Über Lieblingsrituale, die wir weitertragen

23. April 2021 | in Alltag | Familie

Dass Kinder Rituale lieben, ist gemeinhin bekannt. Und ich finde, das ist eine der schönsten Dinge am Elternsein: für sie ebenjene erfinden. Aber fast noch schöner finde ich es, dass mein liebstes Ritual aus meiner Kindheit sich nun zu einem entwickelt, das auch mein Sohn liebt. Der Gang zur örtlichen Bücherei nämlich.

Ich habe viele schöne Erinnerungen an meinen Vater: Stundenlang im Wald Pilze und Heidelbeeren sammeln, im Sommer am Baggersee planschen, den Botanischen Garten in meiner Heimatstadt Erlangen besuchen. Aber ich glaube, was mich am meisten geprägt hat, ist seine Liebe zu Büchern, die fast schon eine Besessenheit war.

Er konnte an keiner Buchhandlung vorbeigehen, an keiner Kiste mit Büchern, die irgendwer aussortiert hatte, und in unserer kleinen Wohnung war jeder freie Winkel mit Bücherregalen belegt, sehr zum Unmut meiner Mutter. Ich glaube der Höhepunkt war, dass er begann, seine Käufe in der Speisekammer zu verstecken, nachdem sie ihm ein Kaufverbot erteilt hatte.

Die Bücherei meiner Kindheit

Kein Wunder also, dass die Stadtbücherei Erlangen sein wohl liebster Ort war, denn dort gab es nicht nur Bücher, man konnte da auch Zeitungen lesen, und das wiederum entsprach seinem Hang zur Sparsamkeit. Es gab zu dieser Zeit einen großen Lesesaal mit knarzendem Fischgrätparkett, in dem vorwiegend ältere Männer saßen und mit den Zeitungsseiten raschelten. Lautes Sprechen wurde sofort durch feindseliges „sccccchhhhh“ Rufen bestraft. Dort verbrachte mein Vater gerne seine freien Vormittage und irgendwann bürgerte es sich so ein, dass ich mitkam.

Mein Vater las und ich streifte durch die Kinder- und Jugendbuchabteilung, vollkommen unüberwacht. Ein kleines Stückchen Freiheit. Nach ein, zwei Stunden gingen wir gemeinsam zum Schalter und liehen die Bücher aus, damals noch mit Papierkarten, die hinten eingesteckt waren, und einem Karteisystem. Später ging ich alleine und lieh mir Bücher für Erwachsene aus: Charles Bukowski, Henry Miller, Guy de Maupassant, Charles Baldwin, Sherwood Anderson, Carson Mc Cullers. Und fühlte mich wahnsinnig reif und intellektuell, obwohl ich nur die Hälfte verstand. Aber ich lernte, das Lesen zu lieben, und dass man sich mit Büchern nach Harlem, in die Südstaaten oder das Frankreich des 19. Jahrhunderts träumen konnte, auch oder gerade dann, wenn man eigentlich nur ein Teenie war, der in der Provinz festhing.

Freitag ist Büchereitag

Die Liebe zu Büchereien ist mir ebenfalls geblieben, ich werde jedes Mal ein bisschen emotional, wenn ich darüber nachdenke, wie unglaublich toll es ist, dass man sich für wirklich wenig Geld so gut wie alles ausleihen kann – Neuerscheinungen, DVDs, Kochbücher. Kurz vor der Geburt meines Sohnes zogen wir in einen neuen Stadtteil, und „unsere Bücherei“ liegt zehn Minuten fußläufig. Die Bezirkszentralbibliothek Pablo Neruda, so heißt sie offiziell, war sofort mein Lieblingsort im Kiez! In den letzten Wochen meiner Schwangerschaft habe ich mir hier Erziehungsratgeber und Kochbücher ausgeliehen, seichte Romane und Elternzeitschriften. Als mein Sohn ganz klein war, schob ich den Kinderwagen stundenlang durch die Gänge und war erstaunt, wie viele auch sehr neu erschienene Bücher ich hier finden konnte. Romane, die gerade in aller Munde waren und die ich alle lesen wollte – was aber sehr schnell ins Geld geht.
Mittlerweile bin ich ein großer Fan des Bereitstellungs-Services und kann so auf Bücher in ganz Berlin zugreifen.

Es hat sich so eingebürgert, dass mein Kleiner und ich jeden Freitag in die Bücherei gehen. Und seitdem er sich für Bücher interessiert und laufen kann, nehme ich ihn aus dem Kinderwagen und wir gehen erst einmal zum Buchrückgabe-Automaten. Da gibt es sogar einen Holzwürfel, auf den er sich stellen und die Bücher auf das Band legen kann – und das findet er auch mit eineinhalb Jahren schon richtig sensationell. Die Kinderbuchabteilung ist für ihn natürlich noch eher eine Spielwiese und ich muss ganz schön aufpassen, dass er nicht das ganze Regal ausräumt, aber meistens leihe ich dann eben die ersten fünf Bücher, die er rauszieht, für ihn aus und das passt ganz gut.

Ich werde jedes Mal rührselig, wenn ich daran denke, dass ich ihm so die gleiche Liebe zu Büchern mitgeben kann, die mir mein Vater gezeigt hat. Und mich würde sehr interessieren, wie es euch so geht – habt ihr auch Kindheitsrituale neu belebt?

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