Elternzeit vorbei – Job weg! Sandra fordert neue Vereinbarkeits-Gesetze

Es ist zum Haare raufen. Noch immer ist es in diesem Land richtig schwierig, Familie und Job zu vereinbaren, noch immer sind fast immer die Frauen die Leidtragenden, noch immer reagieren weder Wirtschaft, noch Politik, noch Gesellschaft. Ja, es geht sogar so weit, dass immer noch ständig Mütter aus ihren Jobs gemobbt werden, oder dass die Stelle einfach weg ist, sobald die Frau aus der Elternzeit zurückkehrt. So ist es Sandra ergangen. Die Juristin hat sich das natürlich nicht gefallen lassen, sie ging vor Gericht. Zurück wollte sie dann aber gar nicht mehr, sie hat sich lieber selbstständig gemacht. Und vor kurzem auch noch ein Buch herausgebracht, das quasi eine Bibel für Mütter ist. Wie kann sich also endlich etwas ändern?

Sandra fordert schlicht und ergreifend neue Gesetze, um endlich etwas zu ändern. Neue Gesetze? Wie sollen die aussehen? Das soll sie alles selbst erzählen:

Liebe Sandra, wie war das denn bei dir, als du nach der Elternzeit an den Arbeitsplatz zurückgelehrt bist?

Leider begann der erste Tag nach der Elternzeit mit einem großen Schock: erst wartete ich mehr als eine Stunde an meinem leergefegten Schreibtisch – Telefon und Rechner wurden am Tag zuvor abmontiert, wie mir Kollegen mitteilten – dann erhielt ich von meinen beiden Chefs statt eines Willkommens-Blumenstrauß die Kündigung meines Arbeitsvertrages überreicht.

Ist das legal?

Leider endet der Sonderkündigungsschutz, den Mütter während der Schwangerschaft und der Elternzeit genießen, mit dem letzten Elternzeit-Tag. Danach kann einem „ganz normal“ und ohne Kündigungsverbot aus verhaltens-, personen-, oder betriebsbedingten Gründen gekündigt werden. In meinem Fall hat sich der Arbeitgeber auf betriebsbedingte Gründe gestützt – die leider sehr leicht zu konstruieren sind. Die Begründung lautete damals: Angeblich sei mein Arbeitsplatz weggefallen, da man die Rechtsabteilung zur Kostenersparnis zwischendurch in eine externe Anwaltskanzlei outgesourct habe.

Wie ging es dann weiter?

Ich habe meinen Arbeitgeber verklagt und mit Zähneknirschen einem Vergleich mit einer Abfindung zugestimmt – obwohl mir klar war, dass die betriebsbedingten Gründe bewusst konstruiert waren. Leider konnte ich das vor Gericht nicht beweisen. Die Bestätigung dafür erhielt ich aber wenige Wochen nach Beendigung des Rechtsstreits: Seltsamerweise wurde die Rechtsabteilung wieder „ingesourct“, mit dem Ergebnis das meine Elternzeitvertretung – eine freie Mitarbeiterin – meinen Job fortführte.

Woran liegt es, dass Arbeitgeber Mütter “los werden” wollen?

Um es mal etwas überspitzt auf den Punkt zu bringen: Viele Arbeitgeber denken immer noch, dass Mütter mit Low Performern gleichzusetzen sind, die nach dem positiven Schwangerschaftstext beschlossen haben ihren beruflichen Ehrgeiz an den Nagel zu hängen. Außerdem wollen sie ja sowieso nur in Teilzeit oder im Home Office arbeiten und fallen ständig aus, wenn das Kind krank ist. Das kostet eine Menge Ärger, Aufwand und Geld.

Schrecklich. Was rätst du Frauen, die sich in einer solchen Situation befinden?

Jede Frau in einer Festanstellung sollte bereits zu Beginn der Schwangerschaft eine Rechtsschutzversicherung abschließen, da sie sonst im Arbeitsgerichtsverfahren auf den Anwaltskosten sitzen bleibt. Außerdem sollte sie wichtige Fakten dokumentieren und sich Zugeständnisse, wie zum Beispiel eine Verkürzung der Arbeitszeit während oder nach der Elternzeit, sofort schriftlich bestätigen lassen. Nicht selten heißt es: „Teilzeit? Das müssen Sie damals falsch verstanden haben.“ Und natürlich sollte frau immer gut informiert sein, denn wenn man seine Rechte nicht kennt, kann man sie auch nicht durchzusetzen. Dazu empfehle ich natürlich die Lektüre meines Buches „Don’t worry be Mami“, ein Eltern-Rechtsratgeber mit Vorlagen und Checklisten, beruhend auf skurril-typischen Eltern-Alltagsgeschichten, den ich genau aus diesem Grund geschrieben habe.

Ich habe den Eindruck, dass sich viele Mütter als Folge selbstständig machen, siehst du das auch so?

Das kann ich auf jeden Fall bestätigen. Die Elternzeit ist für viele Mütter in beruflicher Hinsicht eine Zäsur. Man sortiert sich neu, setzt andere Prioritäten, weil man sich plötzlich mit dem Thema Vereinbarkeit auseinandersetzen muss. Gleichzeitig werden vielen Müttern in den Wiedereinstiegsphase Steine in den Weg gelegt. Selbst dann, wenn man sich nach der Elternzeit freiwillig dazu entscheidet und auf neue Stellen bewirbt, hat man es als Mutter sehr viel schwerer. Da liegt es natürlich auf der Hand den Sprung in die Selbständigkeit zu wagen, wenn man den entsprechenden Job oder eine gute Geschäftsidee hat. Selbstbestimmtes Arbeiten, flexible Arbeitszeiten und Arbeitsorte sind für Eltern natürlich Gold wert – auch wenn man als Selbständiger nicht unbedingt weniger arbeitet. Ich bin diesen Weg auch gegangen und habe ihn keine Sekunde bereut, auch wenn ich sozial nicht so gut abgesichert bin und gefühlt kaum Urlaub mache.

Das ist genau die Krux, an der Rentenfalle ändert das ja oft wenig. Du sagst, wir brauchen neue Gesetze statt Familienfreundlichkeitsblabla. Wie könnte das im Detail aussehen?

Aus meiner Sicht und Erfahrung und Rechtsanwältin brauchen wir vor allem folgende Maßnahmen, bzw. Gesetzesänderungen, die ich neulich in einem Artikel für Xing Klartext beschrieben habe:

–         Ausweitung des Sonderkündigungsschutzes auf acht Wochen nach dem Ende der Elternzeit – Kündigungen im direkten Anschluss an die Elternzeit wären dann verboten.

–         Der Anspruch auf Teilzeit während und nach der Elternzeit darf nicht mehr von der Größe des Unternehmens abhängen – auch Mütter, die in kleineren Unternehmen mit weniger als 15 Mitarbeitern arbeiten, hätten dann das Recht auf Teilzeitarbeit.

–         Wer in Teilzeit arbeitet, muss auch wieder ein Recht auf eine Vollzeittätigkeit haben – damit wäre es für Mütter leichter, der Teilzeitfalle zu entfliehen.

–         Zwingende Durchführung von bindenden Wiedereinstiegsgesprächen während der Elternzeit – Arbeitgeber wären dadurch verpflichtet, den Wiedereinstieg gemeinsam mit den Müttern zu planen und sich an ihre Zusagen zu halten.

–         Flexible Arbeitszeiten, Recht auf Homeoffice – Eltern würden durch die flexiblere Gestaltung von Arbeitszeit- und Arbeitsort erheblich entlastet.

–         Einführung des Diskriminierungsmerkmals „Eltern“: Benachteiligungen, die rechtlich nicht unter eine Geschlechterdiskriminierung fallen oder noch nicht die Mobbingschwelle erreicht haben, wären dadurch sanktioniert – zum Beispiel das Abhalten von Meetings außerhalb der üblichen Kitabetreuungszeiten.

Gibt es in anderen Ländern solche Gesetze?

Soweit ich weiß bisher noch nicht. In Sachen Elternzeit, Elterngeld und Mutterschutz sind wir im europäischen Vergleich Vorreiter – auch wenn die deutschen Familienmodelle, gerade im Vergleich zu den skandinavischen Ländern – rollenspezifisch oft immer noch sehr altbacken sind. Eine gleichberechtigte Aufteilung von Familien- und Erwerbsarbeit ist immer noch die Ausnahme – was aber nicht unbedingt am Willen der Eltern liegt, sondern an der Arbeitswelt und daran, dass Frauen oft weniger verdienen. Etwas neidisch können wir allerdings auf unsere niederländischen Nachbarn schauen, denn dort gibt es bereits ein Recht auf Home Office, das hoffentlich auch bald zu uns herüberschwappt.

Was können wir alle tun, um den Arbeitgebern klar zu machen, dass es so nicht weitergehen kann?

Generell denke ich, dass wir sich Mütter aber auch Väter (denn auch diese sind oft betroffen) besser vernetzen und politisch mitmischen müssen – leider ist die Elternlobby viel zu schwach. Und: ich ermuntere alle Frauen über Unrecht, dass ihnen widerfahren nicht zu schweigen, sondern auf ihren Rechten zu bestehen, auch wenn das äußerstenfalls zur Folge hat, dass man seinen Arbeitgeber verklagen muss. Wenn Arbeitgeber Mütter gezielt aus dem Job mobben, sich aber gleichzeitig mit einem Familienfreundlichkeits-Siegel schmücken, sollten sie dabei noch einen Schritt weitergehen und das auch publik machen. Auf meinem Blog smart-mama biete ich dafür gerne eine Plattform.

Danke, Sandra!

Habt ihr Ähnliches erlebt? Was denkt ihr: muss der Gesetzgeber reagieren, damit es in deutschen Unternehmen familienfreundlicher zugeht und es einfacher für Frauen gemacht wird, beides unter einen Hut zu bringen?

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