Let’s talk about: Wie und wann klärt man Kinder eigentlich über Sex auf?

19. April 2022 | in Familie | Gesellschaft | Letstalkabout

Es gibt wohl nur wenige Eltern, die nicht etwas ins Schlingern geraten, wenn ihnen ihr vierjähriges Kind die Frage stellt: “Mami, wie schaffen es Papi-Lullis Kinder in die Mamas zu schießen?” Zumindest ging es mir so. Dabei halte ich mich weder für prüde, noch für verklemmt. Ich komme aus einem liberalen Elternhaus und wurde, zumindest für damalige Verhältnisse, ganz gut aufgeklärt, sodass ich mir nicht mein ganzes Wissen aus der Bravo ziehen musste. Und trotzdem zuckte ich etwas zusammen, als mir mein Sohn vor einiger Zeit, völlig aus dem Nichts heraus, diese Frage stellte. Denn mir war nicht völlig klar: “Was kann ich einem Kind in diesem Alter bereits “zumuten” und wie verpackt man die Infos am besten?”. Einer, der ganz genau weiß, wie man das Thema Sex bzw. Sexualität kindgerecht erklärt, ist Carsten Müller. Er ist Sexualpädagoge und Sexualtherapeut in Duisburg und hat bereits zwei ganz tolle Bücher zu der Thematik veröffentlicht.

Carsten nimmt kein Blatt vor den Mund und schafft es, dass man beim Reden über Sex kein einziges Mal verlegen oder rot wird. Warum auch? Es ist ja auch die natürlichste Sache der Welt. Warum es vielen Erwachsenen dennoch schwer fällt, ihren Kindern zu erklären, was Penis und Vulva sind und was man damit macht; ob es den besten Zeitpunkt für ein Aufklärungsgespräch gibt; warum man nicht von “Mumu” und “Schniedelwutz” sprechen sollte; was es mit “kindlicher Masturbation” auf sich hat und ob man Kindern “Doktorspiele” erlauben sollte – all das erklärt mir der sympathische Sexualpädagoge im Interview. Sein Rat: Eltern sollten das Thema Aufklärung nicht komplett aus der Hand geben. Denn dann suchen die Kinder woanders nach Antworten – und finden vielleicht verstörende Erklärungen, die ihnen nicht gut tun und noch mehr Fragen aufwerfen…

Lieber Carsten, mal vorab gefragt: Wie und warum entscheidet man sich, Sexualpädagoge bzw. Sexualtherapeut zu werden? Bist du da über Umwege hingekommen oder war das immer schon dein Berufswunsch?
Ich bin da tatsächlich über Umwege gelandet. Ich habe Sozialpädagogik studiert und dann in der Kinder- und Jugendhilfe gearbeitet. Dort habe ich immer gemerkt, dass das Thema ‚Sexualität‘ zwar sehr präsent ist, dass aber keine*r meiner Kolleg*innen gern darüber spricht. Ich hatte dort viel mit übergriffigen jungen Menschen zu tun und konnte damit auch ganz gut umgehen, habe aber trotzdem gemerkt, dass ich in dem Bereich rein fachlich nicht gut aufgestellt bin, weil Sexualität in meiner Ausbildung kaum thematisiert wurde. Dann habe ich die erste Weiterbildung in diese Richtung absolviert und gemerkt, wie spannend das ist. Mit der Zeit wurde da ein richtiges Herzensthema daraus – und heute bin ich Sexualtherapeut und Sexualpädagoge.

Wie wurdest du als Kind aufgeklärt?
Ich komme aus einer klassischen Familie – irgendwo zwischen liberal und konservativ. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass meine Eltern mit mir ein richtiges Aufklärungsgespräch geführt hätten. Nicht weil sie das nicht wollten, ich glaube einfach, sie sahen darin keine Notwendigkeit. Es war einfach kein Thema. Es wurde aber auch keine Hand von außen gereicht, nach dem Motto: Sexualität darf hier bei uns ein Thema sein. Wie viele andere auch, hab ich durch die Bravo das meiste dazu erfahren.

Hat sich der gesellschaftliche Blick auf Sexualität bzw. der Umgang mit ihr über die Jahre verändert?
Ich würde schon sagen, das sich einiges verändert hat. Sexualität ist heute viel präsenter als früher. Durch die Medien, das Internet… Aber genau deshalb braucht es mehr Aufklärung denn je. Denn jedes Kind, ob wir Eltern das nun wollen oder nicht, kommt irgendwann mit Sexualität oder sogar Pornografie in Berührung. Und weil da im Internet auch viel Quatsch vermittelt wird, ist es unsere Aufgabe, die Kinder gut drauf vorzubereiten, damit sie bestimmte Bilder und Aussagen richtig einordnen können.

Du hast letztes Jahr das Kinderbuch „Von wegen Bienchen und Blümchen“ veröffentlicht, ein Aufklärungsbuch für Kinder ab 5 Jahre. Ein tolles Buch, zugegeben. Aber brauchte es das noch im Jahr 2022?
Unbedingt. Denn Erwachsene haben einen ganz anderen Blick auf Sexualität als Kinder. Kindliche Sexualität ist vor allem von Neugier geprägt. Für Kinder ist das ein reines Sachthema. Und dazu haben sie eben Fragen. Wie Kinder auch Fragen zu Leben und Sterben oder zu Brokkoli stellen… Ich erlebe aber ganz oft, wie hilflos und überfordert Eltern auch heute noch sind, wenn sie mit solchen Kinderfragen konfrontiert werden. Oft sind das Menschen, denen es generell schwer fällt über Sexualität zu sprechen. Und wenn ich es in meinem Alltag mit Freund*innen oder in der Partnerschaft nicht schaffe, wie soll man dann mit seinem Kind darüber reden. Es gibt in dem Bereich noch immer bei vielen eine große Sprachlosigkeit.
Das ist wirklich verrückt. Auf der einen Seite war Sexualität noch nie so frei verfügbar wie das heute der Fall ist. Überall wird man vollgeballert – auf riesigen Werbeplakaten, im Fernsehen, im Internet sieht man Brüste, Penisse, Dildos – und trotzdem redet kaum einer darüber.
Auch in der Ausbildung von Fachkräften, bei Psychotherapeuten, Medizinern, Pädagogen, ist die Sexualität wenig bis gar kein Thema. Und daher gibt es bis heute in der ganzen Gesellschaft noch immer eine große Sprachlosigkeit.

Warum sind wir Großen da immer noch so gehemmt?
Das hat bei vielen sicher biografische Gründe. Wenn im Elternhaus nicht viel über Sex geredet wurde, übernimmt man häufig selbst diese Sprachlosigkeit.

Kinder entstehen ganz natürlich – aber wir können nicht natürlich darüber reden… Wie paradox!?!
Total. Dabei sind wir alle sexuelle Wesen. Jedes Kind entdeckt irgendwann seinen Körper, beschäftigt sich damit, hat Lust auf körperliche Rollenspiele… Das gehört einfach zur Identitätsentwicklung mit dazu und ist völlig normal. Daher ist es unsere Aufgabe, die Kinder dabei zu unterstützen und zu begleiten.

Was geschähe, wenn wir Eltern die Aufklärung der Kinder „outsourcen“ – an Google, die Kita oder die Schule?
Dann verlieren wir die Deutungshoheit. Wenn wir unsere Kinder aufklären, haben wir die Möglichkeit ihr Bild von Liebe, Partnerschaft und Sexualität zu prägen. Wir reden doch auch mit ihnen über Essen – erklären, was gesund ist, was nicht, wie man Dinge zubereitet etc. … Wenn Kinder Fragen zu Sexualität haben, wir die aber nicht beantworten, dann geht die Frage ja nicht weg. Im Gegenteil, dann suchen die Kinder woanders nach Antworten. Im schlechtesten Fall ist das dann Google. Dort werden sie dann aber so von Infos bombardiert (mitunter auch falschen oder verstörenden), dass dadurch noch mehr Fragen entstehen.
Das soll nicht heißen, dass Eltern allein die Aufklärung übernehmen müssen. Auch in der Schule, in der Kita, unter Freunden erfahren sie viel. Das ist also eine große bunte Tüte. Und das ist auch in Ordnung. Nur die elterliche Verantwortung sollte nicht komplett aus der bunten Tüte genommen werden. Wir haben die Verantwortung und sollten diese auch nutzen und somit die Möglichkeit, unseren Kindern ein gelungenes Bild von Sexualität zu vermitteln.

Warum ist eine kontrollierte und adäquate Aufklärung so wichtig?
Wenn wir unseren Kindern erklären, wie die Körperteile heißen, wie Sex geht, was schöne Gefühle erzeugt und was nicht so schön ist – dann ist das auch ein ganz wichtiger Teil von Prävention von sexualisierter Gewalt. Wenn ein Kind erlebt, dass es mit seinen Eltern über alles reden kann – auch über Sexualität – dann kommt es doch viel eher zu ihnen und berichtet von Dingen die sich nicht so gut anfühlen, als wenn es meint, daheim darf nicht über dieses „Tabu“-Thema geredet werden.

Soll ich in Sachen Aufklärung aktiv auf mein Kind zugehen oder warten, bis es mir konkrete Fragen stellt?
Es geht nicht darum, dass man das große Aufklärungsgespräch am Küchentisch führt, wo alles haarklein erklärt wird. Wenn ein Kind eine Frage hat, dann sollte man diese konkret beantworten. Da darf man auch mal peinlich berührt sein. Das ist nur menschlich und das muss man auch nicht verstecken. Und wenn einen die Frage überfordert, dann darf man sich auch Zeit verschaffen. Aber man hat die Verantwortung, später noch einmal auf diese eine Frage einzugehen. Hilfreich ist es auch, mit dem Partner zu besprechen, wie man seinem Kind bestimmte Dinge erklären will. Kurzum: Egal wie abstrus die Frage eines Kindes ist, ich würde immer versuchen, sie auf Sachebene zu beantworten. Denn bei allem, was nicht beantwortet wird, sucht das Kind die Antworten woanders.

Ab wann ist das richtige Alter, Kindern zu erklären, wie ein Baby entsteht? 
Das geht im Grunde schon auf dem Wickeltisch los, in dem ich die Körperteile konkret benenne. Da kann man ruhig sagen: „Ich putz jetzt deinen Popo. Und nun schieb ich deinen Penis zur Seite, damit ich da auch alles sauber machen kann.“…

Sorry, wenn ich da dazwischen grätsche. Das bedeutet, man sollte von Anfang an die richtigen Begrifflichkeiten verwenden? Und nicht von ‘Schniedelwutz’ oder ‘Mumu’ sprechen?
Ja genau, warum auch nicht? Wir verwenden ja auch nicht für andere Körperteile irgendwelche niedlichen Phantasiewörter. Für Kinder macht es keinen Unterschied, wenn wir sagen: „Das ist der Baum. Das ist das Haus. Das ist der Penis. Das ist die Vulva…“ Das sind alles Sachbegriffe.

Okay, zurück zur Ausgangsfrage, ab wann man Kinder aufklären sollte…
Wie gesagt, man kann, durch die Benennung der Körperteile schon auf dem Wickeltisch damit anfangen. Dann kann man den Kindern auch mal einen Spiegel hinhalten, wenn sie nackig sind und sie ermutigen, sich mal genau anzuschauen – damit so etwas wie ein Körpergefühl entsteht. Ansonsten würde ich immer warten, bis das Kind mit Fragen auf mich zu kommt. Es ist also nicht nötig, sich am Tag des vierten Geburtstags, mit dem Kind hinzusetzen und Tacheles zu reden. Das sollte schon alles vom Kind ausgehen. Stichwort: Selbstbestimmtheit. Dennoch würde ich schon sagen, dass ein*e Erstklässler*in schon auf der Sachebene wissen sollte, wie ein Baby entsteht. Denn man muss immer davon ausgehen, das Kinder bereits in der Grundschule mit Pornografie in Berührung kommen können. Nicht weil sie danach suchen, sondern weil sie z.B. bei Google „süße Möpse“ eingeben und dann nicht mit niedlichen Hunde-Bildern konfrontiert werden. Und da sollte das Kind vorbereitet sein.

Ist die Aufklärung eines vierjährigen Kindes anders als die eines achtjährigen?
Ja, auf jeden Fall. Einfach weil die Fragen andere sind. Und damit auch der Umfang der Antwort. In der Regel fragt keine Vierjährige konkret nach „Homosexualität“, eine Achtjährige aber vielleicht schon. So wie das Leben von Kindern von Jahr zu Jahr komplexer wird, so werden auch die Fragen größer und komplexer.

Ab wann entdecken Kinder ihre eigene Sexualität? Und wie reagiere ich als Elternteil darauf?
Kinder merken relativ früh, dass ihr Genital ein sehr sensibler Bereich ist und dass sie sich dort selbst schöne Gefühle bereiten können. Ein Beispiel: Wenn Kinder im Einkaufswagen sitzen, mit der Metallstange zwischen den Beinen, dann kann ihnen das durchaus schöne Gefühle bereiten. Und das ist ein ganz großer Selbstwirksamkeitsaspekt, weil sie merken: Ich kann mir ganz alleine, ohne Mama oder Papa, schöne Gefühle machen.
Natürlich darf man als Elternteil eingreifen, wenn der Ort dafür gerade nicht passt. Da könnte man z.B. ganz ruhig sagen: „Dich bei Oma am Küchentisch nackig zu machen, ist kein passender Ort. Bei dir im Zimmer darfst du das.“
Man darf also Grenzen ziehen. Und man kann auch – auf der Sachebene – sagen: „Du hattest gerade deine Hand zwischen den Beinen, dann gehst du jetzt aber erstmal Hände waschen, bevor wir wieder was spielen.“ Da kann man nichts verkehrt machen. Wichtig ist nur, nicht zu schimpfen. Weil dann beim Kind das Gefühl entsteht, es hat etwas Verbotenes oder Ekliges getan.
Die bewusste Körperentdeckung geht also im Kindergarten los. Bei den einen mehr, bei den anderen weniger. Und für einige ist es auch ein Mittel zum Stressabbau. Daher reiben sich vor allem in Schlafsituationen, also beim Einschlafen, viele Kinder ihr Genital. Weil es ein Weg für sie ist, runter zu kommen.

Da gibt es auch keine Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen, oder?
Nein. Da gibt es keine Unterschiede.

Sollte man so etwas wie „Selbstbefriedigung“ dann als Eltern auch thematisieren…
Das ist ja keine Selbstbefriedigung wie wir sie als Erwachsene kennen. Es gibt zwar den Begriff der „kindlichen Masturbation“ – aber ich finde diesen etwas schwierig. Kinder haben ja keine konkreten Bilder oder Menschen im Kopf, während sie das machen, so wie Erwachsene. Sie tun es einfach, weil es sich gut anfühlt. So wie Eis essen.
Trotzdem kann man als Eltern darüber reden und auch Grenzen setzen. Nach dem Motto: „Hier im Wohnzimmer spielen wir und schauen Fernsehen – in deinem Zimmer darfst du dir aber schöne Gefühle machen.“

Kinder entdecken ihre Körper auch gegenseitig. Stichwort Doktorspiele. Sollte man da intervenieren oder das Ganze laufen lassen? 
Auch hier braucht es Regeln, wie in anderen Bereichen aus: Der Freiwilligkeitsaspekt ist hier sehr wichtig. Man darf sich nicht weh tun. Und auf keinen Fall sollte man sich Gegenstände in Körperöffnungen stecken. In die Nase gehört ja auch keine Murmel.
Man darf solche Spiele als Erwachsener durchaus beenden, wenn sie einem zu weit gehen. Aber auch hier sollte man nicht schimpfen – sondern eher sagen: „Los, nun alle die Hose hochziehen. Jetzt spielen wir eine Runde Karten.“ Mann kann so etwas natürlich auch laufen lassen, muss dabei aber eventuell damit rechnen, dass die Eltern des anderen Kindes vielleicht nicht so begeistert davon sind, wenn ihnen das Kind später von dem Erlebten erzählt. Eltern sollten einfach auf ihr Bauchgefühl hören – wie bei anderen Dingen auch. Genau wie beim Raufen. Da schreitet man ja auch nicht gleich ein – sondern erst wenn’s zu wild wird.

Was ist wenn ein Kind seine Eltern beim Geschlechtsverkehr „erwischt“. Was sagt man da am besten?
Dann kann man ruhig freundlich sagen: „Geh mal bitte raus. Wir wollen gerade nicht, dass du hier bist, weil wir gerade Privatsphäre haben.“ Das muss man auch nicht groß im Nachgang thematisieren – es sei denn, das Kind fragt danach. Dann sollte man unbedingt etwas dazu sagen.
Und wenn das Kind bereits aufgeklärt ist, dann lässt sich die Situation ja auch sehr leicht erklären. Aber generell sollte uns klar sein, dass Kinder immer mehr mitkriegen, als wir Eltern ahnen.

Wie erkläre ich meinen Kindern am besten, dass es leider sexualisierte Gewalt gibt und wie man sich dagegen zur Wehr setzt?
Ich finde nicht, dass das bei Kindergarten-Kindern schon thematisiert werden sollte. Sie werden früh genug merken, was es alles Schlimme in der Welt gibt, da muss ich ihnen nicht schon so früh Angst machen.Was man aber tun kann, ist ihr Körpergefühl positiv zu fördern, Dinge konkret zu benennen, Ja und Nein zu sagen, Grenzen zu setzen… Darin kann man sie bestärken. Nach dem Motto: Wer weiß, wie Süßes schmeckt, merkt auch, wenn etwas salzig schmeckt. Dadurch spürt das Kind nämlich schnell, wenn ihm etwas passiert, was sich nicht so gut anfühlt und thematisiert das dann auch. Vor allem, wenn es Eltern hat, bei denen es weiß, dass es alles sagen kann, bei denen es sich nackig zeigen kann etc. Denn Täter*innen nutzen ja oft die Schamgefühle von Kindern aus. Und wenn das Thema Sexualität von Haus aus schambesetzt ist, dann ist die Schwelle, mit den Eltern darüber zu reden, was vorgefallen ist, deutlich größer. Denn Scham ist ein Riesengefühl. Daher gilt für Eltern vor allem, das Körpergefühl der Kinder positiv zu fördern und sie in ihrer Körperentdeckung zu bestärken.

Was ist, wenn mein Kind mit pornografischer Gewalt in Filmen konfrontiert wird, die es verwirren und verstören?
Hier ist Aufklärung ganz wichtig. Nämlich, dass es in diesem komischen Internet auch Filme gibt, wo Menschen weh getan wird. Da wird zwar Sex gezeigt, aber solchen Sex haben Menschen zuhause nicht. Das ist ähnlich wie bei Actionfilmen: Da wird viel mit Waffen rumgeballert, was im echten Leben ja auch nicht passiert.

Dein tolles Buch „Von wegen Bienchen und Blümchen“ klärt ja nicht nur über Sexualität auf – sondern auch über diverse Körperbilder und diverse Familienformen. Wieso war es dir wichtig, das auch noch aufzunehmen?
Weil ich finde, das kindliche Sexualität weit darüber hinausgeht, als nur zu erklären, wie Babys entstehen. Dazu gehört viel viel mehr… Da können wir Erwachsene uns oft auch von den Kindern ein Scheibe abschneiden, weil die in der Regel viel offener für Andersartigkeit sind als wir Großen. Ich bin mir sicher, dass es keine rassistischen Kinder gibt. Es gibt rassistische Eltern, die ihre Kinder dazu machen.
Wir Menschen und damit auch Kinder sind so vielfältig. Und das wollte ich abbilden. Denn wenn ich als Kind, das mit einer Beeinträchtigung lebt, in einem Buch vorkomme, dann bedeutet das: Es gibt mich! Ich werde wahrgenommen! Und das ist enorm hilfreich für das Selbstwertgefühl. Ich hab eine hörbeeinträchtigte Nichte. Und in dem Bilderbuch gibt es eine Szene wo sich ein Kind in ein anderes Kind mit Hörgerät verliebt. Als meine Nichte das sah, da hatte sie Pipi in den Augen – weil SIE darin vorkam. Wenn man sich heute Bilderbücher nach Kriterien, wie Hautfarbe, Familienmodell, körperliche Beeinträchtigung etc. betrachtet, dann ist es leider immer noch so, dass Diversität da kaum eine Rolle spielt. Selbst wenn wir schon weiter sind als früher, gibt es noch immer ganz viel Nachholbedarf.

Neben deinem Buch – wo können Eltern weitere gute Tools zur Aufklärung finden?
Mein Tipp ist immer: Besprecht im Freundeskreis, wie ihr mit bestimmten Fragen eurer Kinder umgeht. Da kriegt man häufig den einen oder anderen guten Impuls.
Falsch finde ich, wenn Eltern nach einer Frage ihres Kindes sagen: „Keine Ahnung. Lass uns das mal gemeinsam googeln.“ Grundsätzlich ist das sicher eine gute Idee – aber nicht für Fragen im sexuellen Bereich. Denn da taucht in der Regel danach mehr Erklärungsbedarf auf, als dass es bei der Beantwortung der einen Frage hilft. Es sei denn, man greift gezielt auf gute Seiten zu, wie die der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zum Beispiel.
Generell gilt: Wenn Fragen der Kinder aufkommen, sollte man ganz normal und sachlich, nach bestem Wissen und Gewissen antworten – ohne dabei ein großes Bohei zu machen. Denn damit macht man das eigentlich ganz natürliche Thema viel größer als es ist.

Lieber Carsten, hab ganz vielen Dank für dieses tolle und informative Gespräch!

Und noch ein Buchtipp: Von Carsten erschien auch das sehr erfrischende Ratgeberbuch “Sex ist wie Brokkoli – nur anders: Ein Aufklärungsbuch für die ganze Familie: Auch mit Tipps für eine erfüllte Partnerschaft”

Titelfoto: Immo Fuchsnicht

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