Die “optimale” Entwicklung – gibt es doch gar nicht…

13. October 2016 | in Familie | Parenting

Als Xaver etwa neun Monate alt war, besuchte ich ein Mal pro Woche eine Pekip-Klasse mit ihm. Das Ganze hieß “Spielzeit”, fand in Friedrichshain statt, war ziemlich unprätentiös und machte uns so viel Spaß, dass ich sogar einen kleinen Artikel darüber geschrieben habe.

Zehn Kinder – jedes ein Individuum

Was ich dort sah, hat mich bis heute geprägt und ich muss mich auch immer wieder selbst daran erinnern: Zehn Kinder, alle im selben Alter und alle so verschieden, wie man nur sein kann. Die einen krabbelten wild herum, setzten sich selbstständig hin, die anderen lagen lieber in der Ecke. Ein Kind bewegte sich noch überhaupt nicht vorwärts, das andere fand krabbeln langweilig und stand immer nur an Mamas Schulter und übte laufen. Eines robbte auf dem Bauch, eines bewegte sich sitzend vorwärts, ein anderes zog das Bein beim Krabbeln hinter sich her. Manche wurden noch voll gestillt, andere aßen schon wie Scheunendrescher. Manche brabbelten, andere plapperten, jedes hatte seine eigene individuelle Art und jedes eine einzigartige Stimme.

So verschieden sind die Kinder, so unterschiedlich entwickeln sie sich! Xaver hat immer alles ziemlich “nach Zeitplan” gemacht, er drehte sich mit vier Monaten, mit acht krabbelte er. Laufen dauerte länger (15 Monate), davor war er ein paar Wochen lang “Knieläufer”, ich habe mich eben an diese Phase erinnert, als ich die durchgescheuerten Hosen wiederfand. Er aß früh Brei und zwar mit Wonne, mit einem Jahr war er schon fast “Allesesser”, denn Fingerfood fand er auch immer spannend. Mit eineinhalb plapperte er die ersten Wörter, heute – mit dreieinhalb – macht er kaum noch Grammatikfehler. Er war mit 26 Monaten trocken, mit 28 auch nachts. Motorisch war er aber immer eher ein bisschen langsam, er klettert bis heute nicht leidenschaftlich, er fing spät an, Laufrad zu fahren, jetzt will er unbedingt Fahrrad fahren lernen, mal sehen. Dafür ist er im Wasser ein Knaller, er taucht und springt furchtlos mit Schwimmflügeln ins Wasser, diesen Winter wollen wir mit ihm Schwimmen üben.

Zwei Kinder – auch total unterschiedlich

Mit Quinn läuft jetzt schon alles anders. Sie liegt viel mehr als Xaver, dreht sich ab und zu zur Seite, aber noch nicht auf den Bauch. Ich vermute, dass sie mit einigen Entwicklungsschritten einfach länger brauchen wird. Ob das an ihrem vermeintlichen Kiss Syndrom liegt, oder ob es einfach so ist, werde ich nie herausfinden. Auf jeden Fall versicherten mir alle, dass sie nicht entwicklungsverzögert ist, dass sie einfach nur ein bisschen länger braucht. “Sie ist erst vier Monate alt”, sagte die Physiotherapeutin. “Jedes Kind hat sein eigenes Tempo”. Und es stimmt ja auch: Sie ist (mittlerweile!!!) viel gemütlicher als Xaver es je war, sie beobachtet gerne, ist genügsamer. Sie schläft oft neun Stunden am Stück nachts, Xaver wird heute noch oft wach. Nachdem ihre Schreiphase überstanden war, wurde sie zu einem sehr ausgeglichenen Baby, das fast nie mehr schreit, sehr entspannt ist. Ein Anfängerbaby – endlich! Die beiden sind sich trotzdem in vielen Dingen ähnlich – und doch sind sie ganz verschieden. Lustigerweise sehen sie auch noch komplett unterschiedlich aus, Xaver kommt nach seinem Vater, Quinn ist viel dunkler, sie sieht jetzt schon aus wie ich in klein. Auch was das Essen betrifft, werden diese beiden Kinder sich unterschiedlich entwickeln: Quinn ist noch überhaupt nicht Beikost-reif, wir warten noch mit dem ersten Brei.

Dafür habe ich im engen Freundeskreis ein Baby, das mit vier Monaten schon leidenschaftlich Pastinake löffelt. Ich kenne dieses Baby gut, habe gesehen, wie es den Busen verschmäht und wie glücklich es ist, wenn es Brei bekommt. Noch vor den empfohlenen fünf Monaten ist dieses Kind einfach bereit. Viele Kinder verweigern dagegen den Brei, wollen richtiges Essen, andere nehmen keine Flasche, finden Essen generell doof und werden lange voll gestillt.

Motorik, Essverhalten, Schlafverhalten – alles immer anders

Manche Kinder laufen mit 10 Monaten, andere erst mit 18. Ich halte auch nichts von der Theorie, dass Kinder krabbeln “müssen”, oder dass zu frühes Hinsetzen sie zwangsweise daran hindert. Ich denke, man sollte die Kinder machen lassen, sie eher wenig hinsetzen und hinstellen und sie viel auf dem Boden lassen und tragen. Sie einfach begleiten und machen lassen – den Rest erledigen sie dann von ganz alleine. Und es gibt doch auch Kulturen, in denen die Kinder getragen werden, bis sie laufen und diese Kinder entwickeln sich ohne Krabbeln ganz wunderbar. Auch glaube ich, Eltern werden verrückt gemacht, wenn ihnen gesagt wird, ihr Kind müsste gewisse Meilensteine zu einem gewissen Zeitpunkt erreichen, und bräuchte gewisse Begebenheiten, um sich “optimal” zu entwickeln. Kein Kind muss sich doch optimal entwickeln! Es reicht, wenn es sich entwickelt und das macht es von ganz alleine.

Und so ist es doch mit allem. Manche sind früh aus der Windel raus, andere brauchen länger. Und natürlich habt ihr Mamas auch mit eurer Reaktion auf meinen Einschlaf-Artikel recht. Es gibt einfach Eulen und Lerchen. Xaver ist eindeutlich eine Eule, Quinn bislang eine Lerche (um Punkt sieben ist sie wach! Jeden Tag! Als ob sie einen Wecker in sich hätte!)

Ich glaube wir machen uns alle unnötig Druck, wenn wir versuchen unsere Kinder in Raster zu stecken, wenn wir denken, man müsste Punkt X drücken um Ergebnis Y zu erreichen. Wenn wir zu starr versuchen, Regeln einzuhalten und uns an Zeitplänen festhalten. Was mir immer hilft, wenn ich daran zweifle, dass die Kids das schon alles selbst richtig machen, ist ein Blick in das Buch: Die ersten fünf Jahre – Wie sich Ihr Kind entwickelt. Das ist wunderbar unstarr, die Zeiträume, in denen sich das Kind entwickelt, sind lang und verschieden. Gewisse Meilensteine zu verfolgen (ohne Druck!) hat natürlich den Sinn zu sehen, ob sich das Kind gesund entwickelt und ernsthafte Probleme in der Entwicklung ausgeschlossen werden können. Trotzdem kann uns etwas mehr Gelassenheit nicht schaden.

Jedes Baby ist anders, jedes Kind hat seine Eigenheiten, sein Tempo und ist individuell. Und aus diesen Kindern werden völlig verschiedene Erwachsene. Manche groß, manche klein. Manche stur, andere besonnen. Manche Langschläfer, andere Frühaufsteher… 

 

 

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