Spieglein, Spieglein an der Wand – “Körper” in der Erziehung

Mitte der 90er Jahre in die Pubertät zu kommen und vom Mädchenkörper in einen Frauenkörper zu wachsen, war definitiv kein Zuckerschlecken. Kate Moss – androgyn und populär – zierte unzählige Covers. Ganz anders noch als Schiffer, Crawford und Co. versprühten die Models der 90er den “Heroin Chic” –Look. Absolut abgemagert und krank war in. Wenn man regelmässig Fernsehen guckte und auch Zeitschriften las, konnte man diesem Frauenbild nicht entkommen. Ich würde jetzt lügen, wenn ich behauptete, dass das damals keinen Eindruck auf mich und meine Freundinnen gemacht hat. Im Gegenteil hat es für viele lange gedauert, ein gesundes Verhältnis zu ihren Körpern zu entwickeln. Als Mutter einer Tochter frage ich mich daher oft, wie ich mein Kind davor schützen kann, sich an unrealistischen Frauenbildern zu messen. Mit Sicherheit habe ich dafür kein Patentrezept, und sowas gibt es ja auch gar nicht, aber heute gebe ich Euch einen kleinen Einblick darin, wie ich zu Hause mit dem Thema “Körper” diesbezüglich umgehe.

“Guck mal die an!”

Vielleicht haben die Deutschen einfach mehr Zeit als die Amis, aber jedesmal wenn wir in Deutschland zu Besuch sind, fällt mir auf, wieviel wir doch über andere lästern. Man sitzt gerade gemütlich im Café und schon hört man die Leute um sich herum über weibliche Passanten reden: “Gab’s den Rock auch kürzer / das Kleid in ihrer Größe?” – “Gerade die muss sowas tragen.” Oder einfach: “Guck mal die an!” Dieses Bodyshaming von anderen Personen stößt mich immer wieder aufs Neue ab. Welche Schlüsse ziehen unsere Kinder daraus, dass wir uns ganz offen über andere Menschen und ihr Aussehen lustig machen? Ich denke mir, dies kann doch nur Unsicherheit verbreiten und unsere Kinder im Umgang mit ihrem eigenen Körper hemmen. Nicht-schlanke Menschen kommentiere ich erst gar nicht. Und so oft wie möglich versuche ich, auf Positives aufmerksam zu machen.

Spieglein, Spieglein an der Wand

Diese Positiv-Übung beginnt natürlich in den eigenen vier Wänden. Meine Kinder werden mich niemals mit miesepetrigem Gesicht vor dem Spiegel stehen sehen und an irgendwelchem Fett rumzuppeln. Und zwar nicht, weil ich keinen Speck und an meinem Körper nichts auszusetzen habe, nein, sondern weil ich ihnen vermitteln möchte, dass man sich auch mit Ecken und Kanten (und Rundungen und nicht-straffem Bauch) in seiner Haut wohl und schön fühlen kann. Über Gewicht wird bei mir zu Hause nicht gesprochen. Das habe ich für mich vor vielen Jahren abgeschafft. Und wenn meine Kinder gewogen werden müssen, erkläre ich immer, dass wir gucken, wie groß und stark sie geworden sind.

Manchmal ist es schwierig, das Thema Gewicht bzw. das ewige Leid so vieler Frauen, dass “ein paar Kilos noch runter müssen”, von meinen Kindern fernzuhalten. Denn Verwandte oder Freundinnnen sprechen schon immer wieder darüber. Meistens folgt dann noch ein “Na, Du darfst aber auch nicht weniger werden.” Auf solche Kommentare gehe ich erst gar nicht ein, denn ich bin zwar schlank aber gesund und fit. Und bei uns zu Hause priorisieren wir nicht, wie wir aussehen, sondern was unsere Körper Tolles können.

Darüberhinaus ist es mir auch wichtig, mich generell einfach natürlich zu geben. Während ich früher ewig im Bad stand, trage ich heutzutage sehr wenig Makeup und föne meine Haare vielleicht fünf mal im Jahr. Mode ist mir wichtig, aber künstliches Aussehen gefällt mir nicht. Im Land der Schönheitsops ist man mit kleinen Brüsten ohne Pushup-BH definitiv eine Ausnahme. Doch ich fände es ganz komisch, wenn ich mich plötzlich operieren lassen würde. Ich habe überhaupt gar keinen Wunsch nach größeren Brüsten habe. Davon abgesehen fände ich es auch kompliziert, meinen Kindern einerseitz zu signalisieren, dass ich meinen Körper au naturel nicht mag, und andererseits von ihnen zu verlangen, ihre Körper lieben zu lernen, so wie sie sind.

Bewegung

Ich finde, es ist unheimlich wichtig für Kinder, ihren Körper wertschätzen zu lernen für das, was er kann, und nicht dafür, wie er aussieht. Darüberhinaus wollen wir ja im Idealfall einen gesunden Körper haben, und der sieht nunmal für jeden Menschen anders aus. Dabei spielt Bewegung natürlich eine große Rolle. Wobei es auch hier wieder individuell ist: Nicht nur was die Bewegungsart betrifft, sondern auch das Pensum. Ich selbst gehe drei- bis viermal pro Woche zum Bikram Yoga. Das tut nicht nur meiner Seele gut, sondern stärkt auch meinen Körper und hat fast chronische Nackenschmerzen behoben, mit denen ich jahrelang gekämpft habe. Für mein Yoga verpasse ich auch mal das Familiendinner – am Anfang hatte ich deswegen ein schlechtes Gewissen, aber ich brauche einfach diese Zeit für mich.

Meine Tochter ist nicht eine besonders große Sportfanatikern, aber sie bewegt sich trotzdem viel. Sie fährt Rad und Roller, tobt gern im Wasser und ist eine richtig gute Läuferin. Ich persönlich fände es toll, wenn sie das Laufen beibehält und eventuell auf der weiterführenden Schule dem Laufteam beitritt. Denn ich glaube, dass sich Sportler ganz anders mit ihrem Körper auseinandersetzen, eben funktionsorientierter. Bei meinem Sohn mache ich mir da gar keine Sorgen; ihn muss ich wahrscheinlich eher noch bremsen.

Gesunde Ernährung

Mindestens genauso wichtig wie Sport finde ich eine gutes Verhältnis zum Essen und gesunder Ernährung. Mittlerweile sind wir ernährungstechnisch ja soviel weiter als noch vor fünfzehn bis zwanzig Jahren. Bei uns gibt es auch Wochen, in denen es öfter Nudeln gibt, als mir recht ist, aber um Perfektionismus geht es hier ja nicht. Meine Kinder essen viel frisches Obst und Gemüse, und sie sehen mir zu und helfen (manchmal) mit, wenn ich fleißig für jede Mahlzeit Gemüse schnibbel. Sie wissen genau, welches Essen gesund ist und welches nicht, und warum wir nicht immer nur das essen können bzw. sollten, was uns gerade am besten schmeckt. Hierbei versuche ich flexibel zu bleiben. Ich weiss zum Beispiel genau, dass meine Kinder ihren Brokkoli liegen lassen, wenn ich dazu ihre geliebten Pesto-Nudeln anbiete. Daher gibt es den Brokkoli als Vorspeise, und die Nudeln genießen wir dann ohne Stress. Blattsalat ist bei uns auch (noch) kein Hit, aber dafür Gurken und Avocados umso mehr. Und es geht ja vielmehr darum, gesunde Gewohnheiten anzueignen, als dass das Kind jetzt wirklich mit Hingabe den Grünkohlsalat verputzt.

Medienkonsum

Medien beeinflussen das Körperbewusstsein unserer Kinder nicht unmerklich. Und hier möchte ich einfügen, dass ich mir durchaus bewusst darüber bin, dass auch Jungen mit unrealistischen Schönheitsidealen konfrontiert werden. Aufgrund der pa­t­ri­ar­chalen Strukturen, die unsere Kultur beeinflussen, behaupte ich jedoch, dass Mädchen eher Opfer externer Kritik und Bewertungen werden.
Noch habe ich guten Erfolg damit, den Mediumkonsum meiner Kinder einzuschränken und zu selektieren. Einen Fernseher haben wir nicht. Meine Kinder dürfen ab und zu Serien auf Netflix schauen. TV Werbung kennen sie somit gar nicht. Auch Modezeitschriften kaufe ich mir seit vielen Jahren nicht mehr.

Ich weiss, dass ich meinen “Kampf” gegen die Medien letztendlich verlieren werde. Je älter die Kinder werden, desto mehr Freiheiten bekommen sie und sind folglich äußeren Einflüssen ausgesetzt. Aber genauso wie ich Industrie-Zucker von meinen Kindern so lange wie möglich ferngehalten habe, auch wenn ich wusste, dass das nicht ewig funktionieren wird, sage ich mir in Bezug auf Medien auch: je länger, desto besser.

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