Mental Health matters! Warum psychische Unterstützung für Mütter so wichtig ist

17. November 2021 | in Geburt | Gesellschaft | Muttergefühle

Cinderella Baksa-Soós arbeitet in Berlin als Coach und Körpertherapeutin und sieht einen dringenden Bedarf an mehr therapeutischem Angebot für junge Eltern, insbesondere für Mütter. Das Mutterwerden würden viele Frauen als sehr isoliert erleben und noch immer würde viel zu wenig über die psychischen Herausforderungen dieser Lebensphase gesprochen. Deshalb brauche es mehr Unterstützung auf psychischer als auch körperlicher Ebene – denn diese sind für Cini untrennbar miteinander verbunden. Im Interview erzählt sie uns mehr über ihre Arbeit, was Frauen bei Geburtstrauma tun können und warum es so wichtig ist, sich mit seinen Ängsten und Sorgen nicht zurückzuziehen.

Liebe Cinderella, Du arbeitest als Heilpraktikerin für Psychotherapie, Coach und Körpertherapeutin. Was fasziniert Dich an der Verbindung von Körper und Geist?

Ich habe schon als Teenie angefangen, mich für fernöstliche Ansätze zu interessieren, welche den Mensch als Ganzes sehen, als untrennbare Einheit von Körper, Geist – und auch der Seele, wie TCM oder Ayurveda. Wenn ein Rädchen in unserem komplexen Uhrenwerk nicht richtig läuft oder sogar beschädigt ist, dann hat das Auswirkungen auf das gesamte System. Ähnlich wie in der Natur. Alles ist mit einander verwoben. Ich bin selbst als Klientin zum Klopfen und zur Körperarbeit gekommen – und es hat mich sofort gefesselt. Meine erste Transformative Bodywork Session war für mich mind blowing und hat so viel positive Veränderung für mein Leben in Gang gesetzt. Das wollte ich unbedingt auch machen. Hinzu kommt, dass ich ein pragmatischer Mensch bin und im Therapiekontext lösungsorientierte Ansätze bevorzuge, also eher Coaching statt Analyse.

Zu den Methoden, die du anwendest gehören Transformative Bodywork und Akkupressurklopfen. Kannst du uns etwas mehr darüber erzählen?

Transformative Bodywork funktioniert wie ein Coaching für den Körper. Das Ziel ist es, einschränkende 
Zustände, egal ob körperlich, emotional, gedanklich oder im Verhalten, über den Körper loszulassen und Platz für neue Qualitäten zu schaffen. Über Beobachtung und Berührung werden meine Klient*innen auf das Muster aufmerksam gemacht, das mit den Beschwerden in Zusammenhang steht, zum Beispiel Muskelanspannungen, Taubheitsgefühle, bestimmte Gedanken oder eingeschränkte Atmung.
Beim Akkupressurklopfen, auch als Tapping oder EFT (Emotional Freedom Technique) bekannt, werden Meridianpunkte am Oberkörper, also Energiepunkte aus der Akkupunkturlehre, beklopft. Einfach gesagt, geht es darum, die Energie wieder in den Fluss zu bringen. Außerdem werden die belastenden Emotionen, die an einer traumatischen Erinnerung hängen, von dieser entkoppelt. Das heißt, die Erinnerung an die traumatische Erfahrung fühlt sich für die Klientin oder den Klienten nicht mehr so schlimm an. Sie können sich z.B. an einen traumatischen Unfall erinnern ohne dabei in Angst oder Panik zu geraten.

Du möchtest Dich mit deiner Arbeit auch explizit an Mütter richten – warum?

Ich begegne hier in meinem Studio immer wieder Müttern mit wiederkehrenden Symptomen bzw. Herausforderungen. Meine Erfahrung ist, dass viele Mütter das Mutterwerden sehr isoliert erleben. Schon in der Schwangerschaft geschieht so viel Veränderung, körperlich, emotional und in den Lebensumständen. Es ist schwer, diese Erfahrungen zu 100% zu teilen und rund um die Geburt kommt es dann immer mehr zum Cocooning. In unserer urbanisierten Gesellschaft leben wir nun mal nicht mehr mit der ganzen Familie unter einem Dach. Da bleibt eine Mama viel allein mit einem Baby, während die Partnerin oder der Partner, Familie und Freund*innen arbeiten sind. Und jetzt noch on top die Pandemie…

Was sind die Herausforderungen oder „Symptome“, denen du in deiner Arbeit vor allem mit Müttern oft begegnest?

Es gibt viel Scham und Schuldgefühle, viele halten ihre Erfahrungen für „nicht schlimm genug“ oder denken, sie würden weinerlich sein. Vielen Müttern tut es daher schon unheimlich gut, sich mitteilen zu können, gehört und gesehen zu werden, besonders mit den unschönen Erfahrungen, und Beistand und Bestätigung zu erhalten, wenn etwas für sie schlimm war. Manche haben auch traumatische Geburten erlebt, aber oft sagen sich die Frauen „jetzt hab dich doch nicht so“. Neben diesen psychischen Herausforderungen gibt es natürlich auch die typischen körperlichen Beschwerden, wie Milchstau, entzündete Brustwarzen, Geburtsnarben, Beschwerden vom Tragen usw., bei denen Körperarbeit ebenfalls helfen kann. Manche Frauen finden sich super schnell in der Mutterrolle ein, aber manche hadern damit lange und leiden eventuell an Schuldgefühlen oder depressiven Symptomen. Psychische Belastungen wirken sich natürlich auch auf den Körper aus und körperliche Beschwerden wiederum auf die Psyche. Das eigene Körperempfinden verändert sich und vielleicht auch die Lust auf Sex. Das kann wiederum zu Konflikten in der Partnerschaft führen … also das Mutterwerden ist schon ein ganz schöner Hammer mit vielen Herausforderungen auf allen Ebenen.

Viele Menschen erleben den Geburtsprozess als schwierig, belastend oder sogar traumatisch, aber die wenigsten holen sich professionelle Hilfe, um dies zu verarbeiten. Woran können Betroffene erkennen, dass sie ein sogenanntes Geburtstrauma haben und es gut wäre, sich Unterstützung zu holen?

Die veränderte Stimmung ist ein wichtiger Indikator. Sind die Frauen schnell gereizt, viel traurig oder teilnahmslos, kann das ein Hinweis sein. Ebenso viel weinen und wiederkehrende Gedanken an die Geburt. Auch körperliche Symptome wie Kopf- oder Rückenschmerzen können auf eine Belastung hindeuten. Und dabei ist es wirklich ganz egal, wie „gut“ die Geburt verlief und was im Geburtsbericht steht. Allein das Erleben der Eltern zählt! Manchmal ist es auch schwierig sich einzugestehen, dass es eventuell kleine Sachen gab, die verletzend waren, manchmal nur ein Satz. Wenn man aber im Kreißsaal liegt in exponierter Lage liegt und der Situation und auch den Menschen ausgeliefert ist, ist man einfach hochsensibel und auch verletzbar, da kann einen schon ein einziges Wort sehr treffen. So etwas habe ich sehr viel erlebt: fehlende Kommunikation zwischen Eltern und Ärzt*innen, Hebammen oder Pfleger*innen und den Eltern wurde damit Angst gemacht, etwas könnte mit ihrem Kind sein… z.B. frisch gewordene Eltern, die nach der Geburt stundenlang alleine gelassen wurden, in irgendeinem Wartesaal, während das Kind untersucht wurde. So etwas kann Spuren hinterlassen.

Wie können Tapping und Körperarbeit bei diesen Herausforderungen helfen?

Auf jeden Fall kann Trauma über den Körper verarbeitet werden, manchmal sogar eher als über den Verstand. Das Trauma Tapping ist gerade für Frauen, die traumatische Geburtserfahrungen hatten, sehr effektiv. Manchmal passiert es auch, dass Gebärende sich durch Schwangerschaft und Geburt z.B. durch einen Kaiserschnitt vom eigenen Körper entfernt fühlen. Sie haben dann Probleme, ihren Körper zu akzeptieren und fühlen sich unzufrieden oder nicht ganz als „Mutter“, weil sie das Kind nicht auf natürlichem Wege bekommen haben. Oder sie empfinden den Kaiserschnitt als Verletzung, es ist ja auch ein großer Eingriff. Körperarbeit kann dann helfen, wieder in den eigenen Körper zu kommen, das Körperbewusstsein zu erhöhen und auch in die eigene Sexualität zurück zu finden. Es ist immer wieder erstaunlich, wie viel Selbstheilungs-Potenzial in jedem von uns steckt, wenn die richtigen Kanäle geöffnet sind.

Wie war es für dich selbst, Mutter zu werden?

Ich persönlich habe diese frühe Babyzeit auch als sehr einsam in Erinnerung. Für mich war die Anfangszeit sehr schwierig, was aber auch an der damaligen Beziehung lag. Es gab zwar Möglichkeiten, sich zu treffen, aber oft auch nur kurz und tiefere Gespräche bleiben dann natürlich auf der Strecke. Die Aufmerksamkeit ist immer beim Kind und die Momente die man für sich hat, lassen sich oft im Voraus nicht planen. Für die meisten Frauen kommt der Realitätshammer erst, wenn das Kind da ist. Dann spüren sie die Einschnitte im eigenen Leben. Darauf bereiten einen die Wenigsten vor. Aber nachdem ich selbst Mutter geworden bin, kamen peu à peu immer mehr Erfahrungen von Außen dazu, von Müttern, die ebenfalls zu struggeln hatten, vor allem nach dem ersten Kind. Umso mehr ich mich damit beschäftigt habe, umso erschreckender fand ich es, wie wenig Angebote es gibt, Eltern auf psychischer Ebene zu unterstützen.

Warum fällt es Eltern aus deiner Sicht so schwer über die psychologischen Herausforderungen der Elternseins zu sprechen?

Wie schon erwähnt, hängen viel Scham und Schuld an dem Thema. Eine Mutter ist soziokulturell quasi eine Halbgöttin, fehlerfrei und stark. Das macht es schwer, sich Verletzungen einzugestehen. Insbesondere, wenn sie von vielen Meinungen um sich herum beeinflusst wird. Dies kann sehr verunsichernd sein. Hinzu kommt, dass frisch gebackene Eltern faktisch wenig Zeit haben, sich Unterstützung zu suchen und zu nehmen. Sich bei der Krankenversicherung melden, fühlt sich meist falsch an, weil sie nicht „wirklich krank“ sind. Mehr Anlaufstellen, mehr offener Diskurs im Rahmen der Schwangerschaft und Nachsorge, mehr Publikationen in der Presse, mehr gesellschaftliche Akzeptanz, dass seelische Gesundheit genauso wichtig ist wie körperliche. Und psychotherapeutische Sitzungen genauso wichtig sind wie Arztbesuche – das wäre toll!

Wenn es etwas gäbe, das du aus deiner persönlichen aber auch beruflichen Erfahrung Menschen, die vor kurzem Eltern geworden sind, mitgeben könntest – was wäre das?

Ich möchte ihnen gerne sagen: Liebe Eltern, in eurem individuellen Erleben gibt es kein richtig oder falsch. Jede Schwangerschaft, jede Geburt, jedes Baby und jede Lebenssituation ist so einzigartig, dass niemand eure Geschichte bewerten kann, außer ihr. Wenn es euch nicht gut geht, versteckt euch nicht. Zeigt euch und holt euch Unterstützung. Ihr seid nicht allein! Sprecht darüber und helft damit anderen Eltern, die vielleicht auch Unterstützung brauchen. Bleibt im Vertrauen, mit euch, eurem Baby, eurer Familie; es darf und soll euch gut gehen.

Vielen Dank!

Cinderella Baksa-Soós bietet auch Online-Sitzungen und Hausbesuche im Wochenbett an. Mehr Informationen zu  ihrer Arbeit findet ihr unter  https://www.cinderellabaksasoos.de/.

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