Schlafmittel für Babys? Wir müssen aufhören, uns zu überfordern!

17. November 2016 | in Alleinerziehen | Familie | Parenting

Es gibt Artikel, deren ersten Sätze müssen einen nicht vermuten lassen, die weisen sehr offensichtlich aus, wohin die Reise geht. „Schlaf, Kindlein, Schlaf“, erschienen in der vorletzten Oktober-Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, ist so ein Artikel. Der Aufhänger: Schlafmittel.

Das Baby sedierende Medikamente – darüber redet man nicht. Ja, man denkt nicht einmal darüber nach. Ein echtes Tabuthema und damit Garant für Aufmerksamkeit. „In Internetforen berichten Mütter, wie sie ihre Babys mit Medikamenten ausschalten“, schreibt die Autorin und ich ahne bereits über ihren Lead, hier soll nicht aufgeklärt werden. Es geht hier wieder einmal eher und implizit um die Frage, was eigentlich falsch läuft mit jenen Eltern, die sich nicht darauf verstehen, die Sache mit dem Nachwuchs auf die Reihe zu bekommen. Anklage und Verhaftung, das funktioniert diesbezüglich ja immer gut. Die Ursachen zu verstehen, gar Verständnis aufzubringen und daran einen Ausweg zu skizzieren, scheint indessen weniger populär.

Geschönte Eltern-Realitäten 

Ich habe diese eine Freundin, die mir gelegentlich sagt, wie ich mit meinem Sohn umginge, wirke so mühelos. Als bedeute es keinen Aufwand, als stresse mich das Kind nie, als sei unser Leben so selbstverständlich. Ich lächle dann verlegen und antworte schnell, das scheine nur so. Es gibt wohl auch in unserem Leben diese Instagram-Momente, Ausschnitte unseres Alltags, die auf Außenstehe so wirken mögen, als liefe alles so richtig rund. Als würde ich mit Julius an der Hand immer leichten Fußes an den ewigen Versuchungen der Supermarktregale vorbei schlendern. Als sei mein Sohn jenes Kind, das sich im Café immer stundelang mit zwei Legofiguren zu beschäftigen weiß und ich die seit Ewigkeiten in ein Buch vertiefte Mutter auf dem Spielplatz, die von der Bank aus gelegentlich einen Gruß gen Rutsche schickt.

All das bin ich – wie gesagt in Ausschnitten –, oft aber eben auch genau das Gegenteil. Hier herrscht regelmäßig Ausnahmezustand und sei es nur für ein paar Minuten, also eigentlich nur einen Bruchteil des Tages. Die allermeisten Eltern pflichten mir sicher bei, wenn ich behaupte, dass schon wenige Momente ausreichen können, einen emotional total aus der Bahn zu werfen. Wenn der Threenager, der Einjährige, das Baby austicken, kann man sich als eng verwandter Erwachsener nur selten von dieser Emotion losmachen, berührt einen das Erlebte oft genau so, wie den kleinen Schatz, der da gerade vor einem zum Mini-Monster mutiert. Kinder spiegeln unsere Emotionen und wir ihre.

Manchmal kann der Tag noch so gut begonnen haben, wenn ich vergesse, meinem Vierjährigen an der Kitatür den Vortritt zu lassen, heißt das in der Regel: Game over. Julius ist kein Kind, das sich auf den Boden wirft, aber er weint vielmehr so laut und herzzerreißend, dass der Eindruck entstehen könnte, ich hätte mich am Halloween-Experiment à la Jimmy Kimmel versucht.

Die Überforderung kommt in kleinen Raten

Nun ist es so, dass mit dem vierten Lebensjahr hier deutlich Entspannung eingezogen ist und Julius nicht mehr im Dauerzustand den CEO, sprich Boss, mimt. Ich kenne mein Kind inzwischen doch so gut, dass ich einschätzen kann, wie ich sich anbahnende Eskalationsmomente am besten abfange oder vielmehr unseren Alltag hier so angehe, dass er sich im Kompromiss für alle halbwegs harmonisch gestaltet.

Und doch gibt es sie immer noch diese Momente der Überforderung. Vor ein paar Tagen zum Beispiel: Bereits morgens in dem Bewusstsein aufgewacht, dass der Tag sich nur angehen würde, wenn ein Zahnrad ins andere griffe usw. Die Konsequenz: ein mauliges Kind, das zu Recht nicht so funktionieren wollte, wie es seine gestresste Mutter von ihm erwartete. Das vorläufige Ende meiner hehren Tagesplanung: auf dem Sprung zur Kita aus der Wohnung ausgesperrt. Handy in der Wohnung. Schlüssel im Schloss. Moi: Kurz davor, in Panik zu verfallen.

Durchatmen und an der Situation wachsen

Solche Situationen lösen sich natürlich immer irgendwie zum Guten auf und selbst wenn nicht, beginnt mit dem nächsten Tag eben doch immer die Gelegenheit, es irgendwie besser hinzubekommen.

Die Dinge so zu sehen, hat mich wohl wirklich erst mein Sohn gelehrt. So viel unsere Kinder uns abverlangen, so sehr lassen sie uns als Menschen auch wachsen. Ich würde sagen, dass ich vor Julius nicht annährend so resilient, sprich krisenfest war, wie ich es heute bin. Und das hat vor allem mit der Erkenntnis zu tun, dass ich mir schlicht nicht erlauben kann, andauernd überfordert zu sein, ohne binnen der kommenden 10 Jahre mit einem Herzinfarkt im Grab zu landen. Also gilt es, so viel Anstrengung wie möglich aus unserem Leben zu schmeißen und so viel Hilfe wie möglich ranzukarren, um unseren Alltag nicht nur nicht in die Anstrengung abdriften zu lassen. Er soll ja vor allem dem gerecht werden, was ein Kind uns mit seiner Geburt verspricht: Bereicherung. Oder wie Isabel so schön gegen die Annahme angeschrieben hat, Kinder zu haben, sei vor allem Wahnsinn: “NICHTS fühlt sich besser und richtiger an, nichts erfüllt mehr, nichts macht mehr Sinn, nichts ist spannender.”

Sich vom Perfektions-Bullshit lösen

Bei mir fängt die Hilfe zur Selbsthilfe unterdessen ganz banal damit an, wie sehr ich meine eigenen Grenzen achte. Ich glaube, ich habe es im ersten Jahr viel zu krass übertrieben, mich permanent zurückzustellen. Für einen gewissen Zeitraum geht das. Klar. Dauerstillen, nie mal eine Auszeit – und sei es mit den Freundinnen abends essen zu gehen –, Tage, die um 5 Uhr mit einem Spaziergang durch das winterliche Berlin beginnen, weil das Baby nicht mehr neben einem im Bett, aber draußen im Tuch schlafen will. Die Wasserhähne polieren und Kuchen backen, weil die Familie anrückt, während man selbst die frischgeduschte und aufgerüschte Ruhe in Person mimt. Kurzum: dieser ganze Perfektions-Bullshit.

Ich war so sehr in der Aufopferung verhaftet, dass ich damit irgendwann im Krankenhaus gelandet bin. Akute Erschöpfung, Drehschwindel, die Empfehlung der Ärzte abzustillen. Letzteres habe ich nicht getan, aber stattdessen begriffen, dass ich nicht alles und vor allem nicht alleine schaffen muss. Dass es ok ist, sich Hilfe zu holen, das Baby abzugeben und durchzuatmen. Vor allem, dass unser modernes Familienkonstrukt, zwei Erwachsene auf durchschnittlich eineinhalb Kinder, nicht funktionieren kann. Wie heißt es so schön: Um ein Kind zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf. Und wenn dieses Dorf nicht existiert, weil die Familie hunderte Kilometer von einem entfernt lebt, dann gilt es eben, sich eine alternative Infrastruktur an Freunden, Babysittern, einem Großeltern-Dienst oder was auch immer zu organisieren.

Die moderne Kleinfamilie kann die Erziehung kaum alleine stemmen

In dieser Hinsicht kann mal auch gut mal ein paar Minuten Lektürezeit auf Sarah Diehls Perspektive verwenden. Auf ZEIT-Online schrieb die Publizistin vor kurzem und sehr eindrücklich darüber, wie sie uns Eltern in der Isolation erlebt und davon auch ableitet, warum sich junge Frauen zunehmend schwer mit der Entscheidung für Kinder tun. Weil sie eben nicht in jenem historisch betrachtet noch gar nicht allzu alten Kleinfamilienkonstrukt untergehen wollen, in dem die Aufopferung keine Variable, sondern vielmehr offenbar genuin angelegt ist. Die selbstverständliche Arbeitsteilung, so Diehl, und somit Entlastung der Eltern bei der Kinderbetreuung, sei in Deutschland nicht lebbar. Und weiter: “Stattdessen wird es kritisch beäugt, wenn andere Leute als die biologische Mutter sich ums Kind kümmern. Angeblich kann nur sie sicherstellen, dass aus dem Kind kein psychisches Wrack wird. Die Kleinfamilie wurde eben auch als Optimierungszelle funktionaler Träger der Leistungsgesellschaft etabliert. Da darf keiner ran, der das Kind verkorksen könnte.”

Mich begeistert Diehl hier insbesondere, weil sie nicht nur die ewige Kita-Leier anstimmt und stattdessen darüber hinaus denkt, dass es eines gesamtgesellschaftlichen Einsatzes bedürfe, um Kinder und deren Eltern selbstverständlicher abzuholen. Ja, nicht Diskussionen um kinderfreie Abteile in Zügen loszutreten, sondern sich in Solidarität zu üben und sei es, wie sie schreibt, “auch mal die Windel in den Eimer zu tragen, wenn der Papa das Baby auf dem Sitz wickeln muss, weil der Zug zu voll ist, um mit dem Kind in die nächste Toilette zu kommen.”

Zeit, sich zu verwandeln 

Worauf ich hinaus will: Ich glaube, mit dieser Aufopferungsnummer – wie ich sie oben aus Julius’ Säuglingstagen beschrieben habe – stehe ich nicht alleine da und es gibt nicht zu wenige Eltern, ja vor allem wohl Frauen, die ob ihrer Sozialisierung und Kindheit meinen, das mit dem Kind alleine hinbekommen zu müssen. Das geht in vielen Fällen sicher mehr oder weniger gut, befördert vor allem Augenringe, aber keine gefährlichen Situationen. Manchmal eben aber auch nicht und dann kommen wahrscheinlich jene im FAS-Artikel besprochene Schlafmittel ins Spiel. Weil man einfach nicht mehr kann und sein Kind vielleicht vor noch bedenklicheren Szenarien verhüten will. Stichwort Schütteltrauma.

Was wir Eltern in der Überforderung aber gewiss nicht gebrauchen können, ist noch mehr Druck von Menschen, die einem das Gefühl geben, zu versagen. All jene Artikel, die Frauen als Rabenmütter stilisieren oder sogar untereinander aufhetzen. Klar, sind Schlafmittel scheiße – um das mal in aller Deutlichkeit zu sagen. Aber durch Häme und Hetze ist dem eben nicht beizukommen. Zeit, sich zu verwandeln, liebe Eltern. Sich darauf zu verlassen, dass andere erkennen, wie sehr man Hilfe bräuchte und einem diese dann auch anbieten, kann nicht die Lösung sein. Die anderen haben nämlich genauso mit ihrem Leben zu schaffen wie wir. Also müssen wir wohl selbst ran an den Speck und aufbegehren, wo es notwendig ist. Und wenn wir es nicht schaffen, uns Unterstützung zu organisieren, ja gnädiger mit uns selbst zu sein, weil uns das nie jemand gelehrt hat, dann sollten wir doch zumindest für unsere Kinder damit anfangen: Die leben schließlich unser Vorbild nach. Und wenn wir Glucken eines wollen, dann doch, dass unsere Babys irgendwann genau dazu in der Lage sind: sich selbst zu helfen. Ja, sich selbst zu lieben.

Und jetzt erzählt ihr mal: Wie haltet ihr das? Welche Auszeiten nehmt ihr euch, um danach wieder fit zu sein und euch erst gar nicht in die Überforderung zu steuern?

 

Auf dem Foto ist Julius gerade zwei Tage alt und ich noch weitestgehend ausgeruht…

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