Streng-Sein – oder besser: Mittelwege und Lebensnotwendigkeiten

11. November 2015 | in Familie | Parenting

Wie oft habe ich gedacht: Ich werde das alles ganz anders machen. Nix da mit auf der Nase rumtanzen, verlorenen Machtspielen, laut schreienden Kindern. Wenn ich mal Mama bin, habe ich ein liebes, gut erzogenes Kind. Nun, was ich jetzt habe ist ein zweijähriger Raufbold. Und woher kommt eigentlich dieser Wunsch, ein “gut erzogenes Kind” haben zu wollen? Was genau heißt das eigentlich?

Ich glaube, oft geht es hier weniger um das Verhalten des Kindes, als das man vor anderen Eltern nicht als “schlechte Mutter, die ihr Kind nicht im Griff hat” da stehen will. Gut erzogen kann aber auch einfach heißen, dass gewisse Dinge im Alltag irgendwie reibungsloser ablaufen. Und klar bin ich stolz, wenn Junio Bitte und Dankeschön sagt. Dass ich nicht immer ganz genau weiß, wo ich Streng-Sein will und wo nicht, merkt Junio ganz genau.

Lasst die Kinder doch Kinder sein

Ein Beispiel: Im Urlaubshotel gab es ein Kinderessen. Immer um 18 Uhr saßen alle Kids im Restaurant zusammen, die meisten ohne ihre Eltern. Junio ist ein schneller Esser, er war flugs fertig und wollte sich seiner Lieblingsbeschäftigung widmen: Wild auf der gepolsterten Sitzbank umher springen. Gestört hat er da eigentlich niemanden und wirklich verletzen hätte er sich auch nicht können. Aber im Restaurant auf einer Sitzbank rumhopsen, das macht MAN doch nicht, dachte ich. Ich verbot ihm das Rumhopsen. Klar, dass er es jetzt erst recht wollte. Umso mehr wir stritten, desto mehr dachte ich nach: Warum eigentlich nicht? Mich stört es nicht, er tut sich nicht und anderen nicht weh. Es gibt keine Erwachsenen hier, die sich beim Essen gestört fühlen könnten – also warum verbieten? Ich war mit meiner Meinung eher allein: Ein paar andere Eltern, die auf ihre Kids aufpassten während jene aßen, schauten etwas irritiert und verbaten ihren Kinder prompt das Mithopsen. Ich saß mit einem Bier daneben und dachte: Lasst die Kinder doch auch mal Kinder sein und entschied mich nicht mehr zu intervenieren. Um Junio nicht das Gefühl zu geben, er hätte die Auseinandersetzung komplett gewonnen, verlangte ich von ihm seine Schuhe auszuziehen, dann dürfe er hüpfen. Überraschenderweise verstand Junio sogar, dass er Abends beim Kinderessen hopsen durfte und morgen beim Frühstücksbuffet, wo alle anderen Hotelgäste dabei waren, nicht.

Pick your battles

Man muss sich also genau überlegen, was einem wichtig ist, welche Kämpfe man führen will und was einem eigentlich nicht wirklich stört und eben nicht notwendig ist: Sonst wird man schnell inkonsequent und das verunsichert die Kids erst richtig. Was ich auch wichtig finde, und da kann ich Isabels Artikel zur Mär von der Gewohnheit empfehlen; Vergesst nicht, dass nicht alles so bleibt, wie es im Moment ist! Wenn sich Kinder etwas angewöhnt haben, dass nun nicht mehr zur Lebensphase oder  -situation passt, dann muss man es ihnen eben wieder abgewöhnen. Und: Ein Sozialverhalten zeigen Kinder erst ab ca. drei Jahren, alles davor ist sich ausprobieren, Grenzen austesten und lernen – also nicht gleich eine Krise bekommen, wenn der geliebte Sonnenschein mit einem Grinsen sein Getränk über den Kopf eines anderen Kindes auskippt: Aus eurem Kind wird in den meisten Fällen ein gesunder Erwachsener und nicht ein Soziopath.

Auf einer Weleda-Veranstaltung vor einigen Wochen stellte sich Herr Christoph Meinecke vor. Gerade zur richtigen Zeit! Ich befand mich nämlich in einer intensiven Verunsicherungsphase, was meine Erziehungstechniken anging, und war froh dem Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin sowie Psychotherapeuten ein paar Fragen stellen zu dürfen:

1) Lieber Herr Meinecke, mein zweijähriger Sohn ist ein kleiner Wirbelwind. Ich will aber auch, dass aus ihm ein gut erzogenes Kind wird. Wie viel Raum lasse ich ihm, um einfach nur Kind zu sein und wie viel Regeln braucht er wirklich?

Warum soll ein Kind “gut erzogen” sein? Für wen?

Das Kind erzieht sich selbst, wichtig ist dabei, dass es von uns Erwachsenen Orientierung und Vorbild bekommt. Jedes Kind möchte kooperieren und seine Sache gut machen im Leben. Dafür muss es lernen und ausprobieren dürfen, seine Selbstwirksamkeit erfahren und von uns Interesse und Anerkennung erleben können. Dazu braucht es einen dem Alter angemessenen und sicheren Rahmen, der es nicht überfordert. Das sind zunächst einmal rein physische Grenzen (z.B. zu Beginn der Bewegungsentwicklung auch mal ein Ställchen, das Gitter vor der Treppe, ein ausgewiesener Spiel-Tobe-Ausprobier-Bereich usw.). Selbstvertrauen kommt aus dem Selbertun. Dafür benötigt das Kind den Raum. Alles, was es selber lernen kann, sollten wir nicht vorwegnehmen. Und wir sollten nicht ständig intervenieren müssen nach dem Motto: “Nein, lass das, das ist gefährlich, du tust dir weh, das ist böse” usw. Sondern – wo nötig – die Folgen des Tuns ins Erleben bringen: “Das hat der Greta weh getan (dabei die Greta trösten). Wir wollen uns nicht gegenseitig weh tun (das ist dann schon die Mitteilung einer Regel, an die wir uns immer besser halten wollen – gerichtet an den “Täter” und an das “Opfer”)” oder “Oh weh, jetzt ist die Tasse kaputt gegangen. Wir brauchen ja die Tasse. Wir wollen heile Tassen haben. Dann wollen wir sie jetzt wieder heile machen, das geht am besten, wenn wir sie kleben.”

Dann sind es die Grenzen anderer Menschen; z.B. indem wir sagen: “Stop, das tut mir weh, das möchte ich nicht”. Oder: “Ich arbeite jetzt am Schreibtisch, ich spiele nach dem Abendessen mit Dir.”

Regeln sollen nie willkürlich, sondern an der Lebensnotwendigkeit, so wie wir sie sehen, abgelesen sein. Z.B.: Vor dem Essen waschen wir die Hände. Nachtisch gibt es nach der Hauptspeise; wer sich selber das Essen auftut, – wobei hier von einem spielerischen Sich-etwas-auf-den-Teller-löffeln getrennt werden muss – der isst auch auf (damit Selbstregulation erlernt wird); wem aufgetan wir, der muss das nicht. Morgens und abends putzen wir die Zähne. Usw. Wichtig ist: ein Kind muss die Regeln nicht einsehen oder gar gut finden, sondern es muss sie erleben – dabei auch erleben können, wie wichtig sie uns sind. Also nicht das Kind trägt die Verantwortung für Grenzen und Regeln, sondern der Erwachsene. Indem das Kind erlebt, dass die Regeln Bestand haben, dass auch wir uns dran halten, erfährt es Sicherheit und Orientierung, die es zeitlebens begleiten werden.

2.) Wie wichtig ist meine Konsequenz in der Erziehung?

Sie ist sehr wichtig, allerdings nur, wenn sie sinnvoll und an der Notwendigkeit der Lebensgestaltung abgelesen ist. Sie ist schädlich, wenn sie Falsches nur seiner selbst, also der Konsequenz wegen durchzusetzen versucht. Sie darf also nicht als Machtmittel, erst recht nicht aus Ärger eingesetzt werden. Konsequenz muss also in einen gesunden Lernprozess eingebunden sein. Z.B.: wer nach dem Zähneputzen am Abend noch etwas isst, muss nochmal Zähne putzen. Wer mittags nicht gegessen hat, darf am Abend wieder etwas essen, zur nächsten Essenszeit usw.

3.) Mein Sohn hat ein Eis bekommen und will noch mehr. Ich erlaube es ihm nicht und er bekommt einen Wutanfall. Wie geht man am Besten damit um?

Das Kind darf wütend sein. Wut ist ein Gefühl. Gefühle kommen einfach, man kann sie nicht verbieten. Für seine Gefühle ist jeder Mensch selbst zuständig. Sie zeigen meine Reaktion auf die Welt, verändern die Welt aber dadurch noch nicht. Veränderung kommt nur durch Handlungen. Also darf Ihr Kind wütend sein – und erleben, dass sich dadurch an Ihrer Regel (es gibt für jeden ein Eis) und der Welt nichts ändert. Das können Sie unterstützen, indem Sie dem Kind signalisiern, dass Sie seine Wut wahrgenommen haben: “Jetzt bist Du ganz wütend, das merke ich! Du hättest gerne noch ein Eis, das war so lecker und Du hast Deines schon gegessen. Heute hast Du Dein Eis gehabt. Ein ander Mal essen wir wieder Eis.” Sie können auch Trost spenden, wenn das Kind dafür zugänglich ist. Sie sollten aber auf keine Fall verletzt, ärgerlich oder moralisch reagieren, gar auf Einsicht pochen, dass “man doch mit einem Eis zufrieden sein muss” oder ähnliches…. Auch sollten Sie nicht entnervt nach einigem Gezehter doch noch ein Eis geben. Dann ist das Kind verwundert und desorientiert: Welche Regel zählt denn nun… Der Lerneffekt, auch im Hinblick auf die emotionale Selbstregulation, wäre dahin.

Vielen Dank Herr Meinecke!

 

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