Näher zusammenrücken…

16. November 2016 | in Gesellschaft

Dies ist kein politischer Blog, das sollte er nie sein und wird er auch nie werden. Dennoch haben mich die Ereignisse der letzten Woche so beschäftigt, habe ich so viele Gedanken im Kopf, die auch mit uns als Eltern zusammen hängen, dass ich dieses Mal nicht umhin kann, meinen Senf dazu zu geben.

Das Unfassbare ist passiert

Was ist passiert in den USA? Wie konnte es so weit kommen? Was können wir tun, damit hier nicht Vergleichbares passiert? Ich muss zugeben, dass ich den Wahlkampf in den USA mit einer gewissen Belustigung verfolgt habe. Dass ich Donald Trump für eine lächerliche Witzfigur halte und je mehr böser Blödsinn aus ihm herausgesprudelt kam, desto mehr dachte ich: niemals werden die den wählen. Da war aber auch immer eine Ahnung, eine Befürchtung, dass es vielleicht doch passieren könnte. Dass ich, genau wie am schwarzen Brexit-Freitag aufwachen und die Welt nicht mehr verstehen würde.

Jetzt ist es passiert. An meiner Meinung zu Trump hat sich nichts verändert. Und ich habe auch wirklich manchmal Angst. Angst um unsere Werte, um die viele Freiheit und Gleichheit, die wir doch erreicht haben. Angst, was werden soll, wenn ein frauenverachtender Rassist ein so mächtiges Land regiert. Ich sagte erst jüngst zu meinem Freund: “die werden doch keine Konzentrationslager in der Wüste bauen, Trump und dieser schreckliche Bannon?”Ich finde nicht, dass man diese ganzen grauenhaften Dinge, die im Wahlkampf gesagt wurden, entschuldigen kann. Durch nichts! Und doch fühle ich mich ertappt. Ertappt beim arrogant sein. Beim “in der Blase der Besserverdienenden und Gebildeten” leben. Beim ignorant sein. Wie oft habe ich gesagt: “Dumm, dumm, dumm sind die einfach!” (Über die Amerikaner und über AfD-Wähler). Doch so einfach ist es nicht. Sicher sind viele wirklich dumm, gewaltbereit, hetzerisch und stumpf. Aber dazwischen gibt es so viel mehr.

Immer wieder laß ich über die Menschen, die Trump gewählt haben. Die Mittelschicht, vielleicht untere Mittelschicht, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten immer mehr verloren hat. Arbeitslosigkeit, Drogensucht, oder einfach nur ein hartes Leben, viel Arbeit, wenig raus. Menschen, die das Establishment und die Elite in Washington verachten und sich von ihr im Stich gelassen fühlen. Für die Trump tatsächlich der Heilsbringer ist. Dass er ein sexistischer, homophober, politisch völlig unerfahrener Neureicher ist – egal. Denn es geht wohl kaum um Inhalte. Hauptsache da ist jemand, der sich für uns interessiert. Ich will nicht sagen, dass so viel Ignoranz zu entschuldigen ist. Aber ich glaube nicht, dass all diese Menschen böse sind, Schwule hassen und Ausländer. Ich glaube, es geht bei den meisten um ganz andere Emotionen.

Parallelen ziehen

Nun ist es nicht so, dass wir uns mit den USA vergleichen können und müssen, das ist schon klar. Unser Wahlsystem ist auch so ausgelegt, dass es kaum möglich sein wird für einen Underdog, unser Land zu übernehmen. Und doch ist eines klar: der Populismus ist in ganz Europa auf dem Vormarsch. In Österreich, in Ungarn, und auch bei uns. Und einer der Hauptgründe dafür ist, dass wir immer mehr zu Zwei-Klassen-Gesellschaften werden. Und die eine Klasse lehnt sich gern nach rechts außen. Wählt emotional Parteien, die für menschenverachtende Inhalte stehen. Sucht Buhmänner und findet sie bei denen, die noch schwächer sind als sie. Noch mal: das ist nicht zu entschuldigen. Ich finde das auch unmöglich. Aber sollten wir nicht versuchen, die Kerbe zwischen den Klassen kleiner zu machen? Könnten wir nicht dadurch etwas erreichen, dass wir nicht noch weiter versuchen, uns abzugrenzen?

Ich bin ja irgendwie auch Teil davon, Teil der Elite. Die meisten unserer Leser sind das wahrscheinlich. Einigermaßen genug Geld (oder vielleicht auch mehr als genug oder gerade so genug), ziemlich viel Bildung, gutes Essen, Weitsicht, viel von der Welt gesehen, viele Privilegien. Vielleicht auch noch Großstadt und ein großes kulturelles Angebot um die Ecke. Hier in Kreuzberg, wo ich lebe, ist es besonders krass: 60% wählen in meinem Kiez grün, die anderen 40% rot und dunkelrot. Man kauft im Bio-Markt ein, ließt die SZ und die FAZ, spendet für Flüchtlinge und unterhält sich über die Qualität der Grundschulen.

Dabei tut es so gut über den Tellerrand zu schauen und ich finde, unsere Kinder sind die beste Möglichkeit hierfür. Xaver ist zum Beispiel in einer sehr gemischten Kita, ich bin Elternsprecherin, es gab viel Handlungsbedarf in den letzten Monaten. Die Eltern sind näher zusammengerückt, arm und reich, deutsch und arabisch, türkisch, was auch immer. Das war schön! Und so interessant! Und zwischendurch war ich besorgt, weil Xaver einer der wenigen deutschen Kinder ist, weil er morgens oft der ist, der am besten deutsch spricht, obwohl er der jüngste in seiner Gruppe ist. Letzte Woche hatten wir Elterngespräch und es ist klar: Xaver ist sprachlich extrem weit und gut, er ließt schon fast! Anscheinend schadet ihm das überhaupt nicht, mit so vielen nicht-deutschen Kindern den Tag zu verbringen. Und er nimmt viele von diesen Kindern mit, man profitiert gegenseitig voneinander, ist das nicht schön?

Näher zusammenrücken und Engagement zeigen

Was ich sagen will: Ich glaube, wir können jetzt vor allem versuchen, näher zusammenzurücken. Die Nähe zu Menschen suchen, die nicht aus unserem Dunstkreis kommen. Es ist bequem, sich nur mit Gleichgesinnten zu umgeben. Aber es ist wichtig, auch mit anderen Kontakt zu haben. Menschen, die älter sind, weniger Glück hatten, die in weniger schönen Gegenden wohnen. Das heißt nicht, dass man sie dann “bekehrt”, aber alleine der Austausch ist wichtig. Letztes Wochenende war ich auf einer Babymesse, auch hier war viel Publikum, das mir nicht im Bio-Markt in Kreuzberg begegnen würde. Hätte ich mit manchen über ein Flüchtlingsheim dikutiert, wären wir vermutlich nicht gleich Freunde geworden. Aber auf die Kinder konnten wir uns einigen. Und ich habe viele sehr nette Menschen kennengelernt!

Unsere Kinder sind eine Chance, den eigenen Horizont zu erweitern, aber wir müssen sie natürlich auch nutzen. Vielleicht sollten wir also zwei Mal überlegen, ob wir sie in den Elite-Kindergarten mit Yogakurs schicken. Oder auf die Privatschule mit Bio-Essen. Wir können beim Kinderturnen bewusst den Kontakt zu Eltern suchen, die anders sind als wir. Dadurch wird Trump nicht aus dem Amt gehoben, aber wir alle können den Graben, der durch unsere Gesellschaft läuft, vielleicht ein bisschen kleiner machen.

Das ist die eine Sache. Die andere ist politisches Engagement. Ich bin nich stolz darauf, aber ich habe mich in den letzten Jahren mehr mit Kinderkram als mit Politik beschäftigt. Familienpolitik stand vielleicht gerade noch auf der Agenda, Außenpolitik wurde mir immer mehr zuwider, dabei habe ich meine Abschlussarbeit mal über den Irakkrieg geschrieben. Für mich sind die Geschehnisse ein Wachrüttler, mich endlich wieder mehr zu engangieren. Im Kleinen vielleicht, auf Bezirksebene. Im Freiwilligen-Bereich. Denn natürlich verbockt die Politik es auch hierzulande ordentlich. Dass es den Rentnern so schlecht geht, den Alleinerziehenden. Alles Dinge, die geändert werden müssen, denn es ist ja kein Wunder, dass sich Unmut regt. Ich verspüre dieser Tage auf jeden Fall das dringende Bedürfnis, mich zu engagieren und ich denke, so geht es vielen. Bei Facebook wimmelt es von Aufrufen, aktiv zu werden, Gruppen bilden sich.

Man kann nicht viel Gutes an der US-Wahl finden, aber das ist doch vielleicht gar nicht so schlecht…

Was hat die Wahl bei euch ausgelöst?

lastthisweek

Beide Bilder sind von Mari Andrew. Ein SEHR folgenswerter Instagram-Account von einer tollen Frau!

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