Über Geld spricht frau – mit Anna

27. February 2020 | in Karriere

Als wir nach Frauen suchten, die bereit waren, hier ihre Finanzen offen zu legen, meldeten sich viele. Die meisten gehörten eher zu den besser Verdienenden. Zu denen, bei denen alles einigermaßen in Butter ist. Stabile Partnerschaft, gute Job-Aussichten. Es waren aber auch viele besondere Beispiele dabei, wo man merkte, dass es für die Frauen eine richtige Erleichterung war, endlich mal offen über Geld zu sprechen. Und über das, was sie frustriert in Sachen Mutter-sein im Job. Eine von ihnen ist Anna. Sie ist 38 Jahre alt und Mutter eines Sohnes. Die letzten Jahre waren nicht einfach für sie: sie hat sich getrennt, sich beruflich umorientiert – und musste danach erst mal wieder auf die Beine finden. Das ist ihr ganz gut gelungen – auch wenn sie immer noch berichtet, dass ihre finanzielle Lage sie belastet.

Liebe Anna! Wie alt bist du, welchen Ausbildungsgrad hast hast du und was machst du beruflich?

Ich bin 38 und habe einen Sohn, er ist fast 8 Jahre alt. Ich habe in Polen BWL mit Schwerpunkt Medien und European Studies studiert und habe einen Bachelor. Nach dem Studium habe ich im TV-Bereich gearbeitet und wurde 2011 von einer deutschen TV-Produktion abgeworben. Deshalb bin ich seit 2011 in Deutschland. Ich war dort Senior Producer International TV und hatte ein 5-köpfiges Team unter mir. Netto habe ich damals rund 2000 Euro verdient, dazu kam noch ein potentieller, monatlicher Bonus von monatlich 800 Euro, der an den Erfolg der Firma geknüpft war. Der kam ungefähr jeden zweiten Monat dazu. 2012 wurde mein Sohn geboren, ich habe nach knapp einem Jahr wieder Vollzeit gearbeitet. Mein Mann war mit mir nach Deutschland gekommen, er ist Kameramann. Er hat den Anschluss an das Berufsleben hier aber nicht wirklich geschafft, hatte nur wenige Jobs.

Seid ihr noch zusammen?

Nein, wir sind seit 2016 getrennt. Wir würden uns auch scheiden lassen, das schieben wir vor uns her, weil es Geld kostet. Er kam in Deutschland nicht klar, kam nicht an, während es mir genau andersrum ging. Parallel kamen auch psychische Probleme ans Tageslicht, die er jahrelang verdrängt hatte. Die Zeit der Trennung war hart für alle, insbesondere für meinen Sohn. Mir ging es so, dass ich eine Rundum-Veränderung wollte – einfach alles umkrempeln.
Ich habe eine Therapie begonnen und meinen sicheren Job, in dem ich aber nicht mehr glücklich war, gekündigt. Danach habe ich in einer Agentur gearbeitet, die aber alles andere als familienfreundlich war – und mein Sohn war ja noch so klein und die Trennung gerade erst ein paar Monate her. Mein Mann war damals schon wieder in Polen und hatte sich zurückgezogen. Das alles endete mit einem richtigen Nervenzusammenbruch bei mir, es war einfach alles so anstrengend. Ich bin zum Arzt gegangen, der hat mich 2 Wochen krank geschrieben und weil ich noch in der Probezeit war, haben sie mich schön in diesen zwei Wochen gefeuert. Im Nachhinein war das sogar gut so – aber es hat mir natürlich erst Mal den Boden unter den Füßen weggezogen.
Ich beschloss dann aber sofort, mich schnell aufzubauen und alles dafür zu tun, dass es meinem Sohn und mir gut geht. Wir haben beide Therapie gemacht, ich habe eine Zeit lang selbstständig gearbeitet. Das ging sogar ganz gut, aber wenn das Kind zum Beispiel krank war, habe ich nichts verdient. Das hat mich sehr belastet, ich hatte kaum Hilfe und sehnte mich nach Sicherheit. Heute hat sich alles besser eingependelt, der Vater kommt alle 2 Wochen nach Deutschland und besucht seinen Sohn, und dieser ist auch älter geworden und braucht mich nicht mehr ganz so viel.

Wie sah es damals finanziell aus?

Ich habe damals vor allem von meinen Reserven gelebt. Ich hatte eine kleine Wohnung in Warschau, die ich zu dieser Zeit verkauft habe. Nicht nur des Geldes wegen, sondern auch, weil dort Sanierungen anstanden und das mit den Mietern immer ein zusätzlicher Job war. Ich denke ich hatte damals etwa 20.000 Euro auf dem Konto, die habe ich in diesen eineinhalb Jahren verbraten – das war aber auch so geplant. Ich wusste, ich brauche jetzt ein Jahr, um mich wieder aufzubauen und im Leben als Alleinerziehende klar zu kommen.

Was machst du jetzt beruflich?

2018 kam mein Kind in die Schule. Und ich wusste: bis dahin brauche ich einen festen Job. Etwas, was nah ist, sicher und meine Fixkosten deckt. Nun arbeite ich im Kundenservice im Vertragsmanagement eines Energiewirtschaft Start-Ups. Die Firma ist bei uns in der Nähe, ich habe kurze Wege, das macht es schon mal einfacher. Ich habe erst Mal mit 6 Stunden pro Tag angefangen, weil ich sehen wollte, wie es läuft. Damit habe ich aber viel zu wenig Geld verdient – etwa 1200 Euro netto. Nach einem Dreiviertel Jahr habe ich aufgestockt auf 40 Stunden. Nur so habe ich auch weitere Aufstiegsmöglichkeiten. Ich fühle mich da wohl, es ist eine nette Firma. Aber mein Traumjob ist es nicht.

Wieviel verdienst du jetzt und welche Fixkosten gehen monatlich von deinem Gehalt weg?

Ich verdiene jetzt 1900 brutto + 350 Variable/Bonus, mir bleiben knapp 1570 Euro netto. Dazu kommt das Kindergeld, das sind knapp 200 Euro und ich bekomme 200 Euro Unterhalt. Die Kosten: das ist das Problem. Ich bin mit meinem Sohn in der Familienwohnung geblieben. Das ist eine 120 Quadratmeter-Wohnung in einer guten Gegend, die Schule ist um die Ecke, sie kostet 1400 Euro warm. Warum ich dort geblieben bin? Weil ich für eine Wohnung, die halb so groß ist, fast das Gleiche bezahlt hätte. Weil ich damals keine Kraft hatte, auch noch eine Wohnung zu suchen. Und weil ich meinem Sohn so viel Stabilität wie möglich bewahren wollte nach der Trennung. Kinder sind unterschiedlich, meiner ist sensibel, es war schnell klar, dass er die Trennung nicht so gut verkraftet hat. Natürlich wusste ich, dass ich mir so eine teure Wohnung eigentlich nicht leisten kann. Ich habe ein Jahr lang ein Zimmer immer wieder bei AirBNB vermietet. Jetzt habe ich seit etwa einem Jahr einen jungen Mann als Untermieter, er zahlt 500 Euro. Ich bin damit sehr glücklich, wir verstehen uns gut und nicht nur das. Er ist eine enorme Unterstützung. Er ist ordentlich und alleine, dass er da ist, das gibt mir Sicherheit. Dass ich mal seinen Pasta nehmen kann, dass er mal da ist, wenn ich kurz raus muss und auf meinen Sohn aufpasst. An Fixkosten zahle ich ansonsten noch Internet und Strom, das sind 130 Euro. Ich zahle in eine betriebliche Altersvorsorge 100 Euro ein. Ich habe ein Sport-Abo, das sind 80 Euro. Sport hat mir nach der Trennung sehr geholfen, gerade überlege ich aber, ob ich es mir noch leisten kann. Ja und dann haben wir ja noch das Haus in Polen, die Reisen dort hin, die kosten auch, und ich musste damals einen Kredit für dieses Haus aufnehmen, den zahle ich gerade noch ab. 11000 Euro muss ich noch abbezahlen. Dann bezahle ich noch eine Waschmaschine und ein Fahrrad ab. Ich weiß, dass man diese Ratenzahlungen nicht machen soll, aber es ging leider nicht anders. Und dann noch Handy, Essen und U-Bahn und was man eben sonst noch braucht. Es bleibt am Ende des Monats eigentlich nicht wirklich etwas übrig.

Erzähl mal von diesem Haus…

Das ist ein Haus im Grünen in Polen, ich habe es vor 3 Jahren von meinem Opa geerbt. Es musste allerdings ganz schön hergerichtet und saniert werden, deshalb der Kredit. Ich habe da ganz schön Geld reingesteckt. Dachte aber: das ist gut investiert. Es fühlt sich auch gut an jetzt, es ist meine Sicherheit. Es ist sicher kein so guter Invest wie eine Wohnung in der Stadt, aber dafür habe ich auch keinen Stress damit. Wir verbringen fast alle Ferien dort, meine Eltern wohnen nicht weit, ich habe dort viel Familie. Es ist meine Entspannungs-Oase, mein Happy Place.

Machst du dir Sorgen um deine Altersvorsorge?

Ja klar mache ich mir Sorgen. Am besten ist es ja schon, wenn man 30 Jahre einen gut bezahlen Job hat. Und das habe ich schon verpasst. Ich bin in den letzten 10 Jahren nicht mal ansatzweise im Beruf aufgestiegen, ich bin gesunken. Und das frustriert mich sehr.

Perspektivisch: Was würdest du dir in Sachen Karriere und Privatleben wünschen?

Ich würde mir wünschen, dass ich entsprechend meiner Qualifikation mehr Gehalt bekomme. Ich habe 8 Jahre lang ein Team geführt und kann das eigentlich. Mein Job ist jetzt eine Überbrückungsphase, ich werde sehen, wie ich dort aufsteigen kann. Ich würde mir Jemanden im Unternehmen wünschen, der mich fördert, mir Rückenwind gibt. Manchmal denke ich, ich kann nie wieder so engagiert und selbstbewusst auftreten im Job wie früher. Das liegt an den harten letzten Jahren, aber auch daran, dass ich so emotional, weich und wenig belastbar geworden bin, seit ich Mutter bin. Ein bisschen habe ich mein Selbstbewusstsein verloren, denke aber, wenn da jemand wäre, der mich stärkt, dann könnte es wieder werden. Ansonsten: die kreative Arbeit fehlt mir so sehr, aber dass die Zahlen stimmen ist gerade wichtiger. Und ich habe Hoffnung, dass ich im Job irgendwann Erfüllung und ein gutes Gehalt finde. Einen Partner wünsche ich mir übrigens nicht zwingend. Ich bin eigentlich sehr glücklich alleinerziehend – nur das mit dem Geld ist anstrengend.

Was würdest du dir vom System wünschen?

Eine echte Erleichterung dafür, dass ich alleinerziehend bin, wäre schön. Der Wechsel in die Steuerklasse 2 hat bei mir nicht mal 40 Euro ausgemacht. Davon kann man sich nicht viel kaufen. Es ist überhaupt als Alleinerziehende, die Vollzeit arbeitet, schwierig. Das Kind geht von 8:00 bis 16:45 in die Schule und natürlich muss ich danach für ihn da sein. Er muss eh schon so viel funktionieren. Ich kann also abends nicht noch Anrufe entgegennehmen. Habe wenig Zeit für mich. Ich weiß nicht, wann ich Elterngespräche in der Schule wahrnehmen soll, oder wie ich Ausnahme-Tage vor den Ferien, etc. wo schon um 11:30 Schulschluss ist, auffangen soll. Es bleibt einfach keine Zeit. Ich arbeite täglich von 8 Uhr bis 16:30. Im Job würde ich mir wünschen, mehr ernst genommen zu werden als Frau und Mutter. Männer verdienen immer noch mehr – in den gleichen Positionen. Und dann diese typisch weiblichen Berufe, dass es das immer noch gibt! Ich nenne das strukturelle Diskriminierung. Also es gibt viel, was mich ärgert. Aber für mich persönlich habe ich gerade das Gefühl, dass es wieder bergauf geht. Ich bin an sich sehr glücklich hier in Berlin und es gibt viele Dinge, die ich an Deutschland so unglaublich toll finde, ich habe nie mit dem Gedanken gespielt, wieder nach Polen zurück zu gehen. Die Schule meines Sohnes ist super. Und alleine, was wir alles an Hilfe bekommen nach der Trennung. Die Therapien für mich und meinen Sohn, das bekommen wir alles einfach so. Das weiß ich sehr zu schätzen.

Danke, Anna!

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