Die Charakterzüge unserer Kinder – was ist angeboren, was anerzogen?

04. February 2016 | in Familie | Parenting

Ich musste schmunzeln, als ich vor kurzem über Courtney Adamos Blogpost stieß: sie ist Mama von vier Kindern, und ihre Jüngste ist ein unfassbarer Frechdachs. Wild und ungestüm und oft auch richtig divenhaft. Da fragt sie sich natürlich: Ist sie das, weil sie eben die Jüngste ist, oder ist sie es von Natur aus? Nature versus Nurture – was ist angeboren, was anerzogen? Und nicht zuletzt: wie groß ist unser Einfluss überhaupt?

Nun, ich bin ja auch mit einem ziemlich rotzfrechen Exemplar von Kind gesegnet und obwohl ich mir eigentlich sicher bin, dass es immer eine Mischung ist, tendiere ich mittlerweile eher zur “Angeboren”-Theorie…

Warum? Take a look at Xaver…

Er war schon im Bauch “ein Wilder”: unfassbar aktiv, so sehr, dass ich keinen Kaffee mehr trank und ihm häufig vorsang und Musik vorspielte, um ihn zu beruhigen. Ich bekam viele viele unangenehme, ruppige Tritte ab, mein Bauch wölbte sich am Ende nur noch so hin und her. Wenig überraschend: er war dann auch ein forderndes Baby, hat am lautesten von allen geschrien, war zappelig und unglaublich ungeduldig, wenn irgendetwas nicht nach seiner Nase lief. So ist er immer noch! Wenn wir Erwachsenen uns unterhalten und ihn höflich bitten, kurz zu warten, brüllt er sein Anliegen manchmal so laut in die Erwachsenrunde rein, dass selbst die strengsten Verfechter französischer Erziehung lachen müssen.

Mein Söhnchen, fast drei ist er nun. Er kann auch irre sensibel und schüchtern sein, vor allem wenn wir bei anderen Leuten zu Gast sind, benimmt er sich oft unfassbar gut. Er ist dann ganz kleinlaut und kuschelig, und alle sagen: was hast du denn? Aber zuhause…. Puhuuuu!!! Xaver hat sich auch extrem früh als Individuum wahrgenommen. Während andere Kinder noch bis ins vierte Lebensjahr hinein ihren Vornamen sagen, wenn sie etwas möchten, hat Xaver das nie getan. Er sagte ICH! Und zwar mit eineinhalb. Seine Erzieherin steckte uns, dass sie das noch nie so früh bei einem Kind gesehen hat.

Wieviel können wir beeinflussen?

Bevor ich selbst Mutter wurde, dachte ich irgendwie immer, Kinder wären vor allem das Produkt ihrer Eltern. Wenn ein Kind verrückt herumlief und besonders laut war, dachte ich: Alles klar, haben die Eltern es eben nicht unter Kontrolle, haben es nicht “gut erzogen”. Wenn es dagegen brav, lieb, höflich war, dachte ich: Gut gemacht!

Das denke ich jetzt nicht mehr. Überhaupt nicht mehr. Denn ich kenne Kinder von völlig verantwortungfreien Eltern, die einfach nur zuckersüß und höflich und vorsichtig sind. Und Kinder von sehr hingebungsvollen Eltern, die schier unerträglich sind. Eltern, die streng sind und eigensinnige Kinder haben, Eltern die streng sind und brave Kinder haben. Eltern, die liebevoll sind und schwierige Kinder haben, und so weiter… Ich kenne Babys mit High Needs und Babys mit Low Needs, ich kenne so viele Kinder mit so verschiedenen Charakteren und ihre Eltern dazu und nein: die Kids sind einfach wie sie sind. Es macht mich übrigens auch immer eher wahnsinnig, wenn Eltern so tun, als sei irgendetwas am Kind “IHR Verdienst”. Ich glaube es einfach nicht!

Obwohl. So ganz stimmt das natürlich auch nicht. Xaver ist sicher auch so wie er ist, weil er es bei uns sein kann. Er hat zwei sehr belastbare und emotional stabile Eltern, die beide gleichwertig für ihn da sein können und ihm viel Rückhalt geben. Er hat aber auch zwei sehr kommunikative und nicht gerade konfliktscheue Eltern, die beide viel reden, sehr sozial sind. Bei uns ist immer was los, es ist laut, es wird diskutiert, auch gestritten. Beide Eltern haben früh “Auszeiten vom Kind” für sich beansprucht, wir haben beide schnell wieder gearbeitet, es dreht und drehte sich bei uns nie “alles ums Kind”. Da musste er auch früh lernen, sich durchzusetzen.

Oder eben doch vererbbar? Abgekuckt?

Und nicht zuletzt: sind Charakterzüge vielleicht auch ein bisschen vererbbar? Ich bilde mir ein, dass Xaver seine manchmal übertriebene Vorsicht, die so gar nicht zu seinem ungestümen Wesen passt, von mir hat. Dass er jetzt schon so schreckhaft wie sein Papa ist. Kann das sein, oder hat er es sich abgeschaut…

Dazu kommen ja noch Unmengen von anderen Einflüssen. Er hat jeden Tag in der Kita mit vielen anderen Kindern zu tun, das soziale Miteinander schärft seinen Charakter sicher auch. Er lernt, wie man sich durchsetzt, wie man mit Konflikten umgeht. Er lernt, wann man frech sein kann, wann eher Ruhe angesagt ist. Er ist extrem empathisch, fühlt genau, wenn es einem anderen Menschen nicht gut geht. Er lernt Fairness und Unfairness. Seine Erzieher haben viel Einfluss auf ihn, seine Oma sowieso. Später werden es noch mehr Menschen und Erlebnisse werden, die sich ja auch alle auf seine Entwicklung und seinen Charakter auswirken. Alleine schon, dass er jetzt bald großer Bruder wird, wird seinen Weg sicher verändern.

Wo wir bei einer weiteren interessanten Frage wären: ob nämlich die Geschwister und damit die Reihenfolge eine Rolle spielen. Sind Einzelkinder anders? Sind die ersten immer die Verantwortungsvollen? Oder eben die Aufmüpfigen, weil sie immerhin eine Zeit lang die volle Aufmerksamkeit von beiden, damals noch unsicheren Eltern hatten?

Werden WIR jetzt beim zweiten Mal andere Eltern sein, weil wir wissen, was auf uns zukommt? Ich hasse den Spruch “Entspannte Eltern haben entspannte Kinder”, aber vielleicht werden wir bei Nummer zwei auch wirklich entspannter sein und dann ist es das Kind auch? Das erinnert mich an die berühmte Frage von der Henne und vom Ei…

Irgendwo habe ich mal gelesen, dass es nur 25% sind, die vom Elternhaus kommen, 25% sind andere Einflüsse und 50% des Charakters stecken in den Genen. Klingt für mich logisch! Soviel haben wir also nicht zu sagen. Und so viel können wir demnach ja auch nicht falsch machen.

Trotzdem bin ich überzeugt davon, dass ein geborgenes Zuhause, viel Einfühlsamkeit, Verständnis, Akzeptanz und Liebe gerade in den ersten Jahren den Charakter stärken und prägen. Aber dass wir eben auch nicht SO viel Einfluss haben. Wir können für sie da sein, wenn sie uns brauchen aber wir können und sollen den Kleinen nicht alles abnehmen und sie eben auch nicht verändern.

Besonders spannend wird es natürlich, wenn ein Paar mehrere Kinder hat und diese grundverschieden sind. Ich bin jetzt schon gespannt, was bei uns rauskommt bei Nummer zwei. Ich hatte ehrlich gesagt auf ein ganz zartes, liebes, in sich ruhendes Wesen gehofft. Je größer die Dame in meinem Bauch wird, desto mehr macht sie sich aber bemerkbar, sie ist ziemlich aktiv und ich spüre, dass das auch ein recht freches Ding werden könnte….

“So ein ganz braves Kind passt ja auch überhaupt nicht zu uns” sagte mein Freund. Stimmt auch wieder…

 

Wie seht ihr das? Sind eure Kinder das Produkt eurer Erziehung oder waren sie schon im Bauch einzigartige Charaktere?

 

PS: Auf dem Bild seht ihr Xaver. Er hat mir eben lange und breit erklärt, dass er keine Jacke tragen möchte, trotz Winter. Denn das sei ihm “nicht cool” und außerdem könne man dann sein Hemd ja gar nicht sehen…

Kommentare