Überwintern in Südafrika – ein kleiner Zwischenbericht

16. February 2017 | in Lifestyle | Travel

Bevor es losging nach Kapstadt überwog bei uns allen natürlich die Freude: Raus aus dem Winter, raus aus dem Alltag. Von Kapstadt hatten wir nur Gutes gehört: Wunderschön, kinderfreundlich, tolles Wetter, sehr gutes Essen.

Und doch hatten wir auch Bedenken: wie würde es werden 24 Stunden mit zwei Kindern? Ohne Kita für Xaver? Ohne Oma? Ohne seine Freunde? Kurz haben wir überlegt, hier eine Nanny einzustellen, uns dann aber doch dagegen entschieden.

Denn das waren auch unsere Bedenken, wenn wir an Kapstadt dachten: Die viele Armut und Ungerechtigkeit, die immer noch vorherrschende Rassentrennung, die Rohheit und die Gewalt in den Townships. Würden wir das einfach so übersehen können? Unseren Aufenthalt in Südafrika überhaupt genießen können ob der vielen Probleme in diesem Land?

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Mein Mann und ich waren beide schon viel unterwegs auf dieser Erde: wir waren in Asien, in Südamerika, in den USA, in Indien. Wir haben viel Armut gesehen, viele sehr ungleiche Länder. Und wir beide finden es fast nirgendwo so aufdringlich ungerecht wie in Südafrika.

Man kann hier einen wundervollen Urlaub machen, kann in Kapstadt jeden Abend in eine anderes großartiges Restaurant gehen und unheimlich guten Wein dazu trinken. Die Straßen sind extrem gepflegt, die Infrastruktur ist perfekt. Die sicheren Viertel sind sicherer als jedes Viertel in Berlin. Die Menschen sind gebildet und weltoffen. Alle sind nett, alles ist schön, geschmackvoll, man fühlt sich willkommen. Die Strände sind sauber und einladend (wenn auch das Meer eiskalt ist), man kann das Leitungswasser trinken. Es gibt unendlich viele tolle Ausflüge ins Umland, in die Weinberge, ans Kap, zu den Pinguinen. Überall gutes Essen, nette Menschen, schöne Strände, einwandfreie Straßen. Alle sind freundlich und kinderlieb.

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Wenn man genau hinsieht, sitzen in den meisten Restaurants nur Weiße. Wenn man genauer hinsieht, arbeiten dort fast nur Schwarze. Wenn man noch genauer hinsieht, sieht man, dass viele von ihnen einen sehr einfachen Lebensstandard haben. Von gutem Wein, fancy Essen und Strandurlaub nur träumen können. Wie gesagt, man kann sich easy peasy wochenlang nur in den schönen Gegenden hier aufhalten und einfach die Augen zumachen und nicht sehen, wie der Rest von Kapstadt aussieht.

Dabei muss man nur 20 Minuten in Richtung Flughafen fahren und schon sieht man es: Die Cape Flats, der ganze Teil östlich vom Zentrum. Township an Township, eines nach dem anderen. Manche bestehen aus richtigen kleinen Häusern und selbst gebastelten Garagen. Andere sind wirklich nur Blechhütte an Blechhütte, enge kleine Baracken, kein fließendes Wasser, keine Kanalisation, kaum Strom. Millionen von Menschen leben hier. Die Kriminalitätsrate ist überwältigend, die HIV-Rate auch. Es ist grauenhaft und der Kontrast könnte nicht krasser sein. Wir haben uns direkt verfahren, als wir vom Flughafen kamen und sind auch später noch ein paar Mal in diese Gegend gefahren. Unter anderem haben wir ein Projekt besucht, das Kinder aus den Townships unterstützen will und das wir hier auch unterstützen (dazu bald mehr). Wir versuchen also nicht wegzusehen. Und ja, all das Schöne bekommt dadurch einen ganz schön bitteren Beigeschmack!

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Dennoch: Es ist wahnsinnig schön. Die Landschaft ist unfassbar. Alles ist soooo kinderfreundlich. Wir fühlen uns wohl hier. Gemeinsam mit Freunden teilen wir uns ein Cottage in Hout Bay, in einer großen Anlage mit riesigem Garten, Pool und Spielplatz. Springböcke laufen frei herum, die Aussicht ist pittoresk, man kommt überall schnell hin. Hout Bay scheint mir ideal für Familien, die Stadt ist interessant und vielfältig, aber es ist eben eine Großstadt. Hier ist es ruhig, man ist schnell bei allen tollen Ausflugzielen und dennoch auch genauso schnell in der Stadt. Hout Bay ist voller eher privilegierter Familien, dennoch finde ich es hier auch demokratischer als in Camps Bay, oder in Clifton, und vor allem in Constantia. Mitten im Zentrum von Hout Bay prangt ein großes Township, Imizamo Yethu, Hout Bay zeichnet auf einem Mikrokosmos ab, wie Südafrika so ist. Arm, Reich, kaum was dazwischen und alles nebeneinander.

Unser Alltag ist chaotisch und ziemlich unroutiniert, Quinn steht gnadenlos spätestens um 7:30 auf, egal wie die Nacht war. Einer von uns erbarmt sich immer und geht mit ihr runter, macht ihr etwas zu essen und eine Windel. Gegen 9 Uhr steht der Rest der Familie auf (dass Xaver hier ausschlafen kann, bekommt ihm sehr gut!). Mehrmals pro Woche gehe ich mit einer Freundin um 8:30 ins Yoga in Constantia (eine Villengegend ganz in der Nähe – surreal!), danach gibt es Croissants auf der Terrasse.

Manchmal verbringen wir den Tag am Pool, manchmal machen wir einen Ausflug, an den Strand oder zu Freunden. Oft gehen wir abends essen, manchmal grillen wir. An vielen Abenden sitzen wir auch alle vor unseren Rechnern und arbeiten. Es sind viele Freunde aus Berlin gleichzeitig hier, wir sind nie alleine, es gibt immer genug Kinder. Wir waren auch schon mehrmals in der Stadt, in Restaurants, auf Ausstellungen, Shoppen oder in den Sea Point Pools. Das Wetter war am Anfang durchwachsen, es gab auch den ein oder anderen Regentag und der Wind war oft wahnsinnig.  Jetzt ist es fast zu warm, kaum Wind mehr, richtig Hochsommer! Der Mann und ich waren dank der Babysitter im Haus schon ein Mal abends zusammen essen, auch einzeln können wir mittlerweile regelmäßig ausgehen, denn die Kinder lassen sich relativ gut ins Bett bringen. Ich finde, dafür dass wir zwei kleine Kinder haben, haben wir ziemlich viele Freiheiten!

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Trotzdem: wir hocken auch ganz schön aufeinander und daran müssen wir uns alle gewöhnen. Die Köpfe haben wir uns noch nicht eingeschlagen, aber ich muss gestehen, dass ich dachte, wir würden zu mehr kommen. Ich wollte jeden Tag arbeiten und schaffe es jetzt nur etwa alle zwei Tage, mich um Emails und Content zu kümmern. Ich dachte, mein Mann könnte auch mal die ein oder andere Produktionsfirma hier abklappern um zu sehen, ob ein Job herausspringt – aber wir sind schon beide sehr sehr viel mit den Kindern und dem Alltag beschäftigt. Das ist anstrengend, es gibt immer eine Quinn zu wickeln, oder zu wiegen, einen Xaver zu besänftigen oder zu unterstützen. Aber wir genießen es auch.

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Wenn man tief drin ist im Strudel aus Arbeit, Alltag und Familie, dann ist es oft so, dass man nur noch hin- und herorganisiert, wer sich wann um welches Kind kümmert. Wir haben die Kinder in den letzten Wochen oft fast eher als Belastung denn als Freude empfunden, weil wir so viel drumherum zu tun hatten. Das war nicht schön und es ist hier anders. Wir haben Zeit. Wir können sie gut integrieren. Sie sind einfach dabei und wir können sie so richtig genießen. Nicht immer, klar. Xaver hat mehrmals am Tag seine fünf Minuten. Quinn hat die ersten zwei Wochen so sensationell schlecht geschlafen, dass wir beide Zombies waren. Aber meistens ist es harmonisch.

In ein paar Wochen werden wir eine kleine Garden Route Tour machen. Danach für eine Weile in der City leben. Wir wollen ein paar kinderfreundliche Unterkünfte testen und viel Zeit bei dem Projekt verbringen, das ich vorhin schon angesprochen habe. Was ich am besten daran finde, dass wir so ewig lange hier sind, ist dass wir richtig eintauchen können, in die Stadt und das Land. Außerdem haben wir überhaupt keinen Stress. Es gibt so viel zu tun hier, dass es oft schwer fällt, stillzusitzen. Aber wir sind so lange da, dass wir auch entspannt mal einen Tag nichts tun können.

Und ich bin eigentlich so begeistert von unserer Auszeit, dass ich hoffe, wir können das nächstes Jahr gleich wieder machen! Denn der Winter fehlt uns überhaupt nicht. Wir sind alle schon braungebrannt und haben unsere deutschen Schnupfnasen überwunden. Xaver hat aufgeschürfte Knie und schwarze Fußsohlen, Quinn kann viel nackt sein. Wir sind einfach alle solche Sommermenschen!

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In den nächsten Wochen werde ich immer mal wieder ausführlich aus Kapstadt berichten. Ein City Guide für Familien ist ebenfalls in Arbeit. Wenn ihr euch irgendwelche Infos wünscht: äußert diese gerne! Ich freue mich über jede Frage und jeden Kommentar.

 

Fotos: Roddy Ziebell, Julia Nitzschke, Lina Grün

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