oder Depressionen bei Eltern stark zugenommen”. Dazu gibt es oft eine Familiengeschichte, manchmal schon seit vielen Generationen. Alkohol, Drogen, Missbrauch, Gewalt. Viele Eltern könnten sich nicht oder nur schlecht um ihre Kinder kümmern, weil sie “einfach so viel mit sich selbst zu tun haben”, wie Birgit es ausdrückt. Die Kinder erleben schon in sehr jungen Jahren Dinge, die auch sie und ihre Kollegen nicht mehr “ausbügeln” könnten.

Die meisten haben ihr Päckchen zu tragen, Probleme in der Schule zum Beispiel. Und: Obwohl die Kinder nicht mehr bei den Eltern wohnen, sind diese aber trotzdem nicht ganz aus dem Leben der Kinder verschwunden. Manche kommen sogar regelmäßig zu Besuch. Birgit findet das gut. Sie sagt, es sei zwar oft schwer für die Kinder, aber gesünder, die echten Eltern vor Augen zu haben, anstatt nur eine Vorstellung, oder ein Bild, “das man ja auch mal gerne verklärt”.

 

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Hoffnung und Zukunft geben 

Für Birgit ist die Entscheidung, Kinderdorfmutter zu werden, eine Lebensentscheidung. Sie sieht es nicht als etwas, wofür sie sich “aufopfern” würde. Sie hat einen aufwendigen Bewerbungsprozess durchlaufen, inklusive eines psychologischen Gutachtens. Nachdem sie jahrelang Erzieherin war, hat sie sich bei SOS-Kinderdorf beworben: “Es war klar, dass das hier meins ist”, sagt sie.

Was für uns unvorstellbar ist, nämlich sich nicht um sein Kind zu kümmern, ist für Birgit und vor allem für “ihre Kinder” eine traurige Realität – sonst wären sie nicht hier. Und Birgit und ihre zwei Kollegen tun was sie können, um den Kindern Normalität, Geborgenheit, Zuversicht und Hoffnung zu geben. Kinder, die sonst keine Familie hätten, haben so ein stabiles Zuhause gefunden. Und das ist so viel wert.

Birgit hat übrigens durchaus noch ein Leben außerhalb der Familie. Wenn sie frei hat, trifft sie Freunde, Verwandte, kümmert sich um sich selbst. Und auch unter der Woche ist sie flexibler, als man denken würde. “Außerdem ist die Familie mittlerweile einfach in mein Leben integriert”, erzählt sie. Viele Freunde kämen sie auch in der Wohnung besuchen, sie kennen die Kinder.  Und zu Weihnachten, da kommt sogar ihre Mutter und alle feiern zusammen. Familie ist eben, wer zusammen lebt und auf sich aufpasst.

Irgendwann werden die Kids natürlich auch größer, das älteste Kind ist jetzt 18 Jahre alt und könnte bald ausziehen. Will es aber gar nicht: “Er sagt, er weiß gar nicht, was er ohne uns machen soll!” erzählt Birgit. Oft kommen die Kinder auch Jahre nachdem sie ausgezogen sind, noch regelmäßig vorbei. Wie in einer “normalen” Familie eben, denken wir. Auch Birgit findet, das sei “ein gutes Zeichen”. Dafür, dass es dem Kind hier gut geht, und dass es um seine Schwierigkeiten weiß, also reflektiert ist. SOS-Kinderdorf unterstützt die Kinder und hilft ihnen, ihre Talente zu entdecken und dementsprechend zu fördern. “Formulieren zu können, was man braucht, und dass man Hilfe braucht, das ist ein großer Erfolg, das kann nicht jeder!”

 

 

 

 

Unmöglich, nicht berührt zu sein. So viel Wärme! So eine schöne Atmosphäre, wir konnten nicht anders, sogar zu denken: das ist so ein behütetes Aufwachsen, wahrscheinlich sogar mit mehr Achtsamkeit als in klassischen Familien. Denn Birgit und ihre zwei Kollegen (es sind eine Vollzeit- und eine Teilzeit-Kraft, auch die beiden sind seit Jahren dabei) sind jeden Tag für die Kinder da, und sind nicht nur warmherzig, sondern auch fachlich für diese Aufgabe ausgebildet.

“Das brauchen die auch”, sagt Birgit. “Die Kinder hier brauchen sehr viel Aufmerksamkeit.” Und natürlich gibt es auch in der SOS-Kinderdorffamilie Alltagskonflikte und Diskussionen. Birgit und ihre Kollegen begegnen dem wie andere Eltern auch: Am Kühlschrank hängt ein Fernseh-Plan, es gibt klare Regeln, wer sich wann im Haushalt einbringt. Und als der 7-Jährige beschloss, dass er statt Playmobil jetzt Lego haben will, hat Birgit ihm geholfen, seine Playmobil-Sammlung zu verkaufen und das Geld neu zu investieren. Schön übrigens: es leben oft Geschwister in den Familien. Auch bei Birgit sind drei Geschwister untergebracht. Sie nicht trennen zu müssen, wie das bei der Suche nach der klassischen Pflegefamilie oft gezwungenermaßen passiert, ist für die Kinder von unendlichem Wert.

Genauso wie der Austausch mit dem SOS-Kinderdorf in der Waldstraße. In dem modernen, verglasten Gebäude sind ebenfalls Kinderdorffamilien untergebracht. Doch nicht nur das: die Einrichtung in der Waldstraße bietet auch Kita-Betreuung, interkulturelle Beratung und einen offenen Familientreff an. Außerdem gibt es viele Kurse: Gymnastik, Pekip, Nähen und so weiter. In der Schulsozialarbeit unterstützt das SOS-Kinderdorf außerdem die Kinder und Jugendlichen direkt in der Schule sowie beim Übergang von Schule zu Beruf. “Das ist toll!” sagt Tatjana Beicht, die im SOS-Kinderdorf für Kinder- und Familienhilfen zuständig ist. “Die Kinder aus den Familien kommen oft vorbei, nehmen Kursangebote wahr. Wir sind so etwas wie die erweiterte Familie für sie.”

Das Haus in der Waldstraße ist unheimlich einladend, viele nette Eltern tummeln sich. Wir sind gleich zum Mittagessen geblieben und würden wir in Moabit wohnen, wir würden glatt öfter vorbeikommen.

Man sagt ja immer: Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen! Und weil es dieses sprichwörtliche Dorf in der Großstadt nicht gibt, sind die einzelnen SOS-Kinderdörfer vielleicht auch ein bisschen ein Ersatz dafür.

Wenn ihr die Kinderhilfsorganisation SOS-Kinderdorf unterstützen wollt, könnt ihr das hier tun.

 

Dieser Beitrag entstand in freundlicher Kooperation mit SOS-Kinderdorf e.V. 

Bildrechte: (C) SOS-Kinderdorf e. V. / Fotos: Annelie Klein

 

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