Selbstständig Mutter werden – Sandra Diana Troegl über Tücken, Tipps und Vorteile

24. June 2015 | in Gesellschaft | Karriere

Als Sandra mir das erste Mal schrieb, hatte sie ihren eigenen kleinen Laden (Veist – Kleidergeschichten, ein megatoller Second Hand Laden mit einer schönen Story!), arbeitete quasi Tag und Nacht – und war relativ frisch schwanger.

Die Tücken, die sich aus ihrer Selbststsändigkeit ergaben, erschienen ihr groß und unfair und sie wollte ihrem Ärger Luft machen. Ich konnte ihr ein paar Ratschläge zu Elterngeld und Versicherung geben, ich war ja auch selbstständig gewesen, als ich schwanger wurde! Kurz nach der Geburt sendete sie mir ein Update, zwar sei alles anders gelaufen als geplant, aber sie klang unheimlich glücklich. Und noch ein paar Monate später trafen wir uns endlich – alles hatte sich noch mehr entspannt, sie hatte für alle Probleme eine gute Lösung gefunden und trotz turbulenter erster Wochen mit Baby konnte sie mittlerweile auch die positiven Seiten der Selbstständigkeit sehen. Weil ich ihre Geschichte so schön finde, weil ich denke, sie ist sehr exemplarisch und sie macht auch vielen Frauen Mut – habe ich ihr ein paar Fragen gestellt!

Liebe Sandra, du bist selbstständig, genauer gesagt hast du deinen eigenen Laden, den du gemeinsam mit einer Freundin aufgezogen hast.  War die Schwangerschaft denn geplant?

Ungefähr so geplant wie vom 5 Meter Turm im Schwimmbad zu springen – irgendwann muss man ja mal schwanger werden, wenn man sich Kinder wünscht. In meinem etwas BWLer-lastigen Freundeskreis waren Kinder aber nie ein Thema und es hieß immer nur warnend, dass man sich das alles gut überlegen soll.

Du hast dich dann am Anfang auch ganz schön im Stich gelassen gefühlt als selbstständige werdende Mutter, warum?

In der Hoffnung auf bessere ärztliche Versorgung hatte ich nach einem Unfall 2009 in die private Krankenversicherung gewechselt – was sich in Bezug auf die Versorgung während der Schwangerschaft als großer Fehler herausstellte. Viele Leistungen, die für gesetzlich Versicherte selbstverständlich waren, wurden nicht oder nur teilweise übernommen. Mit jeder Rechnung, der ich hinterher laufen musste, wuchs mein Frust und auch die finanzielle Belastung. Zudem war mir unklar, wieviel Elterngeld ich bekommen würde und wie ich die Zeit, in der Angestellte Mutterschaftsgeld bekommen, finanzieren sollte. Mein Mann und ich sind beide selbstständig. Wenn wir nicht arbeiten, gibt’s auch kein Einkommen. Wir wurden dann mit den Worten “Oh, beide selbstständig?! Das ist ein schwieriger Fall, aber wir kennen da eine Sachbearbeiterin, die kennt sich sogar damit aus!” nach Rudow ins Gesundheitszentrum Gropiusstadt zur Schwangerenberatung geschickt, wo wir auch wirklich kompetent beraten wurden. Ich habe mich nur gefragt – ist es wirklich auch in Berlin SO ein Sonderfall, dass beide Elternteile selbstständig sind? Kann ich mir kaum vorstellen. Wir haben dann auf jeden Fall die Versicherung gewechselt, unsere Steuererklärung frühzeitig fertig gestellt und den Antrag fürs Elterngeld fertig gemacht.

Da stimme ich dir sowas von zu. Als Selbstständiger scheint man immer noch ein Sonderfall zu sein, dabei ist man das doch überhaupt nicht! Wäre es den wichtig für dich gewesen, loszulassen und den Laden mal Laden sein zu lassen? Also so richtig “Mutterschutz” zu nehmen?

Wichtig ja, aber leider nicht immer möglich. Schließlich sichert der Umsatz nicht nur meine Existenz, es müssen auch die Fixkosten und die Gehälter für die Mitarbeiter zuverlässig reinkommen. Die körperliche Arbeit ist mir von Monat zu Monat schwerer gefallen, so dass die 8-Stunden-Schichten einfach irgendwann nicht mehr machbar waren. Und vier Wochen vor der Geburt kam dann auch glücklicherweise die Erkenntnis, dass es nun wirklich und zwar gar nicht mehr geht. Glücklicherweise haben wir aber treue und belastbare Kunden, so dass wir kurzerhand unsere Öffnungszeiten verkürzt haben und trotzdem keine Einbußen verzeichnen mussten. Phew.

Nach der Geburt wolltest du eigentlich ganz schnell wieder im Laden stehen, warum hat das nicht geklappt?

Mit der Schwangerschaft hatte ich schon etwas Pech, jedoch aus irgendeinem unerklärlichen Grund – vielleicht die Hormone?! – schlummerte in mir die Naivität, dass ich ja “nur” die Geburt schaffen müsste und dann könnte ich schon ganz bald wieder in mein normales Arbeitsleben zurück. Pustekuchen. Ich war dann froh, das Krankenhaus doch noch lebend nach einiger Zeit wieder verlassen zu dürfen und es dauerte noch eine ganze Weile, bis ich überhaupt wieder auf zwei Beinen stehen konnte. Da war der Laden plötzlich ganz, ganz fern. Trotzdem habe ich nach drei Monaten einen “Test-Arbeitstag” eingelegt und sofort gemerkt, dass weder mein Kind noch ich soweit waren. Ich habe sie dann auch ab und zu mit in den Laden genommen, wir haben aber schnell gemerkt, dass ihr dort einfach zu viel Trubel herrschte! Meine Mitinhaberin und ich haben dann beschlossen, den Laden ausnahmsweise und trotz Weihnachtsgeschäft für vier Wochen zu schließen und ab Januar zwei neue Mitarbeiterinnen einzustellen.

Wie organisiert du dich jetzt letztendlich?

Wir haben nach wie vor limitierte Öffnungszeiten, eine straffe, effiziente Struktur und ein fantastisches flexibles Team, das mir das Delegieren leicht macht! Meine Tochter ist mittlerweile 8 Monate alt und ich stille sie immer noch, was ich nie erwartet hätte. Wir hatten einen sehr schwierigen Stillstart und ich habe viele Stunden heulend an der blöden Milchpumpe verbracht. So richtig geklappt hat das Stillen erst seit dem vierten Monat und laut Stillberaterin war selbst das ein Wunder. Daher sind meine Stundenschichten auch jetzt immer noch limitiert und ich versuche eher, meinem Team den Rücken freizuhalten und Backoffice und Lager so gut wie möglich zu organisieren. Aber ich bin erstaunt, wie leicht es mir nun inzwischen fällt, Prioritäten zu setzen und effektiv zu arbeiten. Man hat mit Baby zwar weniger Zeit zu arbeiten, aber man ist so viel schneller und ich kann die Arbeit inzwischen sogar als gefühlte “Auszeit” genießen. Zudem fühlt es sich auf eine komische Art befreiend an, zu arbeiten und “nichts” zu verdienen. Das Elterngeld fühlt sich für mich an wie eine Art bedingungsloses Grundeinkommen und der Laden war schon immer viel mehr als nur ein Geschäft. Es ist ein Treffpunkt in meinem Kiez, in dem ich Kleider meiner Nachbarn an andere Nachbarn vermitteln darf.

Wie schön. Für mich ist deine Geschichte ein gutes Beispiel, wie alles ganz anders als gedacht und trotzdem gut werden kann. Was würdest du Frauen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden, raten?

Flexibel bleiben. Dazu gehört auch eine gute Portion Organisation. Erledigt alles möglichst frühzeitig! Was schon zu Beginn der Schwangerschaft gemacht werden kann, ist gemacht: unliebsamer Steuerkram, bürokratische Anträge, Monats-, Jahres- und Budgetpläne. Sich nicht scheuen, Hilfe anzunehmen. Natürlich können das Partner, Freunde und Familie sein, aber auch Ansprüche wie beispielsweise die auf eine Haushaltshilfe nach der Geburt oder finanzielle Unterstützung durch Stiftungen sollte man klären. In der Schwangerschaft hatte ich oft das Gefühl “Da musst du jetzt ganz alleine durch”. Stimmt aber nicht. Wir alle haben ein Netz, in das wir uns fallen lassen können. Wir müssen allerdings dafür wissen, was wir brauchen, wen wir danach fragen und was wir realistisch erwarten dürfen. Dann steigen Zuversicht und Gelassenheit – auch wenn die Hormone durchdrehen!

Danke für das schöne Interview, liebe Sandra!

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