… und plötzlich bin ich mein eigenes Vorurteil

28. November 2017 | in Alltag | Familie | Gesellschaft | Muttergefühle

…und wieder ein Thema, das wir schon ausführlich in der Redaktionssitzung besprochen haben. Ich musste ganz schön lachen, als ich mich selbst hörte, wie ich mich um Kopf und Kragen geredet habe und mein geliebtes Auto verteidigt. Haha! Worum geht’s? Also:

Wir haben ein Auto gekauft. Ja. Lange haben wir durchgehalten, haben die Kinder im Christiania rumgefahren, täglich und bei Wind und Wetter, sogar durch den Schnee. Wir sind mit der U-Bahn und mit dem Bus durch die volle Stadt gegurkt. Aber mein Mann hat richtig oft Jobs, für die er ein Auto braucht. Ich bin immer wieder mit beiden alleine und will mich auch mal außerhalb des U-Bahn-Ringes bewegen. Quinn passt nicht mehr in den Maxi Cosi, CarSharing wurde also einfach zu kompliziert. Außerdem haben wir mal gerechnet, was wir für CarSharing, Taxi und die Öffentlichen so zahlen. Es waren horrende Summen! Ziemlich schnell war klar: Grünes Leben hin oder her. Wir machen uns das Leben SO schwer, wir sollten einfach ein Auto kaufen.

Grüneres Fahren konnten wir uns nicht leisten

Dann ging die Suche nach dem richtigen fahrbaren Untersatz los. Gebraucht? Neu? Benziner? Elektro? Hybrid? Wir haben eine Ladestation vor der Tür, also dachten wir: Wir kaufen ein Elektro-Auto, ist ja klar! Wir werden Pioniere sein! Schnell war klar, dass das keinen Sinn macht. Die Technik ist einfach noch zu wenig ausgereift. Wir würden ein Auto brauchen, in das zwei Kinder und Equipment reinpassen. Das gibt es noch nicht als ausgereiftes Elektro-Auto. Und was, wenn man doch mal weiter fährt, an die Ostsee oder nach Bayern? Dann dachten wir: Hybrid. Da gibt es sogar ein paar, die in Frage gekommen wären. Aber: sie sind schlicht und ergreifen zu teuer gewesen. Wir konnten uns das grüne(re) Fahren einfach (noch?) nicht leisten.

Gebraucht stand auch im Raum, aber wir haben uns dagegen entschieden. Die alten Autos sind Benzinschleudern, wir hätten einen Kombi gebraucht (und mir graute vor der Parkplatzsuche), einen Neuwagen kann man viel besser absetzen und wir hatten auch Angst davor, im Winter mit zwei Kindern vor einem Auto zu stehen, das nicht anspringt.

Jetzt fahren wir einen Seat (einen Jahreswagen), der ziemlich sparsam ist (6,5 Liter), günstig war, der Platz hat, aber nicht länger ist als ein Golf. Es ist ein Auto, mit dem ich mich total wohl fühle, weil: es ist nicht zu protzig. Wegen mir hätten wir nämlich auch einen Fiat Panda kaufen können – finde ich ein super Auto – aber der Mann bestand auf etwas “Anständiges”. Der Seat ist jetzt der Kompromiss.

Plötzlich SUV Mama

Aber und jetzt kommts: Es ist ein Mini SUV. Und so sieht er auch aus. Ein bisschen höher. Wenn er auch – wie gesagt – nicht länger, kaum breiter und wahrscheinlich sogar sparsamer ist als ein klassischer Golf, so sieht er halt doch so aus, wie er aussieht. Ich steige jetzt also aus einem relativ dick wirkenden Auto aus. Mit zwei Kindersitzen hinten drin!

Ich bin mein eigenes Vorurteil geworden. Eine SUV Mama. Und ganz ehrlich: Ich werde auch so angeschaut. Ich spüre die Blicke. Und ich reagiere auch genau so wie es das Klischee erwartet. Ich mache die Nase hoch und die Schultern gerade und laufe stolz weiter. Nicht weil ich mir was auf meine Karre einbilde, Gott bewahre. Sondern weil das eben manchmal die Reaktion ist, wenn man misbilligend angeschaut wird: man versinkt nicht, man zeigt Größe. So mache ich das zumindest. Und dann wirkt man arrogant. Wie eine SUV Mama eben.

Aber: ich fühl mich innen drin dann oft ganz klein mit Hut. Weil ich eigentlich kein Auto haben wollte, aber es jetzt so genieße, dass wir es haben. Und weil ich ja überhaupt keine SUV Mama bin. Ich fahre keinen richtigen Geländewagen. Ich habe nicht wahnsinnig viel Geld. Ich lasse mich nicht von meinem Mann aushalten. Ich stelle mich suuuuperselten und total ungerne in die zweite Reihe oder überhaupt so, dass ich jemanden behindere. Ich gehe sehr selten zum Friseur. Ich arbeite. Ich fahre wirklich nicht total scheiße Auto, vor allem fahre ich sehr rücksichtsvoll, insbesondere Radfahrern gegenüber, schließlich bin ich selbst immer noch an vier Tagen in der Woche Radfahrer. Ich fahre meine Kinder nicht zu irgendwelchen Kursen, weil wir nämlich überhaupt keine Kurse machen. Ich fahre die Kinder sowieso in 90% der Fälle mit dem Rad in der Gegend rum. Immer noch. Das Auto kommt nur zum Einsatz, wenn es sein muss. Ich wähle nicht FDP, ich bin keine Umweltsau. Ich bin nicht sozial kalt. Ich bestätige wahrscheinlich keines der Vorurteile, das man so hat. Aber ich sehe so aus.

Warum ist die Frau das Feindbild?

Ich denke also: Schaut doch mal genau hin und urteilt nicht so schnell! Ich bin doch gar nicht so!

Und dann denke ich: Vielleicht sind die Wenigsten so. Mir ist aufgefallen, dass ich einige Mütter kenne, die wirkliche SUVs fahren. Die das Klischee noch mehr bedienen als ich. Allesamt sind sie sehr kritisch, reflektiert, sozial und ich schätze sie sehr. Und in jedem Fall haben die Männer das Auto gekauft und die Frau wird nun dafür gehasst. Warum ist das eigentlich so, dass die Frauen in dem Auto das Feindbild sind?

Dicke Autos schüren Unmut. Sie sind offensichtlich nicht umweltfreundlich und sie sehen so aus, als wären sie immer stärker. SUVs sind das Symbol für soziale Ungleichheit und Gentrifizierung geworden. Und komischerweise sind es die Frauen in den Autos, die den meisten Hass abbekommen. Seltsam, oder?

Da ist noch eine andere Sache: Geländewagen sind Trend. Es ist in, sich auf der Straße größer zu machen, als man ist. Auch mein Mann fühlt sich “sicherer”, wenn er höher sitzt, obwohl erwiesen ist, dass dem nicht so ist. Aber irgendwie scheint es ein Bedürfnis nach dieser Art von Auto zu geben. Deshalb bauen immer mehr Firmen sie, auch mit kleinen Motoren. Der Look ist angesagt.

Ich finde Geländewagen in der Stadt fahren nach wie vor absoluten Quatsch. Ich meine die richtigen! Die Porsche Cayennes und so weiter. Überhaupt sind Benzinschleudern ein Unding. Und dass die deutschen Autobauer (und bei denen ist es besonders auffällig) sich in den letzten Jahren auf SUVs konzentriert haben, anstatt auf nachhaltigere Technologien, das – so finde ich – sollte sogar bestraft werden. Ich finde es auch unmöglich, wenn man für jeden Weg in der Stadt das Auto nimmt und – wie schon mal erwähnt – ich finde es auch nicht gut, die Kinder in die Schule zu fahren, wenn es nicht unbedingt sein muss. Egal mit welchem Auto.

Vorurteile sind selten berechtigt und meistens gemein

Aber ich habe mir dennoch vorgenommen, generell nicht mehr so viel zu urteilen. Weil es scheiße ist. Und irgendwie auch gemein. Weil Vorurteile selten berechtigt sind.

Das heißt jetzt nicht, dass wir uns alle lieben sollen und nicht mehr ab und zu kräftig ablästern dürfen. Das ist okay. Das gehört dazu. Auch nicht, dass irgendjemand Mitleid haben muss mit einem SUV-Fahrer oder dass man diese fetten Autos nicht in Frage stellen darf. Aber seit ich selbst so verdammt oft doof angeschaut werde, verurteile ich persönlich keine Menschen mehr, die mir auf der Straße oder im Straßenverkehr begegnen. Vor allem die Frauen. Ich versuche es zumindest!

Letztens parkte eine Frau mit einem eklig dicken und verbrauchsintensiven und breiten Auto direkt vor unserer Kita ein. Sie parkte richtig mies und hielt den ganzen Verkehr auf. Ich war auf dem Rad, Kind hinten drauf, stand auch hinter ihr und musste mich wirklich wundern, schließlich hat sie doch sicher Piep Piep Piep Parkhilfe vorne und hinten! Dennoch stellte ich kurz darauf mein Fahrrad ab, sie hievte ihre Kinder aus dem Auto und lief mir einige Minuten später direkt entgegen. Sie sah (beschämt?) zu Boden, ich lächelte sie offensiv an, einfach so. Von Mutter zu Mutter.

Die Erleichterung in ihrem Gesicht – unbezahlbar.

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