Starten Kinder von Alleinerziehenden automatisch schlechter ins Leben?

19. January 2022 | in Gesellschaft

Das wird ein sehr persönlicher Post. Aber es ist ein Thema, das mir seit Jahren im Kopf herumschwirrt und das mich gerade wieder so bewegt, dass ich es mal herunterschreiben möchte. Wir hatten auf Instagram vor einigen Tagen eine Diskussion zum Immobilienkauf. Auslöser war eine Story von Teresa Bücker, in der sie sich mehr Transparenz bei Blogs und Instagram-Profilen wünschte, die Häuser/Wohnungen kaufen und diese renovieren. Denn die Frage, die alle am meisten interessiert, ist doch oft: Wie wurde das finanziert? Steckt ein Erbe dahinter? Und Nicht-Erben können das dann auch einordnen und müssen sich nicht fragen, warum sie sich so etwas nie leisten werden können.

Euer Feedback war gemischt. Ganz Viele fühlten sich angesprochen. Andere konnten gut verstehen, dass niemand seine Finanzen im Internet ausbreiten möchte und zugeben, dass man geerbt hat. Ich bin da recht klar: Mich triggern Hauskäufe, oder ähnliches gar nicht. Erstens, weil ich mir kein Haus mit Garten wünsche, zweitens weil ich genau weiß, dass und warum ich mir gewisse Dinge vermutlich nie leisten werden kann. Ich freue mich für andere, sehe mir Renovierungs-Content auch sehr gerne an, aber bin da realistisch. Dennoch wäre mehr Transparenz angebracht, finde ich – und mich hat diese Diskussion aus einem ganz anderen Grund bewegt: Es kamen zig Nachrichten von Alleinerziehenden. Sie schrieben, dass man in ihrer Situation nicht mal davon träumen könne, jemals ein Eigenheim zu besitzen. Und es ist wahr: 99% von denen, die eine Immobilie gekauft haben, gaben an, sie durch zwei Gehälter und oft auch durch zwei Finanzspritzen ihrer jeweiligen Eltern gekauft zu haben.

Warum hat mich das so bewegt? Weil ich selbst mit einer alleinerziehenden Mutter aufgewachsen bin. Und einem Vater, der mir als Kind zwar immer mal wieder teure Klamotten und Urlaube finanziert hat, aber in Sachen Unterhalt sehr unzuverlässig war. Meine Mutter war auf sich alleine gestellt, sie war jung, hat noch studiert, als sie mich bekommen hat. Finanziell war es viele Jahre lang eine knappe Nummer. In meinem Umfeld waren, zumindest in der Grundschule, gefühlt die allermeisten “besser gestellt”, als wir. Hatten Ferienhäuser, große Altbauwohnungen. Die meisten Eltern waren noch zusammen. Bei denen, die getrennt waren, waren die Väter sehr gut verdienend und zahlten vermutlich regelmäßig und großzügig Unterhalt.

“Alle haben mehr als ich”

Mich hat das meine gesamte Kindheit über beschäftigt. Warum haben wir weniger? Warum haben wir nur dieses kleine Auto? Warum haben wir nur so eine kleine Wohnung? Ich empfand es als unfair und schämte mich auch dafür. Ich hatte früh einen Sinn und ein Interesse an schönen Dingen entwickelt und weil ich mir das sehr wünschte, begann ich schon als Teenager, zu jobben. Seit ich 16 bin, habe ich immer gearbeitet. Im Einzelhandel (so konnte ich nebenbei mein Mode-Faible ausleben), später in der Gastronomie. Ich habe meinen Führerschein alleine finanziert, mein erstes Auto in den Osterferien nach meinem 18. Geburtstag zusammengekellnert. Jede Nacht saß ich nach Stunden auf den Beinen im Restaurant erschöpft vor den ganzen Geldscheinen und zählte – bis es endlich für einen kleinen, gebrauchten Golf reichte. Ich habe mein gesamtes Studium immer gearbeitet, auch einen Auslandsaufenthalt in Argentinien habe ich fast komplett selbst finanziert.
Mit den Jahren ging es meiner Mutter finanziell besser. Sie hat dann zum Beispiel viele Jahre meine Versicherungen bezahlt, sie hat mich irgendwann schon unterstützt, wo sie konnte. Aber ich war zu dem Zeitpunkt so daran gewöhnt, alles selbst zu schaukeln, dass ich das kaum in Anspruch genommen habe.

Man muss dazu auch sagen, dass ich in München aufgewachsen bin. Eine reiche Stadt. Heute noch mehr als damals, aber auch damals schon war es so, dass die meisten in meinem Umfeld einfach reich oder zumindest sehr wohlhabend waren. Häuser hatten, große Wohnungen, Seegrundstücke, mehrere Autos. Als wir Teenager waren und auch noch danach, merkte ich das noch gar nicht so sehr, denn die meisten bekamen nur ein Taschengeld – und das war ähnlich dem, was ich mir selbst verdiente.

Später spürte man es aber immer mehr. Und ja, gerade in den letzten zehn Jahren haben natürlich viele eine Immobilie mit Hilfe der Eltern gekauft. Etwas, was bei mir nicht möglich sein wird. Dabei sind meine Eltern beide Akademiker. Wären sie zusammen geblieben, hätten sie ziemlich sicher Vermögen aufgebaut. Denn zumindest meine Mutter kann sehr gut mit Geld umgehen. Sie hat das, was sie hatte, gut investiert. Sie hat sich hochgearbeitet mit den Jahren, sie hat auch richtig gut fürs Alter vorgesorgt. Als ich etwa zwölf war, starb ihre Mutter und sie erbte zusammen mit ihren Geschwistern ein bisschen was. Ich weiß noch, wie sie damals überlegt hat, eine Immobilie zu kaufen, wie wir uns Wohnungen angesehen haben. Noch heute denke ich oft: Warum haben wir damals diese schöne Wohnung in West-Schwabing nicht gekauft?! Sie war sicher so günstig und wäre jetzt Millionen wert. Aber meine Mutter hat es sich einfach nicht alleine zugetraut. Damals waren die Kredite noch teurer als jetzt – und sie war eben ohne Partner. Sie hatte niemanden, der sie hätte auffangen können. Sie sagt, sie hätte nachts nicht schlafen können mit dieser Bürde im Rücken. Ich verstehe das gut.

Alleine ist alles schwerer

Was ich damit sagen will? Man steht in diesem System, in dem wir leben, finanziell eigentlich immer automatisch schlechter da, wenn man alleine ist. Man hat höhere Kosten, nicht mal steuerlich einen Vorteil. Man muss die ganze Verantwortung alleine tragen. Natürlich ist man dann weniger risikobereit! Man muss viel härter arbeiten und nebenbei noch all die Arbeit und Verantwortung, die mit Kindern einhergeht, alleine schultern. Das ist unfair. Es ist unfair, dass Alleinerziehende es so viel schwerer haben. Im Alltag, bei allem, aber eben auch finanziell. Selbst wenn man gut verdient und wirtschaftet – eine Immobilie ist zum Beispiel unrealistisch alleine. Man bekommt oft überhaupt keinen Kredit. Und das ist natürlich auch ein Grund dafür, dass so viele Frauen bei ihren Männern bleiben, obwohl sie sich eigentlich gerne trennen würden. Man kann nicht oft genug predigen, dass sich Frauen bitte im Jahr 2022 nicht mehr finanziell abhängig machen sollen, es wird natürlich trotzdem immer wieder passieren. Weil es eben nicht so einfach ist. Und weil man, selbst wenn man gleichberechtigt bleibt und selbst Geld verdient in der Partnerschaft, nach einer Trennung eben doch schlechter aufgestellt sein wird als in der Beziehung. (Viele andere Dinge sind natürlich auch ungerecht, zum Beispiel dass gewisse Berufe automatisch schlechter bezahlt werden, als andere, aber darum geht es heute nicht).

Dadurch, dass es nur meine Mutter gab, gab es bei mir auch immer nur einen Familienstrang. Und der ist nicht reich. Es gab keine Tanten oder so etwas, die mal ein bisschen Geld beigesteuert haben. Vor kurzem hatten wir im Büro das Thema, alle aus dem Team hatten in ihren frühen 20ern oder zum Abi eine Schenkung bekommen. ALLE! Nur ich nicht. Ich habe wirklich alles immer selbst bezahlt. Und auch wenn das albern ist – es hat mir mal wieder einen Schlag versetzt. Dieses Gefühl war wieder da. Dass alle es besser haben, als ich.

Aber in den Tagen darauf, kam ich wieder zu mir. Erstens weiß ich, dass ich trotz allem sehr privilegiert aufgewachsen bin. Meine Eltern sind gebildet, haben mir Bildung ermöglicht und mich gefördert. Mein Migrationshintergrund ist einer, der zu sehr wenig Marginalisierung geführt hat, weil es wenig Vorurteile gegenüber Eingewanderten aus Südamerika gab. Es war immer mal wieder ein Urlaub drin, eine gute Klamotte und vor allem hochwertiges Essen. Wir waren nie arm. Meine Eltern waren liebevoll und hörten mir zu. Ich werde weiß und deutsch gelesen, bin gesund und leistungsfähig. Glück. Alles Glück. Und unfair, dass diese Punkte so wichtig sind. Sind sie aber. Ich würde auch sagen, dass ich von meinem privilegierten Umfeld profitiert habe. Ich bin mit vielen sehr unterschiedlichen FreundInnen aufgewachsen, das hat mir immer wieder geholfen, die Dinge in Perspektive zu rücken. Ich kenne Kinder aus klassischen Arbeiter-Familien, die dieses “immer weniger, als die anderen haben”-Gefühl gut nachvollziehen können. Ich kenne Kinder aus sehr wohlhabenden Elternhäusern, die lieber weniger Geld und ein geborgeneres Zuhause gehabt hätten. Ich kenne Familien, die am Erbstreit zerbrochen sind und Familien, die früher wohlhabend waren und sich verkalkuliert haben und jetzt ist nichts übrig. Ich kenne Kinder, mit kranken (physisch, psychisch, Sucht-) Eltern, denen ihr Erbe wenig bringt. Und ich kenne viele, die ihre Eltern jetzt unterstützen müssen, weil diese nicht gut vorgesorgt haben.

Trotzdem ein gutes Gefühl

Ich weiß mittlerweile auch, dass mich das sehr positiv gestärkt hat, dieses “alles alleine schaffen müssen”. Ich habe so viel gelernt, habe verstanden, wie man mit Geld umgeht (das allerdings ziemlich spät!!), und gut wirtschaftet. Ich habe so viel Resilienz dadurch entwickelt und ich denke auch Empathie. Ich weiß einfach so gut, wie es ist, wenn nicht alles selbstverständlich ist. Ja, ich finde mittlerweile, dass mich das durch und durch positiv geprägt hat. Ich kann vor allem wirklich gönnen, ich bin so zufrieden damit, wie mein Leben bisher verlaufen ist, dass ich selten Neid empfinde. Und wenn dann eher auf den Elektro-Antrieb des Lastenrads neben mir, als auf das Einfamilienhaus der Freundin. Ich habe mittlerweile viele FreundInnen, die sehr erfolgreich sind. Die teilweise richtig reich geworden sind, weil sie clever, schlau und fleißig waren (Aber auch hier spielten immer noch andere Privilegien eine Rolle). Ich gönne ihnen das von Herzen – und weil wir alle sehr ehrlich miteinander sind, weiß ich auch, welche Bürden das mit sich bringt. Natürlich habe ich mir einen Mann gesucht, der aus ähnlichen Verhältnissen kommt, wie ich. Das ist unbewusst passiert, aber ich denke, das Grundgefühl, mit eher Weniger aufgewachsen zu sein, das ist schon immer sehr präsent gewesen. Und ich kann mein Leben nur mit Jemandem verbringen, der das nachvollziehen kann. Auch nach Berlin zu ziehen hat meinem Leben einen guten Schwung in dieser Hinsicht gegeben. Die ersten Jahre habe ich so oft gestaunt, wie selten es in dieser Stadt um Geld geht. Es ging einfach immer nur um die Menschen, nie darum, woher man kam oder was man besitzt. Für eine Münchnerin war das einfach nur erfrischend. Und befreiend!

Die Frage aus der Überschrift kann ich also für mich mit einem klaren “Nein” beantworten. Ja, Kinder von getrennten / alleinerziehenden Eltern sind ganz oft finanziell schlechter gestellt (nicht immer, ist ja klar. Ich habe auch FreundInnen mit sehr erfolgreichen, alleinerziehenden Müttern, die mehr finanziell erreicht haben, als die meisten Paare. Aber das sind Ausnahmen). Aber heute bin ich mir sicher, dass das nur ein kleiner Teil im Leben ist. Viel wichtiger ist es, geliebt zu werden, gefördert zu werden, stabil aufzuwachsen. Ich kenne so viele sehr reiche Menschen, die eigentlich “wohlstandverwahrlost” groß geworden sind. Und obwohl sie finanziell viel besser aufgestellt sind, als ich es je sein werde, möchte ich nicht mit ihnen tauschen. Ich finde es auch wichtiger, Resilienz zu entwickeln, Durchhaltevermögen, Selbstständigkeit. Ich finde es wichtig, Geld in Relation sehen zu können und damit umgehen zu lernen. Das sind Dinge, die man als Kind alleinerziehender Eltern oder mit einem finanziell eher schlechter gestellten Elternhaus oft sogar besser lernt.

Also: Geld ist nicht alles. Es ist am Ende für ein glückliches und erfülltes Leben nur ein kleiner Baustein. Aber es macht sehr Vieles einfacher. Und es ist nicht fair, dass manche “falsche” Entscheidungen und gewisse Lebenswege (früh Kinder bekommen, sich trennen…) so eine Auswirkung auf die finanzielle Zukunft der Kinder haben. Und dass “richtige” Entscheidungen (zusammen bleiben, gemeinsam Vermögen aufbauen…) einen so immensen Unterschied für die Kinder machen. Es ist nicht fair, dass der Bildungsweg in Deutschland IMMER noch so vom Elternhaus abhängt. Hier könnte man so viele ganz einfache Dinge tun. Die Grundschulzeit verlängern (nach vier Jahren – das ist VIEL zu früh und es werden immer die gleichen abgehängt werden), LehrerInnen entsprechend schulen (hier ist schon viel passiert, aber noch immer diskriminieren LehrerInnen bestimmte Kinder.) Es ist nicht fair, dass die einen hart arbeiten und ständig Angst haben müssen, wegen Eigenbedarf oder sonst was ihren Wohnraum zu verlieren oder Unmengen von Miete zu zahlen – und die anderen sicher und warm in einer Immobilie sitzen, die ihre Eltern finanzieren. Ich weiß nicht, wie man das lösen könnte, aber ich weiß, dass das für das gesellschaftliche Klima einfach nicht gesund ist. Wohnen ist ein Grundbedürfnis, irgendwie müssen wir da eine Lösung finden.

Und natürlich träume ich auch davon, meinen Kindern später ihren Führerschein oder ein Jahr im Ausland bezahlen zu können. Vielleicht sogar die Miete! Sie sollen es leichter haben. Ich lege Geld für sie an, aber ich weiß noch nicht, wie viel es am Ende werden wird. Und ich denke mir: Wenn das nicht klappt, dann ist es auch nicht so schlimm. Sie werden ihren Weg gehen – und dann eben etwas mehr und früher arbeiten. So wie ich das immer gemacht habe.

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