Niemand muss stärker sein, als er ist: eine Ode an den Mutterschutz

17. March 2016 | in Gesellschaft | Schwanger

Als ich mit Xaver schwanger war, war ich noch zu 100% selbstständig. Für Selbstständige ist kein “Mutterschutz” vorgesehen, ich war damals jedoch über die Künstlersozialkasse versichert und bekam ihn deshalb trotzdem ausbezahlt. Der Mutterschutz, das sind in Deutschland sechs Wochen vor und acht Wochen nach der Geburt, in denen Frau nicht arbeiten soll/darf/muss, außer sie besteht darauf. Den Ausfall bezahlen die Krankenkassen.

Das Mutterschutzgesetz gilt für alle, die in einem Arbeitsverhältnis stehen. Es gilt auch für Teilzeitbeschäftigte und für Frauen, die sich in der beruflichen Ausbildung befinden. Darüber, ob es auch für schwangere Schülerinnen und Studentinnen gelten soll, wird gerade heftig gestritten.

Jede Frau sollte sich die Zeit nehmen können

Ich sage: JA! Und ich finde überhaupt, JEDE Frau sollte diese Möglichkeit haben. Auch als Selbstständige. Denn manch einer braucht die Zeit einfach und bis zum Ende der Schwangerschaft Stress zu haben, kann sich wirklich negativ auf die Gesundheit von Mutter und Kind auswirken.

Dieser Meinung bin ich noch nicht lange. Noch vor wenigen Monaten habe ich gesagt: ach, braucht man nicht. Denn mit Xaver im Bauch war ich fit wie ein Turnschuh, ich ackerte bis zum letzten Tag durch, wir launchten diese Website wenige Wochen vor seiner Geburt und so weiter. Ich fühlte mich so gut, dass ich überhaupt nicht eingesehen hätte, mal ruhiger zu machen.

Dieses Mal ist das anders. Eine Kollegin hat es schon vor Monaten prophezeit: “Warte ab, die zweite Schwangerschaft ist oft ungleich anstrengender”, hat sie gesagt. Sicher ist das nicht bei jeder so, aber bei mir stimmt es. Während ich letztes Mal tiefenentspannt und produktiv war, war ich dieses Mal fahrig, nervös, ständig erschöpft und leicht reizbar. Woran das liegt weiß ich nicht genau, aber ich bin eben einfach drei Jahre älter und mein Leben “drumherum” ist anstrengender geworden. Ich habe ein Kleinkind zu versorgen, einen Haushalt und Riesen-Wäscheberge zu bewältigen, ich habe viele freie Projekte und Dinge, die noch so nebenbei erledigt werden müssen und dann eben noch die Teilzeit-Festanstellung.

Die Benefits der Festanstellung…

Dank dieser komme ich dieses Mal im Gegensatz zur letzten Schwangerschaft in den Genuss von allen “Benefits”, die man in Festanstellung so hat. Ich konnte mich krank schreiben lassen, als es mir schlecht ging (darin bin ich allerdings nicht gut, ich arbeitete meist dennoch und hatte ein furchtbar schlechtes Gewissen – kommt vom so lange selbstständig sein…). Am Anfang des Jahres wurde meine restliche Arbeitszeit ausgerechnet und da mussten noch ordentlich Urlaubstage abgezogen werden, die ich natürlich auch noch vor der Geburt nehmen musste, sonst wären sie verfallen. Fazit: Gut 10 Wochen vor der Geburt hätte ich mich zurückziehen können. Ich fuhr lieber noch mal weg und nahm den Rest des Urlaubs dann aber direkt vor dem Mutterschutz. Am 21. März wäre mein letzter Arbeitstag gewesen, aber auch daraus wurde nichts. Nach dem Urlaub sah mein Sohn es überhaupt nicht ein, seine Mama schon wieder so selten zu sehen, er quengelte pausenlos, wollte mich täglich im Büro besuchen, schlief schlecht, fiel von einem Wutanfall in den nächsten. Dazu war ich angeschlagen, ich lag nachts stundenlang wach, der Bauch wurde oft hart und schmerzte richtig. Es war alles schrecklich stressig. Das Ergebnis: Wehentätigkeit in Woche 30 und damit die klare Ansage von Ärztin und Hebamme: jetzt ist Schluss mit arbeiten!

Welch Erleichterung!

So mache ich natürlich noch Little Years weiter, muss aber nicht mehr ins Office und in den “festen Job”, habe keine festen Zeiten mehr und keinen Stress. Was für eine Erleichterung!!! Seit dem Tag der Krankschreibung haben sich alle meine Wehwehchen minimiert, ich kann die Schwangerschaft endlich so richtig genießen. Bei der letzten Untersuchung konnte ich außerdem das erste Mal das Gesicht des kleinen Babys in meinem Bauch erkennen (es hat volle Lippen, schluckte fleißig Fruchtwasser und spielte andächtig mit der Nabelschnur…) und ich sag’s euch: erst seit diesem Tag habe ich ein Gefühl für diesen kleinen Menschen, der sich in mir entwickelt. Ich freue mich jetzt auf die kleine Dame, vorher lief alles irgendwie nur “nebenher”. Sie war übrigens bis dato auch noch in Beckenendlage gewesen, was nicht weiter schlimm ist, aber wenn man so klein ist wie ich drückt der Kopf eben doch ganz schön in den Magen und der Po ins Becken. “Wenn du endlich aufhörst zu arbeiten und dich entspannst, wird sie sich drehen”, sagte meine Hebamme. Sie hatte Recht. Am Tag des Arzttermins drehte sich das Baby, der Kopf ist jetzt unten, die Kontraktionen sind weg, alles ruhig und so, wie es sein soll. Und ich kann das Bauch-haben endlich zelebrieren. Freue mich jetzt jeden Tag mehr auf das, was kommt. Die Angst vor der Doppelbelastung mit zwei Kindern ist natürlich deshalb noch lange nicht weg, aber auch sie ist weniger geworden. Alles scheint viel machbarer.

Ich bin nicht gut darin, mich ausbremsen zu lassen, aber dieses Mal bin ich verdammt froh darüber. Deshalb meine Ode an den Mutterschutz. Für mich ist das nämlich überhaupt nicht selbstverständlich, dass ich mich jetzt so zurücknehmen kann, ich empfinde das als großen Luxus. Wir können uns so glücklich schätzen, dass wir diese Möglichkeit in Deutschland haben. SO GLÜCKLICH! 14 Wochen Mutterschutz, welch Privileg! In vieln Ländern dieser Welt stehen den Frauen nur einige Tage zu, in den USA gibt zum Beispiel überhaupt keinen Mutterschutz. Wer Kinder bekommen will und nicht sofort wieder arbeiten, der muss selbst vorsorgen. Das muss man sich mal vor Augen halten…

Nicht muss, alles kann

Klar, manch eine denkt sicher: ich bin nicht krank, ich bin fit, ich mache weiter bis zum Ende! Ich dachte das auch bei Nummer eins. Ich fand es fast frech, dass man mich ausbremsen wollte, dass mein Chef immer sagte: du musst nicht mehr kommen, mach mal langsam. Eine andere empfindet aber eben genau das Gegenteil, wird von dem Gewicht und der neuen großen Verantwortung übermannt, hat Nebenwirkungen, kann nicht mehr schlafen und einfach nicht mehr leistungsfähig sein. So geht es mir dieses Mal und ich bin heilfroh über den Schutz, den mir dieses System bietet.

Während ich noch vor kurzem auf ein “early bird” Baby hoffte, hoffe ich jetzt, dass ich die letzten acht Wochen auch wirklich noch für mich habe. Ich kann (und muss aaargh) in diesen Wochen meine Steuererklärung für das Elterngeld machen. Ich kann schwimmen gehen, zum Yoga. Ich kann mein Baby spüren und mir öfter mal eine Auszeit auf dem Sofa gönnen. Ich kann zur Massage gehen, zur Pediküre, Dinge tun, die mir gut tun. Ich kann Nestbau betreiben und vor allem: ich kann für Xaver da sein. Auch mental. Seit ich wieder verfügbar bin, hat auch er sich entspannt: Er schläft wieder, er ist ausgeglichen, er kuschelt mich ab wie ein Weltmeister, er tankt richtig Mama. Und ich bin foh, dass ich jetzt viel da sein kann für ihn. Das konnte ich in den letzten Jahren oft nicht, was auch völlig okay war. Aber jetzt braucht er mich und ich bin gerade mal total gerne Full Time Mama für ein paar Wochen.

Mein Appell also: Übernehmt euch nicht in der Schwangerschaft. Mir hat diese Schangerschaft definitiv oft meine Grenzen aufgezeigt und das war nicht nur in Ordnung, sondern sogar gut so. Ich habe mich trotzdem viel zu oft übernommen. So bin ich eben und das sehe ich auch erst so richtig, seit man mir den Stress genommen hat.

Also: nehmt euch, was ihr braucht. Niemand muss versuchen stärker zu sein, als er ist. Vor allem nicht mit Baby im Bauch!

 

Kommentare