Schlafentzug & Co: Ist man mit Baby leidensfähiger als mit Kleinkind?

Ich erzähle immer gern, dass mein Kind so ein robustes, widerstandsfähiges, super gesundes Geschöpf ist – sinnbildlich das rotwangige Kerlchen von der Zwieback-Tüte. Ein Kind, das also selten und vor allem nie schwer krank ist. Keine Mittelohrentzündung. Keine Bronchitis. Keine Lungenentzündung. Derlei Ausnahmesituationen inklusive Schlafentzug der übelsten Sorte für alle Beteiligten fanden bislang in der Regel nur bei den anderen statt. Aber es gibt sie ja immer, die Ausnahme von der Regel. Und so schlittern wir dieser Tage von einer Krankheitskrise zur nächste – und zwar exakt in jener Zeit des Jahres, von der man annehmen könnte, mit dem Winter würden auch die Bazillen aus dem eigenen Leben verschwinden. Pustekuchen. Bei uns hat die Bombe erst so richtig eingeschlagen, seitdem das Berliner Wintergrau von den ersten Frühjahrstemperaturen abgelöst wurde. Wenn dieser Monat rum ist, waren wir, war Julius länger krank als gesund und kann ich die Tage, an denen Julius in der Kita war, an einer Hand abzählen.

Und worum es also heute gehen soll: Nicht etwa um Krankheit. Ist eben so. Ich denke, während ich das hier so schreibe und das Kind neben mir zwischen seinen Hustenanfällen nach Luft ringt vielmehr, seit wann ich eigentlich die Husten-Tage meines Kleinkindes nicht mehr ertragen kann? Seit wann ich eigentlich begonnen habe zu stöhnen, sobald es tendenziell anstrengender wird? Das, meine ich, war nämlich nicht immer so. Vielleicht wird jetzt der eine oder andere raunen: individuelles Eltern-Defizit. Und ich werde protestieren: Nö, ich habe eher den Verdacht, dass die Situation hier einem archaischen Prinzip entspricht. Und zwar: Dass man eben irgendwann auch mal ’ne Pause braucht als erwachsener Mensch von all der Entbehrung, dem Schlafentzug, der Bemutterung dieses kleinen Menschen, insbesondere während des ersten Lebensjahres und die Natur deshalb eingerichtet hat, dass es von Jahr zu Jahr irgendwie doch einfacher wird mit dem Nachwuchs und man gleichsam in einen Zustand zurückgeführt wird, in dem man wie damals vor dem Säugling nicht permanent oder zumindest mit jedem Entwicklungsschub regelmäßig vor dem totalen Zusammenbruch steht.

Oder vielmehr: Kann es sein, dass Eltern im ersten Jahr besonders leidensfähig unterwegs sind und eben jene aus der Liebe zum Kind geborene Zurückhaltung, ja die Rücksichtnahme und Zurückstellung aller Egoismen peux à peu abnimmt?

Als verwandele man sich im ersten Lebensjahr des Kindes zu einer besseren Version seiner selbst

Ich jedenfalls bin dahingehend das exemple par excellence: Julius’ Vater erzählte mir einst, er habe den Eindruck gehabt, mit der Geburt unseres Sohnes sei regelrecht ein Schalter gekippt, sei ich wie ausgewechselt gewesen, hätte sich von einen auf den anderen Moment sogar meine Stimmfarbe verändert. Reflektiert habe ich das sicher nicht in dieser Zeit, aber es war wohl so. Ich war wirklich maximal opferbereit in diesem ersten Jahr nach der Geburt meines Sohns: Ich habe Julius bereits in der ersten Krankenhausnacht neben mir im Bett schlafen lassen, bei jedem kindlichen Zucken und Begehren die Brust gereicht und ihn dann in der Folge bis zur totalen Erschöpfung im ersten Lebensjahr begluckt. Alles andere wäre mir aber auch schlichtweg nicht möglich gewesen. Für alles andere hätte man mich wohl von meinem Baby wegschließen, mich in einen Kerker werfen müssen. Ich zucke bis heute, wenn irgendwo ein Baby schreit. Wenn ich Julius geweint hat, konnte ich mich auf nichts anderes konzentrieren.

Aus meiner aktuellen Perspektive scheint mir das vor allem: sehr weit weg. Aber gleichsam auch: heroisch. Ja, kann ich nur vor allen frischgebackenen Mamas und Papas, die gerade ähnliches mit ihren Babys durchmachen, den Hut ziehen. Ich weiß nicht, ob ich gerade die Energie, geschweige denn die Geduld aufbrächte, zu ertragen, dass mein Kind nachts jede Stunde nach mir begehrt. Das ginge vielleicht ein paar Nächte, aber ich würde danach wahrscheinlich unerträglich schlecht gelaunt durch meinen Tag schlafwandeln. Als Julius gerade ein halbes Jahr war, habe ich diesen Zustand hingegen unfassbar lange ertragen. Nächte, Wochen, Monate, in denen er teilweise jede halbe Stunde nachts wach wurde. Ich habe sehr sicher gelitten und geflucht, ja, in der einen oder anderen Nacht die Fäuste geballt, aber es war auch so, dass mich irgendetwas antrieb, durchzuhalten, anstatt diesen schlaflosen Zustand brachial abzubrechen. Ich habe wohl experimentiert – Baby nicht an der Brust einschlafen lassen, stattdessen im Stubenwagen hin und her schunkeln, feste, ja nahezu stoische Abendrituale eingeführt. Aber ich hätte es mir auch sparen können, verbessert hat sich diese Angelegenheit durch all meine Maßnahmen nämlich: null. Das Kind schlief irgendwann von selbst, und zwar ohne dass ich darauf einen Einfluss gehabt hätte.

Der Roboter-Modus bei Jungeltern als evolutionäres Programm

Kann es also sein, dass dieses Deprivations-Programm im ersten Lebensjahr tatsächlich evolutionär bedingt ist? Dass da irgendein Programm abläuft, dass uns für einen Moment befähigt, alle anderen Belange, eigenen Bedürfnisse abzuspalten  – ja regelrecht auszuschalten – und nur für den Säugling zu sein? Beziehungsweise unser Körper, unsere Psyche darauf in dieser besonderen Zeit unseres Lebens angelegt ist, all dem standzuhalten? Zumindest für einen gewissen Zeitrahmen? Also klar, wenn wir von dem ursprünglichen Konstrukt ausgehen und die Anthropologie dazu befragen, ist die Annahme schlicht falsch, dass allein eine Person, oder zwei Erwachsene als Elternpaar dieser Belastung standhalten müssten. Der Mensch ist qua seiner Anlagen wohl eher auf Sippe geeicht, die moderne Kleinfamilie hingegen nun mal eine historisch betrachtet sehr junge Entwicklung, die zudem auf die Notwendigkeiten einer industrialisierten Gesellschaft verfasst ist.

Dahingehend finde ich den Gedankensprung zur Resilienzforschung sehr spannend – Resilienz als die Widerstandsfähigkeit eines Menschen ob seiner psychischen Verfassung. So gehen Psychologen davon aus, dass genau diese Widerstandsfähigkeit vor allem davon abzuleiten ist, welche Erfahrungen ein Mensch insbesondere im ersten Lebensjahr in der Beziehung zu seinen Bezugspersonen gemacht hat und inwieweit in dieser sehr prägenden Zeitspanne seine Bedürfnisse berücksichtigt und erfüllt wurden.

Alice Miller, die als Psychoanalytikerin zur Eltern-Kind-Beziehung aber auch zu Misshandlungen und Missbrauch an Kindern und deren Folgen geforscht hat, schreibt etwa in einem ihrer Bücher: „Wenn dieser Mann eine Mutter hatte, die […] imstande gewesen war, reale Liebe, Schutz und Sicherheit in seinem ersten überaus entscheidenden Lebensjahr zu geben, dann war er besser ausgestattet, spätere Misshandlungen zu verarbeiten als jemand, dessen Integrität vom ersten Lebenstag an verletzt wurde, der keine Rechte auf das eigene Leben hatte, der von Anfang an lernen musste, dass der einzige Sinn seiner Existenz darin besteht, die Mutter glücklich zu machen.“

Wenn wir das also ableiten, meine ich, wird recht deutlich, warum wir Eltern im ersten Lebensjahr ticken wie wir ticken; Wird die Theorie transparenter, warum Eltern sich so bedingungslos aufreiben: weil das Baby, um das wir uns kümmern in seinem Bedürfnissen sehr archaisch gestrickt ist und wir offenbar ebenso, die für den Säugling und sein späteres Sein so überlebenswichtigen ersten Erfahrungen und Bedürfnisse zu erfüllen.

Nun könnte man meinen, dass es ja auch nach dem ersten Jahr anstrengend bliebe. Und gewisser Weise stimmt das – denken wir allein an das aus einem gewissen Autonomieimpuls zuweilen wütende Kleinkind. Aber diese Zeit mehr oder weniger überstanden und nun mit meinem Vierjährigen zuhause, kann ich sagen: Die Anstrengung verändert sich und bestimmte Dinge werden erheblich leichter.

Aktuell habe ich an den ja in der Regel dann doch überwiegend gesunden Tagen ganz deutlich das Gefühl, dass es sich gelohnt hat, durchzuhalten und so viel Energie investiert zu haben. Ich habe das Gefühl, dass die Grundfeste stehen und auch wenn wir hier und da aneinander geraten, dass es im Großen und Ganzen stimmt. Dass er mir etwa aus seinem Vertrauen zu mir verzeihen kann, wenn ich ein paar Tage übel gelaunt bin und ihn auch mal anranze. Dass hier im Unterschied zum Neugeborenen-Status nicht immer alles 1A laufen muss, dass er nun einigermaßen krisenfest und (in Grenzen) resilient dem gegenüber steht, womit ihn das Leben konfrontiert.

Das ewige (und wohl wahre Credo) von den Wurzeln und den Flügeln 

Und anders wäre es mir, ist es wohl keinem existierenden Individuum möglich: Denn spätestens wenn die Verliebtheit dem Alltag weicht, der Mensch hinter den Stillhormonen wieder beginnt, nach Selbstbestimmtheit zu begehren, weicht die Glucken-Rolle zwangsläufig zuweilen egoistischer Motive. Und das wiederum, die sukzessive Ablösung des Kindes vom Elternteil und des Elternteils vom Kinde, ist evolutionär betrachtet sicherlich mindestens so wichtig wie die sehr eng gedachte Beziehung des Säuglings zu seiner direkten Bezugsperson.

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