Über Balance und Gleichzeitigkeit

21. April 2022 | in Alltag | Beziehung | Familie | Parenting

Genauer gesagt soll es in diesem Text um Work-Life-Balance gehen. Ehrlich gesagt ein Begriff, den ich schwierig finde. Ich kann gar nicht genau sagen, warum. Aber ich hatte mal eine Phase, da habe ich mir andauernd so Lifecoaching und Business-Podcasts angehört. Da ging es natürlich viel um genau diese Balance. Irgendwann fand ich das dann wieder total nervig, mir ständig von irgendwelchen Leuten anzuhören, wie man die Dinge zu tun hat. Ist übrigens heute noch so. Fast immer, wenn jemand “Life Advice” gibt – schalte ich gedanklich weg. Hab davon vielleicht zu viel gehört.

Aber: ich habe aus dieser intensiven Podcast-Zeit auch viele wichtige Learnings mitgenommen. Dinge, an die ich mich immer wieder erinnere.

Eine Sache ist mir besonders im Kopf geblieben. Ich habe leider keine Ahnung mehr, wo ich sie gehört habe (vielleicht weiß das jemand da draußen?), aber es ist etwas, was mir immer wieder im Kopf herumschwirrt. Los geht’s:

Voraussetzung ist die Annahme, dass es im Leben einer berufstätigen Frau mit Kindern und einer Partnerschaft vier Konstanten und Lebensbereiche gibt:

1. Die Beziehung zu den Kindern
2. Die Beziehung zu Partner / Partnerin
3. Die Beziehung zu Freund*innen und zu sich selbst
4. Die Karriere (hat ja auch oft mit Beziehung zu tun – zu KollegInnen, ChefInnen, KundInnen…)

Und nun kommt die Theorie: Es können immer nur maximal drei Bereiche gleichzeitig gut laufen. Einer leidet also quasi immer.

Bei mir ist das, zumindest so lange die Kids noch klein waren, wirklich sowas von wahr gewesen. Jetzt ist es etwas besser – aber immer noch wahr.
Wenn es in der Arbeit gut läuft und ich mich blendend mit meinem Partner verstehe – dann habe ich mit den Kindern eine schwere Zeit und raste zum Beispiel jeden Abend beim “Abendritual” fast aus. Wenn ich mit Freund*innen eine super intensive Zeit habe, dann leidet oft alles andere. Wenn ich viel Self Care betreibe, mit mir selbst im Reinen bin, Bücher lese, Yoga mache – dann läuft irgendwas in der Arbeit nicht rund. Ihr versteht das Konzept.

Und man kann das nun irgendwie super negativ und blöd finden. Man kann sagen: Muss man immer alles schlecht reden und die Elternschaft hat doch auch viele schöne Seiten. Hat sie auch. Aber meine Erfahrung ist nun mal, dass wirklich nie alles gleichzeitig gut oder zumindest reibungslos läuft.
Und mir hat dieses Wissen total geholfen. Auch, dass es den allermeisten so geht. Dass sogar jemand diese Theorie “Maximal drei – nie vier” aufgesetzt hat. Immer wenn ich dachte: “Kann nicht EIN MAL alles gleichzeitig gut laufen?”, dann erinnerte ich mich selbst daran: Nö. Kann nicht. Weil das gar nicht geht. Nie und bei niemandem.

Mittlerweile denke ich sogar, dass Zeiten der Dysbalance auch für die Kids total lehrreich sind. Sie spüren das ja auch, wenn die Dinge nicht in Balance sind. Sie merken, wenn sie zu kurz kommen (meine haben sich ihre Mama-Zeit dann übrigens oft nachts geholt. An Tagen, an denen ich kaum Raum für sie habe, kommen sie noch heute nachts ins Bett!), und sie merken auch, wenn wir Eltern gestresst sind, weil wir zum Beispiel zu viel Work Load haben oder Streit mit einer Freundin.

Sie spüren, wenn wir Eltern mit dem Familienalltag überfordert sind – und auch das ist doch nicht nur schlecht. Sie lernen so ja auch, dass Care-Arbeit nicht nur die Aufgabe einer Person (meistens: einer Frau) ist. Sondern Team-Work. Sie lernen, dass sie nicht immer ungeteilte Aufmerksamkeit bekommen, weil ihre Eltern eben auch noch andere Lebensbereiche haben. Sie lernen, wie das Leben manchmal ist.

Und das Gute ist ja: es kommen dann auch wieder Zeiten, in denen es anders ist. Urlaube, in denen sie uns 24/7 haben zum Beispiel. Auch im Alltag gibt es Wochen, wo wir jeden Nachmittag eine uneingeschränkt schöne Zeit mit den Kids haben. Dafür läuft es dann meist woanders nicht ganz so rund.

Genauso, wie nach Wochen, in denen ich gefühlt selbst zu kurz komme, immer wieder Zeiten kamen, in denen ich es viel zum Sport und zu schönen Aktivitäten mit Freund*innen geschafft habe.

So gilt das für jeden Lebensbereich. Sie funktionieren fast nie gleichzeitig reibungslos.
Aber idealerweise bekommt jeder Bereich dann auch wieder seine Zeit.

Habt ihr diese Erfahrung auch schon gemacht?

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