Über eine Mädchenschwangerschaft

30. March 2021 | in Gesellschaft | Muttergefühle | Schwanger

Ach, was habe ich mich gefreut, als ich erfahren habe, dass mein drittes Kind ein Mädchen wird! Nach zwei super Jungs waren das tolle Nachrichten. Gleichzeitig habe ich mich auch ein klitzekleines bisschen geschämt, das so toll zu finden. Denn vor allem ist das Baby im Bauch ein Kind, ein Mensch. Und was ich überhaupt nicht möchte ist, dass dieses Kind noch vor der Geburt mit gesellschaftlichen Vorstellungen (und ja, auch meinen Vorstellungen) überhäuft wird.

Dabei habe ich nun doch ein paar rosa-farbene Babybodys oder Strampler mit Spitze gekauft. Und wenn ich noch ehrlicher bin, fände ich es auch schön, wenn sie mir ähnlich sähe. Was ich nicht alles in dieses Würmchen reinprojiziere! Ich merke tatsächlich, dass ich schon viel mehr Vorstellungen von diesem Mädchen habe, als es bei den Jungs je der Fall war. Und es beschleicht mich das schlechte Gewissen: Denn ich werde das Gefühl nicht los, dass ich eben doch “nur” ein Produkt dieser Gesellschaft bin, dabei halte ich mich für sehr reflektiert. Aber all die Zuschreibungen, die wir für die verschiedenen Geschlechter haben wirken auch in mir – und ich gebe sie an meine Kinder weiter.

Dabei wird sie bzw. erstmal es, in seinem Leben noch genug diskriminiert werden. Allein in der Schwangerschaft ist das ja schon geschehen: Ich war dieses Mal öfter müde und platt als in der anderen Schwangerschaft und da hieß es gleich: Klar, ist ja auch ne Mädchenschwangerschaft. So nach dem Motto (wie schrecklich!): Mädchen klauen der Mutter die Schönheit. Bäh. Da steckt so viel tief verankerte Misogynie drin, dass es einem kalt den Rücken runterläuft.

Unsere Erwartungen an das Kind

Gleichzeitig schaue ich auf die Mädchenkinder in meinem Bekanntenkreis. Wie sie eben auch mal ruhig dasitzen und etwas ausmalen oder abpausen. So etwas kenne ich von meinem Sohn nicht. Und ich denke mir: Ach, das wär doch auch mal schön! Aber wie viel davon ist genuines Verhalten und wie viel anerzogen? Vor einigen Jahren gab es mal diese Studie, in der Eltern auf dem Spielplatz beobachtet wurden. Wenn das eigene Kind hoch klettert, wurden in der Regel die Söhne motiviert, à la “Du schaffst das! Ja, weiter so!” und bei den Mädchen wurde eher zur Vorsicht geraten. Das finde ich höchstgradig doof. Die BBC hat dazu ein interessantes Experiment gemacht, dass ihr euch in diesem Video anschauen könnt. Da wurden die Sachen von zwei Kleinkindern vertauscht, dass Mädchen bekam “Jungssachen” angezogen und der Junge “Mädchensachen”. Dann wurde eine Erzieherin in den Raum gelassen, die die Kinder nicht kannte. Ganz automatisch versuchte sie dem vermeintlichen Mädchen Puppen zum Spielen anzubieten und dem “Jungen” ein Roboter und ein Rutschauto. Durch das Spiel wurden verschiedene Fähigkeiten geübt. Wenn man bedenkt, dass sich die Gehirne von Kleinkindern innerhalb von wenigen Monaten anpassen und entwickeln, bekommt man eine Ahnung davon, wie viel Einfluss wir mit unserem Verhalten auf diese kleinen Geschöpfe haben.

Kategorisierung schon vor der Geburt

Ich weiß übrigens auch noch, dass ich als Kind öfter die “Zicke” war. Ich erinnere mich, wie sehr mich das verletzt hat. Mädchen waren damals eben zickig und Jungs Grobiane. Ich weiß noch, wie eng und doof sich diese Rolle angefühlt hat. Und das wünsche ich mir einfach für meine Tochter nicht. Ich wünsche mir, dass sie frei ihre Eigenschaften entwickeln kann. Dass sie der Mensch werden kann, der sie ist. Dass sie keine Limitierungen hat in ihren Vorstellungen, wer oder was sie sein kann. Vielleicht verzeiht sie mir dann auch, dass ich sie als Baby in rosa-rüschen Outfits gesteckt habe. Oder aber sie findet es schön. Who knows.

Auch ich ertappe mich dabei, bei Schwangeren zu fragen: Was wird’s denn? Ja, ein Kind! Das Geschlecht sollte eigentlich egal sein. Denn das diese nicht binär und Menschen so facettenreich sind, das sollte doch eigentlich langsam angekommen sein. Und dass es eben auch absolut gar nichts heißen muss, ob da nun ein Junge oder ein Mädchen kommt. Das Kind wird nicht automatisch wilder oder ruhiger sein, nur weil es einen Penis oder eine Vagina hat.

Mensch, Marie freu dich doch einfach auf dein Babymädchen – und mach dir nicht so viele Gedanken!

Denkt ihr jetzt vielleicht. Denn umso mehr Gedanken man sich macht, umso komplizierter wird doch alles, könnte man meinen. Ich glaube allerdings, dass die Welt schon von sich aus ziemlich komplex ist und man sich eigentlich nie genug Gedanken machen kann. Und dass es gerade jetzt wichtig ist, sich zu überlegen, in was für eine Welt dieses Kind geboren wird und wie man ihm gute Werkzeuge und Fähigkeiten an die Hand geben kann.

Als ihre Mama möchte ich sie unterstützen, ihr dabei helfen, diese Welt ein wenig besser zu verstehen. Und ihr möglichst viel Freiheit schenken. Ich will die Aufmerksamkeit auf ihre individuellen Besonderheiten legen und nicht auf ihr Geschlecht. Deshalb gab es auch keine Gender-Reveal-Party. Und es bleibt auf jeden Fall bei den zwei rosa-farbenen Bodys. Versprochen.

Foto: Anne Freitag

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