Stressfaktor Schulsuche – Realität statt Komfortzone

20. November 2020 | in Alltag | Familie | Gesellschaft | Parenting

Die bisher längste und schlimmste Elternstressphase meines Lebens ist vorbei: Wir wissen jetzt, auf welche Schule unsere Tochter nächstes Jahr gehen wird. Drei Monate Diskussionen über die Bildungskarriere einer 5jährigen, über Erwartungen an Kinder, über Vorurteile und Statistiken haben ein Ende gefunden.

Alles hat im Frühsommer mit einer Recherche bei der Stadtverwaltung Berlin angefangen. Und einem kleinen Schock. Nach Plan des Schulamts sollte unsere Tochter im kommenden Jahr nicht in der gutbürgerlichen kosmopolitisch angehauchten Grundschule 200 Meter von uns entfernt eingeschult werden. Denn: Wir sind ganz genau der äußerste Punkt des benachbarten Einzugsgebiets. Unsere Einzugsschule ist zwar ebenfalls nur drei Straßen weit weg. Aber in einem anderen Stadtviertel. Und damit auch in einer anderen Welt.

*Googeln der tatsächlichen Schule.*

Erste Reizwörter die uns ins Auge fallen: „Problemschule“. „Brennpunktviertel“. „Ghetto-Falle“.

Bildungsbürgerliche Alarmglocken: Auf 100 Prozent.

Fakt ist: Einmal über die große Hauptstraße und das ganze soziale Umfeld ist ein anderes. Hier bei uns das junge Weltbürgertum, das sich weltoffen fühlt und gibt. Architekten, Ärztinnen, Designer, Medien- und Internet-Menschen. Auf der anderen Seite ein Viertel geprägt von Familien mit Migrationsgeschichte, aus der Türkei oder aus dem Libanon. Fakt ist: Mehr Armut, mehr soziale Probleme. Man sieht es. Die Statistiken belegen es. Und natürlich spiegelt sich das alles in der Schule wider.

Und da soll unsere Tochter hin?

Was habe ich früher über Eltern gemeckert, die sich zwar gerne als progressiv bezeichnen, aber dann alles dafür getan haben, um ihr Kind aus „Multi-Kulti-Schulen“ heraus zu eisen. Mit Klagen, mit Ummeldungen zur Oma oder selber Umziehen. Jetzt habe ich mir die gleichen Fragen gestellt: Kommt meine Tochter dort zurecht? Wird sie weniger lernen? Verliert sie gleich am Anfang den Spaß an der Sache? Und natürlich die Kernfrage des Bildungsbürgertums: Was wird aus ihrem Abitur? Zu einem Zeitpunkt an dem meine 5jährige noch nie eine Schule von innen gesehen hat.

Genauer hinschauen lohnt sich

Dann habe ich angefangen, mich jenseits von alten Zeitungsartikeln wirklich mit der Schule zu beschäftigen.

Und alles, was ich über das Hier und Jetzt dieser Schule herausfinden konnte waren Sätze wie: „Unterschiedliche Kinder finden hier wirklich zueinander“. Oder: „Die engagierte Schulleitung schafft es Fördern und Fordern zusammen zu bringen.“

Ich habe mit etlichen Eltern gesprochen, deren Kinder an der Schule sind und die sagen: „Es ist ein raues Klima, ja. Aber die Schule sieht es nicht als Bürde, sondern als Chance.“ Ich habe mich mit der Schulleiterin getroffen und mit LehrerInnen unterhalten. Und die haben mich mit allem vollkommen überzeugt. Mit dem Lernkonzept. Ihrer Einstellung. Dem Optimismus. Dem Realitätssinn.

Und trotzdem haben meine Freundin und ich drei Monate lang immer wieder diskutiert, welche Alternativen wir haben. Wie wir es auf eine andere Schule schaffen. Wir haben deswegen seitenlange Begründungen vorformuliert. Zwei grundlegende Dinge habe ich im Nachhinein mitgenommen:

Erstens: Was machen wir uns für einen Stress über die Zukunft unserer Kinder. Die Leistungsgesellschaft hat uns so fest im Griff, wir denken jetzt schon an Optimierung, an Chancen, an potentielle Hindernisse, die wir aus dem Weg räumen müssen. Damit ihnen ja kein möglicher Nachteil entsteht. (Das ist ja auch in der Kita schon in Ansätzen so.) Wir nennen es „Möglichkeiten“, oft ist eher eine diffuse Angst, dass unsere Kinder nicht immer besser werden und den Anschluss verlieren. Eigentlich sollen sie doch erstmal nur Kinder sein.

Und was mir, zweitens, wieder mal deutlich geworden ist: Ich lebe in einer fast 100% weißen, akademischen Blase. Ich habe genau eine enge Freundin, die Schwarz ist. Ich hatte mal zwei Freunde, deren Familien aus der Türkei gekommen sind, aber unsere Wege sind nach und nach auseinander gedriftet. Ein paar Kolleginnen und entfernte Bekannte gibt es noch. Aber das war’s. Und: Ich habe null Freunde, die nicht studiert haben. Im Endeffekt lebe ich in einer Wohlfühlwelt, in der alle so sind wie ich. Idealbedingungen für Vorurteile. Ich tue mir schwer damit, aber eigentlich muss ich, gerade was die Schule betrifft, schreiben: von rassistisch geprägten Vorurteilen. Niemand ist frei davon.

Wie es sein sollte

In dem Zusammenhang ist mir wochenlang besonders die Mail eines Vaters im Kopf geblieben:

„Wir hatten alle unsere Kinder auf der Schule und haben es keine Sekunde bereut. Wir finden im Rückblick, dass sie hier mehr Ethos, soziales Wissen und kulturelles Engagement kennengelernt haben, als wir ihnen jemals aus unserer Komfortzone heraus hätten beibringen können.“

So will ich gerne denken, jenseits meiner Vorurteile. Ich will, dass mein Kind auf eine Schule geht, die unsere gesellschaftliche Realität widerspiegelt und sie auch annimmt. Ich will mich nicht in eine vermeintlich heile Welt zurückziehen, in der man sich für seine Offenheit auf die Schultern klopft, aber dann passiv-aggressiv damit beschäftig ist, Privilegien zu verteidigen.

Tolle Worte. Aber natürlich sind meine Sorgen und Vorurteile nicht verschwunden. Und ich muss dazu sagen: Mir haben auch einige Eltern geschrieben, die gesagt haben: „Es ist zu rau für unser Kind. Und für uns.“ Was auch wichtig ist: Ein Umschulungsantrag wird aller Wahrscheinlichkeit nach nichts bringen. Denn wir sind bei weitem nicht die Einzigen, die sich Gedanken über die Schule machen. Jedes Jahr versuchen dutzende Eltern ihre Kinder von dort fernzuhalten: Sie klagen, sie gehen auf Privatschulen, sie suchen sich Ausweichschulen, die kilometerweit entfernt sind.

Aber wir wollen nicht – wie es einige Kinder aus meinem Umfeld erlebt haben – einen Tag vor der Einschulung noch hoffen, dass unsere Klage erfolgreich ist oder dass wir Losglück haben.

Wir haben schon eine gute Schule, die unser Kind gerne nimmt.

Wir haben uns entschieden. Und seitdem lebe ich deutlich stressfreier. Fragt mich in einem Jahr, ob es die richtige Entscheidung war. Ich bin optimistisch.

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