Muss man sich in der Elternzeit neu erfinden?

04. September 2018 | in Alltag | Familie | Muttergefühle | Parenting

Kurz vor Ende der Elternzeit bekomme ich plötzlich Panik: Hätte ich nicht noch viel mehr tun, erleben, reisen oder umkrempeln sollen? Passt mein jetziges Leben noch in mein altes Arbeitskorsett? Hätte ich mich in dieser Zeit nicht komplett neu erfunden haben sollen – als Mutter und auch sonst?

Ich frage mich, woher diese Gedanken kommen und stelle fest: Mein Instagram Account ist voll von Müttern, die ein Start-up hochziehen und ihre drei Kinder mit ins Büro nehmen. Oder Frauen, die mit ihren Familien um die Welt reisen und nebenher ein Business aufbauen. Mamas, die Konferenzen für die Frauen von morgen organisieren, die ein Kinderlabel haben oder endlich einer sinnstiftenden Arbeit nachgehen.  Allesamt gut aussehende Mütter, die es anscheinend geschafft haben, Leben und Arbeitsleben zu verbinden und damit das heutzutage gefühlt höchste Gut, nämlich Erfüllung sowohl im Arbeits- wie auch Privatleben gefunden zu haben scheinen.
Die in der Elternzeit DIE springende Idee hatten, die ihr ganzes Leben verändert hat.

Ich habe diese role models abonniert, weil sie mir Antrieb und Inspiration geben. Und ich schreibe auch hier bei Little Years über tolle Mütter, die mich beeindrucken mit dem, was sie tun. An manchen Tagen tut das gut, andere Lebensentwürfe zu sehen, an anderen Tagen zieht es mich runter. Natürlich ist es so, dass man sich unbewusst vergleicht. Und das erzeugt Druck: Das Gefühl, noch mehr in das ohnehin rappelvolle Leben mit Kind packen zu müssen, um ebenso erfolgreich zu sein.

Vergleichen macht auch noch etwas anderes – es zieht die Energie von mir selbst ab, zu jemand anderem hin. Dabei brauche ich doch genau das: Mehr Energie, um alles geschafft zu kriegen.

Druck! Vergleichen!

Irgendwann fiel aber genau dieser Druck von mir ab und ich merkte: Der Trick ist, bei mir selbst zu bleiben. Nicht nach links und rechts gucken, vor allem nicht in die medialen Kanäle, sondern vorerst einfach nur auf mich und meine Familie.

Mich frei von den Erwartungen an mich selbst machen und dem, wie ich nach außen hin wirken will. Auch ich dachte, ich müsste in der Elternzeit nach Thailand oder Bali fliegen. Eine Geschäftsidee haben. Die besonderen Momente alle festhalten und im Anschluss wunderschöne Bücher gestalten. Man kann das machen. Muss man aber nicht. Wie immer geht es darum, ganz tief in sich hineinzuhorchen, um festzustellen, ob man das wirklich will und braucht. Und warum.

Habe ich jetzt überhaupt die Kraft und Energie, ein Produkt zu launchen? Nein, ehrlicherweise habe ich das nicht. Die Krux in der Elternzeit ist doch: Wir müssen zwar im besten Fall nicht ins Büro gehen. Aber wir haben deshalb gar nicht mehr Zeit! Wir haben als Eltern mit kleinen Kindern so wenig Zeit wie noch nie zuvor in unserem Leben, für uns selbst und für unsere Projekte.

Die Befreiung

Das zu erkennen, dann anzuerkennen und sich dann trotzdem lockermachen gehörte für mich zu den härtesten Prüfungen der Elternzeit. Dazu zu stehen, dass man die paar Stunden, an denen das Baby schläft am liebsten einfach lesend auf der Couch verbringt  und nicht die nächste Sheryl Sandberg oder Gründerin des Jahres wird, hat auch etwas befreiendes!

Und auch wenn man jeden Tag aufs Neue mehr machen will, als Baby- und Alltagsorganisation: Es ist ganz heilsam, sich am Ende des Tages zu fragen: Wie viel Zeit habe ich heute wirklich konzentriert meinem Kind gewidmet? Abgesehen von anziehen, füttern und spazieren gehen. Wann haben wir zuletzt gemeinsam ein Buch gelesen oder gespielt? Oft ist es nämlich so, dass man vor lauter Ambitionen, noch etwas anderes außer dem Baby gewuppt zu kriegen, nirgendwo wirklich präsent ist – weder beim Kind, noch bei all den Projekten.

Dabei ist unsere Aufgabe als Eltern mit mehr Milestones gespickt, als jedes Großprojekt! Es geht darum, einen kleinen Menschen in diese Welt zu begleiten. Ihn oder sie zu stärken, zu nähren, zu fördern und zu unterstützen, den eigenen Weg zu gehen.
Im Rückblick ist man immer schlauer und wenn ich meiner Mutter eines glaube, dann ist es das, was sie mir in jenem Augenblick, sagte an dem ich gerade mal wieder am zweifeln war: Es gibt in diesem Leben nichts Sinnstiftenderes, als ein Kind großzuziehen. An dieser Aufgabe zu wachsen, zu lernen und an den guten Tagen beglückt zu sein, das erleben zu dürfen – das ist für mich, im Moment zumindest, das Wichtigste.

Was mir wirklich wichtig war

Deswegen habe ich meine Elternzeit vor allem mit einer Sache verbracht: mit meinem Baby! Und mit meinem Partner. Wenn wir uns zusammen gefragt haben, was gerade wirklich wichtig ist, dann war das: Uns neu zu erfinden, als kleine Familie.
Und auch mich selbst, als Mama – die musste ich ja auch erst mal kennenlernen. Wir waren in Europa unterwegs und haben keine Weltreise gemacht. Wir haben sehr viel erlebt, aber ich habe das Rad nicht neu erfunden. Wir haben ganz viel Alltag gemacht. Und das ist völlig in Ordnung so. Denn damit verbringen wir die meiste Zeit unseres Lebens.

Alles andere kann (noch) warten. 

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